Kesa – das Gewand Buddhas in Japan

    Wie einfache Stoffreste zum Symbol der Erleuchtung wurden

    Sieben-Streifen-Kesa des Enryakuji, japanischer Nationalschatz (Foto: Wikimedia Commons, Public Domain)
    Sieben-Streifen-Kesa des Enryakuji, japanischer Nationalschatz (Foto: Wikimedia Commons, Public Domain)

    Das hervorstechendste Merkmal buddhistischer Mönche ist sicher ihre Robe, die im Japanischen „Kesa“ genannt wird. Wir werfen einen Blick auf Geschichte, Symbolik und Bedeutung dieses Gewands.

    Herkunft des Kesa

    Die Geschichte der buddhistischen Robe soll zum einen auf das Gewand zurückgehen, dass sich der Buddha Shakyamuni aus weggeworfenen Stoffresten von Leichentüchern, Verbänden und Monatsbinden genäht haben soll.

    Eine andere Legende erzählt, ein Fürst habe den Buddha um eine einheitliche Bekleidung für seine Schüler gebeten, nachdem er irrtümlich Männern eine großzügige Spende gab, die er für buddhistische Mönche hielt.

    Inspiriert durch den Anblick von Reisfeldern habe der Buddha seinem Vertrauten Ananda angewiesen, Stoffbahnen zusammenzunähen, so dass deren Form an Reisfelder mit Bewässerungsgräben erinnern soll.

    Diese Form aus einem Lendentuch, einem Oberteil, sowie einem doppellagigen Überwurf gegen widriges Wetter, stellt als dreiteilige Robe (Sanskrit „trichivara„) in Südostasien  heute immer noch die Standardbekleidung für buddhistische Mönche dar.

    Der Begriff „Kesa“ (袈裟) ist  die japanische Übertragung des altindischen Sanskritbegriffs „Kāshayā“ und bezieht sich auf die traditionelle Färbung in erdbraun oder ockerfarbenen Tönen. Buddhisten in Japan nutzen in der Regel das Honorativpräfix „o“ und sprechen vom „o-kesa„.

    Der Weg nach Japan

    Gemeinsam mit dem Buddhismus gelangte das Kesa über China nach Japan. Bereits in China führten klimatische und soziale Gründe dazu, dass diese Robe nicht mehr als alleiniges Kleidungsstück, sondern vielmehr über der sonstigen Kleidung getragen wurde.

    Auf diese Weise stieg die symbolische Bedeutung und die „Weitergabe von Gewand und Schale“ wurde zum Symbol für die Verleihung der Lehrbefugnis im Zen-Buddhismus.

    Das Kesa in Japan

    Angesichts der Tatsache, dass die Robe nun von besonderer symbolischer Bedeutung war, verwundert es nicht, dass sich verschiedene Gebräuche entwickelten und schließlich auch kostbare Stoffe bei der Herstellung Verwendung fanden.

    Auf diese Weise wurde das Kesa zu einem Statussymbol, dass vom Herrscher an besonders bedeutende buddhistische Lehrer verliehen wurde. Die blau-violette Farbe (murasaki) ist bis heute hohen Würdenträgern vorbehalten.

    Der Mönch Dōgen (元禅師 1200 – 1253) fühlte sich von der formalisierten Religiosität seiner Zeit abgestoßen und soll sich auf den Weg nach China gemacht haben, um dort den ursprünglichen Geist wiederzufinden.

    In seinem späteren Hauptwerk „Shōbōgenzō“ (正法眼蔵) widmet er dem Kesa zwei Kapitel, welche die Bedeutung des Gewands aus seiner Sicht erläutern.

    Doch wie sehen moderne Kesa in Japan aus und welche Bedeutung haben sie?

    Formen des Kesa in Japan
    Robe eines Zen-Mönchs: Kesa, Koromo, Kimono, Juban (Foto: Wikimedia Commons, Daderot, public domain)
    Robe eines Zen-Mönchs (Foto: Wikimedia Commons, Daderot, public domain)

    Kesa werden aus einzelnen Stoffbahnen zusammengenäht. Je nach Anzahl der verwendeten Stoffstreifen dienen sie unterschiedlichen Zwecken.

