Tokyopop im Interview zu deutschen Manga-Eigenproduktionen 2016

Tokyopop-Geschäftsführer Dr. Joachim Kaps beantwortete die Fragen von Sumikai zu den Manga-Eigenproduktionen des Verlages und der deutschen Szene 2016.

Letztes Wochenende öffnete die Connichi (16. bis 18. September in Kassel) für drei Tage ihre Pforten. Unter anderem konnte man auf der Anime-Convention erstmals das fünfte und finale Heft des Boys-Love-Manga Sternensammler der deutschen Zeichnerinnen Sophie Schönhammer und Anna Backhausen bei Tokyopop erwerben.

Dies zum Anlass nehmend, haben wir Dr. Joachim Kaps von Tokyopop zu einem Interview gebeten. Darin stellen wir einerseits Fragen zu Tokyopops neuesten deutschen Manga-Eigenproduktionen 2016 – Sternensammler und Nana Yaas Shonen-Hit Goldfisch –, aber sprechen ebenfalls allgemeinere Themen an. Zuletzt darf natürlich ein Blick aufs nächste Jahr nicht fehlen.

Sumikai: Auf Facebook bezeichnete Tokyopop Sternensammler 5 als „(vorerst?) letztes Heft“. Was hat es mit der Bemerkung auf sich? Ist bereits eine Fortsetzung von Sophie Schönhammers und Anna Backhausens Manga geplant?

Kaps: Glückwunsch, da habt ihr aufmerksam gelesen. Ja, die großartige Qualität von Sternensammler und das überwältigende Feedback der Fans haben uns dazu bewogen, mit Anna und Sophie über eine Fortsetzung des Projekts zu sprechen. Wir glauben alle, dass es noch viele spannende Geschichten über Fynn und Niko zu erzählen gibt.

Sumikai: Wie ist die bisherige Resonanz auf die Sternensammler-Hefte zu bewerten?

Kaps: Wer auch nur eine Signierstunde von Anna und Sophie im Laufe des Jahres bei den Cons gesehen hat, konnte da die Antwort auf die Frage live erleben. Das Feedback ist fantastisch und hat am letzten Wochenende mit dem Pocchi-Award für Sternensammler seinen Höhepunkt erfahren. Richtig komplett wird die Resonanz erst dann sein, wenn auch das Buch erschienen ist, weil von Beginn an die Kombination der beiden verschiedenen Publikationen der entscheidende Punkt an dem Konzept war. Ich zweifle aber nicht daran, dass auch das Buch erfolgreich sein wird.

Sumikai: Warum wurde Sternensammler zuerst kapitelweise veröffentlicht und Nana Yaas Goldfisch gleich als Sammelband?

Sternensammler © Sophie Schönhammer, Anna Backhausen/ TOKYOPOP GmbH, 2016

Kaps: Uns ist wichtig, dass wir für jedes einzelne Projekt, das wir veröffentlichen, den aus unserer Sicht jeweils richtigen Ansatz für das Thema finden. Im Falle von Sternensammler und Goldfisch sind wir davon ausgegangen, dass die Zielgruppen der beiden Themen sich sehr stark unterscheiden. Wir wissen aus Erfahrung, dass sehr viele begeisterte Boys-Love-Fans auch Conventions besuchen und zudem online extrem gut miteinander vernetzt sind. Daher waren wir der Meinung, dass das Konzept mit den Heften hier gut umzusetzen sein würde.

Bei Goldfisch ist die Zielgruppe durch das Thema viel weiter gefasst, daher kam es hier vor allem darauf an, möglichst schnell ein breites Publikum zu erreichen, was leichter über das Taschenbuch umzusetzen ist. Und der Verkaufserfolg hat uns Recht gegeben. Goldfisch war der erfolgreichste Neustart „made in Germany“, seit Media Control und die GfK Manga-Verkäufe in Buchhandlungen messen.

Sumikai: Wird es dieses Konzept der einzeln veröffentlichten Kapitel in edlerer Aufmachung auch in Zukunft bei Tokyopop für deutsche Manga geben, oder wird man sich eher wie bei Goldfisch direkt auf Sammelbände mit eventuell schicken Extras, z.B. Pappaufsteller, konzentrieren?

