»Alpha Girl« Band 1 – Manga-Test

Fans von Inga Steinmetzs Alpha Girl mussten länger als gedacht auf den zweiten Band warten. Am 16. Juni 2014, fast zwei Jahre nach dem Erscheinen des ersten Volumes, hat sich das geduldige Ausharren ausbezahlt.

Während also die alten Alpha Girl-Hasen unter euch sicherlich schon wissen, was für Wendungen das erotische Abenteuer der schönen Anna nimmt, rekapitulieren wir noch einmal die Anfänge für euch und alle interessierten Neulingen da draußen.

Als unsere Protagonistin erwacht, brummt ihr der Schädel. Ihren Namen hat sie vergessen. Zu allem Überfluss befindet sich die junge Schönheit mit anderen Frauen in einer fahrenden Kutsche gefangen. Die Zeichen sind eindeutig: Sie müssen alle entführt worden sein! Schnell reift in ihrem Kopf ein Befreiungsplan, der am Zielort angelangt sofort in die Tat umgesetzt wird, aber letztendlich scheitert. Ein blond gelockter Mann namens Jean fängt sie ein und erklärt, was es tatsächlich mit den Frauen in der Kutsche auf sich hat.

Die Erinnerungen kehren zurück. Bei der Protagonistin handelt es sich um die Spionin Anna, welche von der Gräfin Lambert ausgesandt wurde, um die Untreue ihres Gatten zu beweisen, der heimlich wilde Feste mit Scharen von Prostituierten auf seinem Anwesen veranstaltet. Ihrer Aufgabe bewusst beginnt für Anna ein lebensgefährliches Wettrennen, da ihr der Graf auf den Fersen ist, um die Enthüllung seines Geheimnisses zu verhindern. Indes bekommt die Spionin den reizvollen Jean nicht mehr aus dem Kopf, dessen Zuneigung ihr Herz zum Klopfen bringt.

Ohne mit der Wimper zu zucken, wirft Inga Steinmetz die Leser mitten ins Geschehen rein und erzeugt somit von Anfang an Nervenkitzel, der mit einer kurzzeitig an Amnesie leidenden Heldin noch einen zusätzlichen Anstoß erhält. Zulange muss man dann aber doch nicht auf die Auflösung lauern. Diese wird rasch sowie informativ nachgeliefert, um mit so wenig Zeitverzögerung wie möglich zurück zur eigentlichen Geschichte zu gelangen und den bis dahin aufgebauten Spannungsbogen vorm Einbrechen zu bewahren. Sichtwechsel zwischen Anna und Jean geben den Ereignissen mehr Tiefe. Die Anzahl an Personen mit Namen bleibt bei der Kurzreihe zum Glück überschaubar.

Alpha Girl ist ein Erotik-Titel, dementsprechend geizt die Zeichnerin nicht mit Annas weiblichen Reizen. Das beginnt bereits beim anzüglichen Cover und wird auf den enthaltenen Farbillustrationen fortgeführt. Vier schicke Aquarellmotive liegen im ersten Band vor, eines davon ist sogar als Aufklappposter designt. Gemeinsam haben jedoch alle, dass sie Anna von ihrer sexy Seite präsentieren. Gleichzeitig strahlt die Spionin eine nahezu kindliche Unschuld aus, als wäre sie sich ihrer eigenen Präsenz auf die Männerwelt nicht bewusst. Ein ähnliches Phänomen findet der Leser tatsächlich in der Story selbst. Dennoch gelangt Anna über mehrere Seiten hinweg in die Situation, selbst das bisschen Kleidung am Leibe hochzukrempeln, um mit etwas Schamgefühl, aber ebenso Neugierde delikatere Stellen ihres Körpers darzubieten. Bei einem charismatischen und adretten Kerl wie Jean kann man ihr das kaum verübeln. Mein persönlicher Lieblingscharakter Wieland ist dagegen ein vollkommen anderes Thema. Was es mit diesem Mann auf sich hat und welche Beziehung Anna zu ihm hegt, können Interessierte auf eigene Faust in Alpha Girl nachlesen.

