Gesehen: selector spread WIXOSS (Blu-ray)

Mit Volume 2 von selector spread WIXOSS erschien Ende Januar bei Kazé nicht nur der Abschluss der zweiten Staffel, sondern auch das Serienfinale der selector WIXOSS-Animeserie.

Während selector infected WIXOSS als erste Staffel den Weg dreier Mädchen beschrieb, die durch vermeintlich harmlose Kämpfe ihren Wunsch zu verwirklichen versuchten, setzt selector spread WIXOSS dort an, wo Staffel 1 aufhörte, nämlich bei den schicksalhaften Schattenseiten eines solchen weitreichenden Spieles. Woher kommen die LRIGs, mit denen die »selector« genannten Mädchen um ihre Wünsche kämpfen, und was passiert mit den Verlierern? Der folgende Text soll weniger eine Einzelrezension als viel mehr ein Resümee der gesamten Serie sein.

Worum geht es?

Wie bereits angedeutet geht es in selector infected WIXOSS und ganz besonders in selector spread WIXOSS um die philosophischen Fragen, wie jugendliche Mädchen ihre Wünsche formulieren und auf welchen Wegen sie versuchen, diese zu verwirklichen. Mittels des Kartenspiels WIXOSS wird den Mädchen ein solcher Weg aufgezeigt und durch die offenbarenden Spiele reifen die Mädchen charakterlich. Die auserwählten »selectors« sind im Besitz eines besonderen LRIGs, quasi einer für sie kämpfenden Avatarkarte. Dieser kann sprechen und andere selectors sowie LRIGs aufspüren. Folglich müssen die Mädchen andere Auserwählte suchen, gegen sie kämpfen und durch den Sieg den Wunsch der Kontrahenten Stück für Stück unmöglich machen.

Hier zeigt sich bereits der Gewissenskonflikt, den einige selectors direkt spüren, so auch Ruko, Yuzuki und Hitoe, die als Protagonistinnen versuchen, so wenig Schaden wie möglich anzurichten. Auf der anderen Seite sind Iona und Akira, die skrupellos ihren eigenen Wunsch verwirklichen wollen und ohne Gnade andere Mädchen besiegen – bis sich das Geheimnis dieses vermeintlichen Spiels offenbart. Denn sind die LRIGs vielleicht früher selbst echte Menschen gewesen?

Die Story

Ruko ist eine ganz normale Mittelschülerin, die neu in der Klasse ist und versucht, durch das WIXOSS-Kartenspiel Anschluss zu finden. Als plötzlich ihre LRIG-Karte, welche sie Tama nennt, anfängt zu sprechen, wird sie prompt von der aufgeschlossenen Yuzuki angesprochen, die ebenfalls im Besitz eines sprechenden LRIGs, Hanayo, ist. Später stößt mit der schüchternen Hitoe ein drittes Mädchen dazu. Im Laufe ihres selector-Daseins treffen sie auf weitere Auserwählte und Hitoe ist die erste, die verliert. Wer nämlich drei Mal verliert, bekommt nicht nur seinen Wunsch verwehrt, dieser kehrt sich sogar ins Gegenteil um.

Schockiert von dieser Tatsache zweifeln Yuzuki und Ruko: Darf man dieses Opfer wirklich bringen? Während Ruko sich von dem Spiel distanziert, lässt es Yuzuki – geleitet von ihren Gefühlen – drauf ankommen. Sie gewinnt, aber ihr Wunsch erfüllt sich anders als gedacht. Beide Freundinnen zeigen Ruko das wahre Wesen von WIXOSS auf und das Mädchen beschließt, mit seinem Wunsch das tragische Schicksal der selectors auszuhebeln. Iona macht ihr allerdings einen Strich durch die Rechnung und plötzlich widersetzt sich auch ihr LRIG Tama. Was hat es nur mit dem Spiel auf sich?

Die Idee

Das Konzept erinnert nicht ungewollt an die Grundidee von Madoka Magica. Allerdings nimmt sich selector spread WIXOSS (ich spreche fortan von der zweiten Staffel als dramatischem Höhepunkt der Serie) aufgrund der doppelten Folgenanzahl mehr Zeit, diese Grundidee weiterzuspinnen. In den ersten zwölf Folgen der Serie stellt sich Ruko dieselben Fragen wie Madoka: Darf man sich selbst etwas Wünschen, wenn man anderen oder gar sich selbst am Ende dadurch schadet? Yuzuki und Hitoe zeigen ihr im Verlauf der Handlung die beiden Extreme auf und das Mädchen beschließt, diesem Spiel ein Ende zu setzen, um weitere Opfer zu verhindern.