Kaps: Wie gerade erläutert, wird das immer vom Thema abhängen. Wir wollen mit möglichst großer Flexibilität für jeden Manga den unserer Meinung nach besten Weg finden.

Sumikai: Drei Wochen nach Veröffentlichung musste Goldfisch, Band 1 bereits nachgedruckt werden. Wie ist dieser große Andrang auf den Titel zu erklären? Oder war die Auflage von vornherein eher klein?

Kaps: Die Erstauflage war alles andere als klein, sondern konnte sich durchaus mit japanischen Serien messen. Umso mehr haben wir uns natürlich darüber gefreut, dass sie so schnell vergriffen war. Nana hatte bei dieser Serie wirklich ein goldenes Händchen.

Sumikai: Goldfisch, Band 1 schaffte es bereits mehrmals in Tokyopops wöchentliches Top-20-Ranking, darunter auch auf Platz 1. Wie wichtig ist es für einen Manga, in der Top-Liste zu landen, um als erfolgreich eingestuft zu werden?

Kaps: Die Platzierung an sich ist für uns gar nicht so wichtig. Wichtiger ist an sich, in welchem Verhältnis die tatsächlichen Verkaufszahlen zu unseren Planzahlen stehen. Jedes Projekt hat seine eigene Logik. Der Erfolg muss am Ende im richtigen Verhältnis zu dem stehen, was wir in ein Projekt investieren. Manche Bücher können schon mit 4.000 verkauften Büchern erfolgreich sein, andere müssen eher den fünfstelligen Bereich erzielen. Und neben dem Erfolg im Inland spielt langfristig bei manchen Projekten auch eine Rolle, ob sie auch im Ausland erfolgreich sein können.

Sumikai: Was kann bereits zum Sternensammler-Sammelband und Goldfisch, Band 2 verraten werden?

Nana Yaa
Goldfisch © Nana Yaa Kyere/Tokyopop GmbH 2016

Kaps: Vor allem, dass beide ganz fantastische Bücher von großartigen Autorinnen sein werden. Aber im Ernst: Beide Bände werden zur Leipziger Buchmesse erscheinen, und wir geben uns größte Mühe, beide bestmöglich zu verpacken. Tolle Inhalte sollten auch eine tolle Präsentation und ein gutes Marketing erhalten. Die Autorinnen haben uns mit fantastischen Inhalten versorgt, ihre Verpackung und Vermarktung ist jetzt unser Job.

Sumikai: Spielt es eine Rolle, wie groß die eigene Fanbase und der Bekanntheitsgrad sind, wenn es um die Chance geht, bei Tokyopop als Zeichner genommen zu werden? Und könnte dies (gerade im wirtschaftlichen Sinne) eventuell ausschlaggebender sein als die Qualität der Zeichnungen?

Kaps: Nein, das spielt eigentlich keine entscheidende Rolle. Natürlich kann die Bekanntheit eines Mangaka in unserer Zeit dazu beitragen, ein Projekt erfolgreicher zu vermarkten, aber vor allem anderen sind für uns die Qualität von Story und Zeichnungen wichtig. Was eine gute Geschichte und gutes Artwork sind, hängt dabei nicht so sehr von unserem subjektiven Geschmack ab, sondern vor allem davon, ob wir uns vorstellen können, dass eine Umsetzung die jeweils anvisierte Zielgruppe erreichen kann. Um mal ein Beispiel aus dem Bereich Comic zu wählen: Walter Moers war mit dem Kleinen Arschloch zu seiner Zeit enorm erfolgreich, aber er hätte nie von sich behauptet, ein großartiger Zeichner zu sein. Bei den Geschichten, die er erzählen wollte, spielte das aber auch gar keine so große Rolle.

Sumikai: Fans deutscher Manga-Eigenproduktionen sind speziell online und auf Veranstaltungen sehr präsent. Wie lässt sich dieses Online-Image auf die allgemeine Manga-Leserschaft ummünzen? Gibt es da immer noch Vorurteile gegenüber deutschen Manga-Zeichnern?

