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Anime – Legal, illegal, total egal? – Interview mit Proxer.me

Okay, also wie hatten bisher einen Crunchyroll-Mitarbeiter, eine Fansubberin und nun kommt mal die andere Seite zu Wort, wir haben bei Proxer nachgefragt, ob sie auch einige Fragen beantworten möchten und wie bei allen Beteiligten, sind auch hier die Antworten wirklich sehr interessant.

Sumikai: Stell dich bitte kurz vor, damit unsere Leser wissen, mit wem sie es zu tun haben.

Enes: Mein Name ist Enes, ich bin der Gründer und Administrator der Seite Proxer.Me. Das ist die größte deutsche Anime-Streaming-Seite und Manga-Scanlation-Plattform. Nebenbei bieten wir aber auch ein soziales Netzwerk mit Forum, Community, News, Podcasts und Ähnlichem. Unser Ziel ist die Förderung der Anime- und Mangakultur im deutschsprachigen Raum.

Sumikai: Was war der ausschlaggebende Grund, Proxer zu gründen?

Enes: Das ist eine lange Geschichte. Anfänglich habe ich Proxer gegründet, als ich selbst noch zur Schule ging und nahezu nichts von Webdesign oder Technik verstand (wobei ich das heute teilweise immer noch nicht tue xD). Ich wollte damals eine Plattform für Programmierer und Informatiker schaffen, um sich über neue Kenntnisse, Codes und Techniken auszutauschen. Daher stammt auch der Name „Proxer“, was ein Slang-Ausdruck für „Programmierer“ ist. Neben Computern und Informatik galt meine zweite Leidenschaft den Anime. Damals war die deutsche Streaming-Community noch sehr schwach ausgeprägt. Die meisten Streams waren defekt und die Hoster unzuverlässig. Warum gab es keine Seite, auf der Nutzer schnell und einfach auf Anime zugreifen und darüber diskutieren konnten? Also nahm ich das in die eigenen Hände, packte meine bereits fertige Seite, die ursprünglich als Plattform für Informatik-Fans gedacht war, und formte sie um in eine ziemlich simple Version einer Streaming-Seite. Das Prinzip war einfach: Jeder Nutzer konnte selbst Anime verlinken und somit zum Angebot beitragen und es vergrößern, während er die Streams sah, die andere hochgeladen hatten. Das Konzept kam an und wir wurden schnell größer. Seitdem haben wir Proxer immer weiter verbessert. Anfangs boten wir alle Anime an, ob nun GerDub, GerSub, EngSub, lizenziert oder nicht. Man kann also durchaus sagen, wir haben so etwas wie eine dunkle Vergangenheit. Doch letztendlich entschieden wir uns freiwillig dazu, noch vor den meisten anderen Konkurrenten, auf alle lizenzierten Werke zu verzichten und nur noch EngSub oder in Deutschland nicht lizenzierte GerSub zu streamen, was uns mehr als die Hälfte unserer Nutzer und Fans kostete. Die Entscheidung entpuppte sich jedoch als richtig, denn einige Monate später wurden die anderen Plattformen auf dem Markt abgemahnt und mussten nachgeben.

Heute ist Proxer die größte Seite zum Thema Manga und Anime im deutschsprachigen Raum. Wir haben eine lebendige Community, ein hundertköpfiges Team, investieren viel in unser soziales Netz und in Plattformen wie Facebook und YouTube und haben inzwischen mehr als eine halbe Million angemeldete Nutzer.

Sumikai: Proxer ist eines der wenigen Portale, denen man durchaus glaubt, dass sie das für die Community machen. Allerdings sind Streams halt Streams und einer der Vorwürfe ist, dass keiner der an der Produktion Beteiligten Geld verdient. Wie steht ihr dazu?

