Die Monster, die wir riefen: Tsuchigumo

Das Spinnenmonster

Die Tsuchigumo ist eine der ältesten Yokai Japans. Bereits in den ersten mythischen Schriften des Landes wird das furchterregende Wesen erwähnt. Heute stellen wir euch dieses Monster vor – Menschen mit Spinnenphobie müssen jetzt ganz tapfer sein.

Die Tsuchi-gumo ist der Joro-gumo sehr ähnlich: Beide sind Spinnenwesen, verfügen über magische Kräfte und können ihre Gestalt verändern. Während die Joro-gumo sich oft als verführerische Frau ausgibt und Männer begehrt, scheint die Tsuchi-gumo größere Ziele zu verfolgen.

Ihr Name

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Minamoto no Raiko und Vasallen im Kampf gegen die Tsuchi-Gumo, von Utagawa Kuniyoshi © Wikimedia Commons

Der Name Tsuchi-gumo (土蜘蛛) bedeutet „Erdspinne“. Unter diesem Begriff wurden im japanischen Altertum bestimmte rebellische Völker gefasst, die sich dem Kaiser in Zentraljapan (Yamato) nicht freiwillig unterwarfen. Den Namen erhielten sie, weil sie in Erdhütten lebten und, um Furcht zu erregen, in den frühesten Berichten mehrere Extremitäten besaßen. Erst im Mittelalter wurde der Name auf das Spinnenmonster übertragen. Außerdem ist dieser Yokai unter den Namen Yatsukahagi (八握脛) – „Achtbeiner“ – und Ogumo (大蜘蛛) – „Riesenspinne“ –  bekannt.

Ihr Aussehen

Die Tsuchigumo aus dem „Tsuchigumo no soshi emaki“ © Wikimedia Commons

Junge Tsuchi-gumo ähneln größeren, in Erdhöhlen lebenden Spinnen wie der Tarantel. Besonders alte Tsuchi-gumo können sich in riesige Monster verwandeln. Sie verfügen über furchterregende, behaarte Fangarme und Klauen, acht gierige Augen und blutrünstige Mäuler.

Ihr Lebensraum

Tsuchi-gumo leben in Wäldern, wo sie ihre Behausungen zumeist selbst in die Erde bauen. Ihre großen Fangnetze, die wie Seide aussehen, spannen sie in der Nähe auf. Seltener bewohnen diese Spinnen auch Höhlen in Gebirgen.

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Tsuchigumo in einer Erzählung von Lafcadio Hearn, © Wikimedia Commons

Die Tsuchigumo und Minamoto no Raiko

In den frühesten Erzählungen wird die Tsuchigumo als Mischwesen beschrieben, das in den Bergen lebt und Menschen fängt, um sie zu verschlingen. In diesen Berichten habe die Tsuchigumo das Gesicht eines Dämonen, den Körper eines Tigers, Arme und Beine einer Spinne und wäre in riesigen Roben gekleidet.

Im Tsuchigumo-soshi aus dem 14. Jahrhundert wird erzählt, dass eine große Zahl dieser Spinnenwesen die Hauptstadt überfiel. In dieser Zeit wurde der Volksheld Minamoto no Yorimitsu, auch als Raiko bekannt und als Sieger gegen den Dämonen Shuten Doji gefeiert, Zeuge einer mächtigen Tsuchi-gumo. In den Bergen nördlich der damaligen Hauptstadt Kyoto erblickte er verschiedene düstere Erscheinungen, die er bekämpfte und die ihn immer tiefer in einen Wald hinein führten.  Letztendlich fand er sich in den Fängen einer Riesenspinne wieder, die Raiko mit Illusionen zu sich gelockt hatte. Sie war der Ursprung all der Wesen, die er zuvor bekämpft hatte. Nach einem langen und erbitterten Kampf gegen dieses Monstrum gelang es Minamoto no Raiko mit letzter Kraft, die Spinne zur Strecke zu bringen. Aus ihrem aufgeschlitzten Leib rollten über 2000 Köpfe von verschlungenen Opfern und tausende kleiner Spinnen flohen aus ihrem Körper.

In einer weiteren Erzählung trat die Tsuchigumo als Anführerin einer riesigen Armee aus Yokai auf und stellte sich Minamoto no Raiko auf dem Schlachtfeld entgegen. Raiko ließ sich von der schier unendlichen Zahl an Monstern nicht verunsichern und stürmte durch das Schlachtfeld, um die Spinne direkt zu attackieren. Als es ihm gelang, sie zu verletzen, verschwanden die tausenden anderen Yokai. Sie stellten sich als Illusion heraus, die die Tsuchigumo erschaffen hatte. Raiko gelang es, auch diesen Arachniden zu vernichten.

In der Erzählung Heike monogatari traf Minamoto no Raiko ein weiteres Mal auf eine Tsuchigumo. Als er todkrank war, kam ein riesenhafter Mönch zu ihm und versuchte, den geschwächten Helden zu entführten. Raiko gelang es jedoch, den Angreifer in die Flucht zu schlagen und ihn mit seinem Schwert zu verletzen.

In einer weiteren Version war es kein Mönch, sondern ein kleiner Junge, dem Raiko in seiner Krankheit begegnete. Dieser Junge gab dem Helden heilende Flüssigkeit. Da es Raiko durch die angebliche Medizin immer schlechter ging, wurde er misstrauisch und attackierte den Jungen, der die Flucht ergriff. Als Raiko die Blutspur des Mönches verfolgte, fand er am Ende der Spur eine riesige Spinne, die sich in einem Schrein versteckte. Raiko und seine Gefolgschaft fingen sie ein und töteten sie. Augenblicklich fiel seine tödliche Krankheit von ihm ab. Das Schwert, mit dem die Tsuchigumo erlegt wurde, war fortan als Kumokiri (Spinnen-Schlitzer) bekannt. Es stellte sich heraus, dass diese Spinne der böse Geist (onryo) eines alten Kriegergeschlechts gewesen war, der sich an den Minamoto rächen wollte. Ein weiterer Grund, warum Minamoto no Raiko immer wieder auf Dämonen und Tsuchi-gumo traf, sei ein Fluch, der auf seiner Familie lag.

Quellen: Wikipedia, The night parade of one hundred demons

Andre
Sänger. Japanologe. Archäologie- und Literatur-Freak. Liebt Musicals und Enka.

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