Sumikai auf dem JapanFestival in Berlin

    Bericht vom elften JapanFestival in Berlin

    Am Wochenende vom 23. zum 24. Januar fand in der Urania das inzwischen elfte JapanFestival Berlin statt. Special-Guest war in diesem Jahr die japanische Hauptstadt Tokio. Sumikai war natürlich auch hier für euch vor Ort.

    Von der U-Bahn-Station Wittenbergplatz direkt hinein ins japanische Leben. Während des gesamten JapanFestivals hat der Besucher das Gefühl, in einer boomenden Mega-City zu flanieren, scharren sich in der Urania doch jene Stände, die das Herz eines jeden Nippon-Fans höherschlagen lassen. Kobayashi und ich haben uns dort umgesehen und unsere Eindrücke zusammengetragen.

    Die Händler                                                                  

    Impressionen JapanFestival BerlinDirekt hinter dem Eingang konnten die Besucher sich an den ersten Ständen über die traditionellen Formen der japanischen Wohnungsverschönerung informieren. Vom Züchten der bekannten sowie beliebten Bonsai-Bäumen über Sumi-e bis hin zum Erwerb schick designter Poster wird gleich am Anfang der Geldbeutel auf sein weiteres Schicksal eingestimmt.

    Direkt in der ersten Etage stolperte man über den Travel-Service, wo neben Tokio auch Kyoto als potentielles Reiseziel vorgestellt wurde. Dabei legte das Reisebüro Geoplan in diesem Jahr einen besonderen Fokus auf die Weltkulturerbe-Region Kumano auf der Kii-Halbinsel, in der die japanische Symbiose von Natur, Kultur und Tradition wie vielleicht nirgendwo sonst lebt. Und doch – mit welchen Gefühlen wandern die frommen Pilger beziehungsweise Touristen die historischen Pfade entlang, wenn sie daran denken müssen, welche Gräuel ihren leidensfähigen Mitgeschöpfen inmitten der Kultur-Region, weniger als 50 Kilometer südlich, angetan werden. Dort nämlich liegt Taiji, ein Ort des Grauens, in dem Delfine mit Billigung der Präfekturregierung von Wakayama geschlachtet werden, weil dies dort wohl Tradition hat. Genaueres könnt ihr am Ende unseres Artikel erfahren, denn Die ernsteren Töne zum Thema liegen Kobayashi und mir sehr am Herzen.

    Während eines kleinen Plauschs mit allen anwesenden Reiseleitern konnte noch der ein oder andere Hinweis für zukünftige Urlaubspläne eingeholt, oder direkt ein Flug gebucht werden. Wenn die Reise bloß nicht so weit wäre, hätte ich mich trotz allem direkt in den nächsten Flieger gesetzt und dann der Sonne entgegen. Schließlich expandiert Japans Tourismus derzeit explosionsartig. Es bleibt zu hoffen, dass entsprechend kritisch Reisende, welche sich wirklich für das Land interessieren, auch dazu beitragen, die Stimme der Vernunft in manch Einheimischen wachzurufen.

    Liebhaber des modernen Life-Styles fanden in der zweiten Etage ein Shopping-Paradies auf kleinstem Raum. Neben ortsansässigen Shops wie NEO-TOKYO, dem J-Store oder Sukipan fanden sich auch viele weitere Anbieter aus ganz Deutschland, um ihre Produkte an den geneigten Käufer zu bringen. Es war wirklich für jeden Geschmack sowie Etat etwas dabei. Von Accessoires über Manga bis zu Figuren und Plüschtieren ist jeder fündig geworden. Auch der Publisher Kazé war erneut mit einem eigenen Stand vertreten, sodass die neuesten Movies und Serien-Volumes direkt in die Einkaufstasche wanderten. Allerdings sollte, wer unter Klaustrophobie leidet, diesen Bereich meiden, denn er war erneut mehr als gut besucht.

    Wer sich mit seinen vollbepackten Tüten bis in den dritten Stock vorkämpfte, hatte hier die Chance, seine beanspruchten Knochen bei einer entspannenden Shiatsu-Massage wieder geraderücken zu lassen. Im gegenüberliegenden Raum bot Origami Deutschland nicht nur einen stillen Zufluchtsort vom geschäftigen Treiben, sondern auch die Möglichkeit, unter fachkundiger Anleitung selbst ein paar der filigranen Reiher zu falten oder sich mal an einem Schmetterling zu versuchen.

