Interview mit Nao Hirasawa: Mehr Kooperationen mit internationalen Firmen wären wünschenswert

Nao Hirasawa, der unter anderem an Werken wie Suisei no Gargantia mitwirkte, war zu Gast auf der diesjährigen Connichi in Kassel. Uns beantwortete der Anime-Produzent ein paar Fragen.

Sumikai: Da einige Anime-Zuschauer sich das oftmals nicht vorstellen können: Welche Aufgaben übernehmen Sie als Produzent von Anime-Serien bzw. -Filmen?

Hirasawa: Ein Produzent für japanische Anime sorgt erst mal für die finanziellen Mittel, sucht sich entsprechendes Personal und überlegt sich: An wen richte ich dieses Projekt? Es gibt im Allgemeinen drei Seiten: Die Businessseite, die Kundenseite und die Creatorseite. Diese muss ich gleichzeitig unter einen Hut bringen und miteinander verknüpfen.

Ich erzähle in diesem Zusammenhang gern eine kleine Anekdote. Früher bekam ein Künstler direkt einen Auftrag, von einem König oder der Kirche. Das Projekt beanspruchten diese Institutionen dann für sich selbst, ein Standard zur damaligen Zeit. Eines Tages änderte sich das, als der Auftraggeber nicht mehr für sich selbst, sondern für eine dritte Partei bestellte. Es gab fortan den Geldgeber, den Auftraggeber und den Künstler. Das war der Zeitpunkt, an dem der Beruf des Produzenten entstand. Er ist weder der Regisseur noch der Künstler selbst. Im Lexicon Britannica steht, dass der erste offizielle Produzent am Broadway arbeitete. Sein Name ist mir allerdings nicht bekannt.

Gargantia on the Verdurous Planet
Gargantia on the Verdurous Planet (Suisei no Gargantia)

Sumikai: Welche Qualifikationen muss eine Person mitbringen, die diesen Beruf ausüben möchte?

Hirasawa: Die Qualifikationen eines Produzenten unterteilen sich in zwei Aspekte: Technik und Mindset.

Zuerst zur Technik: Ein Projekt ähnelt einer Firmengründung. Man muss einen Mehrwert definieren, Geldgeber, Künstler und Mitarbeiter suchen und die Zielgruppe definieren. Dafür braucht man kreatives Wissen, finanzielles Wissen, Wissen über entsprechende Gesetze aber auch PR und Marketingkenntnisse. Diese Eigenschaften sind unabdingbar für meinen Beruf. Einzig, was ich bei einer Firmengründung brauche, bei einem Anime-Projekt allerdings nicht, sind Immobilien und Gesetze über die Firmengründung, alles andere ist wichtig. Zudem muss ich meine Mitarbeiter unterteilen, sodass jeder seine Kraft entsprechend einsetzen kann. Das Berufsfeld ist sehr weit gefächert. Wenn ich zusammenfassend eine wichtige Eigenschaft herausstellen müsste, würde ich sagen: Entscheidungen treffen können.

Nun zum Mindset. Eine Produktion besteht aus vielen kleineren Entscheidungen. Ich muss versuchen, aus jedem Mitarbeiter das Beste herauszuholen und zudem über wichtige Dinge entscheiden. Dazu brauche ich vor allem drei Eigenschaften: Flexibilität, Servicebereitschaft und mentale Kraft. Mit diesen Fähigkeiten kann man innerhalb von zwei Jahren und mehreren Milliarden Yen ein Projekt zusammenstellen. Die ausländischen Fans sagen, dass es zurzeit viel zu viele Anime-Projekte in Japan gibt. Allerdings gibt es zwei bis dreimal so viele Projektplanungen, von denen ein Großteil niemals zustande kommt. Eine Anime-Produktion ähnelt einer Reise. Wir Produzenten sind die Reiseleiter und müssen dafür sorgen, dass unsere Mitarbeiter Spaß am Projekt haben, sich sicher fühlen und motiviert bei der Sache bleiben.

Ich möchte noch hinzufügen, dass es ebenso wichtig ist, überzeugt von seinem Projekt zu sein. Besonders bei einem Original, das auf keiner Vorlage basiert, sollte man sein Projekt voller Stolz präsentieren können. Dinge, die nur auf Logik basieren, sind für den Zuschauer nicht besonders interessant. Wenn der Hauptcharakter vor dem unbesiegbaren Feind wegrennen würde oder dem Feind ständig aus dem Weg geht, wäre das zwar logisch, allerdings für den Zuschauer uninteressant. Man muss also versuchen, das Unlogische in einen spannenden Kontext zu packen und daran überzeugt weiterarbeiten.

