Interview: Martina Peters über Focus 10, Schlafparalyse und vieles mehr …

Vom 15. bis 18. März 2018 fand in Leipzig im Rahmen der Leipziger Buchmesse die Manga-Comic-Convention statt. Die deutsche Mangaka Martina Peters stellte vor Ort ihr neues Mystery-Werk Focus 10 vor. Wir nutzten die Gelegenheit, um ihr ein paar Fragen zu stellen.

Sumikai: Kannst du uns etwas über den Entstehungsprozess der Geschichte von Focus 10 erzählen?

Martina Peters: Die Basis der Geschichte ist Schlafparalyse. Dabei handelt es sich um ein reales Phänomen. Du wachst auf oder bist gerade kurz vor dem Einschlafen. Dann kann es passieren, dass zwei körpereigene „Apps“, wenn man es so nennen will, gleichzeitig laufen, die eigentlich nicht gleichzeitig laufen sollten. Es gibt vier „Apps“ für Schlaf, Traum, Paralyse und die Wach-App. Die Paralyse-App sorgt dafür, dass bewusste Signale des Gehirns an die Muskeln ausschaltet werden.

Bei der Schlafparalyse passiert es dann, dass du von der Schlaf- in die Wach-App wechselst, ohne dass die anderen beiden Apps gleichzeitig runterfahren. Du wachst dann auf, kannst dich nicht bewegen und im schlimmsten Fall hast du Halluzinationen. So etwas habe ich schon öfter erlebt, vor allem, wenn ich gestresst bin. Ich wach auf und sehe mein Zimmer, kann mich aber nicht bewegen. Deswegen habe ich mich viel mit diesem Phänomen beschäftigt und dadurch auch gelernt, damit umzugehen.

Deswegen wollte ich mit Focus 10 auf die Schlafparalyse aufmerksam machen und musste überlegen, wie ich um dieses Thema eine Geschichte aufbaue. Es gibt ein wiederkehrendes Phänomen bei Menschen, die Halluzinationen haben. Sie sehen immer dieselben dunklen Gestalten. Die alte Frau oder der Mann mit Hut, zum Beispiel, tauchen bei den verschiedensten Leuten unabhängig voneinander auf.

Dann habe ich überlegt, dass es Menschen gibt, die unter Schlafparalyse leiden und diese andere Welt der dunklen Gestalten sehen können. In der Geschichte gibt es eine Gruppe von Personen, deren Unterbewusstsein diese neue Welt akzeptiert und die sich in ihr bewegen. Diese Menschen können gegen die Monster kämpfen, die wirklich böse sind.

Aus der Grundidee, etwas über Schlafparalyse machen zu wollen, entwickelte ich eine Abenteuer-Mystery-Action-Story, deren Hauptfigur aber kein typischer Held ist. Er ist so reingerutscht, obwohl er es gar nicht will. Seit frühester Kindheit besitzt er diese Schlafparalyse und konnte sich nicht bewegen. Erst im Laufe der Zeit lernt er es. Jetzt kann er sich gegen diese Monster wehren. Er ist inzwischen gewohnt, manchmal in diese andere Welt zu fallen. Aber er weiß, er kann sie wieder verlassen, auch wenn es ihn letzten Endes ganz schön nervt.

Sumikai: Die Bilder in Focus 10 fallen schon sehr krass aus. Welche Aspekte waren dir bei der zeichnerischen Umsetzung am wichtigsten?

Martina Peters: Den Unterschied zwischen dieser Welt und der anderen Realität wollte ich hervorheben. Mit Worten lässt sich diese leicht umschreiben. Auch, dass sich Menschen wegen dieser extremen Andersartigkeit nicht mehr bewegen können. Wenn du dieses Phänomen allerdings grafisch darstellen möchtest, musst du dir einen Weg überlegen, wie es sich umsetzen lässt. Der Leser soll erkennen, dass es wirklich total anders ist und überhaupt nicht unserer Realität entspricht. Diesen Unterschied darzustellen, das war mir sehr wichtig.

Focus 10Sumikai: Die einheimischen Verlage tun sich mit längeren Geschichten deutscher Zeichner schwer. Wie kam es denn zu der Entscheidung, Focus 10 auf zehn Bände anzulegen? Und ist das für dich als Zeichnerin eine Herausforderung.

Martina Peters: Witzigerweise nein. Ich erzähle extrem aufwendige und lange Geschichten. Deswegen bin ich sehr froh, dass Carlsen Manga! mir die Möglichkeit gibt zehn Bände zu gestalten, auch wenn es wegen der Dicke von 96 Seiten pro Band nur fünf normale Manga sind. Das ist für mich aber nicht schlimm. Denn so weiß ich, was ich die nächsten Jahre zu tun habe. 🙂

Wie es dazu kam, weiß ich gar nicht so genau. Ich vermute wegen der langen Zusammenarbeit. Ich arbeite nun schon seit 2007 mit Carlsen Manga! zusammen. In diesen elf Jahren konnte ich eine gute Vertrauensbasis aufbauen. Der Verlag weiß, was er an mir hat – sowohl qualitätstechnisch als auch, dass sie sich auf mich verlassen können. Bisher musste noch keine meiner Geschichten verschoben werden, weil es dafür keine Notwendigkeit gab.