Enes: Das muss man differenzierter betrachten. Ja, jeder Stream, der nicht offiziell ist, ist illegal. Wir sind uns dessen bewusst und wir haben auch nie etwas anderes behauptet. Da gibt es nichts zu beschönigen. Doch Stream ist eben nicht immer gleich Stream. Proxer an sich ist illegal, doch wir tun alles, was in unserer Macht steht, um die Industrie und die Community zu unterstützen. Das fängt bereits damit an, dass wir Werke, die in Deutschland lizenziert wurden, nicht mehr auf Deutsch bei uns anbieten. Sobald eine deutsche Lizenz erscheint, ist der GerSub bei uns weg. Das ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Wir haben beispielsweise eine Partnerschaft mit Crunchyroll: Wenn ein Anime auf CR existiert, dann ist dieser legale CR-Stream auf Proxer verlinkt und alle anderen, illegalen GerSub-Hoster entfernt. Mit anderen Worten: Wenn jeder Anime aus Japan auch in Deutschland erscheinen würde, dann könnten wir unser illegales Angebot komplett einstellen. Dem ist aber leider nicht so. Fakt ist, dass es seitens der Nutzer und Fans eine Nachfrage nach diesen nicht in Deutschland erschienenen Werken gibt. Egal ob Proxer nun existiert oder nicht, an der Tatsache, dass diese Nachfrage vorhanden ist, ändert sich nichts. Diese Nachfrage wird aber vom legalen Markt nicht gedeckt. Dort wo sie gedeckt wird, da verlinken wir mit Freuden auf die legalen Streams der legalen Anbieter und Publisher, doch dort wo sie einfach noch nicht gedeckt wird, bleibt uns nichts anderes übrig, als der Nachfrage mit illegalem Angebot zu begegnen. Denn wir wollen, dass die Nutzer diese illegalen Streams lieber von uns bekommen, die wir die Industrie mit allen Mitteln unterstützen, bewerben und verlinken, als dass sie sich die Streams von den Plattformen holen, auf die das Klischee einer profitorientierten und rücksichtslosen Streamingplattform tatsächlich zutrifft. Diese Seiten schaden der Industrie nämlich wirklich und schöpfen deren Gewinn ab. Da wir aber nur Werke auf Deutsch anbieten, die sowieso nicht hier verkauft werden, versuchen wir den Publishern entgegenzukommen.

Nur dort, wo keine legalen Alternativen existieren, haben wir illegale Streams, ja, doch es gibt eben eine Nachfrage für Anime, die der legale Markt (noch) nicht deckt … wenn es soweit ist, unterstützen wir ihn da auch, doch bis es soweit ist, sollen die User sie bei uns bekommen, die wir respektvoll mit den Subs umgehen und sie achten, und nicht bei anderen, ominösen Portalen. Sobald ein legaler Stream herauskommt, bieten wir ihn an … und zwar NUR ihn.

Bei den EngSub haben wir jedoch ein etwas größeres Problem. Auch hier muss man beachten, dass es englische Streaming-Seiten gibt wie Sand am Meer. Daran wird sich nichts ändern, egal ob Proxer nun existiert oder nicht. Wenn wir kein EngSub anbieten, holen sich die User den einfach von einer anderen Seite, einer Seite, die im Zweifelsfall nicht so respektvoll mit ihnen umgeht wie wir es tun. Wir sorgen dafür, dass die deutschen Nutzer auf deutschen Portalen bleiben und dass sie ständig mit legalen Alternativen konfrontiert werden. User, die EngSub konsumieren, sind leider oft flüchtig, und solange der legale Markt mit seinem Angebot sowohl bei GerSub als auch bei EngSub nicht nachkommt und es einfach nicht schafft, die Nachfrage zu decken, sind wir gezwungen, diesen illegalen Weg zu beschreiten, um zu verhindern, dass die User auf die wirklich schlimmen Seiten abdriften. Doch wir gehen diesen illegalen Weg mit maximaler Kooperation zur Industrie. Falls ein Publisher wirklich nicht einverstanden ist mit dem, was wir tun, dann muss er uns nämlich nur eine Mail schreiben und wir entfernen alle Hoster eines jeweiligen Anime, sowohl die englischen, als auch die deutschen. Das ist beispielsweise bei den Manga zu One Punch Man oder One Piece so, die wir gar nicht mehr anbieten, weil uns die Lizenzhalter darum baten.

Sumikai:  Einer unser Interviewpartner sagte, dass sich diese Art von Portalen „dumm und dämlich“ verdient, stimmt das?

Enes: Ja, das stimmt. Viele Streamingportale schöpfen den Gewinn ab, der eigentlich an die Studios gehen soll und pumpen die Nutzer mit so viel Werbung voll, dass ihnen schwindlig wird. Proxer ist aber keine solche Seite. Sprich, man darf hier nicht verallgemeinern. Wir können mit Stolz sagen, dass – vom kleinen Moderator bis hin zu mir, dem Seitenleiter – keiner auch nur einen Cent mit Proxer verdient. Wir sind keine Mafia, sondern ebenso wie ihr Fans. Wir sind Schüler, Studenten und junge Menschen, die an Proxer in ihrer Freizeit arbeiten, ohne dafür Geld zu verlangen. Ein registrierter Benutzer hat auf Proxer tatsächlich nahezu keine Werbung, bis auf simple Banner unter den Streams, und unsere App ist sogar gänzlich werbefrei. Um zu funktionieren, sind wir daher auf Spenden angewiesen, die zu 100% in die Aufrechterhaltung der Seite fließen, nicht in unsere Urlaubskasse. Auch so etwas wie eine Premium-Mitgliedschaft gibt es bei uns nicht, alle Funktionen sind frei für alle zugänglich.

