Fetish Berry Band 1 – Manga-Test

Ende 2013 veröffentlichte TOKYOPOP einen neuen Leckerbissen, dessen Einband allein schon Appetit auf den Inhalt macht.

Man nehme eine zuckersüße Protagonistin, statte diese mit einem heftigen Männer-Fetisch aus und verstricke sie in eine Vierecksbeziehung – das waren die Zutaten für Arata Akis fünf Bände umfassende Serie Fetish Berry, welche von 2010 bis 2013 beim japanischen Verlag MAG Garden erschien. Der Manga bedient die Genres Romance, Comedy, Shojo sowie School Life und ist die erste Publikation der Mangaka, die es nach Deutschland geschafft hat. Das klingt bis jetzt noch nicht besonders neu? Dann wartet, bis ihr erst das Dilemma der Fetischistin begreift …

Äußerlich wirkt Hiyori Mizuhara wie ein gewöhnliches Mädchen und nichts wäre sie lieber als das: normal, unauffällig, GEWÖHNLICH. Wäre da nicht ihre geheime Obsession, die sie verzweifelt zu verstecken versucht. Was auch immer Hiyori an einem Jungen besonders attraktiv erscheint – Haare, Stimme, Geruch, Hände, Adamsapfel etc. – lässt ihr die Spucke im Mund zusammenlaufen und wirkt auf Hiyori im wahrsten Sinne des Wortes zum Anbeißen. Genauso groß wie ihre Vorliebe ist allerdings auch die Angst dafür geächtet zu werden.

So stellt der gut aussehende Rebell und Mädchenschwarm Naohisa Narita natürlich eine besonders große Gefahr für Hiyori dar und wird unmittelbar zum Objekt ihrer Begierde. Denn ausgerechnet ihm begegnet Hiyori gleich am ersten Tag der Highschool, als dieser vor seinen Verehrerinnen in die Mädchentoilette flüchtet und sich mit der zufällig anwesenden Hiyori in einer Kabine verschanzt. So viel Körperkontakt auf einmal wird für das arme Mädchen zur Zerreißprobe und sie ergreift schreiend die Flucht. Die nächste Begegnung lässt nicht lange auf sich warten und Hiyoris Schutzkleidung (Sonnenbrille sowie Mundschutz) versagt prompt bei dem allzu aufdringlichen Naohisa. Es kommt, was kommen muss: Naohisa erfährt Hiyoris Geheimnis und nutzt das zu allem Übel auch noch aus, um sie zu erpressen.

Ein Glück, dass sich Hiyori immer noch auf ihren langjährigen besten Freund Takaomi Seki verlassen kann. Dieser weiß ebenfalls um ihr Geheimnis und versucht seine heimliche Liebe stets zu beschützen. Naohisas provokante Art ist Takaomi außerdem bereits von früher geläufig und er beginnt allmählich Naohisa als Konkurrenten zu betrachten. Nachdem Naohisa nun fortan an Hiyori und Takaomi hängt, wird auch die schöne Einzelgängerin Ritsuko auf das Trio aufmerksam. Ritsuko verbirgt ebenfalls einen Fetisch, für den sie sich schämt und der ihr genau wie Hiyori in der Vergangenheit Spott eingebracht hat. Aus Misstrauen gegenüber ihren Mitschülern bleibt sie daher lieber für sich. Doch Hiyori spürt schnell, dass die beiden etwas verbindet und versucht daher, sich mit Ritsuko anzufreunden. Von da an ist die Vierer-Clique komplett und das Wer-mit-wem-Ratespiel kann beginnen.

Hiyori führt den Leser mit ihren Gedankengängen von der ersten Seite an in ihr kleines lustiges aber sehr lästiges Problem ein. So wird gleich zu Beginn allein durch ihre absurden (Selbst-)Schutzmaßnahmen offensichtlich, dass die witzigen Situationen dominieren werden. Oder zumindest wirken diese dank der Grimassen und Chibi-Zeichnungen auf den Leser lustig. Da sich hinter all dem aber auch die Problematik des Mobbings und die Angst vor Ausgrenzung verbergen, gibt es hin und wieder ernste Momente, die für die Entwicklung der Beziehungen zwischen den Charakteren unerlässlich sind.