    Die Mehrzahl dieser Roben sind dabei ausschließlich Mönchen und Nonnen vorbehalten.

    So wird die große Robe mit neun  Streifen (kujô gesa 九条袈裟) ausschließlich zu bedeutenden Zeremonien getragen.

    Das Sieben-Streifen-Kesa (shichijō gesa七条袈裟) ist die Standardrobe des Mönchs, die er während der Sitzmeditation (zazen 座禅) trägt.

    Das Kesa aus fünf Streifen (gojō gesa 五条袈裟) erinnert an eine große Schürze. Es besteht häufiger aus kostbaren Stoffen und findet sich typischerweise bei Mönchen der Shingon und Tendai Tradition.

    Überraschenderweise gibt es jedoch auch von diesem Muster abweichende buddhistische Gewänder, die zum Teil auch von Laien getragen dürfen. Deren Geschichte ist nicht weniger interessant als jene, der „großen Robe“.

    Rakusu

    So gibt es im Zen-Buddhismus eine latzartige Form des Gewandes, die „Rakusu“ (絡子 genannt wird und in China entstanden sein soll. Diese „kleine Robe“ kann von Mönchen während der Arbeit auf dem Klostergelände, oder alltäglicher Besorgungen getragen werden.

    Sōtō-Rakusu mit "ore matsuba" und Ring (Foto: Privatbesitz, Copyright by Shinnichi Tatamika)
    Sōtō-Rakusu mit „ore matsuba“ und Ring (Foto: Privatbesitz, Copyright by Shinnichi Tatamika)

    Es heißt aber auch, die Verkleinerung des Kesa sei in China aufgrund der Verfolgung von Mönchen aufgekommen. Durch die Latzform war es leichter zu verbergen.

    Da es auch in der japanischen Geschichte Buddhistenverfolgungen (haibutsu kishaku 廃仏毀釈) gab, war auch dort ein unauffälliges Gewand sinnvoll.

    Der kleine Ring, der sich an den meisten Rakusu findet, erinnert an das größere Gegenstück am zeremoniellen Kesa und betont damit, dass es sich trotz der geringen Größe um das  symbolische Gewand Buddhas handelt.

    Laienanhänger, welche die Einhaltung bestimmter Gelübde (Bosatsukai 菩薩戒) versprechen, dürfen ein Rakusu tragen.

    In der Regel nähen sie es unter Aufsicht eines erfahrenen Nähexperten selbst und erhalten es bei der „Jukai“ (受戒) genannten Zeremonie formell überreicht.

    Diese Sonderform des Kesa hat zudem weitere Besonderheiten. So befindet sich auf der Rückseite eine Kalligraphie mit dem buddhistischen Dharma-Namen des Trägers,  sowie das Datum der Zeremonie und offizielle Stempel des Lehrers.

    Außerdem gibt eine Stickerei auf dem Nacken Aufschluss über die Zen-Tradition, die der Träger angehört. So wird in der Sōtō-Tradition (曹洞宗) ein gebrochener Kiefernzweig (ore matsuba  折れ松葉) aufgestickt.

    Wagesa/Hangesa

    Eine noch stärker verkleinerte Form des Gewands wird von praktisch allen japanischen Traditionen des Buddhismus genutzt – das „Wagesa“ (輪袈裟) oder „Hangesa“ (半袈裟) .

    Hangesa der Sōtōshû (Foto: Copyright by Shinnichi Tatamika)
    Hangesa der Sōtōshû. Sichtbar ist das Emblem des Sōjiji (Foto: Copyright by Shinnichi Tatamika)

    In dieser Form besteht die Robe nur noch aus einer Art kurzer Stola, die im Fall des Wagesa rund ist und beim Hangesa in einer Kordel endet.

    Auf das Hangesa, das bei Laien einfarbig ist, sind die Embleme der buddhistischen Tradition gestickt.

    Das Motiv der Sōtō-Linie nennt sich „Ryōsanmon“ (両山紋) und besteht aus den Wappen der beiden Haupttempel.