    Origami Deutschland
    © Origami Deutschland
    Origami Deutschland
    © Origami Deutschland

    Wem es eher nach taktischer Herausforderung dürstete, musste auf jeden Fall im Raum des GO-Verband Berlin vorbeisehen, in welchem stets ein Kontrahent für ein kleines Spiel gefunden wurde. Wer seine ersten Schritte in die Go-Welt tat, fand hier auch fähige Trainer, welche den Neulingen die Regeln und ersten Züge beibrachten.

    Wer im Allgemeinen mit der bunten, knalligen Manga-/Animewelt nicht so viel anfangen kann, durfte sich die dritte Etage nicht entgehen lassen. Mein persönliches Highlight hier war auf jeden Fall Ann-Dorothe Schlüter, welche Yukatas und Kimonos in unterschiedlichsten Farben und Mustern anbot. KimonoFür die älteren Festival-Besucher bestand hier die Möglichkeit, sich dem japanischen Sake anzunähern beziehungsweise erste Proben zu genießen. Auch die angebotenen Holzwaren haben sehr gut gefallen, ich meine, wer würde seinen Vögeln nicht gern ein Shinto-Vogelhaus in den Garten stellen. Wer es lieber etwas kleiner mag, wurde sicher bei den Steingutwaren oder glasierten Schalen fündig.

    Ihr seht, jeder der den Weg auf sich nahm, kam sicher mit vollen Taschen und leerem Bankkonto wieder nach Hause zurück.

    Das Bühnenprogramm                                                         

    Wer hingegen seinem Portmonee sowie seinen Füßen ein wenig Ruhe gönnen wollte, der fand auf den beiden Eventbühnen eine adäquate Ablenkung, denn auch dort ließen sich die Veranstalter nicht lumpen und boten ein abwechslungsreiches Programm. Wobei auch hier die Bandbreite von traditionellen Darbietungen wie Ikebana und Sumi-e bis hin zu Lolita-ModenschauenLolita Modenschau und der Darbietung aktueller Anime-Songs reichte. Hierbei einen persönlichen Favoriten zu küren, fällt mir nicht leicht, denn wer vergleicht schon Kirschen mit Erdbeeren.

    Zu den kulturellen Highlights gehörte sicher die mit Unterstützung der japanischen Botschaft eigens aus Japan angereiste Tanzgruppe Edosatokagura. Sie führte „Kagura“, uralte pantomimische Tänze auf, die traditionell zur Ehrung und zum Vergnügen shintoistischer Götter in Tempeln getanzt werden. Begleitet von Trommel und Querflöte, deren Rhythmen die Stimmung der Figuren wiedergeben, mit Masken wie im No-Theater und in opulente Kostüme gekleidet, spielten sie am Samstag die Geschichte vom Schmied, der ein Katana-Schwert schmieden soll. Er ruft den Fuchsgott, der ihm hilft, sein Werk zu vollenden. EdokaguraAm Sonntag traten verschiedene Glückfiguren wie Daikokuten oder Ryomen auf – allen voran aber ein Löwe, dessen Biss Glück bringt, weshalb er am Ende von der Bühne stieg und das Publikum biss…

    Auch Tengu Daiko wussten das Publikum nachhaltig zu begeistern. Wer allerdings die Trommler sehen und nicht nur hören wollte, musste sich aber mitunter bis Sonntagabend gedulden. Zu den anderen Terminen war der riesige Humboldt-Saal mit seinen fast 700 Plätzen so gerammelt voll, dass man nicht einmal mehr in den Raum hinein kam. Tengu Daiko TrommelnDa es bei der Kunst des Trommelns nicht nur darum geht, Töne zu erzeugen, sondern auch körperlich mit dem Rhythmus zu verschmelzen, ist es zielführender, wenn man die Trommlerinnen und Trommler auch sehen kann. Das Hören war indes überhaupt kein Problem, schließlich schwang die ganze Etage im Rhythmus der Trommeln mit.

    Hiromi Waldenberger von der Tourismuszentrale Tokio stellte die Stadt während ihrer Vorträge als Reiseziel vor. Dabei erzählte sie einiges über die „Character Street“ auf dem Bahnhof von Tokio, einem Shoppingparadies für Anime-Fans. Tokio selbst schilderte sie als Traumstadt für Architekten. Herrlich war ihre Erläuterung zu Japanisches WCjapanischen Toiletten: „Da kommt dann ein Strahl aus dem Klo und macht den Popo sauber“. Als besondere Attraktion empfahl sie den größten Fischmarkt der Welt in Tsuikji, der nur noch dieses Jahr an seinem alten Standort besichtigt werden kann und dann umzieht. Auch hier wurde der Zuhörer direkt wieder vom Reisefieber gepackt, zumindest erging es mir so.