Doch ja, die Befürchtung, dass es solche Portale gibt, ist korrekt. Jedoch sind sie recht leicht zu erkennen. Sobald du auf eine Seite gehst und du bereits drei Pop-ups hast, bevor du überhaupt den ersten Stream aufrufst, ist das ein gutes Signal dafür, umzukehren und zu gehen.

Sumikai: Auch viele Fansubber sehen es kritisch, wenn ihre Subs bei Portalen auftauchen, wie seht ihr das?

Enes: In der Vergangenheit hatten auch wir einen schlechten Ruf bei vielen Subgruppen, doch glücklicherweise hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass nicht alle Streamingportale gleich sind. Die Sorgen der Gruppen sind verständlich. Es gibt einige Portale – auch große und bekannte – die ihre Lorbeeren stehlen oder gar ihr Wasserzeichen und ihre Credits herausschneiden. Bei Proxer haben wir beispielsweise die Regel eingeführt, dass ein Manga-Kapitel oder ein Anime-Stream, der keine Subgruppen-Credits enthält, nicht freigeschaltet wird. Ebenso verlinken wir den Namen der entsprechenden Gruppe über jeder einzelnen Folge oder jedem Kapitel, etwas, was heute langsam aber sicher glücklicherweise auch bei anderen Portalen zur Selbstverständlichkeit wird. Wir arbeiten mit einigen großen Gruppen zusammen und halten regen Kontakt zu ihnen. Wenn Subgruppen etwas nicht passt, dann ist es für sie recht einfach, einen Verantwortlichen von Proxer zu erreichen und mit ihm einen Kompromiss zu finden. Das absolute No-Go bei Streamingportalen ist meiner Meinung nach, wenn diese auch Downloadlinks zu Subs anbieten. Wir bei Proxer tun das nicht. Wenn man versucht die Folge zu downloaden, wird man bei uns auf die Homepage der jeweiligen Gruppe weitergeleitet.

Eines darf man bei diesem „Konflikt“ zwischen Streaming-Seiten und Subgruppen nämlich nicht vergessen, und das ist, dass es auch eine dritte Partei gibt, auf deren Bedürfnisse geschaut werden muss: die Fans und Konsumenten, die am Ende den Anime ansehen. Unabhängig davon, was die Subgruppe will oder was Proxer will, wollen viele Animefans nun mal lieber Streams haben als Downloadlinks. Es ist für sie bequemer und schneller, außerdem haben sie oft keine Lust, sich die Anime einzeln im Internet zusammenzusuchen. Sie wollen eine zentrale Plattform, die ihnen auch zahlreiche Tools zur Profilierung bietet, beispielsweise die Möglichkeit, Listen anzufertigen oder die Werke zu bewerten und zu kommentieren. Auch das Argument der Qualität ist nicht mehr gegeben, da moderne Streamingplattformen wie wir generell flächendeckend mit HD-Streams ausgestattet sind. Egal ob Proxer nun die Subs der Gruppen nutzt oder nicht, an der Tatsache, dass es von den Fans eine Nachfrage nach Streams gibt und ein Großteil von ihnen lieber streamt als downloadet, ändert das nichts. Wir decken diese Nachfrage, und unterstützen und bewerben dabei die Gruppen so gut wie möglich. Andere Seiten machen das leider nicht. Es mag vielleicht etwas hart klingen, aber einige wenige Subgruppen beharren einfach zu sehr auf der Prämisse „Wir wollen nicht, dass unsere Subs auf fremden Plattformen gestreamt werden“, und vergessen dabei, was eigentlich die Fans und User wollen, die ihre Subs am Ende sehen.

Sumikai: Ihr seid auch schon lange dabei und kennt euch in der Szene aus. Was müsste sich eurer Meinung nach verbessern?

Enes: Ich denke, die deutsche Anime-Industrie – anders als die japanische und englische, die da bereits weiter ist – hängt zu stark an den alten Medien, wie TV. Natürlich werden Veröffentlichungen auf DVD und Blu-ray immer ein wichtiger Markt bleiben und sollten auch weitergeführt werden, doch die Zukunft liegt einfach in den neuen Medien, im Internet. In letzter Zeit sind viele Publisher mit legalen Streams und Simulcasts bereits in die richtige Richtung gegangen, doch ehrlich gesagt wirken manche Angebote schlicht … amateurhaft. Die technische Infrastruktur einiger legaler Anbieter ist nicht ausreichend und nicht mal fähig, auf mobilen Geräten, wie Smartphones und Tablets, zu streamen. Das ist meiner Meinung nach für das Jahr 2016 ziemlich schwach.