Sumikai: Aktuell werden pro Jahr immer mehr Anime-Titel produziert. Was halten Sie von diesem Trend und worin liegen bei diesem Vorgehen die Vor- und Nachteile?

Hirasawa: Allgemein gesagt: Auch in Japan sehen viele diese Entwicklung als negativ an. Die Kreativität ist begrenzt, sowie die Mitarbeiter und deren Leistungen. Dass die Anzahl aber dennoch steigt, bedeutet für viele einen Verlust im Content. Ich kann diese Meinung nachvollziehen, sehe allerdings auch eine Chance darin. Je mehr Projekte gestartet werden, desto mehr Regisseure muss es geben und umso mehr Chancen gibt es auch. Dadurch können sich viel mehr Künstler beweisen und ihre Werke präsentieren. Neue Studios legen sich immer mehr ins Zeug, um zu zeigen, was sie können.

Ich möchte, dass auch im Ausland diese neuen Künstler und Studios mehr Aufmerksamkeit bekommen. Unter den vielen Werken gibt es auch viele Investitionen aus dem Ausland. Beispielsweise Netflix oder auch verschiedene chinesische Firmen investieren in Anime. Daher sind viele Projekte für das Ausland ausgelegt und gar nicht mehr auf den japanischen Markt beschränkt. Konkret bedeutet das, dass nun auch Projekte verwirklicht werden, die in Japan nie eine Chance gehabt hätten. Ich würde mich daher sehr freuen, wenn noch mehr Projekte aus dem Ausland finanziert würden und ihr diese dann natürlich auch anseht.

Sumikai: Welche wesentlichen bzw. groben Unterschiede bestehen im Produktionsablauf von Filmen und Serien?

Hirasawa: Hier gibt es mehrere Aspekte, ich möchte zunächst auf den geschäftlichen eingehen. Bei einer Serie wird der Inhalt öffentlich präsentiert. Erst nachdem der Kunde das Produkt bereits gesehen hat, kauft er die entsprechenden DVDs oder auch das Merchandise. Das Geld wird erst im Nachhinein verdient. Bei einem Film gibt man dem Kunden zunächst wenig Informationen und versucht, diesen dann zu einem Kauf zu locken. Man muss dem Kunden das Gefühl geben, dass es sich lohnt, dafür zu bezahlen, auch wenn er den Inhalt noch gar nicht kennt. Dahingehend unterscheidet sich die Produktion bereits im Vorfeld.

Nun komme ich zum kreativen Teil. Sowohl bei einer Serie als auch einem Film ist es sehr wichtig, den Hauptcharakter besonders attraktiv zu gestalten. In einer Serie hat man in der Regel zwölf Folgen zu je 20 Minuten, das heißt rund 240 Minuten Zeit, um den Inhalt der Serie zu beschreiben und zu gestalten. Das bedeutet, man kann die Beziehungen der Figuren und die Handlungen viel deutlicher beschreiben und hervorheben. In einem Film hat man zwischen 90 und 120, maximal 140 Minuten Zeit, alles unterzubringen. Hier legt man besonders viel Wert auf die Raumgestaltung des Films. Im Prinzip möchte ich den Kunden in der Dunkelheit einsperren und vor einen Fernseher setzen. Ich muss alles um den Charakter herum beschreiben und verdeutlichen. Das heißt zusammengefasst, in einer Serie ist die Handlung wichtiger, in einem Film der Ort.

Auf Netflix kann man sehr viele verschiedene Dramen aus dem Ausland ansehen, die fantastische Geschichten erzählen. Im Gegensatz dazu ist ein Kinobesuch eher ein Erlebnis, vergleichbar mit einem Besuch auf einem Stadtfest. Man genießt das Event drum herum und nicht nur den Film an sich. Bei einer Serie möchte man viel eher die eigentliche Geschichte verfolgen.

Luke aus Phantom in the Twilight
Phantom in the Twilight

Sumikai: Welches Ihrer bisherigen Werke blieb Ihnen besonders in Erinnerung und warum?