Kaps: Im Gegenteil, denke ich. Die Diskussion über die Herkunft von Zeichnern wird eigentlich nur in einer sehr kleinen Kern-Community überhaupt geführt. Den gelegentlichen Lesern von Manga, die für hohe Verkaufszahlen genauso wichtig sind wie der Inner Circle, ist am Ende völlig schnuppe, ob Zeichner aus Tokio, Helsinki oder Gummersbach kommen, die wollen vor allem eine gute Geschichte lesen. Im Rest des Buchmarkts ist das ja auch nicht anders.

Sumikai: Welchen Einfluss nehmen japanische Lizenzverhandlungen auf das Angebot deutscher Eigenproduktionen bei Tokyopop? Gibt es etwa bei mehr erfolgreicheren Lizenzierungen weniger Platz für Eigenproduktionen im Programm?

Kaps: Nein, wir finden es offen gestanden auch eher amüsant, wenn in Foren solche Theorien aufgestellt werden, wie viele Titel angeblich welchen Bereichen zugeordnet sind. Natürlich gibt es in unseren Planungen grobe Strukturen für Programmfelder, weil wir die potenziellen Käufer bestimmter Themenfelder auch nicht überfordern wollen, aber Wechselwirkungen zwischen japanischen Lizenzen und deutschen Themen gibt es ganz sicher nicht.

Sumikai: Wie sieht die redaktionelle Betreuung deutscher Zeichner bei Tokyopop aus? Was für einen Einfluss nimmt diese auf den Inhalt des Manga?

Kaps: Ich hoffe, einen guten. Uns ist derzeit vor allem wichtig, dass wir einen Beitrag dazu leisten, dass die Geschichten in unseren Manga-Produktionen besser erzählt werden. Zeichnerisch hat sich die deutsche Mangaka-Szene in den letzten Jahren sehr stark verbessert, und in vielen Fällen erreichen die Produktionen ein sehr hohes Niveau. Mit Blick auf das Erzählen von Geschichten sah es lange etwas anders aus.

Hier setzt derzeit vor allem die Arbeit von Yannick Grotholt an, der zurzeit eine ganze Reihe deutscher Zeichner bei uns betreut. Er hat an der Filmakademie in Ludwigsburg mit dem Schwerpunkt Drehbuch studiert, eigene Filmprojekte realisiert und auch für internationale Produktionen Comic-Szenarien entwickelt. Dadurch bringt er das nötige Handwerkszeug mit, um den Aufbau der Stories zusammen mit den Zeichnern auf Herz und Nieren zu prüfen und weiterzuentwickeln. Und die Zeichner wissen diese intensive Zusammenarbeit wirklich zu schätzen.

Comic- und Manga-Zeichner müssen ja idealerweise exzellente Zeichner, Texter, Bühnenbildner und Regisseure in einem sein. Das sind doch sehr hohe Herausforderungen an die oftmals sehr jungen Autoren. Hier unterstützend einzugreifen, ist schon immer unser Anspruch gewesen, und ich bin recht stolz darauf, dass wir das durch Yannicks Arbeit besser denn je zuvor können. Im kommenden Jahr werden noch eine Reihe weiterer Projekte erscheinen, mit denen wir an den außerordentlichen Erfolg von Goldfisch anknüpfen wollen.

Sumikai: Wie jedes Jahr hat Tokyopop auch 2016 auf Messen Mappensichtungen gemacht. Welche Trends/gehäuften Merkmale lassen sich unter den deutschen Zeichnern erkennen?

Kaps: Es wäre unfair, das pauschal beantworten zu wollen, weil hinter jedem Termin ein individuelles Talent in einer sehr spezifischen Phase seiner persönlichen Entwicklung ist. Was man dennoch sagen kann: Heute kommen zwar weniger Leute zu den Mappensichtungen als noch vor zehn Jahren, aber dafür ist die Qualität der Mappen sehr viel höher als früher.

Ich denke, es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass Mangaka kein Beruf für Traumtänzer, sondern ein ziemlich harter Job ist. Und das schreckt all die Leute ab, die es vielleicht doch nicht ganz so ernst mit ihrer Arbeit an Manga meinen. Das ist für die Termine auf den Messen aber eher besser, weil wir so mehr Zeit für die einzelnen Mangaka haben.

