Florian Knorn: »Es ist unüblich, Sprecher aus dem Ausland einzufliegen.«

Am 21. Mai kommt der erste Film zu Digimon Adventure tri. in deutscher Sprache in die Kinos. Wir führten mit Florian Knorn, dem Synchronsprecher von Tai, ein ausführliches Interview.

Sumikai: Was inspirierte dich dazu, Synchronsprecher zu werden? Wie hast du den Weg in die Branche gefunden?

Florian: Ich habe im Alter von 5 Jahren mit dem Synchronsprechen angefangen. Damals habe ich meine Mutter begleitet, die bei einem Amt für Arbeitssicherheit arbeitete und einen Auftrag beim Fernsehfunk hatte. D. h. sie kam zu den Studios, um dort Fragen der Arbeitssicherheit nachzugehen. Demzufolge hatte sie Zugang zu Bereichen, wo man als Normalsterblicher nicht hinkam.

Meine Mutter hat darauf geachtet, mich sehr abwechslungsreich aufzuziehen. Deswegen hat sie mich dort mit hingenommen, als sich die Möglichkeit bot. Der Ausflug ins Synchronstudio war also quasi reiner Zufall. Ich erzählte mit meiner Mutter, sie erklärte mir etwas und ich stellte ihr Fragen. Die vom Studio hörten ein kleines Kind, das schon halbwegs koordiniert und deutlich sprechen kann. Das ist in dem Alter nicht wirklich häufig und sie suchten gerade eine Kinderstimme. Auf die Art und Weise bin ich, mehr durch Zufall, in die Branche hineingeraten.

Seitdem habe ich in meiner Kindheit und Jugend regelmäßig synchronisiert, bis ich dann irgendwann aus Deutschland weggezogen bin. Damit hatte sich das erst einmal erübrigt. Inspiration war es eigentlich nicht, es ist einfach so geschehen.

Sumikai: Neben deiner Arbeit im Synchronbereich bist du auch als Schauspieler und Fotograf tätig. Was bereitet dir am meisten Spaß?

Florian: Naja, “Schauspieler”… Das hatte ich als Kind mal gemacht, mich allerdings nie so sehr dahintergeklemmt. Da muss man sich aber wirklich richtig hineinknien, sonst wird das nichts. Und ob ich so fotogen bin, sei auch einmal dahingestellt ;-). Also, ein paar Rollen als Kind, mehr aber auch nicht.

Das mit der Fotografie kam deutlich später, mehr oder weniger nach dem Synchronisieren. Circa 2005 habe ich Berlin verlassen, da hatte sich das dann mit dem Synchronsprechen erübrigt. Fotografieren tut ja eigentlich jeder, aber so richtig intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hatte ich mich erst in dieser Zeit. Ich fing an, Bücher darüber zu lesen, kaufte mir eine kompliziertere Kamera, probierte, experimentierte, etc. …

Insgesamt sind das alles natürlich ganz unterschiedliche Sachen, macht mir aber beides Spaß. Ich kann jetzt nicht sagen, was mir wirklich besser gefällt. Aber so ein kleines bisschen “Berühmtheit” ist ja auch mal was :-).

Du hattest zu Beginn auch gefragt, wie man in die Synchronbranche herein kommt. Ich würde sagen, es ist vor allem wichtig, möglichst früh anzufangen. So als Jugendlicher oder junger Erwachsener ist es mehr oder weniger unmöglich, da noch rein zu kommen. In dem Alter sind die vorhandenen Sprecher halt schon extrem gut und eingeübt. Die Leute machen das dann schon seit 10 oder 15 Jahren. Die Synchronstudios haben dann nicht den Nerv, einen “Amateur” anzustellen, dem man erst alles erklären muss. Eigentlich logisch, wenn sie schon zig Sprecher haben, die bereits etabliert sind und die das alles professionell können. Denen muss man nur noch das Skript vor die Nase legen, und dann können sie direkt loslegen.

Das andere ist, du musst in den Köpfen der Aufnahmeleiter drin sein. Idealerweise haben die früher deine Nummer direkt im Kopf gehabt, oder wenigstens auf einer Schnellwahltaste … Dann gibt es auch noch einen ganzen Schwung Schauspielstudenten, die ebenfalls versuchen, in die Branche hineinzukommen. Viele wollen das Synchronsprechen als Nebenjob parallel zum Studium machen. Was ja auch relativ naheliegend ist für jemanden, der sich auf der Schauspielschule mit Theater, Sprache, usw. beschäftigt.

