Lynn Okamoto: »Selbst „Schweinefleisch“ klingt so cool!«

Auf der AnimagiC 2017 war einer der ganz großen Mangaka zu Gast: Lynn Okamoto. Von ihm stammen unter anderem Elfen Lied und Brynhildr in the Darkness. Wir haben ihn getroffen und hatten die exklusive Chance, ihm im Interview einige Fragen zu stellen.

Sumikai: Herzlich Willkommen in Deutschland auf der AnimagiC. Konnten Sie bereits ein paar Eindrücke von der Veranstaltung gewinnen?

Lynn Okamoto: Ich war bereits einmal zur Recherche für einen Manga in Deutschland. Damals war ich in Tschechien unterwegs und hatte einen Tag Aufenthalt in Dresden. Aber als konkretes Reiseziel bin ich das erste Mal in Deutschland. Hier auf der AnimagiC ist mir als erstes die tolle Stimmung unter den Fans aufgefallen. Schon bei der gestrigen Begrüßung merkte ich, wie viel Resonanz vom Publikum zurückkam, das ist selbst in Japan so nicht üblich. Auch sind mir die vielen Cosplayer aufgefallen, die mich sehr beeindruckt haben.

Sumikai: Sie sind seit 2000 als Mangaka tätig. Hat sich Ihr Leben seither stark verändert?

Lynn Okamoto: Bevor ich Mangaka wurde war ich ganz normal in einem Unternehmen angestellt. Damals bin ich immer mit der Bahn zur Arbeit gependelt. Als ich als Mangaka tätig wurde, war die größte Veränderung, dass ich jetzt nicht mehr pendeln muss und von Zuhause aus arbeiten kann. Im ersten Jahr – zu dem Zeitpunkt, wo ich mit den Zeichnungen von Elfen Lied begann – hab ich 10kg zugenommen. Zu meinen Angestelltenzeiten wollte ich außerdem immer so früh wie möglich mit dem Arbeiten. Seitdem ich jedoch Manga zeichne, denke ich eher darüber nach, wie ich diesen Beruf möglichst lange ausüben kann. Ich möchte solange in der Branche bleiben, wie es irgendwie geht. Das ist für mich der wohl größte Unterschied.

Sumikai: Wie entsteht bei Ihnen – grob zusammengefasst – eine neue Manga-Geschichte? Angefangen beim Sammeln von Ideen bis hin zum Storykonzept?

Lynn Okamoto: Zu Beginn denke ich mir den groben Fluss und das große Finale der Story aus. Durch den wöchentlichen Erscheinungsrhythmus der Kapitel geht es natürlich nicht, dass nur alle 10 Wochen ein Höhepunkt erreicht wird und man bis dahin eine langweilige Story erzählt. Ich achte daher darauf, dass jedes Kapitel an sich unterhaltsam ist, damit die Leser an das Werk gebunden werden. Das ist die größte Schwierigkeit.

Sumikai: Was ist Ihnen beim Zeichnen besonders wichtig? Worauf legen Sie in Ihren Zeichnungen am meisten Wert?

Lynn Okamoto: Das ist schwer zu sagen. Für mich ist es wichtig, das so gut es geht zeichnen zu können, was ich möchte, und dabei immer mein Bestes zu geben. Dennoch ist es sehr schwierig für einen Mangaka, erfolgreich zu sein, selbst wenn er sein Bestmöglichstes in die Zeichnungen steckt. Wenn ich mir heutzutage beispielsweise die Zeichnungen von Elfen Lied anschaue, finde ich diese schrecklich. Aber ich habe mir damals bei den Zeichnungen von Elfen Lied viel Mühe gegeben und mir kam nie in dem Sinn, sie zu verfeinern.

Sumikai: Haben Sie bestimmte Rituale beim Zeichnen, wie zum Beispiel Süßigkeiten essen, Musik hören, etc.?

Lynn Okamoto: Wenn meine Assistenten da sind, muss ich nur zu bestimmten Zeiten arbeiten, an die ich gebunden bin. Aber wenn es allein ums Zeichnen geht, dann lass ich im Hintergrund gerne Fernsehserien laufen, die ich zuvor aufgenommen habe.

Sumikai: Mit Elfen Lied und Brynhildr in the Darkness schufen Sie zwei populäre Science-Fiction-Serien, deren jeweilige Handlung gewisse Ähnlichkeiten aufweisen. Besitzen Sie ein besonderes Faible für Science-Fiction? Falls ja, haben Sie z. B. Lieblings-Bücher oder -Filme aus diesem Genre?