Hirasawa: Ich würde sagen: Suisei no Gargantia. Es war mein erstes erfolgreiches Originalwerk, vorher arbeitete ich nur an Projekten, die auf Manga-Vorlagen basierten. Daher wollte ich unbedingt, dass Suisei no Gargantia ein Erfolg wird. Ich freue mich, dass die Serie heute so viele Fans, auch hier in Deutschland, zählt.

Sumikai: Mit Phantom in the Twilight läuft Ihre neueste Produktion aktuell hierzulande bei Crunchyroll im Simulcast. Was macht Ihrer Meinung nach den Charme dieser Serie aus und worin lagen die Herausforderungen?

Hirasawa: In Phantom of the Twilight geht es um eine autonome Frau, die versucht einen neuen Ort für sich zu finden. Das Projekt wird komplett von einer chinesischen Spielefirma finanziert. Der Auftrag lautete, ein möglichst positives Porträt eines chinesischen Teenagers zu erschaffen. Auf der Karte liegen China und Japan zwar nah beieinander, aber mental gibt es immer noch sehr große Diskrepanzen.

Wir sind daher oft nach Shanghai und Peking gereist und haben vor Ort mit Teenagern gesprochen. Dabei ist uns besonders aufgefallen, dass die chinesischen Frauen einen starken Willen haben und danach streben, sich selbst zu erkennen. Bei Japanerinnen ist das nicht der Fall. Daher haben wir sozusagen ein No Go für den japanischen Anime-Markt begangen, indem wir als Hauptfigur eine autonome Frau gewählt haben. Natürlich gibt es auch in japanischen Anime selbsthandelnde Frauen, wie beispielsweise in Sailor Moon oder Kill la Kill. Allerdings sind diese Frauen noch Kinder, für erwachsene Frauen wäre das in Japan kein Thema mehr. Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr bis zum Schluss verfolgt, wie unsere Hauptfigur sich ihr eigenes Leben in London gestaltet.

Sumikai: Welchen Einfluss nehmen ausländische Zuschauer auf die Produktion von Anime-Filmen bzw. -Serien?

Hirasawa: Durch Events wie eben die Connichi können Fans uns direkt ihre Meinung mitteilen. Diese Information ist eigentlich noch topsecret, aber wir haben eine konkrete Anfrage einer europäischen Spielefirma bekommen. Die Besitzer haben wohl schon als Kinder gern japanische Anime angesehen und wären an einer Kooperation mit uns interessiert. Dies ist natürlich auch eine Möglichkeit, ganz konkret an unserer Arbeit teilzuhaben. Daher mein Appell an alle Kreativen: Es wäre sehr schön, wenn man in Zukunft öfter Kooperationen mit internationalen Firmen arrangieren könnte. Und an alle Unkreativen: Sprecht uns auf Veranstaltungen wie die Connichi an und teilt uns eure Meinung mit, das ist uns wichtig. Außerdem wäre es wünschenswert, wenn ihr Anime auf legalem Wege anschaut. Auch wenn wir weit entfernt sind, wir bekommen mit, wenn ihr das tut.

Sumikai: Möchten Sie unseren Lesern bzw. deutschen Anime-Fans zu guter Letzt etwas mitteilen?

Hirasawa: Auch wenn wir in Japan sitzen, wir wissen, dass es in Deutschland viele Fans gibt, die uns unterstützen. Mein allererster Job, als ich neu in der Branche war, war es, Anime-Lizenzen ins Ausland zu verkaufen. Dort sah ich, wie viele deutsche Fans Anime aus Japan mögen und danach verlangen. Ich hoffe, dass die Anime-Szene in Zukunft noch internationaler wird. Es ist nicht unrealistisch, dass eine deutsche Firma an der Produktion eines Anime unmittelbar beteiligt ist. Wir können nun deutschen Content im japanischen Animationsstil erstellen und ähnliche Kooperationen. Ich freue mich, dass wir zusammen Anime genießen können, aber ich würde mich auch über noch mehr Projekte in der Zukunft freuen, die wir gemeinsam gestalten können. Außerdem möchte ich eine noch größere Interaktion zwischen den Fans und den Künstlern schaffen. Ich würde mich also freuen, wenn ihr weiterhin die Anime-Produktion unterstützt!

Sumikai: Vielen Dank für das Interview, Herr Hirasawa!

Hirasawa: Es hat mich sehr gefreut.

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