Takeshi Kitano – Japans einflussreichster Filmemacher und Unterhaltungskünstler im Porträt


Takeshi Kitano, der einflussreichste Filmemacher Japans, ist zugleich auch der größte Krtiker seines Landes

Als die japanische Regierung kurz nach der verheerenden Tsunami-Katastrophe 2011 anfing, blaue Arbeiteruniformen zu tragen, um ihre Einsatzbereitschaft und Solidarität mit den Opfern zum Ausdruck zu bringen, platzte dem japanischen Unterhaltungskünstler und preisgekröntem Regisseur Takeshi Kitano in der TV-Sendung 7 Days Newscaster wie so oft, der Kragen: „Was sollen denn diese blauen Arbeiteruniformen? Die sollten lieber direkt ins Krisengebiet reisen, statt so eine Show aufzuziehen“. Den japanischen Handelsminister Banri Kaieda verpönte Kitano mit den Worten „Kühl gefälligst selbst die Reaktoren“, nachdem an die Öffentlichkeit kam, dass dieser Feuerwehrleuten mit einer Strafe drohte, sollten sie einem verlängerten Einsatz im Atomreaktor von Fukushima nicht zustimmen. Kaum ein anderer vermag es, solch direkte Kritik in der japanischen Öffentlichkeit zu äußern. Die (meisten) Japaner lieben ihn dafür. Seine unverblümte Direktheit, sein zynischer Humor und seine respektlose Art gegenüber Autoritäten sind der Grund, weshalb viele seiner Landsleute bei Umfragen angegeben haben, dass sie Ihn am meisten bewundern und sich am Liebsten mit ihm zu einem Trinkgelage treffen würden.

Kitano als einer der einflussreichsten Filmemacher seiner Zeit

Wer ist aber der Mann, der nahezu täglich in unterschiedlichen TV-Formaten über die Bildschirme flimmert und den die Japaner so bewundern? Im Westen ist Takeshi Kitano vor allem als Filmemacher bekannt, der sich mit seiner Gangsterfilmtrilogie Violent Cop (1989), Boiling Point (1990) und Sonatine (1993) als international erfolgreicher Regisseur etablierte und dessen Werk Hana-Bi 1997 mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet wurde. Nicht nur schreibt Takeshi Kitano seine Drehbücher selber, er produziert sie, führt Regie und ist mitunter sogar für den Schnitt zuständig. In einer Vielzahl seiner Werke übernimmt der Meister gleich selbst die Hauptrolle und spielt den wortkargen und unergründlichen Einzelgänger, mit dem man sich besser nicht anlegen sollte, da dieser einen plötzlich und unverhofft mit exzessiven Gewaltausbrüchen straft.

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Takeshi Kitano in seinem Yakuza-Film „Outrage“ (2010)
„Ich will, dass meine Zuschauer den unerträglichen Schmerz der Protagonisten am eigenen Leib spüren“

Es ist eben diese Mischung aus langen statischen Aufnahmen der Ruhe und Szenen unbarmherziger Gewalt, die viele seiner Filme bestimmt. Gewalt explodiert hier häufig aus der Stille heraus und trifft den Zuschauer völlig unerwartet, dafür aber umso schmerzhafter. Mit seiner erbarmungslosen Darstellung von Gewalt grenzt sich der Regisseur von vielen Hollywoodfilmen ab, in denen Gewalt häufig zum Selbstzweck dient und als Unterhaltungsmittel eingesetzt wird. „Ich will, dass meine Zuschauer den unerträglichen Schmerz der Protagonisten am eigenen Leib spüren. Gewalt ist ihrem Wesen nach schmerzhaft und jeder, der zu ihr greift, wird unvermeidlich von ihr eingeholt“. Die meisten seiner lebensmüden und von einer gewissen inneren Leere gebeutelten Protagonisten sind sich dessen bewusst und der Tod spielt in Kitano’s Filmen eine ebenso zentrale Rolle wie der Wertezerfall der Gesellschaft, Macht, Geld, Rache, Verrat, Treue, Freundschaft und Liebe. Dabei verzichtet der Meister des Films weitgehend auf Dialoge und bedient sich atmosphärischen und lyrischen Bildern, die abseits des Sichtbaren ins Innerste seiner Protagonisten führen und tiefe Gefühle offenbaren. Nonverbale Kommunikation ist in Takeshi KItano’s Filmen ohnehin die höchste Form des Umgangs und mit Hilfe der oftmals statischen Kameraführung, dem sparsamen Einsatz von dramatisierender Musik und Effekten, sowie seinem subtilen und trockenen Humor, vermag er es wie kaum ein anderer, eine möglichst große Wirkung beim Zuschauer zu erzielen.