Um in die Branche hineinzukommen, kann ich also nur sagen: so früh wie möglich mit dem Sprechen anzufangen. Kinder, vor allem vor dem Stimmbruch, sind heiß gefragt. Da kommt man gut rein. Man muss aber auch geografisch in der Nähe sein. Die großen Synchron-Hotspots sind ja eher Berlin, Köln, Hamburg oder München. Da muss man vor Ort sein, sonst ist es schwierig.

Sumikai: Welche Unterschiede gibt es deiner Meinung nach beim Synchronisieren einer Anime-Figur und einer realen Person?

Florian: Wenn Du meine ehrliche Meinung hören willst, ist es so, dass es beim Zeichentrick zunächst deutlich einfacher ist, zu synchronisieren. Die Gusche geht “bababab” auf und zu, da muss man nicht ganz so sauber vom Timing her sein. Klar, je nachdem wie gut die Produktion ist, sind die Mundbewegungen auch mal komplexer. Aber bei billigeren Produktionen, da geht die Klappe die ganze Zeit wirklich nur auf und zu. Da ist es mit dem Synchronisieren einfach, ein gutes Timing hinzukriegen.

Wenn du jetzt einen richtigen Menschen sprichst, da sieht man, wie sich die Lippen bewegen. Hast du dann Labiale wie B und M, das sind Laute, die man wirklich sieht. Hier ist das vom Text her so gemacht, dass selbst innerhalb des Satzes diese Lippenlaute auch genau so fallen, wie sich der Mund auf dem Bild bewegt. Das ist auch die Kunst des Übersetzers und des Regisseurs, dass die das richtig timen, vom Drehbuch her. Da muss man als Sprecher das vom Timing her dann auch genau so takten. Es muss nicht nur der Anfang und das Ende passen, sondern der gesamte Rhythmus. Insofern ist ein Film mit richtigen Menschen auf jeden Fall anstrengender zu synchronisieren.

Dazu kommt, dass du beim Synchron auch eher quantitativ und nicht qualitativ bezahlt wirst. Je nachdem wie viel Takes du pro Stunde schaffst, danach wirst du auch bezahlt. Wenn du eine Rolle hast, die sehr einfach zu synchronisieren ist — wie zum Beispiel in einen Anime — verdienst du einfach mehr Geld pro Stunde, als bei einem “echten” Film.

Ein gedrehter Film kann auch insgesamt anspruchsvoller sein und besonders hohen Qualitätsstandards unterliegen (z. B. alle Kinofilme). Insofern ist es also schon einfacher, einen Anime zu sprechen. Was jetzt das Charakterliche angeht — auch dies ist wieder eine persönliche Geschmacksfrage. Manche Leute finden Anime total cool und können sich da voll hineinsteigern, für andere Leute ist es einfach nur leicht verdientes Geld. Klingt vielleicht unromantisch, ist aber so. Aber es ist eigentlich in jeder Branche so. Ein Zahnarzt liebt auch nicht unbedingt verfaulte Zähne, sondern für den ist es einfach nur ein Job. Ich will das jetzt nicht direkt vergleichen, aber so in die Richtung geht es schon. Wenn man das über viele Jahre hinweg macht, ist es am Ende auch irgendwo nur ein Job.

Also, der Unterschied ist vor allem, dass es technisch ein kleines Stück weit schwieriger ist, einen echten Film zu synchronisieren. Ansonsten kann Anime aber auch cool sein, je nach Geschmack. Das gefällt dem einen mehr und dem anderen weniger.

Sumikai: Gibt es eine Rolle oder Produktion, die dir am meisten in Erinnerung geblieben ist?

Florian: Die wirklich coolen Sachen, an die man sich erinnert, sind zum einen natürlich, wenn man so größere Kinofilme macht und da eine Hauptrolle hatte. Oder, wenn es Rollen waren, die einen wirklich irgendwie total angesprochen haben, sei es vom Charakter her, oder dass man halt ein totaler Fan ist.

