Anime Regisseur Shinji Takamatsu kritisiert NHK Bericht über die Anime-Industrie

Shinji Takamatsu, Regisseur von Anime-Serien wie Mobile Suit Gundam Wing, Gintama, School Rumble oder Kochikame, kommentierte am Sonntag in mehreren Twitter-Kommentaren eine Episode des seit 7. Juni bei NHK ausgestrahlten Nachrichtenmagazins Close-Up Gentai+, welche sich mit der Anime-Industrie beschäftigt.

Die Reportage wirft einen Blick auf die dunkle Seite der japanischen Zeichentrick-Industrie, geprägt von finanziellen Problemen und schlechten Arbeitsbedingungen. Takamatsu bestätigte zwar, dass ein Teil der gezeigten Darstellung der harten Realität entspricht, widersprach allerdings auch einigen in der Sendung gefallenen Kommentaren.

So ist ihm zufolge ist der Einsatz von modernen Technologien wie AI und CGI nicht geeignet, die Gesamtsituation in der Anime-Industrie zu verbessern, da dadurch weniger Trickzeichner benötigt werden, die ohnehin schon sehr wenig verdienen; Arbeitsplätze werden verdrängt.

Im Allgemeinen liegen die Produktionskosten für Anime höher als die anderer Fernseh-Programme, erklärte Takamatsu. Aber da dabei die Arbeitskosten zusammengefasst werden, ist die Bezahlung der einzelnen Mitarbeiter eher gering. An einer Anime-Episode wirken hunderte Menschen mit. Wenn nun zum Beispiel 10 Millionen Yen (ca.81.000 Euro) auf 200 Leute aufgeteilt werden, entfallen auf jeden nur 50.000 Yen (ca. 400 Euro).

Ein oft gehörter Vorschlag ist, die Anzahl der produzierten Anime-Serien zu reduzieren und dafür die Produktionskosten zu erhöhen. Shinji Takamatsu hält diesen Gedanken für „Unsinn“: Wenn ein Studio eine Anime-Serie durchschnittlicher Länge mit einer Staffel produziert, bei Kosten von 100 – 200 Millionen Yen (ca. 810.000 – 1.620.000 Euro), haben die Produzenten keinerlei Garantie, dass die Serie ein Erfolg wird – auch dann nicht, wenn sie das Budget verdoppeln. „Ich glaube nicht, dass sich irgendjemand auf dieses Risiko einlässt“, sagt der Regisseur.

Bereits 2015 äußerte sich Takamatsu sehr ähnlich in einem Twitter-Status; damals sagte er, dass die Kosten für eine Anime-Serie bei 150 bis 200 Millionen Yen liegen und kommentierte: „Diese Kosten allein durch DVD- und BD-Verkäufe wieder reinholen zu wollen, ist ein aussichtsloses Geschäftsmodell, aber so sind derzeit fast alle Late Night-Serien.“

Es gibt relativ wenige gewinnbringende Anime

In seinem aktuellen Twitter-Kommentar, auf die NHK-Reportage bezogen, ergänzte er nun, dass es derzeit relativ wenige gewinnbringende Anime gibt.

In „Close-Up Gentai+“ sei gesagt worden, dass Regisseure bei erfolgreichen Serien Gewinnanteile erhalten können, er selbst habe jedoch nie irgendwelche Tantiemen bekommen. Vielleicht seien große Namen unter den Regisseuren in der Lage, solche Verträge abzuschliessen. Aber egal, wie gut oder schlecht sich die Serie auf dem Heimvideo-Markt verkauft, die Regisseure sehen davon keinen Yen.

Viele glauben, dass der Mangaka und Anime-Produzent Osamu Tezuka, bekannt als „Gott des Manga“, den Grundstein für die niedrigen Produktionskosten von Anime gelegt hat. Er produzierte die erste japanische Zeichentrick-Fernsehserie, Astro Boy, mit minimalem Budget, das er zum Teil aus eigener Tasche ausglich, zum Teil mit Merchandise wieder reinholte.

Takamatsu bezeichnet diese Erklärung für die noch heute niedrigen Produktionskosten als eine Legende, „halb wahr und halb gelogen“. Astro Boy wurde damals in der Tat dem Sender für einen extrem niedrigen Preis angeboten. Dies jedoch, weil Tezuka davon ausging, dass kein anderes Zeichentrickstudio zu dem Preis arbeiten würde. Um ein Monopol aufzubauen, bezahlte der Gründervater des modernen Anime seine Angestellten aus eigener Tasche.

Takamatsu stellte eine alte Stellenanzeige von Tezukas Studio Mushi Production ein, die ungefähr aus der Zeit stammt, als das Studio an Astro Boy arbeitete (1963). Gemessen an den Verhältnissen der Zeit, ging es den Angestellten bei Mushi Pro nicht schlecht.

Der Regisseur von Gundam Wing führte weiter aus, dass Tezukas Mushi Production 1973 Insolvenz anmelden musste. Einige der Angestellten hatten bereits 1972 mit Sunrise ein eigenes Studio gegründet. Anstelle die Aktivitäten weitgehend nach einem führenden kreativen Kopf auszurichten, so wie Mushi Pro, das von Tezuka geprägt war, richtete das neue Studio seine Produktionen auf eine Gruppe von mehreren Produzenten aus.

Gegenwärtige Art und Weise stößt bald an ihre Grenzen.

Zum Abschluss seiner Serie von Tweets erklärte Takamatsu seine Überzeugung, dass die gegenwärtige Art und Weise, wie Anime produziert werden, bald an ihre Grenzen stoßen wird. Er sieht Firmenpleiten voraus, die ihre Spuren in der Zeichentrickproduktion hinterlassen werden, innerhalb der nächsten fünf oder zehn Jahre. Dann meinte er: „Nein, schätze, sie [die Studios] haben nicht mal mehr zehn Jahre lol.“.

Die Kommentare des Regisseurs haben online für ziemlichen Aufruhr gesorgt. Sie sind nicht die ersten derart düsteren Darstellungen der Anime-Industrie in letzter Zeit. Bereits im Mai verriet Takamatsus Kollege Taiki Nishimura, seit 20 Jahren als Regisseur tätig – unter anderem bei Serien wie Ergo Proxy, Initial D, My-Hime oder Gilgamesh – bei Twitter, dass sein monatliches Einkommen bei einer Serie, an der er mitwirkt, bei 100,000 yen (ca.810 Euro) liegt. Er würde sich gerne jeweils auf eine Serie konzentrieren, muss aber an mehreren Anime-TV-Serien gleichzeitig arbeiten, um über die Runden zu kommen.

Die Japan Animation Creators Association JAniCA gab 2015 das Ergebnis einer Studie bekannt, bei der 759 Trickzeichner befragt wurden. Demnach lag das Durchschnittseinkommen eines Animators in Japan 2013 bei 3.3283 Millionen Yen (knapp 27.000 Euro) im Jahr – das entspricht einem Monatseinkommen von 2244 Euro; wobei Berufseinsteiger (In-Betweener) mit 1.113 Millionen Yen (ca. 9000 Euro) auskommen müssen – da entfallen auf einen Monat gerade mal 750 Euro. Ein Charakter-Designer oder Produzent kann sich über 5 Millionen Yen freuen (ca. 40 000 Euro/Jahr, ca. 3300 Euro/Monat). Die Arbeitstage fallen dabei für alle – „unten“ wie „oben“ – im Durchschnitt 11-stündig aus, sechs-Tage-Wochen sind die Regel.

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