»Cantarella – Eine unmoralische Liebe« – Manga-Test

Cantarella – ein Begriff, der historisch interessierte Personen nicht unbekannt sein könnte, schließlich handelt es sich dabei um ein sagenumwobenes Gift. Berühmtheit erlang die Arsenverbindung durch die Borgias, eine aus Spanien stammende Adelsfamilie, die in der Renaissance ihren Einfluss ausbreitete und sogar zweimal den Papststuhl erklomm. Alexander VI. und seine unehelichen Kinder waren bereits Mittelpunkt von mehreren Verfilmungen. Auch Zocker dürften, falls sie Fans der Assassin’s Creed-Reihe sind, mit den Borgias Bekanntschaft gemacht haben. Wer Mangas bevorzugt, kann nach You Higuris zwölfteiligem Cantarella bei CARLSEN MANGA! nun auch mit einem Einzelband in den Genuss der Borgia-Familie kommen. Am 13. Januar 2014 brachte TOKYOPOP nämlich den Oneshot Cantarella – Eine unmoralische Liebe von Akira Sakamoto heraus.

Rodrigo Borgia wird Ende des 15. Jahrhunderts Papst. Seine politischen Widersacher trachten ihm und seinen unehelichen Kindern Cesare, Juan sowie Lucrezia nach dem Leben. Zu den gefährlichsten Gegnern zählt der Kloster-Vorsteher Savonarola, der die Gunst des spanischen Großherzogs Ferdinand besitzt. Unter seinen Anweisungen soll die Prostituierte Claudia Juan dazu verführen, seinen eigenen Bruder zu töten, von dem gemunkelt wird, unsterblich zu sein. Doch Cesare bekommt das Attentat früh genug mit, um Juan zuvorzukommen, indem er ihn mit Cantarella vergiftet. Nicht nur Cesares Schwester und Geliebte Lucrezia beginnt nach Juans Ableben Zweifel gegenüber Cesare zu hegen, sondern auch dessen Vater, der in seinem Ältesten plötzlich einen zu entfernenden Dorn im Auge sieht.

Über das genaue Geburtsdatum Cesare Borgias sind sich Historiker im Unklaren, als ungefähren Zeitraum nimmt man 1475 oder 1476 an. Sein Todestag stellt der 12. März 1507 dar, womit der uneheliche Papstsohn bei seinem Ableben gerade einmal etwas über die Dreißig war. Obwohl manche Quellen meinen, dass Cesare an Syphilis oder Malaria litt, starb der Adelige letztendlich nicht an einer Krankheit, sondern wurde von mehreren bewaffneten Reitern niedergestochen – ein tragisches Ende für einen Mann, der von seinen Zeitgenossen als skrupelloser Tyrann angesehen wurde. Im Kirchenstaat schaffte es Cesare bis zum Kardinal, ohne je eine Priesterweihe zu empfangen. Wie sein Vater verfolgte er eine weltliche Politik und vollführte militärische Schachzüge, die oft zum Sieg führten. Zugunsten der Machtausdehnung wurden Feinde der Borgias auch schon mal beseitigt, Vetternwirtschaft betrieben und strategische Hochzeiten eingegangen. Für Letzteres musste insbesondere Lucrezia herhalten.

Da Cesare und seine Familie am Ende des 15. beziehungsweise Anfang des 16. Jahrhunderts lebten, gibt es historisch viele Informationslücken. Wo etwas fehlt, rücken oft Gerüchte und Legenden ans Tageslicht. Für freizügigere Interpretationen in Filmen und anderen Medien stellt dies ein gefundenes Fressen dar. Wie man dem Nachwort von Cantarella – Eine unmoralische Liebe entnimmt, basiert der Manga auf einem Musical, aber Akira Sakamoto hat die Handlung des Bühnenstücks nicht nur zusammengefasst, sondern um ein alternatives Ende erweitert.

Gerade einmal 160 Seiten zählt der dünne Einzelband, der bei einem stolzen Preis von 6,95 Euro und ohne Farbillustrationen stark zu Buche schlägt. Bei so einem geringen Platzangebot fragt man sich zu Recht, ob sich die Handlung da überhaupt entfalten kann, schließlich reden wir hier von den Borgias, die über eine längere Zeit im Kirchenstaat großen Machteinfluss besaßen. Ich stehe diesem Aspekt eher mit gemischten Gefühlen gegenüber, würde ihn aber im Großen und Ganzen eher mit einem Nein versehen. Auf der positiven Seite gilt zu erwähnen, dass einem beim Lesen definitiv nicht langweilig wird, da die Künstlerin das Geschehen mit dramatischen Augenblicken vollgestopft hat.

