100 Jahre Anime: Anime im deutschen Fernsehen – Die Anfänge

    Der schwierige Start einer lang anhaltenden Freundschaft.

    Im Mai 1996 wurde das nachmittägliche Fernsehprogramm für die jungen Zuschauer nicht nur erweitert – Mit Sailor Moon gelang RTL II die Sensation. Was ein Jahr vorher im Morgenprogramm der ARD noch nicht zündete, entwickelte sich bei RTL II zum nachmittäglichen Gassenfeger. Aber Sailor Moon war bei weitem nicht die erste Serie aus japanischer Produktion, die es ins deutsche TV geschafft hat. Zwar war der Start für Anime kein leichter, trotzdem haben sie es bereits zwischen 1970 und 1990 geschafft, sich im Programm zu etablieren. Nach dem persönlichen Erfahrungen unserer Redakteurin schildern wir euch die Anfänge.

    Sailor Moon Box 2
    Film © 1992 Toei Animation Co.Ltd © Naoko Takeuchi/PNP

    Als mit Mach Go Go Go (Speed Racer) am 18. November 1971 die erste Folge einer animierte Serie über den Bildschirm flimmerte, existierte Sailor Moon vielleicht gerade einmal als Idee im Kopf ihrer Zeichnerin Naoko Takeuchi. Von Weltruhm noch keine Spur. Aber auch Tatsuo Yoshidas Geschichte um den jungen Rennfahrer Go Mifune legte erst einmal einen klassischen Fehlstart hin. Die Serie, die im Nachmittagsprogramm der ARD laufen sollte, wurde nach nur drei von acht geplanten Folgen wieder aus dem Programm genommen. Zu groß waren die Proteste seitens der Eltern, die damals gegen Speed Racer Sturm liefen und die sittliche Entwicklung ihrer Kinder schwer gefährdet sahen. Dass diese den Anime ganz anderes interpretierten, interessierte leider niemanden. Nachdem bei den Verantwortlichen der ARD tausende Zuschriften begeisterter kleiner Zuschauer eingingen, wurde eine Weiterführung ins Auge gefasst. Die Planung wurde aufgrund einer wissenschaftlichen Untersuchung seitens des Senders sowie zahlreicher Briefe besorgter Eltern allerdings später wieder verworfen. Mach Go Go Go war seiner Zeit damals wohl einfach ein wenig voraus, denn als die Serie erneut 1993/1994 auf RTL lief, hat dies niemandem mehr auf die Barrikaden getrieben.

    © 1742 Toei Animation

    Um die aufgeheizten elterlichen Gemüter wieder etwas zu kühlen, entschied die ARD erst einmal auf Serien aus rein japanischer Produktion zu verzichten. Stattdessen sollte ein kleines schwarzes Küken mit der Eierschale nicht nur hinter den Ohren die Zuschauer wieder versöhnen. So startete am 5. Oktober 1972 Calimero. Die italienisch-japanische Koproduktion entstand bei Toei Animation und begleitet das namensgebende Küken Calimero und seine Freunde durch den Alltag in einer kleinen italienischen Stadt. Nachdem die Serie bereits in Frankreich und den Niederlanden erfolgreich lief, ohne dass es Beschwerden gab, bestand auch für den kleinen deutschen Zuschauer anscheinend keine Gefahr hinsichtlich der sittlichen Entwicklung. Zeichnerisch liefert Calimero aber auch schon wirklich viel von dem, was man heute als „typischen Anime-Stil“ bezeichnen würde. So bestehen zum Beispiel die Gesichter der jüngeren Figuren der Serie zum Großteil aus der Augenpartie.