Was noch auffällt: Die Zeichner der jetzigen Generation haben sich weitgehend davon befreit, japanische Vorbilder zu kopieren. Termine, in denen man sich 50 Dragon Ball-Zeichnungen, aber keine eigenen Entwürfe anschaut, sind heute eher die Ausnahme. Das ist aber auch gut so, denn wir suchen nach Leuten mit eigenen Ideen.

Sumikai: Wie hat Tokyopop die deutschsprachige Manga-Zeichner-Szene 2016 allgemein wahrgenommen?

Kaps: Mit gemischten Gefühlen. Was beim Schlendern durch die Doujinshi-Märkte schade ist: Es gibt sehr viele junge Zeichner, die „nur“ noch Bilder zeichnen und anbieten, aber keine Geschichten mehr erzählen. Das hat natürlich auch seine Berechtigung, ist aber auf Dauer eine zu schmale Brücke in die Zukunft. Manga-Leser wollen ja eben nicht nur Bilder anschauen, sondern vor allem Geschichten lesen. Hier könnte sich durchaus noch mehr tun.

Auf der anderen Seite sind aber 2016 einige der besten Werke publiziert worden, die je das Licht des deutschen Marktes erblickt haben. Dazu zähle ich nicht nur Sternensammler und Goldfisch in unserem Programm, sondern z.B. auch Das Liberi-Projekt bei Carlsen oder Vergessen von Racami. Diese Werke zeigen zugleich die enorm große Bandbreite auf, die die deutsche Szene inzwischen entwickelt hat. Das macht sehr viel Mut mit Blick nach vorne.

Sumikai: Bei Tokyopop sind bereits Werke vieler namhafter deutscher Manga-Zeichner erschienen. Danach sind diese aber oftmals zu anderen Verlagen gewechselt oder veröffentlichen im Eigenverlag. Woher kommt diese „Abwanderung“?

Kaps: Offen gestanden habe ich das in keinem Fall als „Abwanderung“ betrachtet. Bei Christina Plaka und Inga Steinmetz war es eher so, dass die beiden nach vielen für uns produzierten Büchern Projekte umsetzen wollten, die nicht richtig in unser Programm gepasst haben und daher dann bei Carlsen gelandet sind. Natalie Wormsbecher war irgendwann als Redakteurin bei uns angestellt und wollte mit Schwarzer Kater einen Online-Comic machen und ihn selbst verlegen, weil eine Serie für uns einen schnelleren Rhythmus verlangt hätte.

Aber Zeichner sind ja auch keine Angestellten eines Verlags, sondern freischaffende Autoren. Ich würde immer jedem empfehlen, den für das jeweilige Projekt passenden Verlag zu suchen. Das ist inzwischen auch in Japan nicht mehr ungewöhnlich, wie man an Yuki Kodama, Boichi oder Atsushi Ohkubo sehen kann. Natürlich freuen wir uns, wenn Zeichner lange mit uns zusammenarbeiten, aber wir würden umgekehrt auch nicht wahllos alle Projekte verlegen, nur um einen Zeichner an uns zu binden.

Sumikai: Wie groß ist das Interesse Tokyopops, weitere Projekte mit einmal unter Vertrag genommenen Zeichnern einzugehen?

Kaps: Grundsätzlich ist es groß, wenn die Projekte passen. Grundsätzlich kann man bei einer dauerhaften Zusammenarbeit sicher auch mehr miteinander erreichen, aber wie gesagt: die Themen und Ideen müssen dann auch zu einem Verlag passen.

Sumikai: Worauf dürfen sich Fans der deutschsprachigen Manga-Zeichner-Szene 2017 bei Tokyopop freuen?

Kaps: Auf eine ganze Menge. Neben den Fortsetzungen zu unserer beiden schon erwähnten Hits starten wir mindestens drei neue Serien mit deutschsprachigen Autoren, vielleicht sogar noch eine vierte. Und da uns der Inhalt fast aller ersten Bände schon vorliegt, wage ich einfach mal zu behaupten, dass 2017 einen neuen Level in Sachen deutscher Manga bei TOKYOPOP definieren wird. Mit welchen Zeichnern und Zeichnerinnen wir die Projekte umsetzen, werden wir aber erst nach und nach bekanntgeben. Lasst euch überraschen.

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