Deswegen denke ich, der Verlag dachte sich: Wir versuchen das jetzt! Das sieht man schon daran, dass Focus 10 ein ganz anderes Format hat. Die Bände sind dünner und kommen schneller heraus. Ich bin zurzeit also eine Art Carlsen-Versuchskaninchen, aber das bin ich gern. Ich bin froh, dass ich das Vertrauen meines Verlages genieße und man mir diese Möglichkeit einräumt.

Sumikai: Du bist als deutsche Mangaka schon eine ganze Weile unterwegs. Wie schätzt du die Qualität von deutschen Eigenproduktionen ein? Gibt es immer noch Vorurteile?

Martina Peters: Klar gibt es immer noch einige Vorurteile, aber die werden immer weniger. Aber je länger wir arbeiten und je besser die Titel der deutschen Zeichner sind, desto kleiner werden sie. Wenn man sich die ersten Werke anschaut, die steckten noch in den Kinderschuhen und waren holprig erzählt. Aber je länger Zeichner mit Verlagen arbeiten, desto reifer werden sie. Dadurch steigt die Qualität. Auch im Bereich der Hobbyzeichner sind viele Zeichner jahrelang dabei. Mit besserer Qualität steigt natürlich die Akzeptanz, sodass die Leute sehen: Was die deutschen Zeichner herausbringen, ist doch nicht so schlecht.

Sumikai: Du hast dich in vielen Genres ausprobiert. Boys Love, jetzt Horror und Mystery. Gibt es ein Genre, das dir am meisten liegt? Oder gibt es sogar noch eines, in dem du dich gern einmal austoben würdest?

Martina Peters: Lieblingsgenre sind bei mir eigentlich immer noch Mystery und Yaoi. Boys Love ist mein Heim-Genre und wird es auch immer bleiben. Wenn es darum geht, sich auszutoben, würde ich sehr gern mal einen Yuri-Manga machen. Nicht, weil es bei uns nicht so viele davon gibt, sondern weil es etwas ganz anderes wäre, als meine bisherigen Werke. Es ist eine ganz andere Erzählweise, die ich zu gern ausprobieren würde.

Aber eigentlich möchte ich alles versuchen, außer vielleicht Shojo. Denn ich bin nicht so für kleine Mädchengeschichten mit erster Liebe. Allerdings möchte ich auch das nicht völlig ausschließen.

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© 2016 Martina Peters

Sumikai: Du bist auch auf zahlreichen Conventions unterwegs. Warum denkst du, sind diese gerade für deutsche Zeichner wichtig?

Martina: Das ist der Vorteil, den wir gegenüber den Japanern haben, finde ich. Die Japaner sind zwar bekannter, aber sie sind nicht zugänglich. Sie sind nicht da, sodass man einfach mal am Stand vorbeischauen und ein bisschen plaudern kann. Das ist der große Vorteil, den wir deutsche Zeichner haben. Deswegen gehe ich gern auf Messen, um den direkten Kontakt mit meinen Lesern zu haben. Ich finde das auch unglaublich wichtig, weil es viel ausmacht.

Sumikai: Du bist auch als Self-Publisher unterwegs. Was würdest du jungen Zeichnern empfehlen: Self-Publishing oder die Werke bei einem Verlag einreichen?

Martina Peters: Ich würde wirklich sagen, erst einmal Self-Publishing. Bevor man anfängt irgendwas zu drucken, empfehle ich, es über das Internet zu versuchen. Im Netz kann man seine Sachen kostenlos hochladen und dann sehen, wie die Rückmeldungen ausfallen. Dort sieht derjenige direkt: Wie kommen meine Geschichte und mein Zeichenstil an? Gleichzeitig kann die Person sehen, wie lange sie für eine Seite oder später für 100 Seiten braucht. Und halte ich das überhaupt durch, 100 Seiten zu zeichnen?

Wenn man anfängt, für einen Verlag zu arbeiten, muss man mindestens einen Band fertigstellen. So ein Manga besitzt zwischen 160 und 190 Seiten. Das ist eine ganz schöne Masse. Das ist also eine Sache der Selbsteinschätzung, mit der man sich in der Regel schwer tut. Deswegen ist es wichtig, langsam anzufangen und sich dann im Laufe der Zeit zu steigern.

Man muss zwar den inneren Schweinehund überwinden und auch jeden Tag oder zumindest regelmäßig etwas hochladen. Aber wenn es gut läuft, kann derjenige es mit Self-Publishing versuchen. Mit Vorbestellungen kann man solche Projekte super finanzieren. Wenn Zeichner sich dann wirklich gut selbst einschätzen können und noch für einen Verlag arbeiten möchten, ist es sinnvoll diesen Schritt zu gehen.

Dann hat man schon etwas, das man selbst herausgebracht hat und dem Verlag in die Hand drücken kann. In dem Fall kann der Verlag besser einschätzen, wie er mit einem Zeichner arbeiten möchte. Deswegen finde ich es sinnvoller, erst online zu arbeiten, bevor man an einen Verlag herantritt. Denn das ist richtig harte Arbeit.

Sumikai bedankt sich bei Martina Peters für das Interview.

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