Vogelkäfig Syndrom
Torikago Syndrome © 2012 Akaza Samamiya/Kadokawa Corporation, Tokyo Vogelkäfig Syndrom © TOKYOPOP GmbH, Hamburg 2014

Mitte November publizierte TOKYOPOP Akaza Samamiyas Vogelkäfig Syndrom. Wer das Cover erblickt, mag sofort auf Boys Love tippen, doch der Schein trügt: Es handelt sich um eine Shojo-Serie, voll mit attraktiven jungen Kerlen. Diese warten förmlich darauf von euch angeschmachtet zu werden. Oder vielleicht auch nicht? Das Werk ist in Japan mit zwei Bänden abgeschlossen und wurde von Kadokawa Shoten herausgegeben. Des Weiteren feiert Samamiya-sensei mit dem Titel ihr deutsches Debüt. Ob sie damit die Herzen der Leser gewinnen kann, dem gehen wir in diesem Bericht auf dem Grund.

Tsugumi wechselt auf eine neue Schule: die »Zugvogel-Akademie«. Hier erhofft sich der Junge endlich Freiheit, in seiner ehemaligen Klasse fühlte er sich stets wie in einem Vogelkäfig. Tsugumi quälen Ängste, dass seine neuen Mitschüler ihn nicht akzeptieren würden, weil er anders ist und sich das Szenario wiederholt. Diese Gefühle verstärken sich, nachdem ein Junge namens Licht ihm seine Brille entwendete, mit dem Hinweis, erst müsse Tsugumi das »Spiel« gewinnen, bevor er diese wiederbekäme.

Damit kann der Neuling natürlich erst einmal nichts anfangen. Doch schon bald lernt er, was Fakt ist: An der Schule existieren keine Regeln, stattdessen herrscht ein mysteriöser »Kaiser« über alle Schüler und zieht dort seine Fäden. Wer nach seinem Spiel handelt, erlangt mehr Freiheit. Licht verlangt von Tsugumi im Gegenzug für die Brille, dass er die Matheklausur im Zimmer des Lehrers verbrennt, damit diese am Tag darauf nicht geschrieben wird. Der Junge realisiert, dass er erneut in einem Vogelkäfig gefangen ist. Schafft es Tsugumi dieses Mal, ihm zu entrinnen?

Bereits im ersten Kapitel von Akaza Samamiyas Vogelkäfig Syndrom wird deutlich, was die Mangaka eigentlich thematisieren will: Mobbing unter Schülern. Eigentlich ein heikles Thema nur leider nimmt man dem Gesamtkonzept der Story diesen Ernst nicht zu 100% ab.

Es beginnt schon alleine bei der Storyidee: eine ausländische Jungenschule ohne Regeln, die einem »Kaiser« unter den Schülern freie Macht lässt, ohne bei Fehlverhalten einzuschreiten. Schließlich führt ein noch Unbekannter ausrechnet den japanischen Austauschschüler Tsugumi dorthin, welcher sich als ehemaliges Mobbingopfer an seiner früheren Schule nach Freiheit sowie Akzeptanz sehnt, und beschließt, den Spielchen ein Ende zu bereiten. Man bedenke, der Junge hat zu Beginn ein äußerst unsicheres und weinerliches Erscheinungsbild, er wandelt sich in der Geschichte aber zum Bekämpfer des Systems, was meines Erachtens einen Tick zu schnell passiert. Die Story läuft vielmehr auf ein Schuldrama hinaus, in der ein noch dominanter Anführer unter den Schülern das Sagen hat und so gesehen Mutproben verlangt, damit jemand aufsteigen kann und mehr Freiheit an der Akademie bekommt. Bei diesen Spielchen handelt es sich allerdings in Band 1 mehr um die Bewältigung von Jungenstreiche, wobei die Figuren in der Story vermitteln wollen, auch zum Töten in der Lage zu sein, was ich ihnen bisher aber nur schwer abnehmen kann.