Seiten wie Crunchyroll oder AKIBA PASS dagegen machen bereits vieles richtig. Ihr Konzept: attraktives, vielfältiges und großes Angebot. Auf dem deutschen Markt kommt oft nur Mainstream an, Ecchi und Shonen. Die Industrie muss lernen, auch anderen, vielversprechenden Genres eine Chance zu geben. Slice-of-Life-Fans würden verhungern, wären sie gänzlich von den Lizenzierungen der deutschen Industrie abhängig.

Doch nicht nur die Industrie muss sich ändern, sondern auch die Fans. Viele haben die Einstellung, dass sie für Anime und Manga nichts bezahlen wollen. Das ist jedoch nicht realistisch. Ein Anime-Fan sollte bereit sein, für attraktive Angebote, wie man sie bei AKIBA PASS und Crunchyroll momentan findet, auch einen fairen Preis zu zahlen. An dieser Mentalität muss gearbeitet werden, jedoch geht das nicht von heute auf morgen, und das ist auch etwas, was nicht allein Proxer bewerkstelligen kann, sondern was eine Bewegung der ganzen Community erfordert, so idealistisch es auch klingen mag.

Sumikai: Und wie müsste für euch das perfekte kommerzielle Portal aussehen?

Enes: Ich weiß, ich habe sie bereits mehrfach gelobt, doch ich muss es an dieser Stelle wiederholen: Crunchyroll und AKIBA PASS leisten gute Arbeit und sind schon nah an dem, was man als perfekte Streaming-Seiten bezeichnen kann. Wichtig für ein kommerzielles Portal ist – neben einem nachvollziehbaren und fairen Preis – ein breites, attraktives Angebot, das auch einigen unbekannteren Genres Beachtung schenkt und sich nicht auf Mainstream konzentriert. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die technische Infrastruktur. Wie gesagt ist es für viele Menschen unverständlich, weshalb man im Jahr 2016 bei manchen Seiten nur auf dem Desktop sein Hobby genießen kann, und nicht auf dem Fernseher oder dem Smartphone. Das ist etwas, was selbst wir kostenlos bei Proxer schaffen, wieso gelingt das also nicht auch Anime on Demand, MyVideo und Daisuki? Den Usern letztendlich die Wahl zwischen Dub und Sub zu lassen ist auch ein wichtiger Punkt. Es gibt viele Sub-Fans, die einen Anime lieber gar nicht sehen, als ihn mit deutscher Synchro angucken zu müssen. Lasst die Fans daher selbst entscheiden, was von beidem sie wollen.

Woran es jedoch allen legalen, kommerziellen Portalen mangelt, ist die Community. Ein gutes Angebot an Anime und Manga ist nicht genug. Die Animecommunity ist von Natur aus eine sehr freundliche und eng gewobene Gemeinschaft, mit Cosplay, Fanart, Otakuismus etc. Diese Community braucht nicht nur Streams und Scans, sondern auch ein Portal, um sich zu informieren, sich auszutauschen und in Kontakt zu treten. Für viele User ist eben nicht nur wichtig, einen Anime zu sehen, sondern auch darüber zu diskutieren, sich eigene Animelisten anzulegen, sich Fanart dazu anzusehen und News dazu zu lesen. Dieses erweiterte Angebot an Social Network-Funktionen ist etwas, was man nicht unterschätzen sollte. Darum kommen die Nutzer ja in so großen Zahlen zu Proxer.Me. Bei uns erhalten sie die Crunchyroll-Streams ebenfalls, doch anders als bei Crunchyroll gibt es bei uns das ganze Drumherum, von Nutzerprofilen über Benachrichtigungen, wenn neue Episoden erscheinen, bis hin zu Fanart, Artikeln, Infos und Diskussionen zu den Werken in optimierter Form. Das perfekte kommerzielle Portal muss diese Verbindung aus Social Network und Streaming-Seite sein.

Sumikai: Zum Schluss: Möchtet ihr unseren Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?

Enes: Nur einen Dank, dass auch wir uns äußern durften. Oftmals sieht man Streaming-Seiten als die großen bösen Antagonisten der ganzen Community und Industrie (was bei einigen durchaus zutrifft), darum ist es nett, auch uns die Möglichkeit zu geben, unsere Sichtweise zu erläutern.

Außerdem möchten wir die Publisher dazu aufrufen, endlich Boku no Pico zu lizenzieren. Wie lange sollen wir denn noch warten?!

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