Takuhatsu: Der buddhistische Bettelgang in Japan

    Geist und Gegenwart einer Tradition

    Tokyo: Buddhistischer Mönch in Ueno (Foto: Joe Boyce Burgess, Wikimedia Commons cc-by)
    Tokyo: Buddhistischer Mönch in Ueno (Foto: Joe Boyce Burgess, Wikimedia Commons cc-by)

    Auch als Tourist sieht man in Japan gelegentlich buddhistische Mönche, die den traditionellen Bettelgang (Takuhatsu) absolvieren. Wir befassen uns an dieser Stelle mit dem Hintergrund dieser bisweilen anachronistisch wirkenden Praxis

    Die Geschichte des Takuhatsu
    Theravada-Mönche in Laos beim Bettelgang (Foto: Akiyoshi Matsuoka cc-by)
    Theravada-Mönche in Laos beim Bettelgang (Foto: Akiyoshi Matsuoka cc-by)

    Die Tradition des Bettelgangs in Asien reicht bis in vorbuddhistische Zeit zurück. Seit altersher leben in Indien hinduistische Asketen, die sich ausschließlich von jenen Dingen leben, die andere Menschen wegwerfen, oder ihnen freiwillig geben.

    Auch der historische Buddha Shakyamuni folgte diesem Weg, bis er sowohl den Luxus als auch die Askese verwarf.

    Die Bedeutung des Bettelgangs für die buddhistische Gemeinschaft blieb jedoch. Sowohl für die Schüler des Buddha, die mit ihm umherzogen, als auch für spätere Mönche gehörte er zum Leben dazu.

    In Südostasien, wo der Theravada-Buddhismus dominiert ist die tägliche Almosenrunde neben anderen Spenden zum Teil immer noch Hauptversorgungsquelle der buddhistischen Mönche

    Im modernen Japan bezuschussen die großen buddhistischen Organisationen die ihnen zugeordneten Klöster und die Tempelpriester haben durch Zeremonien ausreichend Einkommen, so dass der Bettelgang nicht mehr zur Versorgung der Gemeinschaft erforderlich ist.

    Was unterscheidet aber den Almosengang der buddhistischen Mönche von dem gewöhnlichen Betteln eines Obdachlosen? Hier sind Form und Geist wesentlich.

    Die Form des Takuhatsu
    Buddhistischer Mönch beim Takuhatsu in Kyoto (Foto: Wikimedia Commons, Bo-deh, cc-by-sa)
    Buddhistischer Mönch beim Takuhatsu in Kyoto (Foto: Wikimedia Commons, Bo-deh, cc-by-sa)

    Bereits Ablauf und äußere Form machen deutlich, dass es beim Takuhatsu nicht darum geht, an umfangreiche Reisspenden oder große Geldsummen zu gelangen.

    Mönche tragen während des Almosengangs einen großen Strohhut, den „takuhatsu gasa“ der die obere Gesichtshälfte praktisch verdeckt.

    Das schirmt den Mönch von äußeren Einflüssen ab, denn sofern man nicht den Kopf hebt, kann man tatsächlich nur wenige Schritte weit sehen.

    Neben dem Hut und dem dunklen Mönchsgewand, oder „koromo“ (衣)), sind auch die „kyahan“ (脚半) genannten Gamaschen, die um die Schienbeine gelegt werden und einen schnelleren Gang ermöglichen, charakteristisch.

    Anders als das meditative Gehen im Kloster, das zwischen den langen Sitzperioden den Körper lockern soll, wird Takuhatsu zügig durchgeführt.

    Für die Spenden tragen sie entweder eine beutelartige Tasche um den Hals, auf dem meist der Name des Klosters zu lesen ist – oder die traditionelle Schale, die dem Bettelgang in Japan seinen Namen gab.

    Takuhatsu“ (托鉢) bedeutet das „hoch halten“ oder „bitten mit“ (taku 托) der Bettelschale (hatsu 鉢) und beschreibt damit die Bitte um Almosen.

