Wie entsteht eigentlich ein Anime?

Der eine oder andere mag sich diese Frage vielleicht schon einmal gestellt haben. Welche Prozesse sind – grob zusammengefasst – notwendig, damit ein Anime auf traditionelle Art entsteht?

Nachdem der Businessplan (Zielstellung, Finanzierung und Vermarktung) des vorgesehen Anime steht (mehr dazu erfahrt ihr hier), wird zunächst einmal ein Drehbuchautor und ein Regisseur für das Projekt bestimmt. Diese Herangehensweise kann übrigens variieren. Manchmal stehen erste Artworks und Konzepte schon vorher fest, um den Sponsoren, die für die Finanzierung gesucht werden, das Produkt präsentieren zu können.

Die erste Phase der Vorproduktion beginnt. In dieser gilt es, ein Drehbuch für die einzelnen Episoden bzw. für den Film und das Storyboard zu kreieren. Das Storyboard – auch als Animatics bezeichnet – ähnelt ganz zu Anfang einem Comic. D. h. es erzählt lediglich handgezeichnete Bildgeschichten in Skizzenform, in denen allerdings auch schon grob die Übergänge, Schattierungen, Kamerawinkel und das Framing dargestellt werden. Der Detailreichtum variiert, wie man auf den Beispielbildern sehen kann.

Mit dem Storyboard plant das Produktionsteam den Erzählfluss und die Zusammensetzung der Bilder. Die endgültige Fassung bestimmt der Regisseur.

Sobald das Storyboard und Dialogbuch feststeht, wird´s spannend. Denn nun machen sich der Art Director und Charakterdesigner ans Werk. Der Art Director ist für Kulissen und Hintergrundzeichnungen verantwortlich. Wiederum kreiert der Charakterdesigner Modelle der wichtigsten Figuren in verschiedenen Posen und mit unterschiedlichen Gesten und Requisiten aus anderen Winkeln. Künftige Animatoren, die während des Animationsprozesses an dem Projekt mitwirken, bekommen dadurch eine Vorlage, nach der sie sich richten.

Schließlich beginnt der nächste Prozess der Vorproduktion – nämlich die Art Production. Diese unterteilt sich in die drei Bereiche Layout, Key Art und Inbetween-Animation. An dieser Stelle kommen Mitwirkende wie der Key Animator und Inbetween-Animator ins Spiel. Für das Layout zeigt sich der Schlüsselanimator (Key Animator) verantwortlich. Seine handgezeichneten Schlüsselbilder (Key Arts) geben grob den Bewegungsablauf einer Figur oder eines Ereignisses vor, der später durch Zwischenbilder (Inbetweens) verfeinert wird, bis sich in der Bewegung ein flüssiges Bild ergibt.

Yasuo Otsuka (Studio Ghibli, Toei Animation) beim Zeichnen einer Key Animation.

Die klassische Schlüsselbildanimation ist übrigens sehr personalaufwendig. Vor allem die Inbetweens benötigen viele Zeichner, und zusätzlich erfordert es Cleaner, die die Zeichnungen der Inbetween-Animatoren noch mal säubern (sauberes abpausen). Mit einem Computer und der passenden Software lässt sich dieser Arbeitsaufwand jedoch erleichtern.

Der Animationsprozess

Bevor die Bilder animiert werden, gilt es die Farbeinstellungen vorzunehmen – d. h. die Macher scannen die Zeichnungen ein und kolorieren sie. Der Color Coordinator (Farbkoordinator) bestimmt, welche Farben verwendet werden. Auf einzelne Episoden verteilt übernimmt der Farbdesignator diese Aufgabe. Zeitgleich erledigen weitere Verantwortliche die Feinarbeit. Hier kommen die Hintergrund-Artworks des Art Directors ins Spiel. Dieser gibt genaue Anweisungen, an welcher Stelle welche Kulisse zum Einsatz kommt. Die Mitwirkenden passen die Grafiken dann farblich der vorherrschenden Stimmung (z. B. Tageszeit, Lichteinflüsse etc.) im Geschehen an. Die komplette Entstehung der Animation, angefangen bei den Charakterdesigns, beaufsichtigt der Animationsregisseur.

Sofern all diese Schritte abgeschlossen und abgesegnet sind, erfolgt das Kombinieren bzw. Aneinanderreihen aller Bilder und das Platzieren visueller Effekte, damit eine Animation entsteht. In japanischen Animationen wird nämlich mit Cels gearbeitet. D. h. die Macher fertigen mehrere Ebenen an – so agieren beispielsweise auf zwei Cels mit transparentem Hintergrund zwei unterschiedliche Charaktere, auf einer weiteren Ebene ist der Hintergrund gepackt. Mittlerweile nimmt der Computer auch die Aufgabe des Kombinierens all dieser Cels ab, früher wurde jedes Bild mittels einer Kamera aufgenommen.

Danach wird der Clip auf eine passende Länge editiert bzw. geschnitten. Gerade bei einer TV-Ausstrahlung ist es wichtig, dass die Länge auf die Sekunde genau stimmt. Zudem arbeiten TV-Sender nach einem gewissen Format, das eingehalten werden muss:  Openings, Endings, Werbeunterbrechungen und die Preview auf die nächste Episode sollten in der vorgegebenen Ausstrahlungszeit mit eingerechnet werden.

Schließlich kümmert sich der Tonregisseur um die Vertonung, die von einem Tonstudio durchgeführt (mehr dazu) wird. In der Regel dauern die Aufnahmen mit den Synchronsprechern 2 bis 3 Stunden pro Episode. Übrigens: Im Gegensatz zu vielen westlichen Trickfilmproduktionen, in denen der komplette Sound noch vor Fertigstellung der Animation feststeht, ergänzen Anime-Produzenten die eingesprochenen Dialoge und Soundeffekte erst nach der Produktion der Animation. Schließlich bestimmen die Macher noch den Soundtrack. D. h. das Zusammenspiel von Bild und Dialog wird beobachtet und anhand dessen die Hintergrundmusik gewählt und angepasst. Das Endprodukt steht, sobald Bild und Ton beim Video Editing miteinander synchronisiert wurden und mit der Angabe der Credits im Opening und Ending.

Letztendlich sei erwähnt: Der hier aufgeführte Ablauf ist eine grobe Zusammenfassung. Einige Abläufe sind zeitgleich und manche strecken sich über Monate hinweg, da das Produktionsteam z. B. regelmäßig Meetings abhält bis Dinge, wie beispielsweise das Storyboard, in ihrer Endfassung feststehen. Das Geschilderte ist demnach als Leitfaden zu betrachten, um nachzuvollziehen, wie sich der Entstehungsprozess ungefähr gestaltet.

Quellen: Studio SunriseTraditional Animation

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