Lynn Okamoto: Leute meinen, dass sich Elfen Lied und Brynhildr in the Darkness sehr ähneln. Nach der Beendigung von Elfen Lied zeichnete ich den Sport-Manga Nononono. Eines Abends, als ich mit Freunden zusammensaß und wir etwas tranken, meinten sie zu mir, dass meine Fans von mir eher Manga wie Elfen Lied erwarten. Da bei Elfen Lied auch viele Sachen nicht so funktioniert haben, wie ich mir das gewünschte habe, dachte ich mir, ich könnte nochmal ein Werk in dieser Richtung zeichnen. Dadurch entstand Brynhildr in the Darkness. Der besondere Reiz am Science-Fiction-Genre ist der große Freiraum, der einem geboten wird, um eine Geschichte gestalten zu können. Während meiner Studentenzeit habe ich viele Werke von Isaac Asimov gelesen, der mich denke ich bei meinen Geschichten sehr beeinflusst hat.

Sumikai: Ihr Manga Elfen Lied besitzt Anleihen an die deutsche Sprache. Was inspirierte Sie damals dazu, das Werk „Elfen Lied“ zu nennen?

Lynn Okamoto: Der Name Elfen Lied ist mir noch aus Angestelltenzeiten bekannt. Damals lag ein Buch auf meinem Arbeitsplatz, in dem es um Tipps zur Bestimmung von Produktnamen ging. In diesem Buch war das Wort „Elfen Lied“ enthalten, das mich sehr beeindruckte. Ich wollte dieses Wort unbedingt einmal in einem meiner Werke benutzen, auch wenn ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass ich einmal Mangaka werden würde. Allgemein habe ich eine Vorliebe für die deutsche Aussprache. Ich finde, die deutsche Sprache klingt einfach sehr cool und elegant. Sie gefällt mir sehr gut, deshalb verwende ich viele deutsche Begriffe in meinen Manga.

Sumikai: Sowohl Brynhildr in the Darkess als auch Elfen Lied inspirierten Anime-Adaptionen. Bekamen Sie die Gelegenheit, bei der Umsetzung mitzuwirken? Und waren Sie letztendlich mit der jeweiligen Anime-Umsetzung zufrieden? 

Lynn Okamoto: Ich habe vor allem an den Drehbuch-Meetings teilgenommen. Ich diskutierte oft mit den Anime-Produzenten, habe aber, wenn es zu Meinungsverschiedenheiten kam, immer der Meinung der Experten den Vorrang gelassen. Bei Elfen Lied war zum Schluss die Umsetzung so gut und erfolgreich, dass Leute die Anime-Version dem Original vorgezogen haben.

Sumikai: Im März startete in Japan Ihr neuer Manga Parallel Paradise. Können Sie dem deutschen Leser als Vorgeschmack erklären, um was es in der Geschichte geht und was sie dazu inspirierte?

Lynn Okamoto: Bei Parallel Paradise handelt es sich wieder um ein Fantasy-Werk, das von Parallelwelten erzählt. Sowohl bei Elfen Lied als auch bei Brynhildr in the Darkness störte es mich, dass die Titel zu viel Erotik und immer wieder ‚Schmuddelszenen‘ enthielten. Daher hatte ich mir fest vorgenommen, ein Werk ohne Ecchi-Faktor zu zeichnen, und gleichzeitig wollte ich eine weitere Geschichte mit ausschließlich Erotik und mit sehr ‚versautem‘ Inhalt zeichnen. Im Endeffekt wurde Letzteres zu einer wöchentlichen Serie: Der Manga Parallel Paradise ist total ‚versaut‘.

Sumikai: Möchten Sie unseren Lesern bzw. Ihren deutschen Fans noch ein paar Worte hinterlassen?

Lynn Okamoto: Ich finde die deutsche Sprache sehr cool und habe jetzt viele neue deutsche Wörter gelernt. Selbst ‚Schweinefleisch‘ klingt so cool, dass ich mir vorstellen könnte, dieses Wort einmal in meinen Manga zu verwenden. Solange die Japaner nicht verstehen, worum es bei diesem Wort geht, bin ich mir sicher, dass sie es ebenfalls cool finden werden. Außerdem gibt es hier so viele Biersorten! (lacht) Ich freue mich, auch weiterhin für meine deutschen Fans interessante Werke zu produzieren.

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