    Wickie
    © 1974 Zuiyo Enterprise

    Da Calimero bei allen Zuschauer-Gruppen gut ankam, beschloss das ZDF in Zusammenarbeit mit dem ORF eine internationale Kooperation zu starten und das Zeichenstudio Zuiyo Animation, dem Vorläufer von Nippon Animation, mit der Produktion einer Kinder-Serie zu beauftragen. Im Zuge dieser Zusammenarbeit entstand, unter anderen, die Adaption von Wickie und die starken Männer. Zuiyo Animation produzierte 78 Episoden und einen Film, wobei bekannte Regisseure wie Hiroshi Saito verpflichtet werden konnten. Wickie feierte am 31. Januar 1974 Premiere im deutschen Fernsehen und kam so einer japanischen Ausstrahlung fast ein viertel Jahr zuvor. Dort startete Wickie erst im April 1974. Seit dem waren Wickie und die starken Männer dauerhafte Begleiter für viele Generationen kleiner Zuschauer. Verschiedene öffentlich-rechtliche Sender nahmen die Serie immer wieder ins Programm auf, allein beim ZDF wurde sie inzwischen über ein dutzend Mal wiederholt. Wickie war und ist eine sehr andere Art Held. Er ist nicht groß, stark oder auffällig, sondern ein kleiner Junge, der es mit Grips und einigen Tricks schafft sich durchzusetzen. Anders als normalerweise sind es nicht die Erwachsenen, welche die Vernunft und Planung repräsentieren, sondern der kleine Wickie. Eine Grundidee, die dem damaligen Bildungsanspruch bei Kinderserien selbstverständlich sehr entgegen kam.

    Biene Maja
    © 1975 Zuiyo Enterprise

    Die Zusammenarbeit zwischen dem ZDF und Zuiyo Animantion lief so gut, dass sie direkt fortgesetzt wurde. Mitsubachi Māya no Bōken (Die Biene Maja) erreichte innerhalb kürzester Zeit Kultstatus und das nicht nur bei der jungen Zielgruppe. Die Serie lief ab September 1976 etwa ein Jahr lang und war die bis dahin erfolgreichste Zeichentrickserie mit drei bis vier Millionen Zuschauern pro Folge. Nachdem Maja Deutschland erfolgreich in ein schwarz-gelbes Blütenmeer verwandelt hatte, begann sie ihren Erfolgszug durch ganz Europa. Maja war damals Kult und ist es heute noch. Spätestens wenn nach einem lauen Familienabend Karel Gott anfängt die deutsche Titelmelodie zu schmettern, werden sich die Vertreter der älteren Jahrgänge wieder einig sein. Damals war alles besser und vor allem die Kinderfilme nicht so gewalttätig wie sie es heute sind. Und dann versucht mal zu erklären, dass Biene Maja kein Kinderfilm im eigentlichen Sinne, sondern ein Anime ist. Viel Glück dabei!

    Kimba der weiße Löwe
    © 1965 Mushi Production

    Der nächste Anime aus rein japanischer Produktion, der es ins deutsche Fernsehen geschafft hat war Kimba, der weiße Löwe. Der Anime wurde 1965, basierend auf der Vorlage des Manga Janguru Taitei von Osamu Tezuka produziert. Obwohl Tezukas eigenes Produktionsstudio Mushi Productions für die Umsetzung der Geschichte verantwortlich war, wurde eine Vielzahl an Änderungen vorgenommen, was vor allem an dem großen Einfluss der amerikanischen Firma NBC lag. NBC wollte den Anime, den ersten jemals in Farbe produzierten, auf dem amerikanischen Markt erfolgreich unterbringen. Da sich die Geschmäcker beim Publikum damals schon sehr unterschieden, musste Kimba dementsprechend angepasst werden. 1977 zeigte das ZDF Kimba das erste Mal in Deutschland. Allerdings wurden nur 39 der ursprünglich 52 Folgen ausgestrahlt. Des Weiteren orientierte sich die Synchronisation an der US-Umsetzung, was man vor allem bei den Namen der Figuren bemerkt. So wurde aus Panja, Kimbas früh verstorbenen Vater Cäsar. Gleichzeitig musste auch Kimba seinen Namen abgeben und wurde in Leo umgetauft.

    Haiji
    © 1974 Zuiyo Enterprise

    Am 18. April 1977 startet der Anime in Deutschland, der auch heute noch das Bild unseres Landes in Japan beeinflusst, Arupusu no Shōjo Haiji. Heidi ist nicht nur hierzulande Kult, sondern wurde auch in Übersee ausgestrahlt und ein Erfolg. Basierend auf den Romanen der Schriftstellerin Johanna Spyri schuf das Animationsstudio Zuiyo Enterprises den Anime, der bis heute das Shojo-Genre prägte. Die Produktion von Heidi war für die damalige Zeit extrem aufwendig. So verbrachten die Regisseure und Produzenten einige Zeit in der Schweiz, um ein Gefühl für die Umgebung zu bekommen. Heidi war so gesehen ein großer Erfolg, trotzdem sorgten die umfangreichen Vorarbeiten sowie die aufwendige Umsetzung dafür, dass Zuiyo Enterprises kurz vor der Insolvenz stand. Das Studio hätte sich vielleicht einfach ein Beispiel an den Geschwistern Helbig genommen, die den deutschen Titelsong gesungen haben. Diese sind auch noch Jahre später mit dem Lied immer wieder aufgetreten und konnten das Publikum begeistern, denn Heidi ist auch musikalisch ein Dauerbrenner mit Ohrwurm-Qualität.

