Kommentar: Japanologie – eine Hassliebe?

Japanologie ist ein interessantes Studienfach, hat aber neben all den positiven auch negative Seiten. Ein Kommentar von Azathoth.

„Japanologie, oh du holde Schönheit – ich habe dich als die Meine außerwählt, also nimm diesen Ring und lass uns eins werden, bis dass der Tod uns scheidet!“

So oder so ähnlich geht es fast jedem Studenten, nicht nur den Exoten wie mir, die sich als Schwerpunkt im Studium einem Fach wie diesem verschrieben haben. Klar, man kann mit einem Master noch einmal die Richtung wechseln und sich von dieser „Liebe“ trennen – doch die meisten, die ein Fach bis zum Ende durchgezogen haben, entscheiden sich auch dafür, in dieser Disziplin zu bleiben. Bis zu solch einer „Ehe“ ist es jedoch ein langer und vor allem beschwerlicher Weg, den Studenten zu durchlaufen haben; bei manchen Fächern ist er einfacher, bei anderen jedoch schwerer.

Ich selbst schreibe gerade an meiner Bachlorarbeit im Studienfach Ostasienwissen, die Hochzeit (oder eher mein Abschluss) ist also nicht mehr weit entfernt. Und auch, wenn ich zurückblickend sagen kann, dass ich meine Japanstudien liebe und für diese brenne, war der Weg nicht immer einfach.

Lernen, lernen, lernen
Viele Erstsemester (die wir übrigens liebevoll Frischlinge nennen) wissen noch gar nicht so richtig, was bei diesem Studiengang auf sie zukommt. Klar, die japanische Sprache gehört dazu, das weiß jeder. Aber je nach Uni, je nach genauer Studienbezeichnung, gibt es noch zahlreiche andere Schwerpunkte, auf die ihr euch einstellen müsst – und die nicht immer wirklich interessant für jeden sind.

Japanologie Studium
© John Dow / photocase.com

Da wären zum Beispiel klassische Literatur Japans, die Geschichte des Landes von der Besiedelung Japans an bis heute, Politik und Wirtschaft, Vorlesungen über Kultur, Architektur, Religion, Essen und vieles weitere. Für mich waren zum Beispiel (trotz einer sehr guten Hausarbeit) die klassische japanische Literatur sowie das Übersetzen alter japanischer Textsprache ein Graus. Wenn man sich in die Themen ordentlich eingearbeitet hat, geht dies relativ einfach von der Hand – aber sich überhaupt erstmal in ein Thema einzuarbeiten, das einen eigentlich recht wenig interessiert, ist nicht gerade einfach. Selbstdisziplin ist da absolut notwendig.

Selbstdisziplin ist übrigens auch ein Stichwort, das sich durch das gesamte Studium ziehen wird. Entweder, ihr habt sie und kommt gut durch den Stoff – oder ihr habt sie halt nicht. Spätestens hier wird es dann kritisch für viele Studenten: Kann ich mich dazu überwinden, täglich zusätzlich zum Sprachunterricht und den Hausaufgaben noch zu lernen? Schaffe ich es, bis übermorgen noch diese 80 Seiten für mein Seminar zu lesen? Habe ich die Muße, bis morgen noch diesen japanischen Text vorzubereiten?

Als Student der Japanologie hat man eine Menge an Arbeit – vielleicht sogar mehr als in den meisten anderen Studiengängen. Eine komplett neue Sprache zu lernen, die eine gänzlich andere Grammatik und ein derart komplexes Schriftsystem hat, geht ohne ständiges Lernen nicht einfach von der Hand, wenn man kein Genie ist (von diesen hat man übrigens immer ein oder zwei im Jahrgang, sie sind also kein Mythos).

