»Drei Blütezeiten« – Manga-Test

Was passt besser zum Sommer als wonnige Gefühle durch Romantik, Freundschaft und aufsprießende Lebensentwürfe. In dieser Jahreszeit entscheidet sich schließlich für viele Schulabgänger, wohin der Weg im Anschluss führt – nicht immer geleitet durch die Rationalität, sondern oftmals beeinflusst durch Beziehungen und einer Prise Gefühlsabwägung. Genau diese Thematik greift Fumiko Fumi in ihrem Manga Drei Blütezeiten auf, dessen fünf Kapitel als Einzelband im Juli hierzulande bei TOKYOPOP erschienen.

Sumikas erste Erinnerung ist die Beerdigung ihres Vaters, wo sie auch ihre Cousins Akio und Chinatsu erstmals trifft. Auf Anhieb versteht sich die kleine Halbwaise blendend mit dem Zwillingspärchen. Fortan sind die drei unzertrennlich und die jeweiligen Familien ziehen sogar in unmittelbare Nähe zueinander, weshalb sie gemeinsam zur selben Schule gehen, in der gleichen Klasse sitzen und theoretisch ähnliche Alltagsprobleme haben.

Genau diese Komplikationen sind jedoch trotz all der Gemeinsamkeiten sehr unterschiedlich. Während Chinatsu fleißig für die Aufnahmeprüfungen für die Uni lernt und am liebsten mit Sumika auf dieselbe Hochschule gehen würde, überlegt diese sich, ob sie überhaupt auf die Uni will. Akio vergnügt sich derweil mit immer wechselnden Mädchen und schert sich nicht um die Schule.

In jedem Kapitel wird ein anderer Blickwinkel beziehungsweise eine andere Erzählperspektive gezeigt. Während Drei Blütezeiten mit Sumikas Frühling beginnt und von ihrer wachsenden Schwärmerei erzählt, die in Akios Sommer, dem zweiten Kapitel, eine Blüte erfährt, währenddessen Beweggründe ihres Cousins zur Lethargie langsam deutlich werden, womit passend zum Herbst übergeleitet wird. In Chinatsus Herbst erreicht die Emotionalität in Fumiko Fumis Drei Blütezeiten ihren Zenit, denn das sonst eher kühle und strebsame Mädchen verbirgt eine lodernde Leidenschaft.

All diese individuellen Hintergründe kommen sprichwörtlich in Kapitel vier (Der dreien Winter) zum Erliegen. Die Beziehung zwischen Sumika, Akio und Chinatsu kühlt ab und beginnt langsam einzuschlafen, bis jedoch in Abschnitt fünf (Frühling) neue Hoffnung aufkeimt.

Diese Fabel über sexuelle Orientierung und psychische Selbstheilung zeichnet sprichwörtlich einen Jahreskreislauf nach. Dabei werden mehrere Metaphern zu einem Sinnbild verwoben, das die Mangaka souverän mit einfachsten Mitteln sehr tiefgründig ausgestaltet. Auf den ersten Blick erscheinen die Bilder leer, einfach, wenn nicht sogar fast ausdruckslos. Dieser augenscheinliche einfache und simple Stil zeigt erst bei der Lektüre seine Filigranität und Vielschichtigkeit. Ebenso die gewählte Sprache.

Die Dialoge sind in vielen kleinen Sprechblasen platziert, welche kurze und knappe Sätze beinhalten. Nichtsdestotrotz oder gerade deshalb wird der Inhalt direkt und eindeutig auf den Punkt gebracht. Manchmal gibt es über mehrere Seiten kaum Worte zu lesen und nur die melancholische Zeichnung wirkt.

