Manga & Anime

AnimeY Picks – Es war einmal … europäische Märchen in Manga und Anime

Ihr Ursprung ist unbestimmt, da sie lange mündlich überliefert wurden, bis Erzähler wie die Gebrüder Grimm sie nach ihrer Fasson niedergeschrieben haben: Märchen.

Sie sind moralisch, romantisch, gruselig, kitschig, verstörend – und schlichtweg faszinierend. Viele Autoren, Filmschaffende, Spieleentwickler et cetera ließen sich von ihnen inspirieren oder griffen die Handlung für eine moderne Version sowie neue Interpretation auf. Kein Wunder, dass die Geschichten längst auch ihren Weg in Mangas und Animes gefunden haben. Seien es die niedlichen Märchen aus Kei Ishiyamas Grimms Manga, Kaori Yukis BDSM-angehauchte Ludwig Revolution, David Fülekis Splatter-Version Blutrotkäppchen mirror, mirror on the wall, which are our favourite stories of them?

Nelli feiert die Erotic Fairy Tales

Die erotischen Märchenversionen sind eine Reihe von Mangaadaptionen mehrerer Mangakas. Sie sind ein bisschen wie die Liebesromane der Trivialliteratur: äußerst unterhaltsam und an das neugierige weibliche Publikum gerichtet. Warum meine Wahl auf diese Geschichten fiel?

Zunächst einmal, weil der Zeichenstil ein Traum ist – zumindest in den Werken von Takano Yumi. Als kleine Hobbyzeichnerin (und ehemalige Aktzeichenkurs-Teilnehmerin) achte ich viel auf Gestik, natürliche Verrenkungen sowie Körperproportionen und finde vor allem Interaktion (beispielsweise Umarmungen) sehr schwer zu zeichnen. Das gelingt Takano-sensei mühelos und wunderbar schlicht, weshalb die Kapitel eine wahre Freude für das Leserauge sind. Zumal ich mich sehr oft über lieblos gezeichnete und missgestaltet proportionierte Frauenkörper ärgere!

Weiterhin finde ich es herrlich abstrus, dass jegliche Bosheiten in den Märchen auf sexuelle Handlungen hinauslaufen. Nein, da wird der Heldin nicht etwa ein Messer an den Hals gehalten, sondern ihr Nippel stimuliert – *blush* >///< und *lol* xD! Der Geschichtenerzähler lenkt das Geschehen, wie es ihm gefällt, und so verordnet er zum Beispiel der kleinen Meerjungfrau regelmäßigen Geschlechtsverkehr, um fremde Lebensenergie zu zapfen. Was zugegebenermaßen recht verharmlost wird, sind die wiederholt auftretenden Themen der Prostitution und Vergewaltigung. Kritisch sollte man sich mit den Inhalten daher nicht auseinandersetzen. Es sind halt Schundmärchen! Und im Übrigen strotzen ja die ursprünglichen Überlieferungen viel mehr vor sexueller Gewalt und fragwürdiger Moral …

Mir persönlich gefallen am besten die Versionen von Das Mädchen mit den Schwefelhölzern (The Little Match Girl), Das Sterntalermädchen (Hoshi no Ginka), Rotkäppchen (Akazukin-chan) sowie Die kleine Meerjungfrau (Ningyohime) (aber nur bis Kapitel 21). Viel Spaß beim Lesen! ♥

Ero Meruhen – Ningyohime, Vol. 4 Chap. 7 © 2013 Takano Yumi/Takeshobo Co., Ltd.

Etsu ist begeistert von Grimms Manga

In Grimms Manga werden die altbekannten Märchen von der Mangaka Kei Ishiyama neu aufgelegt. Zwar gibt es noch reichlich andere Versionen, aber diese gefällt mir persönlich am besten!

Die Vielfalt ist einfach wunderbar. Obwohl nur einige der berüchtigten Märchen in dieser Sammlung enthalten sind, ist es dennoch eine abwechslungsreiche Auswahl. Die einzelnen Erzählungen in Band eins und zwei sind sowohl durch die Story als auch durch die Zeichnungen sehr schön umgesetzt. Gerade die leichte Abwandlung vereinzelter Märchen, wie beispielsweise die aufkommende Liebe zwischen Rotkäppchen und dem Wolf, geben den Märchen einen neuen Reiz.  Besonders angetan war ich von Schneewittchen in Band zwei.

Außerdem bin ich unglaublich begeistert von dem Zeichenstil. Damals, als ich noch nicht sehr aktiv gezeichnet habe und diesen Manga das erste Mal in meinen Händen hielt, war ich hin und weg. Die Strichführung, der Detailreichtum und die Darstellung der Charaktere waren alles Dinge, die ich mir damals als Orientierung für meine eigenen Zeichnungen genommen habe. Es hat mich damals inspiriert und auch heute schaue ich mir Ishiyama-senseis Zeichnungen sowie die herzzerreißend erzählten Märchen gerne an.

