Leben mit Behinderung in Japan – Der Kampf um Gleichberechtigung

Ein Jahr nach der grausamen Massaker von Sagamihara stellt man sich in Japan die Frage, ob das Land Fortschritte hinsichtlich der Integration Menschen mit Behinderungen gemacht hat.

Am 26.07.2016 ereignete sich in der Kleinstadt Sagamihara eine Tragödie, die das ganze Land erschütterte. Ein 26-Jähriger hatte bei einem Amoklauf in einem Heim für Menschen mit Behinderungen insgesamt 19 Personen getötet und 24 verletzt, manche von ihnen schwer.

“Es ist besser, wenn Behinderte verschwinden”, Satoshi Uematsu

Satoshi Uematsu, der sich kurz darauf auf einer Polizeistation stellte, begründete seine Tat mit den Worten “Es ist besser, wenn die Behinderten verschwinden”. Der junge Mann, ein ehemaliger Mitarbeiter der Einrichtung, hatte sich bereits vor der Tragödie mit einem Brief an das japanische Parlament gewandt und seine Tat angekündigt. Bis zu 150 behinderte Menschen könnte er “beseitigen”. Weiter heißt es: “Mein Ziel ist eine Welt, in der Schwerbehinderte mit der Einwilligung ihrer Betreuer Sterbehilfe bekommen können. So kann die Weltwirtschaft angekurbelt und ein Dritter Weltkrieg verhindert werden”. In einem Briefwechsel mit der Jiji Press äußerte Satoshi Uematsu, dass „behinderte Menschen das Glück anderer Menschen stehlen und Unglück verbreiten.“ Er sei der Überzeugung, dass man das Glück der Menschheit nicht erhöhen könne, wenn man das Leben von Menschen bedingungslos rettet.

Der Kampf gegen Vorurteile und Ignoranz

Die grausame Tat und die verstörenden Beweggründe des Täters erschütterten das ganze Land. Viele begründeten die Tat mit einer gestörten Haltung zu Menschen mit Behinderungen. Tatsächlich stand Japan lange im Ruf, Menschen mit Behinderungen zu diskriminieren. Obwohl nahezu jeder 20. Japaner mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung lebt, sind Behinderte im öffentlichen Leben nahezu unsichtbar. Einen Beschluss gegen die Diskriminierung von Behinderten der Vereinten Nationen hatte Japan als 140. Land der Welt ratifiziert, erst sechs Jahre nach dem der Beschluss in Kraft trat. In einer Gesellschaft, in der alles nach festen Mustern funktioniert und in der Anderssein eine Herausforderung darstellt, fällt vielen der Umgang mit Menschen mit Behinderungen schwer. Auch heute, ein Jahr nach der grausamen Tragödie von Sagamihara, haben Behinderte noch mit Vorurteilen und Ignoranz zu kämpfen. Das geht aus Gesprächen hervor, die die Japan Times mit Betroffenen geführt hat.

“Bin ich unsichtbar geworden?”, Karou Ishiji

“Sei gefälligst dankbar. Immerhin wirst du von unseren Steuergeldern unterstützt.” Solche und ähnliche Anschuldigungen und Diskriminierungen kennt Kaoru Ishiji seit frühen Jahren. Die 49-Jährige, die seit ihrer Kindheit an Muskelschwund leidet, beginnt knapp einem Monat nach dem Amoklauf in Sagamihara Flyer auf offener Straße zu verteilen. Sie will auf die schwierige Akzeptanz von behinderten Menschen in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Gegenüber der Japan Times äußert sie, dass diese Aktion anfangs ein voller Erfolg war. Menschen stoppten, lasen sich ihr Anliegen durch, ja einige weinten sogar, weil es sie so rührte.

Nur wenige Monate später die Ernüchterung: es scheint Kaoru, als würde sich schon keiner mehr für das Thema interessieren. Sie fragt sich ob sie unsichtbar geworden ist und ob die Menschen nicht mehr erinnern, worüber sie vor wenigen Wochen noch lebhaft diskutierten. Sie kommt zum traurigen Schluss, dass “normale Menschen und Behinderte nie gleichberechtigt zusammengelebt hätten, nicht mal für eine Sekunde”.

Das fehlende Recht auf Selbstbestimmung

Tsutomu Konishi, der mit einer geistigen Behinderung lebt, hat in den letzten Jahren häufig an Selbstmord gedacht. Diese Gedanken überkommen ihn immer dann, wenn er auf einem Bahnsteig steht und auf den einfahrenden Zug wartet. Der 52-Jährige kann nachvollziehen, was der Mörder aus Sagamihara meinte, als er davon sprach, dass Behinderungen nur Kummer bringen.

Ein Grund für die Misere sei die Gesellschaft, die es den Behinderten nicht mal erlaubt, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und den Behinderten damit das Recht auf Selbstbestimmung nimmt. “Ich bin doch der einzige, der über den Sinn des Lebens entscheiden sollte und ich bin auch der einzige, der darüber urteilen kann, was mich glücklich macht und was nicht.” Auch Kaoru Ishiji beklagt das fehlende Recht auf Selbstbestimmung. In Restaurants und in öffentlichen Verkehrsmitteln sprechen die Servicekräfte meist nur ihren Betreuer an. “Zwar haben die meisten freundliche Absichten, aber Freundlichkeit, ohne uns wie Gleichberechtigte zu behandeln, ändert auch nix an der Situation”, kritisiert sie.

“Wir sind keine gleichberechtigten Mitglieder der Gesellschaft”, Harumi Shibuya

Harumi Shibuya, der im Rollstuhl sitzt und mit einer zerebralen Lähmung lebt, sagt, dass die Gesellschaft endlich von ihrem Konzept der natürlichen Selektion (Survival of the Fittest) abkommen muss. “Die Menschen sehen uns nicht als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft an”, kritisiert der 61-Jährige. “Menschen mit Behinderungen fahren ebenso Bus und Bahn wie alle anderen auch. Wir teilen den physischen Raum, aber nehmen wir einander wirklich ernst?”

Inklusion in Japan

Im Jahre 2014 ratifizierte Japan die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die bereits 2008 auf internationaler Ebene in Kraft trat, Die Konvention verpflichtet Staaten dazu, Menschen mit Behinderungen bestehende Menschenrechte zu gewährleisten und ihre Ansprüche auf Selbstbestimmung, Diskriminierungsfreiheit und gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe geltend zu machen. Schon seit 2007 führte die japanische Regierung verschiedene Maßnahmen ein, um eine Gesellschaft zu schaffen, in der Personen mit Behinderung freiwillig und nach eigener Wahl an allen gesellschaftlichen Aktivitäten teilhaben können. Auch verbietet die japanische Rechtsprechung jegliche Form der Diskriminierung gegenüber Menschen mit Behinderungen.

Besonders im Bereich der Barrierefreiheit von Gebäuden und Infrastruktur ist Japan im Vergleich zu anderen Industrienationen weit fortgeschritten, aber eine inklusive Gesellschaft erfordert mehr als Barrierefreiheit und Zugänglichkeit für Menschen mit Behinderungen. Kritiker haben in den letzten Jahren immer wieder die Bewusstseinsbildung als eine der größten Herausforderungen der japanischen Gesellschaft auf diesem Themengebiet angeführt. Dabei sei es primär wichtig, die Sichtbarkeit von behinderten Menschen im öffentlichen Raum zu erhöhen, Berührungsängste abzubauen und detaillierte Informationen über spezielle Bedürfnisse verfügbar zu machen.

Quelle: Japan Times

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