    Eine Legende zu dieser Form des Kesa besagt, der Buddha habe in den sechs Jahren vor seiner Erleuchtung stets das selbe Flickengewand getragen, von dem aufgrund der Abnutzung schließlich nur noch dieser schmale Streifen übriggeblieben sei.

    Sonstige Formen des Kesa

    Ähnlichkeiten des Rakusu bestehen zum „Igiboso“ (威儀細) einem Gewand, das vor allem in der Tradition des Reinen-Land-Buddhismus (Jōdoshû 浄土宗) genutzt wird. Jedoch sind in diesem Fall die Träger deutlich länger als beim Rakusu.

    Das „Ôkuwara“ (大掛絡) wirkt ebenfalls wie ein größerer Bruder des Rakusu. Das Okuwara ist kennzeichnend für die Kleidung der Komuso genannten Wandermönche. Da sie auf einer Bambusflöte (shakuhachi) spielten und zudem einen Behälter mit offiziellen Papieren vor dem Körper trugen, wurde diese Form des Kesa wie ein Umhang nach hinten über die Schulter gelegt

    Die Farben des Kesa

    Ursprünglich in verschiedenen Erdfarben wie ocker, hellbraun oder dunkelrot gefärbt, kam es im Lauf der Geschichte zu mehreren Änderungen im Bezug auf die Farben des Kesa. So war zunächst das Tragen der „fünf Hauptfarben“ (goshiki 五色) verboten.

    Allerdings wurden bereits in China sogar kostbare Roben aus Seide oder Brokat zugelassen, so dass jene Roben, die in Tempeln oder Museen ausgestellt werden, meist wie ein beeindruckendes Patchwork wirken. Die Nähte sind aufgrund der starken Musterung bei der Verwendung kostbarer Stoffe kaum noch erkennbar.

    In der Zen-Tradition gilt weiterhin die Vorstellung, das idealerweise nur „gebrochene Farben“ verwendet werden sollten. Die Sōtō-Tradition des Zen führte dann auch Bestimmungen für die Farbe des Rakusu ein.

    So dürfen nur Mönche mit Lehrbefugnis braune, oder aufwändig bestickte Rakusu tragen. Mönchen in Ausbildung ist ein schwarzes Rakusu vorgeschrieben und das Rakusu von Laien ist blau.

    Die Symbolik des Kesa

    Über die Bedeutung des Kesa aus buddhistischer Sicht ist bereits von anderen Autoren gesagt und geschrieben worden, daher soll an dieser Stelle nicht zu sehr in die Tiefe gegangen werden, sondern ledigliche eine Zusammenfassung erfolgen.

    Das Kesa ist das Gewand Buddhas und stellt eine materielle Verkörperung der Lehre dar. Es bildet somit die Verbindung zwischen dem praktizierenden Buddhisten der Gegenwart und einer alten Traditionslinie.

    Das Tragen des Kesa ist mit dem Erlernen einer aufrechten äußeren Haltung verbunden. Dadurch soll auch eine aufrechte, innere Geisteshaltung erreicht werden. Nicht von ungefähr gibt es auch Legenden, die diesem Gewand nahezu magische Kräfte nachsagen.

    Wie im weiteren Text beschrieben, ist es auch eine Erinnerung daran, dass man die buddhistische Praxis nicht zum eigenen Vorteil ausübt.

    Regeln und Bräuche

    Es gibt einige grundlegende Regeln für den richtigen Gebrauch des Kesa. Angesprochen wurde bereits die Körperhaltung. So soll der Mönch, wenn er dieses Gewand trägt, die Hände vor der Brust und die Ellenbogen waagerecht zum Boden halten.

    Bei der Gehmeditation (kinhin 経行) und im Alltag, soll der Überwurf nicht auf dem Boden schleifen. Bei den Mahlzeiten und Ruhepausen darf man sich nicht darauf setzen. Vor dem Toilettengang ist das Kesa abzulegen.