Studienbelastung im Zeitraffer
Hier findet ihr eine kurze Beschreibung, wie ich das Studium von der Arbeitsbelastung her empfunden habe:
1. Semester: „War doch eigentlich ganz leicht..?“
2. Semester: „Oh, ich sollte mal etwas mehr Lernen…“
Interludium; Ende des 2. Semesters: „Ich MUSS lernen, Klausuren kommen, schlimmer kanns nicht mehr werden…“
3. Semester: „Es kann schlimmer werden, aber das ist jetzt der Höhepunkt, oder?“
4. Semester: „Nein, es war nicht der Höhepunkt… Bitte, lass das den Höhepunkt sein…“
Auslandsjahr: „Reisen und Lernen, Freunde finden, Spaß haben und gleichzeitig besser in Japanisch werden – beste Zeit meines Lebens!“
5. Semester: „Ähh… wie geht Uni?“
Interludium; JLPT: „Okay, in zwei Monaten offizieller Sprachtest – LERNEN!“
6. Semester: „Muss ich noch irgendwas machen? Ach ja, meine Bachlorarbeit…“
7. Semester: „Thema endlich gefunden, dann mal Recherche und Schreiben!

Japanologie Studium
© karrierebibel.de

So oder so ähnlich wird es wohl den meisten Studenten der Japanologie ergangen sein. Ihr seht also: Das Studium fängt verhältnismäßig leicht an, wird dann zur absoluten Leistungshölle und erst am Ende recht bequem, wenn man das schwierigste hinter sich gebracht hat. Das sollte einen aber nicht zum Schluss kommen lassen, dass die letzten beiden Semester einfach sind – man hat sich einfach nur so sehr an den Unialltag gewöhnt, dass der Stress zum Alltag geworden ist. Die Zeit unmittelbar nach dem Auslandsjahr war die einzige wirklich seltsame Phase für mich. Da die Lehrveranstaltungen in Japan oft weitaus entspannter sind als an deutschen Universitäten (natürlich gibt es hierbei je nach Uni bzw. Austauschprogramm Ausnahmen), fühlte sich der Wiedereinstieg erstmal etwas seltsam an – dies ging aber sehr schnell wieder vorbei. Übrigens: Nur die wenigsten Japanologen schaffen ihr Studium in der Regelstudienzeit. Die meisten schreiben ihre Bachlorarbeit im 7. Semester – oder noch später.

Nebenjob? Praktika? Bewerbungsstress?
Neben der schieren Menge an Wissen, die ihr für das Studium anhäufen müsst, darf man natürlich nicht die Zusatzqualifikationen außer Acht lassen – diese sind ziemlich unabdingbar, wenn ihr mit Japanologie alleine, ohne zusätzliches Fachwissen einen Arbeitsplatz finden möchtet. Natürlich hilft euch hier eine kluge Wahl des Nebenfachs weiter, aber trotzdem sollte man nicht auf Arbeitserfahrungen verzichten. Also, ein Nebenjob und/oder ein Praktikum müssen her! Oder auch mehr als nur das. Dies alles in den ersten paar Semestern unterzubringen, ist nicht gerade einfach; vor allem im dritten und vierten Semester sind Nebenjobs für viele eine Qual – Belastungsgrenzen werden hier schnell mal überschritten. Glücklich sei derjenige, der genug finanzielle Mittel hat, um sich diesen zusätzlichen Stressfaktor zu ersparen…

Die große Liebe?
Ob man ein Studium der Japanologie als große Liebe bezeichnen kann, bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Für mich persönlich ist sie das – ich liebe das Land, die Menschen und die Kultur Japans, obwohl ich auch vieles an dem Land kritisieren kann. Mit der Atompolitik und der Ausführung der japanischen Finanzpolitik bin ich alles andere als zufrieden – dies alles sind auch Teilsparten, für die sich mein Interesse im Laufe des Studiums erst wirklich entwickelt hat.

Die Japanologie und ich, wir sind zusammen gereift – manchmal haben wir uns gehasst, aber meistens führten wir eine gute Beziehung. Anstrengend, aber immer spaßig und interessant. Deshalb werde ich auch gerne mit ihr in den Bund der Ehe eintreten – und ich bin durchaus gespannt darauf, wohin mich diese Ehe schlussendlich bringen wird.

Unter diesem Link erfahrt ihr mehr über die Fachrichtung Japanologie – und wenn ihr Infos über die Möglichkeiten mit einem absolvierten Studium möchtet, könnt ihr das hier machen.

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