»Dreizehn« – Manga-Test

Der Sommer 2014 besticht in der Manga-Sektion mit einer angenehmen Menge an deutschen Eigenproduktionen seitens der Verlage. Während TOKYOPOP bereits im Juni mit dem zweiten Volume von Inga Steinmetzs Alpha Girl den Startschuss gab und mit Mikiko Ponczecks Crash ‘n‘ Burn sowie David Fülekis 78 Tage auf der Straße des Hasses nachlegt, schickt EMA den Boys-Love-Einzelband Dreizehn aus der Feder de.zibels ins Rennen. Der Titel mag zwar Unglück verheißen, doch Fans der Künstlerin und jene, die das noch werden wollen, haben alles andere als Pech, wenn sie zu diesem Werk greifen. AnimeY hat zudem kürzlich ein Interview mit de.zibel geführt, in dem Interessierte Näheres zu ihrer Person und Details zu Dreizehn erfahren.

Als Adrian eines Nachts auf den Weg nach Hause ist, wird er fast von einem herunterfallenden Ziegel erschlagen. Dem Missetäter, der das zu verantworten hat, auf der Spur, geht es für den jungen Mann auf die Dächer der Stadt. Dort oben trifft er auf den Schornsteinfeger Kian, welcher selbst in einem kranken Zustand und trotz des kalten Wetters seine Arbeit verrichtet. Adrians Neugier ist geweckt, sodass er beschließt, Kian bei dessen Tätigkeit zu helfen. Für diesen kommt der Störenfried aber mehr als ungelegen, schließlich muss er ein großes Geheimnis hüten.

Adrian lässt sich von seinem Plan, Kian unter die Arme zu greifen, während jener so kränklich ist, nicht abbringen. Schon bald lernt er den Sandmann Balthazar kennen, der den Schornsteinfeger als Kind aufnahm und ihm das Leben auf den Dächern beibrachte, wo dämonische Kreaturen in den Schatten der Kamine lauern. Bei dem Treffen wird auch Kians schreckliches Schicksal enthüllt. Ein schlimmer Fluch lastet auf ihm. Die Dreizehn, welche auf Kians Brust mahnend prangert, ist das Symbol des Unheils, das den Träger vor Jahren heimsuchte.

Als Schauplatz wählt de.zibel Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts. Das schlägt sich auch im Kleidungsstil und in den Gebäuden nieder. Selbst die Kapitelüberschriften sind in einem alten deutschen Schriftzug formatiert. Beim genauen Lesen möchte man fast glauben, dass die Künstlerin etwas mit der Historie spielt, wenn sie Wörter wie Badminton oder GmbH verwendet. Tatsächlich feierten diese Begriffe aber in dem Zeitraum ihre Geburtsstunde. Auf Humoreinlagen darf man sich dennoch freuen, da die entgegengesetzten Charaktere der beiden Hauptfiguren sowie Balthazars lockere, aber dennoch fürsorglich mütterliche Art zur Situationskomik beitragen. Während nämlich Adrian ein offenherziger, hilfsbereiter Mensch ist, der schnell handelt, wenn es darauf ankommt, und ohne Mühe auf andere zugehen kann, lebt Kian ein zurückgezogenes Dasein. Auch wenn sein abwesendes Verhalten anfangs cool wirkt, verbirgt sich dahinter eine immense Unsicherheit, obwohl durchaus Sympathien für den ungewollten Arbeitskollegen da sind.

Die Comedy ergreift nicht Überhand in Dreizehn, besonders weil das Action- und Fantasy-Genre ebenfalls ihre Tribute fordern, sondern ist mehr als konstanter Wegbegleiter in der Handlung zu betrachten. Trotz Gefahren und Kampfszenen bleibt die Grundstimmung meistens fröhlich, was zum Teil an de.zibels Zeichenstil liegt. Der Manga zeigt durchgehend Nachtszenen. Um ein Gefühl von Dunkelheit zu erzeugen, ist die Umrandung der Panels stets schwarz. In den Hintergründen der Bilder selbst wird das nächtliche Ambiente weniger konsequent durchgesetzt. Der beinah komplette Verzicht auf Schattierungen bei den Charakteren, sowohl was Gesicht als auch Kleidung betrifft, erzeugt eine Fülle von Weißflächen, welche die Atmosphäre im wahrsten Sinne des Wortes auflichten und dem Betrachter falsche Helligkeit vorgaukeln.

