Der japanische Neurochirurg Kenzo Tenma arbeitet in einer Düsseldorfer Klinik und führt eigentlich ein gutes Leben. Seine Verlobte ist die Tochter des Klinikchefs, Kenzo versteht sich gut mit seinen Kollegen, er liebt seine Arbeit… Doch eine einzige Entscheidung lässt alles einstürzen: Tenma wird zum Hauptverdächtigen einer Mordserie und verbindet seine Flucht mit der Suche nach dem wahren Täter. Die Serie ist allerdings kein reiner Thriller, sondern geht tiefer und stellt den Leser mehr als einmal vor moralische Fragen.

Naoki Urasawas MONSTER erschien zwischen 2002 und 2006 in Deutschland bei Egmont Manga & Anime und wurde ungefähr im gleichen Zeitraum in Japan auch als Anime-Serie mit 74 Episoden umgesetzt. Der Manga gewann mehrere Preise. Dennoch erhielt die Serie in Deutschland nur wenig Aufmerksamkeit und ist bis heute eher eine Art Geheimtipp. Das Besondere an MONSTER scheint auf den ersten Blick der Schauplatz zu sein: Deutschland. Doch da ist noch mehr…

Wie im echten Leben

Urasawas Zeichenstil kann man weder schnörkelig noch grob nennen. Vielmehr vermittelt er einen ungeschönten Realismus, der trotzdem noch nach Comic aussieht. So sind die Gesichter der Figuren kantig und charakteristisch – die üblichen Schönlinge sucht man (beinahe) vergeblich. Die deutschen Schauplätze sind absolut überzeugend gezeichnet, egal ob Fachwerkhäuser oder Einkaufspassagen und halten auch vor den Augen eines Einheimischen stand. Der Stil trägt die Stimmung der Geschichte außerordentlich gut. Er lenkt nicht ab und zeigt auf seine Weise, dass das Leben nicht immer nur hübsch ist.

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Die ansonsten perfekt getroffene Kulisse tröstet über das fehlende H hinweg. © MONSTER, Episode 15.

Das erfährt auch Tenma. Zu Beginn der Geschichte schwebt er noch in einer kleinen heilen Welt. Durch ein Ereignis im Krankenhaus wird Tenmas moralische Einstellung auf die Probe gestellt, und er  muss sich fragen, ob und warum manche Leben mehr wert sind, als andere. Seine Antwort darauf ist der Anstoß für den ersten Stein einer langen Dominokette: Seine Verlobte Eva trennt sich von ihm, als er aufgrund seines moralischen Handelns von der Krankenhausleitung degradiert wird und Tenma muss erkennen, dass die Klinik nicht in erster Linie humanitäre Ziele verfolgt, sondern eine politische und kapitalistische Instanz ist. Sein Weltbild gerät ins Wanken, aber als Arzt aus Überzeugung hält er an seiner Ansicht fest.
Also wird alles wieder gut, weil der Held so ein strahlender Idealist ist? Nein.

Schwarz und Weiß

MONSTER präsentiert dem Leser und Zuschauer zwar am Anfang eindeutig einen Täter, einen Ermittler und mehrere Opfer, doch je weiter sich die Geschichte entwickelt umso mehr verschwimmen sie alle im Spektrum verschiedenster Grautöne. Selbst Dr. Tenma, der durch seine starke Moral mit einer sehr weißen Weste startet, wankt bei den harten Entscheidungen, vor die die Geschichte ihn immer wieder stellt, sodass man sich bis weit ins letzte Viertel der Serie nicht hundertprozentig sicher sein kann, was er am Ende tun wird.

Ähnlich verhält es sich mit den anderen Figuren. Egal ob es sich um den hartnäckigen BKA-Ermittler Runge handelt, der Tenma die ganze Zeit über auf den Fersen ist, oder Tenmas Ex-Verlobte Eva, die in ihrer Midlife-Crisis doch noch einige ihrer Fehler einzusehen scheint – alle wichtigen Charaktere und selbst einige Nebenfiguren machen eine glaubhafte Entwicklung durch und bleiben dabei nicht immer auf derselben Seite.

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Die erste Begegnung mit dem Inspektor. © MONSTER, Episode 3.
Keine leichte Kost

Tenma taucht auf der Suche nach dem Serienkiller, dessen Taten ihm zur Last gelegt werden, immer weiter in dessen Vergangenheit ein. Mehr als nur einmal stellt man sich dabei die Frage, wer nun das wirkliche Monster ist und woher es eigentlich kommt. MONSTER wirft viele solcher Fragen auf, teils moralische, teils philosophische, und überrascht den Leser und Zuschauer mit immer neuen Erkenntnissen und Wendungen – bis zur letzten Szene. Die Geschichte ist über weite Strecken nervenzerreißend spannend, nimmt sich aber ebenso Zeit für ruhige, nachdenkliche, teilweise auch humorvolle Momente. Es ist keine Serie, von der man zwei oder drei Kapitel lesen oder ansehen kann und die man dann für zwei Wochen weg legt – um alle Facetten zu sehen, muss man sich MONSTER mit voller Aufmerksamkeit widmen.

Es wird schnell klar, dass Deutschland nicht rein zufällig als Hauptschauplatz gewählt wurde. Geschichtliche Hintergründe und Themen spielen eine Rolle und tragen somit auf einer weiteren Ebene dazu bei, dass MONSTER erschreckend real wirkt. Die Serie hat auf psychischer Ebene durchaus ihre gruseligen Momente. Nicht alle Fragen werden eindeutig beantwortet und manchmal steht die Idee eines übernatürlichen Elements im Raum, doch am Ende lässt einen die Geschichte nicht mit dem Gefühl zurück, dass wichtige Puzzleteile fehlen. Man muss sie nur für sich selbst zusammensetzen.

Ein monströses Meisterwerk

Der Anime hält sich sehr eng an die Manga-Vorlage, untermalt die teilweise Eins zu Eins übernommenen Szenen jedoch mit einem sehr guten Soundtrack; er bereichert Atmosphäre immens. Die überzeugende japanische Synchronisation tut ihr übriges und ist der englischen eindeutig vorzuziehen – besonders Hidenobu Kiuchi, der Dr. Tenma seine Stimme leiht, sticht hervor.

MONSTER erzählt nicht nur eine große Geschichte, sondern dabei auch viele kleine Schicksale, wodurch erzählerisch ein paar Längen entstehen. Diese währen jedoch nie lange und schon eine Episode später hat man sich wieder so sehr festgebissen, dass man vergisst, ins Bett zu gehen. MONSTER erzählt eine meisterhaft gestrickte Geschichte, deren Charaktere in Erinnerung bleiben, und die den Leser und Zuschauer nicht so bald wieder loslässt.

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