    Captain Future
    © 1978 Toei Animation

    Am 27. September 1980 wurde ein Hype der etwas anderen Art ausgelöst. Dort kamen die Jungen zu ihrem Recht. Captain Future flimmerte das erste Mal über die Bildschirme Deutschlands. Captain Future war ein erneuter Versuch, Anime für ältere Zuschauer, jenseits des Grundschulalters, anzubieten. Wie bei Mach Go Go Go waren auch hier die Reaktionen gespalten. Während die Mischung aus Science Fiction und Weltraum-Action bei der Zielgruppe gut ankam und auch heute noch gut ankommt, liefen die Eltern erneut Sturm. Zwar waren die Zweifel nicht mehr so heftig wie beim ersten Versuch, trotzdem gab es Proteste, sowohl von Eltern, als auch von verschiedenen Jugendschutzorganisationen. Und dies obwohl der Anime für den deutschen Markt nachbearbeitet und teilweise ziemlich zusammengekürzt wurde. Auch die Namen unterschieden sich wieder sehr zu denen der eigentlichen Vorlage von Edmond Hamiltons Roman-Vorlage. Durch die wiederholte Übersetzung aus dem Englischen ins Japanische und dann erneut ins Deutsche konnte sich der Fehlerteufel ordentlich austoben.

    Danach verlegten sich die Sender erst einmal wieder auf das „typische“ Kinderprogramm, wobei Geschichten, beziehungsweise Settings in Europa weiterhin sehr beliebt waren. So fand die 1976 produzierte Serie Marco (Haha o tazunete sanzen ri), die auf einem Roman der italienischen Schriftsteller Edmondo de Amicis basiert, ebenso den Weg ins deutschen Nachmittagsprogramm wie Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgerson mit den Wildgäsen (Nirusu no fushigi na tabi), welche eine schwedische Vorlage umsetzt. Vor allem bei der 1975 von Nippon Animation produzierten Serie Niklaas, ein Junge aus Flandern sieht man sehr gut, wie die Serien für den deutschen Markt „kindgerecht“ überarbeitet wurden. Furandasu no inu, so der Originaltitel, endet tragisch mit dem Tod des Protagonisten, wie im Off verraten wird. In der deutschen Umsetzung wird hingegen, berichtet der Erzähler nur davon, dass Niklaas und seiner treuer Hund eingeschlafen sind und es bleibt dem Zuschauer die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft.

    Saber Rider and the Star Sheriffs – Videospiel News
    © WEP © Team Saber Rider

    Erst 1988 wagte man sich dann wieder an ein Format, das für ältere Zuschauer geeignet war. Saber Rider und die Starsheriffs verlegten die Handlung erneut in eine ferne Zukunft und boten wesentlich mehr Action. Diesmal ging die Ausstrahlung ohne größere Proteste über die Bühne. Mit WEP sicherte sich erneut eine amerikanische Firme die Rechte für den westlichen Markt, was erneut zu zahlreichen Änderungen führte. Der Originaltitel Sei Jushi Bismarck wurde ebenso verändert, wie die Reihenfolge der Episoden, wobei einige gänzlich weggelassen wurden. Die Bezüge zum Western-Genre wurden besonders betont, während man die Anspielungen auf das deutsche Kriegsschiff Bismarck gänzlich entfernte.

    Der erste Anime, der dann größere Wellen im positiven Sinne schlug war Alfred J. Kwak. Die japanisch-europäische Koproduktion wurde durch die Bank weg gut aufgenommen, was bei einem Anime mit durchaus ernstem Hintergrund bis dahin eher selten der Fall war. Man erinnere sich an die Serie Niklass, Ein Junge aus Flandern und das Happy-End für die deutschen Zuschauer. Die Geschichte der kleinen Ente Alfred, die früh ihre Eltern verliert und sich dann zusammen mit ihrem Ziehvater, einem Maulwurf, durchs Leben schlagen muss, besticht vor allem durch die schöne Musik. Der deutsche Titel-Song hat immer noch Ohrwurm-Qualitäten.