    Der Ablauf des Takuhatsu

    Beim Gruppen-Takuhatsu gehen Gruppen von Mönchen in einer Reihe durch die Straßen und machen entweder durch das Läuten einer kleinen Handglocke, oder den lang gezogenen Ruf „Hô“ (法雨) auf sich aufmerksam.

    Kyoto: Mönchsgruppe beim Takuhatsu (Foto: Wikimedia Commons, jam_232 cc-by)
    Kyoto: Mönchsgruppe beim Takuhatsu (Foto: Wikimedia Commons, jam_232 cc-by)

    In Wohngebieten gehen sie dabei von Haus zu Haus und bleiben dort eine gewisse Zeit stehen, wo sie auf Spenden warten.

    Sollte ihnen niemand die Tür öffnen und herauskommen, setzen sie ihren Weg nach einer Verbeugung fort.

    Beim Einzel-Takuhatsu folgt der Mönch entweder der oben genannten Praxis, oder er stellt sich an einen belebten Ort und wartet dort auf die Spenden der vorbeikommenden Passanten.

    Ob der Mönch dort schweigend steht, gelegentlich die Glocke läutet, oder ein Sutra rezitiert, hängt von der buddhistischen Traditionslinie ab,

    Der Geist des Takuhatsu

    Wie bereits gezeigt, geht es beim Bettelgang nicht länger darum, das lebensnotwendige zu erhalten, oder große Reichtümer anzuhäufen. Was ist aber das Ziel des Takuhatsu?

    Die Spende an den Mönch ermöglicht es dem Gebenden, der wie die Mehrzahl der Japaner keine besonderen religiösen Empfindungen pflegt, seinen Respekt für die buddhistische Lehre und die Praxis der Mönche auszudrücken.

    Um den tieferen Geist zu erklären, ist die Vorstellung der äußeren Form hilfreich, wie man sie heute beispielsweise in der alten Kaiserstadt Kyoto beobachten kann.

    Mönche gehen durch ein Wohnviertel. Die Gruppe bleibt vor einem der Häuser stehen. Auf das Läuten der Handglocke wird die Tür ratternd beiseite geschoben. Eine zumeist ältere Person tritt heraus und schüttet die Spende aus ungekochtem Reis in die Umhängetasche der Mönche.

    Eine Verbeugung der Beteiligten, eine gemurmelte Formel, oder kurzee Rezitation – und die Mönche setzen ihren Weg unter Rufen und Läuten fort.

    So, oder ähnlich, lassen sich Takuhatsu-Gänge in der Nachbarschaft japanischer Wohnviertel beobachten.

    Was wir dabei sehen ist nicht viel – ein Mann in einem dunklen Gewand, dessen Gesicht von einem großen Strohhut überschattet wird. Dies hat auch eine tiefere Bedeutung, denn jede Spende wird als Gabe – „fuse“ (布施) – an die buddhistische Lehre verstanden.

    Das Geben soll deshalb nicht aufgrund der persönlichen Sympathie für die Person des Mönchs erfolgen – weshalb der Hut das Gesicht verdeckt – sondern aus Achtung für die Lehre des Buddha.

    Der Geist des Gebens

    Ein Mönch bedankt sich niemals persönlich für eine Spende, denn dies würde bedeuten, dass die Gabe nicht der buddhistischen Lehre, sondern seiner Person zukommt – eine Geisteshaltung die vermieden werden soll.

    Tokyo: Shingon-Mönch des Koyasan beim Takuhatsu (Foto: flickr, Nestor Lacle, cc-by)
    Tokyo: Shingon-Mönch des Koyasan beim Takuhatsu (Foto: flickr, Nestor Lacle, cc-by)

    Nach dem Erhalt der Gabe sprechen Mönche einen rituellen Text. Dies ist häufig die Rezitation des so genannten „Herzsutra“ – ein vergleichsweise kurzer Lehrtext, der dem geringen Zeitrahmen angemessen ist.