Während sie am Ende der ersten Staffel also zum selben Entschluss kommt wie Madoka, nämlich durch ihren Wunsch alle zu retten, erweitert Ruko diesen Grundgedanken in der zweiten Staffel und wird selbst tätig. Hier wird auch die Lösung, die bei Madoka den ersten Heilsbringer ausmacht, hinterfragt, wodurch sich selector spread WIXOSS von seinem geistigen Vorbild emanzipiert.

Die Charakterentwicklung ist stets vorhanden; man sieht die Mädchen mit jeder Folge rationaler denken und handeln. Dabei leiden sie, werden stärker oder zerbrechen. Am Ende steht eine dramatische Coming-Of-Age-Geschichte, von der nicht nur Mädchen etwas mitnehmen können.

Die Charaktere

Zu Beginn sind die Charaktere klar konturiert: Ruko ist das typisch unschuldige Schulmädchen, das noch nicht weiß, was es mit sich anfangen soll. Yuzuki ist die resolute Draufgängerin, die sogar vor Tabus keinen Halt macht und deshalb mit sich kämpfen muss, weil sie gesellschaftlich des Öfteren damit aneckt. Hitoe ist das graue Mauerblümchen mit der leisen Stimme.

Im Laufe der Serie wird aus der farblosen Ruko die Triebkraft, welche Yuzuki dazu bringt, sich von den gesellschaftlichen Zwängen loszusagen. Hitoe gewinnt durch Rukos Fröhlichkeit an Selbstbewusstsein und selbst die erwachsene Iona ist von dem Mädchen fasziniert. Wie kann sie ohne vermeintlichen Wunsch so leidenschaftlich in die Kämpfe gehen? Genau das stößt Akira auf, denn von einem Wunsch beseelt kann sie solche offenbar oberflächlichen selectors nicht ausstehen und beginnt, einen Groll zu hegen.

In diesem Spannungsfeld entwickeln sich die Charaktere weiter, indem sie gezwungen werden, die extremen Ansichten des anderen zu akzeptieren, wenngleich sie diese nicht tolerieren müssen. Die Figuren handeln aktiv, stürzen sich und andere ins verderben oder finden Lösungen, die Gutes bringen. Die teils gnadenlose Inszenierung macht dabei den Reiz des Zuschauens aus und treibt den Spannungsbogen bzw. das Identifikationspotenzial voran.

Die Animation

Animiert vom Studio J.C. Staff (unter anderem Toradora) überzeugt die Serie durch durchschnittlich flüssige Animationen, die weder besonders auffallen noch negativ aufstoßen. Die Kämpfe sind mitunter sogar sehr ansprechend umgesetzt, was jedoch zum größten Teil an den ungewöhnlicheren Hintergründen liegt. Diese sind oft düster und trostlos gehalten, wohingegen die Battle Area von WIXOSS von kräftigen Farben eingehüllt wird. Über den Hintergründen liegt dabei stets ein störender Effekt, der das Surreale und das sprichwörtlich Zittrige gut vermittelt. Sandbilder gibt es wenige und durch das gelegentlich eingesetzte Bildrauschen oder andere Stilmittel wirkt das Bild auf der Blu-ray störungsfrei. Flächenbildung oder größere Artefakte sind kaum bis gar nicht auszumachen.

Der Sound

Die musikalische Untermalung ist oft unauffällig und lenkt nicht vom Geschehen ab. Eher werden die verstörenden Szenen oder die dramatischen Wendungen gekonnt akustisch unterstrichen. Dabei macht auch die deutsche Abmischung keine Ausnahme. So kommen Effekte auf den Stimmen, Raumhall oder Verzerrungen zum Einsatz. Hier wird einem ein abgerundetes Gesamtbild geboten.