Die Protagonistin wirkt niedlich und an sich recht unspektakulär. Der Kontrollverlust gegenüber ihrem zwanghaften Fetisch macht sie deshalb überhaupt erst interessant, zwar ein wenig bemitleidenswert, aber durch die Situationskomik herrlich sympathisch. Dass Hiyori außerdem nicht zum hilflosen Mädchen verkommt, sondern anfängt sich zu wehren und trotz Rückschlägen ernsthaft ihre Position vertritt, verleiht der Figur und dem Manga etwas Tiefe.

Hiyoris Freunde stellen außerdem recht unterschiedliche Persönlichkeiten dar, deren Entwicklungen ebenfalls bedeutend zur Handlung beitragen werden. Naohisa ist zwar beliebt und lässt oft den sorglosen Kindskopf raushängen, doch im Umgang mit Mädchen ist er eigentlich recht unbeholfen und Andeutungen auf seine Vergangenheit lassen vermuten, dass er tatsächlich vieles nur spielt. Takaomi wiederum hätte leicht als der stille, treue und heimlich in Hiyori verliebte Sandkastenfreund abgestempelt werden können, wären da nicht die Szenen, in denen er Naohisas kindliche Dummheiten bloß legt und selbst die Initiative ergreift. Doch wird Takaomi Hiyori sein Liebe gestehen und hat er überhaupt eine Chance gegen Naohisa oder Hiyoris starken Fetisch? Was mit der vierten im Bunde, Ritsuka, bei diesem Liebeswirrwarr geschehen wird, ist dank ihres ganz anderen Fetischs und ihrem bisherigen Desinteresse an einer eigenen Beziehung zu einem Jungen auch noch unklar. Im Grunde hat jede der vier Figuren ein Problem, das in Fetish Berry zum Tragen kommt.

So simpel die Story auch erscheint, hat sie doch einige interessante Handlungsstränge. Bei der kurzen Zeit, in der Naohisa Hiyori erpresst, stellt sich zum Beispiel die Frage, was überwiegen wird: die rein körperliche Anziehungskraft von Naohisa oder Hiyoris Ärger über seine Gemeinheiten ihr gegenüber. Schließlich lässt sich Hiyori dadurch unfreiwillig zum Opfer machen. Und Naohisa, der ihr zumindest eigentlich nichts Böses will, sondern lediglich noch grün hinter den Ohren ist, würde sicher nicht der Letzte sein. Generell stellt sich die Frage, ob Hiyori es zum einen schafft, ihren Fetisch zu akzeptieren, und ob zum anderen die oberflächliche Vorliebe ihr nicht den Blick für die wahre Liebe versperrt.

Der Zeichenstil ist im Großen und Ganzen relativ schlicht, jedoch auch sehr detailverliebt. Die Gesichter sind auf das Wesentliche reduziert und bringen die jeweilige Gefühlslage gut auf den Punkt. Rasterfolien und Hintergründe (zum Teil in den appetitlichen Kapitel- sowie Coverillustrationen) kommen aber ebenfalls zu Genüge zum Einsatz. Die individuellen, wechselnden Outfits der vier Hauptcharaktere bringen außerdem deren Unterschiedlichkeit sehr gut zur Geltung.

Fetish Berry birgt eine auf den ersten Blick seichte, witzige Schulromanze, die aber gerade durch jedermann bekannte Alltagsprobleme wie die erste große Liebe, soziale Ängste und Unzufriedenheit mit sich selbst besticht. Die Fetisch-Thematik setzt dem Ganzen die Krone auf und mag den ein oder anderen Leser vielleicht abschrecken, ist für Leser von Switch Girl!! beispielsweise aber schon wieder harmlos. Eine Auswahl an unterschiedlichen Persönlichkeiten bieten die vier Hauptpersonen, in denen sich manch einer vielleicht ein bisschen wiederfindet. Wer Lust auf eine Vierecksgeschichte und die chaotische Hiyori bekommen hat, sollte auf jeden Fall mal reinbeißen – Pardon reinlesen.

Fetish Berry © 2010 Arata Aki/MAG Garden Corporation
© TOKYOPOP GmbH, Hamburg 2013