Passend zu Kians Beruf als Schornsteinfeger dürfen sich Käufer des Werks auf eine Überzahl an Dächern freuen, auf denen unsere Protagonisten herumwandern. Das ständig wiederkehrende Bild von Kaminen und Dachschindeln mag zwar monoton wirken, vermindert aber den Reiz an das schwindelerregende Reich über der Alltagswelt der normalen Bürger kaum. Schon in anderen Medien sind Abenteuer gerne auf Dächer verlegt worden, ob nun für atemberaubende, halsbrecherische Verfolgungsjagden, für Kampfkonfrontationen oder als Zufluchtsort. Es ist der Hauch von Gefahr aufgrund der Höhe sowie die Andersartigkeit zu den Menschen, welche mit den Füßen lieber sicherheitsbedürftig auf dem Boden bleiben, die für den Handlungsort sprechen und den Bildern zusätzliche Kraft im Ausdruck verleihen.

Bei den Charakteren fließt dank de.zibels Stil eine sehr maskuline Note ein. Damit gesellt sich die Künstlerin in denselben Kreis wie etwa die deutschen Mangakas Kamineo (ALPHA², Story: Kamoi), Safaia (i•seki, Spes 2.0) sowie Kir (After Party). Bei Kians Fluch handelt es sich – nur zur Information – um keine Werwolfplage, sondern zielt ironischerweise in die gegenüberliegende Ecke ab. Was für Qualen er genau ertragen muss, können Neugierige gerne selbst in Dreizehn nachlesen.

Während es in der Story hoch hinaufgeht, hält sich de.zibel beim Boys Love zurück und baut die Beziehung behutsam auf. Zu viel körperlichen Kontakt dürfen Fans des Genres nicht erwarten. Statt Sexszenen bleibt damit mehr Platz für die Handlung, um sich zu entwickeln. Etwas schade jedoch ist die fehlende Thematisierung des Umgangs mit Homosexuellen zur damaligen Zeit. Hier und dort wären ein paar zusätzliche Erklärungen hilfreich gewesen. Bei Kians Kämpfen gegen die »Rußgeister« ist es zum Beispiel schwer nachvollziehbar, wie der Schornsteinfeger genau agiert und ob der Fluch dem jungen Mann dabei vielleicht sogar kleine Vorteile verschafft. Die mörderischen Fantasie-Wesen können sich dagegen sehen lassen und geben dem Ganzen einen kleinen Horror-Touch.

Künstlerin de.zibel macht bei ihrem Erstlingswerk Dreizehn vieles richtig. Die wenigen präsentierten Charaktere wachsen einem sofort ans Herz. Eine Story über einen verfluchten Schornsteinfeger im Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts ist ungewöhnlich und weckt sofort das Interesse des Lesers. Boys Love, Fantasy, Comedy und Action – de.zibel stopft den Einzelband mit vielen Aspekten voll. Aufgrund des Platzmangels kann sich jedoch leider nur ein Teil der Ideen vollkommen entfalten, sodass manche von euch, welche die Geschichte genau durchanalysieren, höchstwahrscheinlich mit ein paar offenen Fragen zurückbleiben. Dies betrifft aber vor allem Details und nicht die Grundstory. Unterm Strich ist Dreizehn eine schöne Geschichte, die mit Kreativität sowie Qualität strotzt und Lust auf mehr aus diesem Universum macht. Zudem finden Käufer damit ein gutes Beispiel, dass deutsche Manga-Eigenproduktionen schon längst auf dem Vormarsch sind. Womit sich de.zibel momentan beschäftigt, erfahrt ihr im oben verlinkten Interview. Was die deutsche Manga-Zeichner-Szene allgemein betrifft, geht es nach dem Sommer gleich im Herbst bei CARLSEN MANGA! mit interessanten Veröffentlichungen weiter. Sicherlich sind außerdem wieder allerlei privat gedruckte Titel mit von der Partie. Das Jahr 2014 steht definitiv im Zeichen hiesiger Manga-Künstler.

Wir bedanken uns bei EMA für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Dreizehn.

Details

Titel: Dreizehn
Mangaka: de.zibel
Erscheinungsjahr: 3. Juli 2014
Verlag: EMA
Genre: Fantasy, Boys Love, Historie, Action, Comedy
Altersempfehlung: –
Preis: 6,50 Euro
Bestellen: [amazon text=ISBN-10: 3770480171&chan=animey&asin=3770480171]

Dreizehn © 2014 Justyna Koj/ Egmont Verlagsgesellschaften mbH