Inga Steinmetzs sexuell angehauchte Szenen sind explizit, inkludieren aber ebenfalls eine gewisse Zurückhaltung, sodass durchaus eine gehörige Portion Erotik im (Vor)Spiel ist, Betrachtern jedoch genug Raum für eigene Fantasien zugesprochen wird. Andererseits liegt in den Abschnitten mit den körperlichen Liebeleien auch der Hund begraben, besser gesagt die Logik. Bei Erotik-Titeln muss man immer damit rechnen, dass so manche Handlungsweise eventuell in der Realität nicht umsetzbar ist. Stattdessen schleichen sich typische Sexvorstellungen ein, allen voran das ungewollte, aber durchaus angenehme Stelldichein mit einem Fremden. Ironischerweise kennt sich Anna zu dem Zeitpunkt wegen ihrer Amnesie selbst nicht.

Inga Steinmetz besitzt einen sanften, gefühlvollen Zeichenstil, der gut geeignet ist für romantische, erotische Konfrontationen. Das Charakter-Design fällt individuell, ausgewogen und durchdacht aus. Die Kleidung ist den Trägern, deren Persönlichkeiten und dem mittelalterlichen Ambiente angepasst. Emotionen, besonders die von Anna, sind auf den Punkt gebracht. Zeichnerische Schwächen tun sich dagegen bei älteren Figuren auf. Beim Grafen Lambert, der als unsympathischer Bösewicht von vornherein sehr linear ausgelegt wurde, fühlen sich die Falten im Gesicht steif gesetzt an, auch wenn sich das angezielte Alter durchaus herauskristallisiert. Das Rundumbild vermittelt den Eindruck, als fehle es der Künstlerin hier noch an Übung und Erfahrung. Definitiv mehr Fürsorglichkeit hat Inga Steinmetz an die jüngere, nackte Haut von Anna verwendet. Zu sehr sollte der Betrachter den Blick aber hier nicht schweifen lassen, denn Hintergründe erhalten nur eine sehr stiefmütterliche Behandlung und sind meist leer oder zeigen nur ein paar wenig spektakuläre Umgebungen.

Zum Abschluss des ersten Bandes kredenzt Inga Steinmetz euch noch ein paar humorvolle Vier-Panel-Strips, die aus ihrer Schaffenszeit an Alpha Girl erzählen. Als deutsche Manga-Zeichnerin haben Fans recht leicht die Chance, online an weitere Informationen und Extras aus der Feder der Künstlerin zu gelangen. Auf Animexx findet ihr den Anfang des Mangas mit Kommentaren der Autorin. Zudem haben die Autogrammjäger unter euch oft auf Veranstaltungen die Chance, zum Zug zu kommen. Wer immer auf den aktuellsten Stand bei Inga Steinmetz sein will, sollte ihre Künstlerseite auf Facebook im Auge behalten.

Fazit

Alpha Girl spricht vor allem ein weibliches Publikum an. Mit einer Altersempfehlung ab 16 sind besonders Erwachsene gefragt, hier zuzugreifen. Ob man die unschuldige Protagonistin mag, welche dennoch dazu verleitet wird, die Hüllen mit wenig Überzeugungskunst fallen zu lassen, ist Geschmackssache. An Erotik mangelt es dem Manga aber bei Weitem nicht. Auch die zugrunde liegende Handlung ist solide mit kleinen überraschenden Wendungen. Höhenflüge der erzählerischen Finesse bleiben jedoch aus. Die vielen Farbseiten mit der knisternden Atmosphäre sprechen für sich, auch die Hauptcharaktere werden mit aufmerksamen Pinselstrichen zu Papier gebracht. Zeichnerisch gibt es aber ebenso noch Ausbaubedarf. Erste Weiterentwicklungen erkennt man bereits im zweiten Band.

Details

Titel: Alpha Girl, Band 1
Mangaka: Inga Steinmetz
Erscheinungsjahr: 2012
Verlag: Tokyopop
Genre: Romance, Erotik, Historie, Josei
Altersempfehlung: ab 16
Preis: 6,95 Euro
Bestellen: Tokyopop