Besonders ans Herz legen kann ich die Versionen von Die zwei Brüder, Schneewittchen und Der gestiefelte Kater. Ich kann jedem nur empfehlen, einen Blick in die beiden ersten Bände sowie auch in die Sonderbände zu werfen!

Fallenshadow liebt Grimms Märchen

Mein Pick ist schon etwas älter, besitzt aber immer noch seinen märchenhaften Charme. Von 1987 bis 1989 produzierte Nippon Animation auf zwei Staffeln verteilt insgesamt 47 Episoden à 25 Minuten, die sich inhaltlich mit den verschiedensten Märchen, hauptsächlich von den Gebrüdern Grimm, beschäftigen und diese möglichst originalgetreu adaptieren. Fast jede Folge widmet sich einer neuen Geschichte. Nur selten nimmt ein Märchen zwei Episoden in Anspruch. Bei einer jeweiligen Länge von 25 Minuten kann man sich also denken, dass die Handlung ziemlich auf den Punkt gebracht wird. Gerade wegen der Kürze ist man gewillt, gleich mehrere Folgen hintereinander und gar immer wieder mal anzusehen.

Die Serie wurde auch auf Deutsch ausgestrahlt, schaffte es aber leider nie zu einer Heimvideoveröffentlichung. Im Internet lassen sich Grimms Märchen von Nippon Animation noch aufspüren, sodass Interessierte in den Genuss der liebevoll produzierten Anime-Adaptionen von bekannten und weniger bekannten Märchen-Titeln kommen – darunter auch persönliche Lieblinge von mir, wie etwa König Drosselbart oder Allerleirauh.

Lashira schwärmt von Jin-Roh

Hier möchte ich einen Klassiker der japanischen Zeichentrickkunst vorstellen, welcher unter anderem auch einer meiner ersten Animefilme war. Jin-Roh – The Wolf Brigade ist ein Politthriller mit einer Verbindung zum Märchen Rotkäppchen von den Gebrüdern Grimm.

Wir befinden uns in den 50er-Jahren in einem fiktiven Japan, das von den Deutschen regiert wird, denn jene haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Der Alltag auf den Straßen ist jedoch von schweren Auseinandersetzungen der Widerstandskämpfer mit der Polizei geprägt. In diesen brutalen Zeiten erhebt sich die Organisation »Die Sekte«, welche mit Terrorakten für Angst und Schrecken in den Städten sorgt. Um diesen Angriffen entgegenzuwirken, wird von der Regierung die Spezialeinheit Kerberos ins Leben gerufen. Ein Hauptmerkmal ist deren gepanzerte Kampfausrüstung, welche unter anderem mit Technik der Wehrmacht versehen ist. In diesen Kreisen kristallisiert sich eine weitere geheime Spionage-Gruppierung mit dem Namen »Jin-Roh« (Wolfsbrigade) heraus. Ein Mitglied dieser Einheit ist Kazuki Fuse, welcher mitunter einer der Besten ist. Bei einer der täglichen Straßenschlachten gelingt es der Brigade, einige Mitglieder der Sekte in die Kanalisation zu treiben. In den Tiefen der Stadt kann Fuse ein junges Mädchen, eines der Bombenkuriere, auch Rotkäppchen genannt, stellen. Über die Maßen entsetzt vom zarten Alter hält er inne und kann es nicht, wie befohlen, erschießen. In dem Moment erscheinen weitere Kameraden seiner Brigade und das Mädchen sprengt sich in die Luft. Dank der Panzerausrüstung kommt Fuse mit dem Leben davon, wird jedoch vom Dienst suspendiert und soll wieder auf die Akademie.

Ab diesem Zeitpunkt beginnt Kazuki, das Handeln der Einheit und sein eigenes zu hinterfragen. Während er versucht, das traumatische Ereignis zu verarbeiten, stellt er Nachforschungen zu der Attentäterin an und stattet ihrem Grab einen Besuch ab. Vor Ort trifft der Mann auf eine junge Frau, welche sich als Schwester der Verstorbenen ausgibt. Bei ihrem nächsten Treffen schenkt die ominöse Dame Fuse das Märchen Rotkäppchen, was daraufhin eine zentrale Rolle im weiteren Filmverlauf einnimmt. Denn es spiegelt deren Verbindung zueinander wieder, so steht Fuse für den Wolf und die angebliche Schwester für das Rotkäppchen, welches dem »bösen Wolf« in die Klauen fällt. Welche Rolle sie aber tatsächlich spielt, darüber soll sich jeder selbst ein Bild machen.

Mich hat an Jin-Roh das Zusammenspiel von »Märchen« und der politischen Situation fasziniert, was mitunter durch die Beziehung der beiden Hauptcharaktere einen interessanten und zugleich mysteriösen Weg einschlägt. Bevor die Geschichte der Gebrüder Grimm ins Geschehen integriert wird, denkt der Zuschauer, der Anime sei lediglich ein spannender Thriller mit politischen Hintergründen, auch wenn diese in dem Fall fiktiv sind. Doch wird man eines Besseren belehrt, sobald Rotkäppchen eingebunden wird. So erhält die gesamte Story eine Prise »Es war einmal«. Dadurch wird der Handlungsstrang mystischer und märchenhafter, was im kompletten Gegensatz zum harten Alltag steht. Wobei man nicht vergessen darf: Rotkäppchen ist kein Friede-Freude-Eierkuchen-Märchen – im Gegenteil! Auch darin ist blutrünstige Gewalt an der Tagesordnung, jedoch anders verpackt. Daneben sind die zeichnerischen Effekte ein außerordentliches Plus, welches die schwermütige sowie düstere Atmosphäre bestens aufgreift.