Ich war zum Beispiel mal ein Fan von Stargate, und nach ein paar Jahren dachte ich: “Du bist doch eigentlich in der Branche. Du kannst doch eigentlich herausfinden, wer das synchronisiert, und dich dann vielleicht auch in die Geschichte einschleusen.” Gesagt getan. Ich habe dann sehr schnell herausgefunden, wer der Regisseur ist. Den kannte ich auch sogar ziemlich gut und habe gefragt: “Du, könnte ich nicht mal…?” Der hatte dann auch die 1A-Rolle bei Stargate für mich gehabt. Zur Erinnerung, in der originalen Serie gab vier wichtige Personen, unter anderem Colonel O’Neill. Der wurde in einer Folge von Außerirdischen entführt und nach einem misslungenen Klon-Experiment als Teenager zurück auf die Erde geschickt. Aber mit dem Geist, dem Wissen und der Reife des erwachsenen O’Neill, bloß eben im Körper eines Teenagers. Genau diese Rolle habe ich dann gekriegt und es war einfach total klasse — als Stargate-Fan habe ich den Charakter mit seiner flapsigen Art sehr gut gekannt, sodass ich ihn dann auch (hoffentlich) gut imitieren konnte. Für mich als Fan war das natürlich super-toll, bei der Produktion mitzumachen und die anderen Sprecher kennenzulernen. So etwas ist natürlich schön und man erinnert sich auch gerne wieder daran.

Sumikai: Man sagt der Synchronbranche auch schwierige Konditionen nach. Welche Erfahrungen hast du denn bisher im Synchrongeschäft gemacht?

Florian: Naja, ich bin im Großen und Ganzen seit 2005 aus der Branche raus. Ich hatte jetzt durch Digimon die Füße mal wieder kurz ins Wasser tippen können. Die haben mich aber auch direkt nach Berlin eingeflogen. Ich bin da wirklich nur kurz hin und habe die Rolle eingesprochen. Natürlich war ich bei einigen Sachen ein bisschen eingerostet. Ich habe schon gemerkt, dass ich wesentlich mehr Fehler gemacht habe, als die Leute um mich herum. Das waren aber auch wirklich eiskalte Profis :-). Andererseits fühlte es sich aber so an, als ob es gerade mal zwei Wochen her wäre. Das Feeling war sofort wieder da.

Ich kann also nicht wirklich viel zu der Branche aktuell sagen, weil ich überhaupt keinen Einblick mehr habe, was Gagen und so weiter angeht. Deswegen will ich das auch nicht weiter kommentieren. Ich weiß nur, dass ich damals — vor allem als Teenager — schon gutes Geld verdiente habe. Als Kind/Teenager hast du halt keine großen Ausgaben. Du wohnst bei Mama und Papa, du bekommst Essen vor die Nase gestellt, und so weiter. Das Geld, was ich dort verdiente, war mehr oder weniger direkt nur “für später”. Meine Eltern waren so weise und haben mich gezwungen, das alles direkt auf die Bank zu legen. Wie auch immer, als Teenager ist das ein super Extra-Verdienst. Ich habe in einer Stunde so viel Geld verdient, wie mein Kumpel in einem gewissen Schnellrestaurant in vielleicht 8 Stunden. Eine Stunde Synchronsprechen ist dann auch noch angenehmer als 8 Stunden im Fritten-Dunst zu stehen…

Ich denke also, es ist im Großen und Ganzen also schon sehr gut bezahlt — stundenweise betrachtet. Man muss aber auch sehen, dass es eine enorm anstrengende Arbeit ist. Du musst dich krass konzentrieren. Nach acht Stunden synchronisieren bist du genauso platt — wenn nicht sogar noch mehr — als jemand der einem anderen, körperlich härteren, Job nachgeht. Die Konzentration ist schon echt der Hammer. Wenn du das als Jugendlicher neben der Schule machst, wird es dann vor allem in der Oberstufe richtig schwer. Du hast dann 8 Stunden Schule und hängst dann abends noch drei, vier oder mehr Stunden im Studio dran… Insofern kann man schon sagen, dass die Bezahlung gerechtfertigt ist.

Was die aktuellen Konditionen angeht, ist es so, dass die Sprecher, die ich bisher getroffen habe, scheinbar ganz gut davon leben können. Aber man muss halt immer hinterher sein.

Sumikai: Es liegt jetzt schon 10 Jahre zurück, dass Digimon im TV lief. Welche Eindrücke hat die Serie damals bei dir hinterlassen? Welche Fan-Reaktionen hast du damals mitbekommen?

Florian: Also damals eher weniger. Um die Jahrtausendwende war die Welt ja noch eine ganz andere, wenn man an Dinge wie Facebook oder die ganzen anderen Social-Media-Dinge denkt. Das gab es damals noch gar nicht, bzw. wenn dann nur ganz rudimentär.

