»Wir! Jetzt! Hier!« – Manga-Test

Seit 29. Juli gibt es in CARLSEN MANGA!s Boys-Love-Sektion mit Akira Nakata ein neues Gesicht. Ihre Deutschland-Premiere zelebriert die Zeichnerin mit der Kurzgeschichtensammlung Wir! Jetzt! Hier! (im Original Mata, Koko Kara!!) – ein Titel, der sowohl als tief gehend romantisch aber auch hoch sexuell interpretiert werden kann. Auf fünf Kapitel verteilt präsentiert euch die Künstlerin drei Paare. Was diese genau erleben und warum man vom Cover nicht auf den restlichen Manga schließen sollte, erzählen wir euch in den folgenden Abschnitten.

Die titelgebende Story erzählt vom heiteren Kellner Okada und seinem alten Schulkameraden Kitazawa, der auf einer Baustelle arbeitet. Als die beiden ihr Wiedersehen feiern wollen, ist die Stimmung statt von Freude durch den niedergeschmetterten Okada geprägt, da dieser gerade erst von seiner Freundin verlassen wurde – wieder einmal. Zumindest ist auf Kitazawa Verlass. Als Okada nämlich einen über den Durst trinkt, bringt der wortkarge Mann den Blondschopf nach Hause. In der unbeobachteten Zweisamkeit riskiert der Bauarbeiter einen Kuss. Okada fällt aufgrund der unerwarteten Annäherung aus allen Wolken.

Tooru besitzt in Spiel weiter… einen eigenen Ramenladen. Das Geschäft läuft gut, sodass er beschließt, eine Aushilfe anzustellen. Der 21-jährige Gitarrist Minato ist perfekt für den Job. Die beiden Männer verstehen sich gut am Arbeitsplatz. Als es eines Abends doch länger wird, darf Minato bei seinem Chef übernachten. Von da an vertieft sich die Freundschaft der zwei, gleichzeitig machen sich aber Anzeichen von Verliebtheit breit. Eines Tages bittet Minato Tooru, zu einem Auftritt seiner Band zu kommen, doch der Restaurantbesitzer geht, bevor er einen besonderen Song hören kann.

Den Abschluss bildet der Einzelband mit dem Kapitel Tür auf!, das die Angestellten Matsushita und Yamaguchi in den Mittelpunkt stellt. Letzterer ist ein Neuling im Büro. Während Yamaguchi bei der Arbeit noch Hilfe benötigt, weiß der junge Erwachsene in der Liebe dagegen schon genau, was, oder besser gesagt wen er will. Tür auf! grenzt sich von den anderen Storys ab. Diese sind mit je zwei Kapiteln doppelt so lang. Akira Nakata nutzt dort daher den Platz, um die Erzählperspektive von einem Partner auf den anderen zu wechseln. Das hilft dabei, sich besser in die Personen einzufühlen und ihre Handlungsweisen nachzuvollziehen. In Tür auf! muss man sich dagegen mit Matsushitas Sicht zufriedengeben.

Akira Nakata wählt in den Geschichten verschiedene Einstiege, um die Protagonisten miteinander bekannt zu machen und letztendlich zusammenzubringen – sei es nun über eine gemeinsame Vergangenheit mit lang geheim gehaltenen Gefühlen, ähnliche Interessen oder die gewohnte Liebe auf den ersten – genaueren – Blick. Die Ideen hinter den Erzählungen sind nicht neu, weswegen Wir! Jetzt! Hier! in der breiten Masse an auf Deutsch verfügbaren Boys-Love-Titeln leider verschwindet. Es fehlt den Handlungen an einem ansprechenden Eigenleben, um sich von anderen Vertretern des Genres abzugrenzen.

Das Cover zeigt Okada und Kitazawa aus Wir! Jetzt! Hier!, wobei Letzterer aus ominösen Gründen mit einer Brille dargestellt wird, während der Bauarbeiter in der gesamten Handlung keine trägt. Es finden sich nicht einmal Hinweise darauf, dass er Augenprobleme hat. Das ist noch das kleinere Übel des Titelbildes, da hierbei nur eventuelle Vermutungen über seinen Beruf und Charakter in den Wind geschossen werden. Zumindest trägt Okada dagegen für alle Detail-Liebhaber im ersten Kapitel tatsächlich eine Kette mit Kreuzanhänger als Accessoire, nur handelt es sich dabei um ein einfacheres Modell als den in Farbe gezeigten Rosenkranz. Negativer fällt der Vergleich der Zeichenstile aus. Während nämlich die Mangaka beim Cover auf glatte, präzise Linienführung setzt, rutscht diese auf den Schwarz-Weiß-Seiten der ersten zwei Kapitel in eine gröbere Region ab. Das liegt wohl daran, dass die Illustration erst nach dem Erscheinen der dazugehörigen Kurzgeschichte angefertigt wurde.