    Nachdem sich Anime dann aber erst einmal etabliert hatten, wurde das Angebot, insbesondere vom RTL-Ableger RTL II, exzessiv ausgebaut. Mit dem Beginn der 1990-er Jahre begann die große Ära von Serien wie Sailor Moon, Pokémon und Digimon. Begleitet von einer entsprechenden Medienpräsens entwickelte sich auch die Merchandise-Kultur in deutschen Kinderzimmern.

    1 Kommentar

    1. Danke für die schönen Erinnerungen!!! Nur eine ganz kleine Korrektur: Kimba heisst im japanischen Original Leo. Nur im Westen wurde er in „Kimba“ umgetauft. (Allerdings ist in den 90ern eine spätere Verfilmung von Tezukas Manga auf dem Heimvideomarkt erschienen, ich habe noch ein Tape unter dem Titel „Der Löwen-König“ – da wurde dann der Name Leo beibehalten).
      Ich (Jahrgang 1970) kann mich noch gut entsinnen – der Standard-Sendeplatz für Anime im ZDF in den späten 1970ern war immer Donnerstags, 17:10h. Da lief dann eine (!) Folge. Erst „Biene Maja“, später wurden auf dem selben Sendeplatz „Pinocchio“ und „Sindbad“ ausgestrahlt. „Kimba“ war die einzige Ausnahme, das kam immer Dienstags gegen 18:20h. „Heidi“ lief in der ARD, am Samstag mittag gegen 14:00h. (Das waren damals richtige Highlights für uns Kinder, deshalb hat sich das so eingeprägt.) „Nils Holgersson“ kam auch Samstags. Ich erinnere mich noch an einen Zeitungsartikel zum Start der Serie, der darauf hinwies, dass sie in einem der besten Zeichentrickstudios in Japan entstanden sei. (Ich war damals nämlich erstaunt, dass es mehrere gab – ich dachte damals, da alles vom Stil her so ähnlich war, sei auch alles im gleichen Studio entstanden…. hihi). „Captain Future“ kam ab 1981/2 zuerst im Kinder-Ferienprogramm des ZDF, ebenfalls am Samstag mittag gegen 14:00-15:00h. Eine weitere Serie, die in den frühen 1980ern im ZDF ausgestrahlt wurde, war „Tao Tao“. Damals gab es ja nur ARD, ZDF und je nach Gegend, in der man wohnte, hat man ein oder zwei regionale Dritte empfangen. Das ist heute kaum noch vorstellbar. „Marco“ lief in einem der Dritten, ich weiß gar nicht mehr, wann und wo „Puschel, das Eichhorn“ ausgestrahlt wurde, aber das muss auch so in der Zeit gewesen sein.
      In den späten 1980ern und frühen 1990ern breitete sich dann das Kabelfernsehen mit den Privatsendern aus. Darunter auch die erste Version von Tele 5, die ein Kinderprogramm namens „Bim Bam Bino“ hatte. In dessen Rahmen liefen verschiedene Animes, die eigentlich eher ein etwas älteres Publikum ansprachen: Neben „Saber Rider“ z.B. „Miyuki“, „Perrine“, „Lucy in Australien“, „Die Königin der 1000 Jahre“ und „Odysseus 31“. In den anderen Sendern liefen in den 90ern u.a. die „Samurai Pizza Cats“, „Rock´n´Cop“, „Choppy und die Prinzessin“, „Schneewittchen“, „Voltron“, „Rock´n´Roll Kids“, „Lady Oscar“; so nach und nach kamen auch die ganzen WMT-Serien – „Pollyanna“, „Niklaas“, „Fröhliche Familie“, „Anne mit den roten Haaren“, „Das Mädchen von der Farm“, „Die Kinder vom Berghof“, „Alle meine Freunde“; ausserdem gab es Sportserien wie „Kickers“, „Die Champions“, „Captain Tsubasa“, „Die kleinen Superstars“ etc. Es gab also tatsächlich eine ganze Menge Anime im deutschen Fernsehen, bevor das den Leuten durch „Sailor Moon“ (ca.1996 Erstaussstrahlung im ZDF, eher wenig beachtet; der Erfolg kam dann erst 1998/99 mit der Wiederholung bei RTL2) und „Dragon Ball“ so richtig klar wurde.

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