    Bei der Vorführung im Kendo-Schwertkampf war es herrlich anzusehen, wie teils siebenjährige Kampfzwerge die Erwachsenen ausdauernd und mit sichtlichem Behagen vermöbelten. Sie haben wohl in dieser Disziplin bereits verschiedene Meisterschaften gewonnen … Kendo Aoki-SenseiNachdem durch die Schüler ein eher knuffiger Eindruck vom Kendo entstand, hat am Ende Aoki-Sensei mit einer überzeugenden Demonstration seines Könnens diesen erweitert.

    Die japanische Sprache enthält wirklich keine für Deutsche komplizierten Laute. Gerade weil es so leicht vermeidbar wäre, wird es aber auf die Dauer nervig, wenn ein langjähriger Moderator auf der Bühne alle Jahre wieder die einfachsten Ausdrücke falsch ausspricht. Man plant doch vorher, was man ungefähr sagen wird, sodass jeder sich dann kurz von einem Japaner beraten lassen oder im Internet recherchieren könnte.

    Ein weiteres Manko, dass sich im Laufe des Wochenendes zeigte, bestand im immer größer werdenden Platzmangel. Während es am Anfang beziehungsweise in den späteren Stunden noch gemütlich zuging, sodass ein entspanntes Schlendern zwischen den Ständen machbar war, stellte sich dies in der Hochzeit des Besucherzustroms als unmöglich heraus. Vor allem in den Zwischenfluren beziehungsweise im Treppenhaus konnte nur ein dezenter Ellenbogeneinsatz zum Weiterkommen verhelfen. Während die Säle in der Urania aufgrund breiterer Treppen sich als gut erreichbar erwiesen, befanden sich die Händlerraume im Hinterhaus, was vor allen den traditionelleren Ständen nicht gerecht wurde.

    Für die nächsten Jahre wäre es wünschenswert, dass auch dem kritischeren Aspekt Japans ein gewisser Raum auf dem Festival eingeräumt werden könnte. Denn auch er gehört zu Japan und sollte nicht einfach unter den Teppich gekehrt werden. Das nächste JapanFestival Berlin findet am Wochenende vom 21. zum 22. Januar 2017 wieder in der Urania statt. Trotz der Kritikpunkte werden wir es auch im nächsten Jahr besuchen, schließlich wurde so mancher unserer Vorschläge bereits umgesetzt. Da müssen wir doch nächstes Jahr wieder nachschauen gehen.

    Die ernsteren Töne zum Thema          

    Während auf dem Festival ein überaus positives Bild Japans präsentiert wurde, konnte trotzdem ein bitterer Beigeschmack nicht vermieden werden. Am Samstag hatten sich engagierte Aktivisten der „Aktion Fair Play“ nach einem Demonstrationszug von der japanischen Botschaft neben dem Eingang der Urania eingefunden. Sie informierten Besucher und Passanten über eine der Schattenseiten Japans, die anhaltende Delfinjagd speziell im malerischen Küstendorf Taiji in der Präfektur Wakayama. Aufmerksam wurde die Welt hierauf erstmals 2009 durch den im Folgejahr mit dem Oscar prämierten Dokumentarfilm „Die Bucht“ von Richard O’Barry und Regisseur Louie Psihoyos. Mit versteckten Kameras und unter hohem persönlichen Risiko gelangen ihnen Aufnahmen davon, wie Delfine und Kleinwale in die örtliche Bucht getrieben und einige zum Kauf an Delfinarien eingefangen werden. Die anderen werden trotz der enormen Schwermetallbelastung zum Verkauf als Fleisch geschlachtet, wobei das Wasser der gesamten Bucht sich tiefrot färbt. Was die vorgeblich wissenschaftliche Waljagd in der Antarktis betrifft, ignoriert Japan seit 2014 ein Urteil des internationalen Gerichtshofs in Den Haag, welches diese mangels ernsthafter Wissenschaftlichkeit verbietet. Es war sehr erhellend, was man von den Aktivisten erfuhr.

    Iliana
    Seit frühester Kindheit Manga und Anime Liebhaberin, die einmal im Dunstkreis gelandet, diesen nie wieder verlassen hat, und damit bis heute mehr als Glücklich ist. Weder Genre noch Medienmäßig festgelegt, also vielseitig interessiert und immer für eine neue, gute Story zu begeistern. Eine ziemlich große Naschkatze, auch wenn sie es sich schon gefühlte 1000 Mal abgewöhnten wollte. :)