Vergleicht man Wir! Jetzt! Hier! mit Spiel weiter…, tun sich da einem wesentliche Unterschiede auf. Den Zeichnungen hängt im Ersteren ein Gefühl des Skizzenhaften an, was nicht nur an den zaghaften Outlines liegt, bei denen schon einmal Kitazawas Kinnbärtchen verschwinden kann. Wichtige Rollen spielen auch die oft fehlenden Hintergründe und der meist nur sehr großflächige Einsatz von Rasterfolie für Schattierungen. Bei den Proportionen erregen die manchmal zu groß dimensionierten Hände Aufmerksamkeit – ein übliches Phänomen im Boys-Love-Bereich. Alles in allem fehlt es Wir! Jetzt! Hier! in den Zeichnungen an Ausdruck und kleinen Finessen, wie Blicke anziehende Details, um den Betrachter länger auf den Seiten verweilen zu lassen. Spiel weiter… weist in den Gebieten verfeinerte Arbeitsqualität auf und kommt dem Cover-Stil näher. Tooru und Minato zieren zu Recht zudem die enthaltene Farbseite.

Beim Charakter-Design wählt die Mangaka Männer in ihren Zwanzigern. Dementsprechend setzt sie auf maskuline Körper, die je nach Position im Bett mal muskulöser oder sportlich schlank ausfallen. Ähnlich verhält es sich bei den Gesichtern. Während etwa Kitazawa einen kleinen Bart trägt und somit männlicher auftritt, kommt Okada mit einem jugendlich unschuldigen Antlitz daher. Sexszenen sind explizit, aber nicht im großen Umfang vorhanden. Akira Nakata treibt ihre Geschichten schnell voran. Das merkt man bereits am dynamischen Panelaufbau. Ebenfalls problemlos schleichen sich die Emotionen in die Mimik der Charaktere. Besonders in Spiel weiter… sind diese ein kleiner Augenschmaus. Hier schwirrt die Liebe nämlich zuerst nur heimlich im Raum herum, und für den Betrachter gilt es, die Zeichen richtig zu deuten.

Wir! Jetzt! Hier! mag zwar die titelgebende Handlung in dieser Kurzgeschichtensammlung von Akira Nakata sein, doch mein persönlicher Favorit ist der zweite Beitrag Spiel weiter…, denn storytechnisch und optisch kommt dieser am ausgereiftesten sowie anspruchsvollsten rüber. Das Verhalten und die Emotionen der Charaktere sind zudem hier am nachvollziehbarsten. In Summe konnte mich der Einzelband jedoch nicht überzeugen. Es sind drei typische Boys-Love-Werke, welche nur kurze Unterhaltung für zwischendurch bieten. Die Ereignisse sind im Groben vorhersehbar und bei Weitem nicht neu. Schnell gelesen, schnell vergessen – Das ist das eindeutige Schicksal von Wir! Jetzt! Hier!. Eine Empfehlung gibt es nur für die absoluten Boys-Love-Fans unter euch, die sowieso vor keinem Manga des Genres ausweichen. Wer sich dagegen nur für die Perlen unter all den zur Auswahl stehenden Titeln interessiert, kann wieder kehrtmachen.

Wir bedanken uns bei CARLSEN MANGA! für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Wir! Jetzt! Hier!.

Details

Titel: Wir! Jetzt! Hier!
Originaltitel:また、ここから!! (Mata, Koko Kara!!)
Mangaka: Akira Nakata
Erscheinungsjahr: 2012 (JP), 2014 (DE)
Verlag:Gentosha (JP), CARLSEN MANGA! (DE)
Genre: Boys Love, Romance, Slice of Life
Altersempfehlung: ab 15
Preis: 6,95 Euro
Bestellen: [amazon text=ISBN-10: 3551756686&chan=animey&asin=3551756686]

Mata, Koko Kara!! ©2012 AKIRA NAKATA, GENTOSHA COMICS INC.
Wir! Jetzt! Hier! © Carlsen Verlag GmbH • Hamburg 2014