Problematische Themen wie Liebe zwischen Geschwistern, politische Attentate, Mord in der eigenen Familie, Prostitution und strategische Ehen füllen die Seiten aus. Das Geschehen wird zudem aus mehreren Perspektiven geschildert, wie etwa in Form von Cesare, Lucrezia oder Juans. Die verschiedenen Blickwinkel mögen zwar zusätzliche Dynamik in die Story bringen, aber gleichzeitig verliert der Betrachter die Nähe zu den Figuren. Das angedeutete Potential wird nur oberflächlich ausgebeutet, den präsentierten Themen fehlt es aufgrund des Platzmangels an Tiefgang, auf Randbemerkungen kann noch weniger eingegangen werden. Zwischen Leser und Geschichte tut sich eine Distanz auf, wegen derer die dramatischen Szenen nicht ihren vollen Effekt erzielen können.

Akira Sakamoto verleiht den Charakteren allen ein sehr individuelles Design, die Männer treten dabei hauptsächlich im typischen Bishonen-Look auf, wie man es bereits aus vielen anderen Mangas kennt. Daher bleiben einem die Gesichter nach dem Lesen eher weniger in Erinnerung, auch wenn es die Zeichnerin schafft, jedem mit einer anderen, ihm zugedachten Emotionspalette passend auszustatten. Mehr Mühe steckt da eindeutig in den aufwändigen, detaillierten Gewändern mit starken Faltenwürfen. Sparmaßenwerden wie so oft an den Hintergründen vorgenommen. Sprechblasen, die Gedanken widerspiegeln, besitzen am Rand eine protzige Verzierung und sind durchscheinend, sodass sie nicht das Szenario abdecken. Zusammen mit dem vorherrschenden, starken Schwarzgehalt und der Flut an Text wirken viele Seiten unangenehm überfüllt. Sehr eindrucksvoll erweist sich das Cover, das Cesare mit einer skelettierten Version von Lucrezia zeigt. Trotz des atemberaubenden Bildes sollten Käufer den falschen Gedanken verbannen, dass hier nekromantische Fähigkeiten am Werk sind. So ganz ohne übernatürliche Begebenheiten geht es aber ebenso wenig.

Ob Cantarella – Eine unmoralische Liebe eine erste vage Andeutung war, dass im aktuellen Programm ein Artbook zu Assassin’s Creed erscheint? Dieser Gedanke ist wohl doch zu weit hergeholt. Der Manga basiert auf einem Musical, das erklärt auch den hohen Drama-Faktor. Als wäre ihre Feder eine Schnellschusskanone, gefüllt mit aufmerksamkeitserregenden Szenen, bringt die Künstlerin interessante Augenblicke zu Papier. Hätte man der Story mehr Platz gegeben und aus dem Einzelband eine Kurzserie gemacht, so wäre daraus eventuell eine empfehlenswerte Geschichte geworden. So macht sich die geringe Seitenzahl aber am hastigen Erzählstil bemerkbar, sodass man keine Verbindung zu den Charakteren aufbauen kann und somit auch nicht mitfiebert, wenn sich jemand in einer gefährlichen Situation befindet. Cantarella – Eine unmoralische Liebe bietet nur sehr kurzweilige Unterhaltung, die nach dem Leseverzehr kaum bleibende Augenblicke hinterlässt. Am ehesten können noch weibliche Manga-Leser mit einer Neigung zu dramatischen, historisch angehauchten Geschichten an dem Titel Gefallen finden.

Wir bedanken uns bei TOKYOPOP für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Cantarella – Eine unmoralische Liebe.

Details

Titel: Cantarella – Eine unmoralische Liebe
Originaltitel: カンタレラ-背徳ノ愛ト毒ノ果テ- (Cantarella – Haitokuno Ai to Doku to Hate)
Mangaka: Akira Sakamoto
Erschienen am: 1.03.2012 (JP), 13.01.2014 (DE)
Verlag: Kadokawa Shoten (JP), TOKYOPOP (DE)
Genre: Mystery, Romance, Drama, Shojo, Historie
Altersempfehlung: ab 15
Preis: 6,95 Euro
Bestellen: [amazon text=ISBN-10: 384200916X&chan=animey&asin=384200916X]

Cantarella – Haitokuno Ai to Doku to Hate © 2012 Akira Sakamoto, dwango, inc./KADOKAWA SHOTEN ENTERBRAIN
Cantarella – Eine unmoralische Liebe © TOKYOPOP GmbH; Hamburg 2014