    Besonders deutlich wird der Geist des Takuhatsu jedoch in einer anderen Formel, deren Text nur aus einem kurzen Vers besteht:

    „Zaiho nise, kudoku muryo, danbaramitsu, gusoku enman, naishi hokkai, byodo riyaku“. (財法二施 功徳無量 檀波羅蜜 具足円満 乃至法界 平等利益)

    In diesem Vers wird der Unterschied zwischen der materiellen Gabe für diesseitiges Wohlergehen, mit der geistigen Gabe symbolisch aufgehoben und dem Wohle aller Wesen gewidmet.

    Die materielle Gabe ist der Reis des Spenders. Die geistige Gabe ist nicht nur die Lesung eines buddhistischen Texts, sondern die Möglichkeit, gegenüber dem Mönch die Praxis des selbstlosen Gebens (fuse haramitsu 布施波羅蜜 ) üben zu können.

    Der „Hô“ (法雨) Ruf der Mönche ist in diesem Sinne ebenfalls eine Gabe, denn es ist der Regen () der buddhistischen Lehre (), der sich durch das Hören verbreitet.

    Die Bedeutung für den Mönch

    Naheliegend ist die Ansicht, der Bettelgang sei eine Übung der Demut für den Mönch, denn trotz seiner äußeren Erscheinung stößt er nicht überall auf Respekt – Ignoranz und sogar Ablehnung gehören zu den Erfahrungen während des Takuhatsu.

    Doch für den Mönch ist das Takuhatsu auch eine Erinnerung daran, dass der Mensch keine Insel ist und eine ständige Abhängigkeit voneinander besteht. Egal wie abgelegen das Kloster liegen mag – jede Gabe macht ihm die Verbindung mit der Welt bewusst und ist das Ergebnis der Anstrengung unzähliger Wesen.

    Die Reispflanze legt ihre ganze Energie in das Wachstum. Der Landwirt legt all seine Energie in Pflanzung, Pflege und Ernte des. Die Weiterverarbeitung, der Transport und der Handel setzen weitere Anstrengungen voraus. All diese Arbeit ergießt sich also in die Schale des Mönchs.

    Das Bewusstsein für diese wechselseitige Abhängigkeit und Verbundheit ist ebenfalls eine Lektion für den bettelnden Mönch und so trägt jeder Spender, selbst wenn er sich nur spontan dazu entschließt, etwas Geld zu geben und gleich weitergeht, zur Übung des Mönchs bei.

    Abschluss

    Auch wenn er keine Lebensnotwendigkeit mehr darstellt, bleibt Takuhatsu ein wichtiger Teil vieler buddhistischer Traditionen und stellt eine konkrete Verbindung zwischen Mönchen und Laienanhängern dar.

    Der Geist des Takuhatsu dürfte auch außerhalb des Buddhismus Anerkennung finden – heißt es doch auch in der christlichen Apostelgeschichte „Geben ist seliger denn nehmen„.

    Shinnichi Tatamika
    Shinnichi ist japanophiler Zen-Buddhist der Soto-Tradition. Grüntee-Enthusiast und Enka-Karaoke-Sänger. Neigt dazu, lange Sätze zu schreiben, wenn er nicht aufpasst.

    2 Kommentare

    1. Takuhatsu habe ich tatsächlich schon einige Male in Japan gesehen, aber bis heute kannte ich nicht mal das Wort „Takuhatsu“. So richtig erklären konnte mir das auch noch niemand. Daher DANKE für diesen sehr informativen Beitrag.

      • Vielen Dank für das Lob.

        Es freut mich, wenn meine Artikel nicht nur auf reges Interesse stoßen, sondern tatsächlich dazu beitragen, mögliche Unklarheiten und Missverständnisse im Bezug auf religiöse Bräuche (insbesondere des Buddhismus) zu klären.

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