In Symbiose mit dem Bild ergibt sich so eine überaus erstaunliche und tiefgründige Erzählung, die gefühlvoll mit der adoleszenten Selbstfindungsphase spielt. Ich möchte nicht zu viel von dieser ergreifenden Bild- und Textkomposition mit ihren Eindrücken sowie Erkenntnissen vorwegnehmen, allerdings spielen sich einige psychische Vorgänge der Teenager auch quasi zwischen den Einzelbildern und Sprechblasen ab.

Hier wird der Zwischenraum der dick umrandeten Panels gewichtig genutzt. Was passiert von einem zum nächsten Bild, was denkt sich Sumika auf der nächsten Seite?

Diese Subtilität macht die Tiefgründigkeit aus. Wohin gehe ich, was oder wer bin ich und ganz wichtig, was oder wen habe ich lieb? Auf den ersten Blick oberflächlich ziehen genau diese Fragen und das damit verbundene Schicksal von Sumika, Chinatsu und Akio den Leser in den Bann.

Fumiko Fumi gelingt mit Drei Blütezeiten genau das, was der Klappentext verspricht, eine emotionale Geschichte über die Feinfühligkeit, die Jugendliche erst noch entdecken müssen und die Schicksale, die sie zum Teil durch ihre eigenen Entscheidungen auf sich laden. Eigentlich oft genug behandelt, gewinnt diese Geschichte durch ihre durchdachte Struktur und subtile aber umso deutlichere Bildsprache an Nachhaltigkeit.

An dieser Stelle muss die Qualität der deutschen Veröffentlichung Erwähnung finden. Sowohl die Übersetzung von Etsuko Tabuchi und Florian Weitschies, als auch der letztendliche Druck tragen enorm zur Atmosphäre und Wirkung des Mangas bei. Die Übersetzungsleistung profitierte allem Anschein nach von der Muttersprachlerin im Team, denn der lakonische Stil (der sich auch in dem trockenen Humor widerspiegelt, welcher an gewissen Stellen die Stimmung etwas auflockert) wird perfekt ins Deutsche übertragen.

Der Druck besticht durch sattes Schwarz, das keine Schlieren oder Abstufungen ins Graue aufweist, was des Öfteren der Fall ist. Dadurch wirken die ganz schwarz gehaltenen Seiten neben den strahlenden Szenen umso packender. Der Kontrast zwischen den Zwillingen und Sumika wird rundum Rechnung getragen.

Alles in allem ist der überdurchschnittlich große und außerordentlich gut produzierte Band sein Geld wert.

Wer psychologische Inhalte zu schätzen weiß und gegen partiell tabubrechende Inhalte wie die Liebe zwischen Cousin und Cousine sowie Homosexualität nichts hat, wird mit Drei Blütezeiten von Fumiko Fumi eine kleine Perle erhalten. Die Entscheidungs- sowie Findungsprobleme der Jugend, sowie deren unerkannter Egoismus, werden sensibel thematisiert und nicht parteinehmend kommentiert, so dass die Charaktere mit ihren jeweiligen Problemen für sich stehen und nachhaltig beschäftigen. Das Finale des Bandes zeigt ein versöhnliches Ende und lässt Hoffnung keimen, die über das sprichwörtliche Jahr hinweg langsam aber stetig in der Kälte einzugehen drohte.

Wir bedanken uns bei TOKYOPOP für die Bereitstellung eines Leseexemplars zu Drei Blütezeiten.

Details

Titel: Drei Blütezeiten
Originaltitel: Sakikusa no Saku Koro (さきくさの咲く頃)
Mangaka: Fumiko Fumi
Erscheinungsjahr: 2012 (JP) 2014 (DE)
Verlag: Ohta Publishing (JP), Tokyopop (DE)
Genre: Romance, Seinen
Altersempfehlung: 15+
Preis: 14,00 €
Bestellen: [amazon text=ISBN-10: 3842010605&chan=animey&asin=3842010605]

Sakikusa no Saku Koro © 2011 Fumiko Fumi, Ohta Publishing Co.
Drei Blütezeiten © TOKYOPOP GmbH, Hamburg 2014