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Ein Genre, dessen Beliebtheit sogar die Wissenschaft beschäftigt

Faszination Boys Love

Boys Love ist ein Genre in der Manga- und Animewelt, das an Popularität stetig zunimmt. Setzt man sich etwas genauer damit auseinander, findet man sich schnell in lang vergangenen Zeiten der japanischen Geschichte wieder – und sieht die Faszination dahinter aus einem völlig neuen Blickwinkel.

Um nach Gründen für die Beliebtheit des Genres zu suchen, muss zuerst die wichtigste Frage gestellt werden: Was ist Boys Love überhaupt?

Ursprung bereits im japanischen Altertum

Relativ schnell lässt sich diese Frage damit beantworten, dass es sich hier um fiktive Liebesgeschichten zwischen homosexuellen Männern handelt. Dabei orientiert sich der Plot nicht selten an klassischen Romanzen. Sogar so sehr, dass der Unterschied zu heterosexuellen Erzählungen manchmal völlig in Vergessenheit gerät – und das ist auch gut so.

Immerhin war Japan uns einst in Sachen Toleranz weit voraus, denn bis zum Ende der Edo-Zeit (1603-1868) musste man als homosexueller Mann keinerlei Diskriminierung fürchten. Erst durch den starken westlichen Einfluss nach Öffnung des Landes bahnte sich eine neue Sichtweise an, nach der Homosexualität sich nun nicht mehr mit dem Streben nach Zivilisiertheit verbinden ließ.

Mehr zum Thema:  Faszination Anime

Der erste Boys Love Manga

Ist einem dieser historische Hintergrund bewusst, ergibt es nur Sinn, dass bereits in der Heian-Zeit (794-1185) in einem der wohl eindrucksvollsten Werke der Literaturgeschichte, dem Genji Monogatari, homosexuelle Charaktere vorkamen.

Dies findet sich über die Jahre hinweg in sämtlichen Kunstformen wieder, auch wenn die tatsächliche Geschichte von Boys Love, so wie wir es heute kennen, dann doch erst viel später beginnt – und zwar in den 1970ern.

Hier entstand mit Toma no Shinzō, einer Geschichte über einen Jungen, der sich in das optische Ebenbild eines verstorbenen Freundes verliebt, der wohl erste Manga, der der klassischen Definition von Boys Love entspricht.

Boys Love ist nicht gleich Boys Love

Die englische Bezeichnung Boys Love ist ironischerweise diejenige, welche sich vor allem in Japan durchgesetzt hat, während in westlichen Ländern shōnen ai (少年愛 = Jungenliebe) für Manga verwendet wird, die vor allem die Entwicklung der Romanze in den Vordergrund stellen und yaoi (Kurzform von jap. yama nashi, ochi nashi, imi nashi ヤマなし、オチなし、意味なし = kein Höhepunkt, kein Sinn, keine Bedeutung) für solche, die sexuelle Darstellungen zeigen und eben diesen, wie die ursprüngliche Wortherkunft vermuten lässt, auch einen höheren Stellenwert als der Handlung zuschreiben.

Zielgruppe sind insbesondere junge Frauen

Bemerkenswert ist hierbei, dass sich beide Kategorien weniger an homosexuelle Männer richten, sondern die Zielgruppe vor allem junge Frauen sind.

Themen wie Diskriminierung aufgrund ihrer Sexualität, Coming Out, etc. sind bei Boys Love kaum zu finden – viel mehr wird hier meist eine Art alternatives Universum geschaffen, in dem Heterosexualität nur am Rande stattfindet und die Charaktere sich über die genannten Aspekte überhaupt keine Gedanken machen müssen.

Manga, die diese Problematik aufgreifen und in erster Linie für homosexuelle Männer geschrieben wurden, bilden hingegen eine weitere Kategorie: bara (jap. für Rose) bzw. gay manga oder gei komi (jap. ゲイコミ = gay comics).

Uke und Seme

Zwei Begriffe, die im Zusammenhang mit Boys Love immer wieder auftauchen, sind Uke und Seme. Hierbei bezeichnet Uke (von jap. ukeru 受ける = annehmen, erhalten) den passiven, eher unterwürfigen Part der Beziehung und Seme (von jap. semeru 攻める = angreifen) das genaue Gegenteil, also denjenigen, der die Oberhand behält.

Dies bezieht sich nicht nur (wenn auch überwiegend) auf die sexuelle Rollenverteilung, sondern schreibt den betroffenen Personen auch ganz klar stereotype Eigenschaften zu, die sich grob von traditionellen Geschlechterklischees ableiten lassen.

So ist der Uke oft ein schutzbedürftiger, sensibler Charakter, der Gefühle zeigt und sogar äußerlich feminine Züge aufweisen kann. Seme hingegen werden häufig als der klassische Ritter auf dem weißen Pferd dargestellt, der überwiegend dominant und selbstbewusst auftritt.

Manche Themen tauchen immer wieder auf

Ein nicht selten wiederkehrendes Schema ist ebenfalls, dass der Uke eine Form von Trauma erlitten hat und die daraus resultierenden Folgen nur durch den Seme gelindert werden können.

Generell lässt sich sagen, dass die Boys Love Autoren und Autorinnen sich mit schwerer Kost auseinandersetzen – so wird zum Beispiel schon im bereits erwähnten ersten klassischen Vertreter des Genres Toma no Shinzō Suizid thematisiert.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass es natürlich auch von der Norm abweichende Boys Love Geschichten gibt, in denen diese Stereotype und Schemata nicht zutreffen – in der Regel bleibt man jedoch bei diesem Muster.

Was macht das Genre so beliebt?

Die Popularität dieses Genres lässt sich zwar auf viele Weisen erklären – eine unumstrittene Erklärung gibt es aber selbst nach umfassender Forschung noch nicht.

Zunächst einmal ist Liebe und Sexualität zwischen Männern etwas, das viel zu lange verpönt wurde und mit dem Zwang zur Geheimhaltung einherging (ein Problem, das leider bekanntlich immer noch nicht zur Genüge gelöst ist), sodass in der Entdeckung und Auseinandersetzung mit dieser für die Zielgruppe ein gewisser Reiz liegt.

Faszination für Boys Love beschäftigt sogar die Wissenschaft

Sogar die Wissenschaft befasste sich mit dem Phänomen Boys Love und kam dabei zu dem Ergebnis, dass die Dynamik zwischen Uke und Seme bzw. die Kreation einer Lebenswelt, in der Männer sowohl den stereotypisch femininen, als auch den stereotypisch maskulinen Part übernehmen, der Grund sein könnte.

Vor allem Leserinnen scheint dies die Möglichkeit zu geben, sich der vorgegebenen Geschlechterzuschreibung von Geschichten mit heterosexuellen Beziehungen zu entziehen – das heißt, man identifiziert sich als Leserin nicht automatisch mit der Frau, sondern ist in der Situation, sich zwangsläufig an anderen Maßstäben orientieren zu müssen und sich unabhängig vom biologischen Geschlecht mit dem Charakter identifizieren zu können, der einem eben zusagt.

Letztendlich braucht es aber wohl keine wissenschaftliche Erklärung – Hauptsache, es macht Spaß!

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