Ich kann mich nur an eine Anekdote erinnern. Ich war damals Abiturient in der Oberstufe und habe in einem Vorort von Berlin gelebt. Ich bin jeden Tag ins Zentrum, gut 1,5 Stunden zur Schule gefahren. Da habe ich schon das eine oder andere Kind mal in der S-Bahn gehört von wegen: “Voll cool, was Tai da gemacht hat…” Also das war schon irgendwie witzig.

Über die Jahre schreiben mich immer wieder Leute an — ich bin im Netz ja relativ einfach zu finden, im Gegensatz zu einigen anderen Sprechern. Leute finden mich einfach sehr leicht online und ich kriege schon die eine oder andere E-Mail. In letzter Zeit wurde das deutlich mehr, seit es bei Digimon wieder angefangen hat zu blubbern. Seit die Gerüchte herumflogen sind, habe ich mehrere E-Mails bekommen, wo die Leute gefragt haben: “Würdest du das wieder machen?” Ich habe gesagt, dass ich die Rolle des Tai gern wieder sprechen würde. Viele haben mich dann auch gebeten, das wieder zu machen. Ich habe denen gesagt: “Also an mir liegt das nicht.”

In der Synchronbranche kannst du dir aber nicht “aktiv” einen Job besorgen. Du musst darauf warten, dass dich jemand anruft. Das war von vornherein auch der Grund, warum ich das Synchronsprechen nicht als meinen Hauptberuf machen wollte. Diese “Passivität” war mir einfach zu unangenehm. Du kannst natürlich Klinken putzen, aber letzten Endes hängt es immer davon ab, ob jemand anderes dich will. Deswegen war mir von vornherein klar, dass ich als Beruf was “Richtiges” lernen will.

Dann kam die Anfrage, ob ich Tai wieder sprechen würde. Ich habe gesagt: “Klar, auf jeden Fall.” Ich selbst konnte da nicht viel machen, aber die vom Studio hatten später gesagt, es hätte wohl viel Druck aus der Community gegeben. Ich war schon überrascht, dass die das überhaupt im Blick hatten. Aber gut, die Zeiten ändern sich ja auch 🙂

Sumikai: Die Fans wünschen sich das immer sehr gerne, dass die Sprecher alle zurückkehren.

Florian: Ich kann das auch total nachvollziehen. Als ich den ersten Anruf vom Studio dann tatsächlich bekommen habe, kam der voll aus dem Blauen heraus. Die Aufnahmeleitung aus Berlin hat mich in Schweden auf meinem Handy angerufen und gefragt, ob ich an dem Projekt wieder mitarbeiten würde. Eigentlich machen die das nicht, also Leute aus dem Ausland einfliegen — es gibt ja normalerweise genügend andere, die den Job auch machen könnten. Die meinten aber, dann würden ihnen die Fans aufs Dach steigen … Ich habe natürlich gesagt, dass ich das gerne wieder mache. Und dann noch bezahlt nach Berlin fliegen, wo ich auch herkomme, also keine Frage. Digimon ist inzwischen auch wirklich schon ein bisschen cool. Die Figuren sind ein bisschen reifer geworden, wenn auch nicht richtig erwachsen. Aber das “Herumgebrülle” ist schon etwas weniger geworden :-).

Sumikai: Eine letze Frage noch. Was macht in deinen Augen der Reiz von Anime aus? Warum ist Digimon nach so vielen Jahren noch so populär?

Florian: Keine Ahnung! Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Es ist alles eine Geschmacksfrage. Die verschiedensten Dinge gefallen den verschiedensten Leuten. Ich persönlich, kann mich für das Genre nicht so ganz erwärmen, ich habe aber generell keine besonders große Affinität zum Fernsehen. Schon damals habe ich eigentlich nur hier und da mal Stargate geschaut. Ich weiß gar nicht mehr genau, was mir daran eigentlich so gefallen hat. Aber es war so ziemlich die einzige Serie, die ich “absichtlich” geschaut habe. Auch heute gucken wir wenn dann eher gezielt etwas, halt auf Netflix oder aus den verschiedenen “Mediatheken”. Ich habe nie in meinem Leben groß Fernsehen geschaut, schon in meiner Kindheit nicht. Deswegen fand ich Trickfilme persönlich auch nie so richtig interessant. Ich kann aber natürlich schon verstehen, dass andere Leute das interessiert. Der Reiz von Serien ist ja, dass man auch mal eine größere Geschichte über einen deutlich längeren und komplexeren Spannungsbogen hinweg erzählen kann.

Wir bedanken uns bei Florian Knorn für das Interview.

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