Samamiya-sensei ist meiner Meinung nach ebenso der Mix aus Mystery, psychologischen Elementen und Shonen Ai nicht durchweg gelungen. Dank Letzteres geht in Vogelkäfig Syndrom leider vieles in der Story kaputt, weil sich Widersprüche ergeben. Wie kann es sein, dass trotz einer angespannten Situation der Hauptcharakter plötzlich mit einem anderen männlichen Figur auf Kuschelkurs geht und alles erst einmal wieder gut ist? Versteht mich nicht falsch, ich mag Shonen Ai, aber in diesem Werk stimmt das Maß einfach nicht. Da fragt man sich, in welche Richtung die Mangaka gehen will. Es macht fast den Anschein, als wäre dieses unnatürliche Konzept nur dazu geschmiedet, um die männlichen Charaktere beim Liebkosen darzustellen.

Etwas irritierend ist auch die Übersetzung von TOKYOPOP. In manchen Szenen bezeichnen sich Charaktere als »Licht«, »Hund«, »Rechts« und »Links«. Mit Ausnahme des Erstgenannten (hier wird es als Pseudonym im Profil betitelt) könnte man bei der Formulierung fast davon ausgehen, dass die Figur diesen Namen trägt. So ganz abwegig – wenn auch kurios – wäre dies nicht, da die Mangaka auch noch andere deutsche Begriffe in die Handlung mit einbaute und sogar »Vogelkäfig Syndrom« auf dem japanischen Cover steht. Anderseits mag es auch eine unterwürfige Betitelung darstellen, da die männlichen Charaktere alle auf einer anderen Hierarchie-Ebene stehen.

Was ich Akaza Samamiya gut heizen muss, ist ihr äußerst filigraner Zeichenstil. Die Charaktere sind sehr hübsch anzuschauen. Dagegen sind die Hintergründe schlicht gehalten oder existieren gar nicht.

TOKYOPOP schenkte der deutschen Veröffentlichung des ersten Bandes zu Vogelkäfig Syndrom vier Farbseiten und legte zudem eine Postkarte als Extra dazu. Die Ausgabe enthält fünf Kapitel zur Geschichte und auf der Schlussseite ein sehr kurzes Profil der Mangaka.

Etwas fragwürdig finde ich TOKYOPOPs Boys-Love-Einordnung. Vogelkäfig Syndrom erschien in Japan in einem Shojo-Magazin und wird dort demzufolge auch diesem Genre zugeteilt. Davon mal abgesehen liegt der Boys-Love-Gehalt in dem Werk bei Null. Shonen-Ai-Elemente könnte man schließlich in jedem Manga-Genre deuten – wenn man möchte.

Vogelkäfig Syndrom mag Mystery-Aspekte enthalten, die den Leser dazu animieren könnten, zum nächsten Band zu greifen. Dennoch hat die Story in meinen Augen leider auch Defizite. Das Maß an Shonen-Ai-Elementen wurde in der sonst sehr heiklen Mobbing-Thematik zu sehr überschritten. Man kann die Geschichte leider nicht 100%ig ernst nehmen und muss sich fragen, ob die Mangaka dieses Gerüst nur geschaffen hat, um die Schönlinge aus der Story beim Liebkosen zu präsentieren. Die Dialoge klingen teilweise poetisch und Akaza Samamiyas Zeichnungen transportieren die Emotionen hervorragend, dennoch kann ich bei Vogelkäfig Syndrom storytechnisch keine klare Empfehlung geben. Shonen-Ai-Liebhaber, die nicht all zu große Erwartungen an die Geschichte stellen, können allerdings einen Blick riskieren, da das Werk mit seinen zwei Volumes nicht zu sehr ins Gewicht fällt.

Wir bedanken uns bei TOKYOPOP für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Vogelkäfig Syndrom, Band 1.

Torikago Syndrome © 2012 Akaza Samamiya/Kadokawa Corporation, Tokyo
Vogelkäfig Syndrom © TOKYOPOP GmbH, Hamburg 2014