Beat Takeshi vs. Takeshi Kitano – Ein Mann mit vielen Gesichtern

Takeshi Kitano ist jedoch weit mehr als ein begnadeter und international gefeierter Filmemacher. Vielmehr hat er so viele Gesichter, dass man sich wünschen möchte, er wäre der Einfachheit halber eben doch nur ein Regisseur und Schauspieler. Dem japanischen Publikum ist er weniger als Filmemacher, sondern als einer der populärsten Unterhaltungskünstler im nationalen Fernsehen ein Begriff. Hier kennt man ihn primär unter dem Namen „Beat Takeshi“ – ein Überbleibsel aus den Siebziger Jahren, als er sich als Bestandteil des populären Komikerduos The Beat Takeshis erstmals einen Namen machte. Noch heute ist er als Comedian und Entertainer einer der einflussreichsten und beliebtesten Figuren im japanischen Fernsehen. Und als wäre das noch nicht genug, arbeitet er nebenbei noch als Autor, Kolumnist, Maler, Sportkommentator und Poet.

Takeshi Kitano Brother - Takeshi Kitano – Japans einflussreichster Filmemacher und Unterhaltungskünstler im Porträt
‚Beat Taskeshi‘ mit Claude Maki & Omar Epps in BROTHER (2000) © Sony Pictures Classics
Takeshi’s Castle – Seidene Roben, menschliche Bowlingkugeln, Schädelbrüche und grenzenlose Schadensfreude

Von seinen unzähligen – und zum Teil selbst inszenierten – Unterhaltungsshows hat zumindest eine internationalen Kultstatus erreicht: Takeshi’s Castle, die Game-Show aus den 80er Jahren, in der in jeder Episode ca. 120 Kandidaten diverse und zum größten Teile herrlich sinnfreie Challenges meistern müssen, um die Burg des Fürsten Takeshi zu erstürmen. Wer nicht z.B. als menschliche Bowlingkugel abgeschossen wurde oder in eine der vielen Schlammgräben fiel, der durfte zum großen Showdown mit Wasserpistolen auf den Fürsten und seine Leibgarde feuern und verlor trotzdem. In einem wahren Taumel der Schadenfreude genossen Millionen Zuschauer weltweit die erfolgreiche Realversion eines Jump’n’Run Spiels. Nur wenige brachten den in seidenen Roben gekleideten Fürsten aus Takeshi’s Castle in Verbindung mit dem wortkargen und eiskalten Gangster, den er so oft in seinen Yakuza-Filmen verkörpert.

„Der Japaner von heute ist stumpf und geistlos“

Takeshi Kitano selbst sieht sich irgendwo zwischen Komik und Ernsthaftigkeit, seine Psyche brauche die beiden Extreme, um nicht an Energie zu verlieren. Ob lebensmüder Gangster oder humorvoller TV-Superstar –  Viele Japaner lieben und respektieren Kitano. Nicht zuletzt, weil er provoziert und ausspricht, was manch andere kaum zu denken wagen. So hält er der Gesellschaft nicht selten einen Spiegel vor und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund: „Der Japaner von heute ist stumpf und geistlos“. Noch weniger zimperlich geht er mit den Politikern ins Gericht. „Ich sehe nur einen Unterschied zwischen Yakuza und Politikern: Yakuza wissen wenigstens, dass das, was sie tun, unrecht ist“. Auch die heimische Filmbranche ist von seiner unverblümten Kritik nicht verschont geblieben. In einer Talk-Runde im Rahmen des Tokyo International Film Festival im Oktober 2014, äußerte er seine Abneigung gegenüber Anime („Ich hasse Anime, besonders die Filme von Hayao Miyazaki“) und bei der Verleihung der Samurai-Awards in Tokyo (2014) klagte er an, dass nur die Filme der großen Produktionsstudios die meisten Awards bekommen würden und dass es der heimischen Industrie an originellen Regisseuren fehle. Jungen Filmemachern riet er, sich nicht mit den großen Produktionsfirmen abzugeben. Immerhin hat er es auch ohne ihre Hilfe geschafft, zu einem der einflussreichsten Filmemacher weltweit zu avancieren – trotz seiner Unangepasstheit und trotz der Tatsache, dass seine nüchterne und kompromisslose Art der ein oder anderen Autorität im Lande ein Dorn im Auge sein dürfte.


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