Die Synchronisation

Der deutsche Ton stammt vom Berliner Studio TV+Synchron und die deutschen Sprecher spielten ihre Rollen unter der Dialogregie von Sabine Winterfeldt. Diese lieferte mit selector infected WIXOSS und anschließend mit selector spread WIXOSS ihr Synchron-Regiedebut ab. Das ist leider auch durchweg zu hören, so werden die Namen besonders bei den ersten Nennungen inkonsequent ausgesprochen. Darüber hinaus sprechen beispielsweise Olivia Büschken als Chiyori, Bea Tober als erste Stimme für für Chiyoris LRIG Eldora und Giovanna Winterfeldt als Yuzuki häufig zu unstet. Das heißt, Chiyori kommt mir oft vor, als würde sie durchweg schreien, und Eldora klingt, als hätte sie vier Nächte durchgefeiert (was Josephine Schmidt als zweite Stimme für Staffel zwei versucht fortzusetzen aber dann und wann in ihre normale Stimmlage rutscht). Lediglich Giovanna Winterfeldt findet in ihre Rolle hinein und spricht später weniger aufgesetzt.

Hervorheben muss ich Hitoe (Shanti Chakraborty) und Ruko (Maria Hönig). Die beiden spielen ihre Rollen authentisch und glaubhaft, wenngleich Hönig zu reif auf dem Teenager klingt. Als besonderen Fall betrachte ich Anita Hopt als Rukos LRIG Tama, denn diese spielt zwar gut, kann ihr volles Potenzial jedoch nicht entfalten, da sie sich stimmlich sehr verstellt, um dem süßen Äußeren gerecht zu werden. Hier wäre eine andere Besetzung der Atmosphäre zuträglicher gewesen.

Nichtsdestotrotz siedelt sich die deutsche Sprachfassung im Mittelfeld an und ist durchaus anhörbar, auch wenn man darüber streiten kann, ob eine strategische Entscheidung in der zweiten Staffel sinnvoll ist oder nicht. Ohne zu viel vorweg zu nehmen: Wo im Original später die LRIGs ihre Stimme behalten, verlieren sie diese im Deutschen. Dies wirkt zwar auf den ersten Blick logisch, allerdings wird so ein verstörendes Element ausgeklammert.

Extras

Als Extra lag der allerersten Volume von selecter infected WIXOSS eine originale Sammelkarte eines LRIGs bei. Leider wurde dies für die späteren Ausgaben nicht beibehalten, weshalb lediglich die fast obligatorischen Postkarten übrig blieben. Diese zeigen allerdings immer andere Artworks – keine Screenshots – und sind so von wertiger Qualität. Ansonsten gab es zu jeder ersten Volume einen Sammelschuber, durch den die beiden Ausgaben der jeweiligen Staffel zusammengefasst werden können. Auf den Discs selbst gibt es keine nennenswerten Beigaben.
(wird nicht bewertet)

Fazit

In Anbetracht der jährlichen Verkaufscharts, die Kazé zum Jahresende auf Facebook postet, und eines Statements im offiziellen Forum können selector infected WIXOSS und selector spread WIXOSS leider als partieller Flop gelten, was ich persönlich sehr schade finde. Denn die Serie wirkt auf den ersten Blick zwar wie ein aufgewärmtes Madoka mit Yu-Gi-Oh!-Elementen, aber sie entfaltet ziemlich schnell einen eigenen Charme, der durch die Charaktere und die Gestaltung getragen wird. Vom Konzept her hat sich WIXOSS spätestens mit Staffel 2 von Madoka losgelöst und entwickelt eine eigene Dramatik. Das Design ist durchweg ansehnlich, die Animation auf gutem Standard und das Telling stringent, wenngleich es am Ende etwas gehetzt wirken mag. Ich kann die Serie nur jedem empfehlen, der tragische Charakterserien mit einer Priese Action mag. Madoka ist die sehr gute Vorlage, WIXOSS ist ein toller Nachschlag.

Info

selector spread WIXOSS
Original Name: selector spread WIXOSS
Transkription: selector spread WIXOSS
Studio: J.C. Staff
Deutscher Publisher: Kazé
Regisseur: Takuya Sato
Drehbuch: Mari Okada
Musik: Maiko Iuchi
Erschienen am: 29.01.2016
Synchronisation: TV+Synchron GmbH, Berlin
Dialogregie: Sabine Winterfeldt
Länge: je Volume ca. 150 Minuten
Freigegeben ab: 12 Jahren
Genre: Game, Psychological, Drama
Sprachen: Deutsch, Japanisch
Medium: Blu-ray

[rwp-review id=”0″]