Aus diesen Gründen kann ich Jin-Roh – The Wolf Brigade allen Märchen-Liebhabern empfehlen, denn im weitesten Sinne ist der Anime meiner Meinung nach eine Rotkäppchen-Neuinterpretation.

Grim empfiehlt Mawaru Penguindrum

Mawaru Penguindrum handelt von den Takakura-Brüdern Kanba und Shoma sowie ihrer kleinen Schwester Himari, die an einer schweren Krankheit leidet. Die Geschwister leben zusammen ohne ihre Eltern und müssen allein für sich sorgen. Die größte Sorge ist aber der gesundheitliche Zustand des Mädchens. Obwohl sich die beiden Brüder rührend um Himari kümmern, holt ihre Krankheit sie eines verhängnisvollen Tages ein, als die Geschwister zusammen ein Aquarium besuchen, um dem Mädchen eine Freude zu bereiten. Fassungslos sitzen Shoma und Kanba vor ihrem Sterbebett. Doch das ist nicht das Ende der Geschichte. Wie durch ein Wunder erwacht Himari zu neuem Leben. Ein Geist, der sich in einer Pinguinmütze versteckt, hat Besitz von ihrem Körper ergriffen und ihr Leben verlängert. Allerdings verlangt dieser eine Gegenleistung dafür: Shoma und Kanba sollen die »Penguin Drum« finden, einen seltsamen Gegenstand, dessen Hintergrund es noch zu ergründen gilt.

Die Handlung dieses abgedrehten und surrealen Fantasy-Animes hat schon viel Märchenhaftes an sich. Unter der ausdrucksstarken Bildsprache wie auch der Symbolik wurden im Verlauf der Serie überdies ebenso einige Motive aus den Märchen gemischt. Darunter gehören Hänsel und Gretel, Alice im Wunderland oder Schneewittchen, wo wie auch in dem Anime die Anspielungen auf den Apfel eine zentrale Bewandnis haben. Zudem taucht in der Serie selbst ein Märchen auf, das aus dem Kinderreim Mary hat ein kleines Lamm entsprungen ist und eine tiefere sowie erschreckende Bedeutung in sich trägt. Generell verbirgt Mawaru Penguindrum hinter dem ausgefallen bunten und humorvollen Gewand eine düstere, komplexere Ebene, wie es Märchen gerne haben. Ich kann die Serie jedem ans Herz legen, der nach etwas sucht, was aus dem Rahmen fällt und zum Mitdenken anregt.

Nelli schwört auf Das kleine Mädchen mit den Taschentüchern (aus Switch Girl!! Band 21)

Ich liebe Natsumi Aidas Humor und bewundere sie für ihre Schamlosigkeit! Um auch die MärchenPARODIEN noch würdig zu vertreten, muss ich unbedingt die Adaption von Das Mädchen mit den Schwefelhölzern als zweite Empfehlung anbringen. Die Story umfasst nur ein mickriges Kapitel, aber ich könnte mich jedes Mal auf’s Neue bepissen, wenn ich sie lese.

Die Protagonistin (Nika aus der Hauptstory) verkauft hier nicht etwa Schwefelhölzer, sondern verteilt Taschentücher, wie es laut der Mangaka in Japan innerstädtisch üblich ist. Bei der Eiseskälte muss das Mädchen unweigerlich niesen und es schießt ihm die Rotze durch die Nase, woraufhin eines der Taschentücher zum Schnauben herhalten muss. Der Schleim auf dem Stück Tuch nimmt Rorschach-artige Bilder an und so fantasiert die durchgefrorene Nika ganz Off-Modus-like von gemütlich warmer Schlumper-Kleidung, ihren geliebten (ekelerregenden) Speisen und einer komplett eingerichteten Game-Ausstattung für das MMORPG Dragon Quest X. Schließlich träumt sich das Mädchen seinen (natürlich splitterfasernackten, sehr einladenden) Gatten (Arata aus der Hauptstory) herbei und wirft alle Klamotten von sich, um sich mit ihm zu verei… na, ihr wisst schon.

Das Ende vom Lied ist nochmal genauso köstlich, aber das müsst ihr schon selbst lesen. Der Zeichenstil ist nicht märchenhaft schön, dafür grob unperfekt und das mit Absicht – ohne würde der Humor nämlich nicht funktionieren. Für die Gags wird allerdings Insider-Wissen vorausgesetzt, weshalb ihr gaaanz am Anfang, und zwar mit dem allerersten Band beginnen müsst! ;P

Vielleicht auch interessant