    Für die Aufbewahrung gibt es spezielle Taschen. Die Robe sollte über Kopfhöhe, also etwa auf einem Regal aufbewahrt und auch in der Tasche nicht auf den Boden gelegt werden. Auch separate Wäsche wird aus Respekt vor dem Gewand gelehrt.

    Anlegen des Gewands

    Die wichtigste Übung ist, neben dem Tragen des Gewandes, vor allem das Anlegen der Robe. Meister Dōgen, von dem bereits die Rede war, soll vor Ergriffenheit geweint haben, als er sah, wie respektvoll die chinesischen Mönche mit dem Kesa umgingen.

    In Zen-Gemeinschaften auf der ganzen Welt ist es heute üblich, nach der Morgen-Meditation bzw. der ersten Sitzmeditation (zazen 座禅) des Tages, den traditionellen Gebräuchen zu folgen.

    Nach der Meditation legen die Übenden das Kesa zusammengefaltet auf den Kopf und rezitieren gemeinsam dreimal den „Vers des Kesa“ (takkesage (搭袈裟偈):

    大哉解脱服/無相福田衣/被奉如来教/広度諸衆生„Dai sai gedappuku / Musō fukuden e/hi bu nyorai kyō/kodo shoshu jo“.

    Es gibt verschiedene Übersetzungen hierfür, die von leichten Variationen, bis zu kompletten Neudeutungen reichen. Eine mögliche Version, ohne besondere Rücksicht auf Feinheiten, ist:

    „Wunderbares Gewand der Befreiung. Gewand der Formlosigkeit, Feld der Segnungen. Wir entfalten und tragen die Lehre/das Gewand des Buddha, um alle Wesen zu befreien“.

    Dieser Vers macht deutlich, dass es beim Zazen nicht darum geht, für sich selbst irgendeine Form von Erleuchtung zu erlangen, sondern die eigene Praxis schließlich zur Entwicklung von Weisheit und Mitgefühl führt, die eine Hilfe für andere Wesen ermöglicht.

    Soziale Bewegungen und Buddhas Robe

    Das Gewand als Auszeichnung zu sehen, war bereits bei den Lehrern früherer Jahrhunderte umstritten und Meister Dogen lehnte es ab, die ihm verliehene Purpurrobe jemals zu tragen.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer Bewegung, die mit der Vorschrift, dass Kesa für Mönche in Ausbildung offiziellen Vorgaben entsprechen und deshalb in spezialisierten  Läden gekauft werden müssen, nicht länger einverstanden war.

    Mitbegründer war der bekannte Sōtō-Zen-Mönch Sawaki Kōdō (沢木興道 ). Die Mitglieder bildeten kleine Nähkreise die „Fukudenkai“ (福田会) genannt wurden und in denen das handgenähte Kesa (nyohō-e 如法衣) wiederbelebt wurde. Damit wollten sie wieder näher an das ursprüngliche Flickengewand Buddhas (funzō-e 糞掃衣) gelangen.

    Im Zuge dieser Entwicklungen wurde der Ring, der bislang auch Teil des Rakusu war, von einigen der Gruppen entfernt.

    Die Hauptverantwortlichen der Sōtō-Schule taten sich schwer mit dieser Entwicklung, doch schließlich kam man zu einer Einigung. Demnach ist für Zeremonien in den beiden Haupttempeln Eiheiji (永平寺) und Sōjiji (総持寺) weiterhin die offizielle kommerzielle Robe erforderlich, für andere Zwecke ist das Kesa der nyohō-e zulässig.

    Viel könnte man noch schreiben über das „Gewand Buddhas“ und so war es auch nicht möglich, auf alle Aspekte einzugehen. Ich hoffe dennoch, dass dieser Artikel einen kleinen Einblick in die Tradition eines Kleidungsstücks bot, dass sich vom einfachen Flickengewand bis zum Symbol für das „Erwachen“ entwickelte.

    Shinnichi Tatamika
    Shinnichi ist japanophiler Zen-Buddhist der Soto-Tradition. Grüntee-Enthusiast und Enka-Karaoke-Sänger. Neigt dazu, lange Sätze zu schreiben, wenn er nicht aufpasst.