»Das Feld des Regenbogens« – Manga-Test

Mangaka Inio Asano ist mittlerweile in der hiesigen Szene kein unbeschriebenes Blatt mehr. So liefen seine ersten Titel Sun City bei Schreiber & Leser und What a Wonderful World bei EMA eher beschaulich über die Ladentheke. Doch durch seine anderen Werke Gute Nacht, Punpun, Mädchen am Strand und Solanin, die bei TOKYOPOP seit dem vergangenen und diesem Jahr publiziert werden, gelangt er hierzulande vermehrt an Popularität, was nicht unbegründet ist. Denn Inio Asano setzt auf Themen, die Heranwachsende begeistern und emotional zutiefst bewegen. Mit seinem neuesten Oneshot Das Feld des Regenbogens, der seit Oktober 2013 erhältlich ist, begibt sich der Künstler in menschliche Abgründe und präsentiert eine komplexe Handlung, die sich aus der Masse völlig abhebt. In diesem Werk werden die Schicksale dreier Charaktere erzählt, welche eng miteinander verwoben sind, sowie Themen aufgegriffen, die sich zwischen gesellschaftskritisch und morbide-düster bewegen. Gehen wir gemeinsam in die Tiefen der menschlichen Psyche.

Mit einem Prolog, zwölf Kapiteln sowie einem Epilog präsentiert sich Das Feld des Regenbogens. Drei Hauptfiguren prägen die Story – unter ihnen ist Komatsuzaki, der des Öfteren zwischenmenschliche Konflikte gewalttätig löst und an einer Persönlichkeitsstörung leidet, seitdem er im Kindesalter brutal niedergeschlagen wurde. Neben ihm gibt es noch Suzuki, welcher als Außenseiter sowie Beobachter des Seins sein junges Leben bestreitet und nach einem Sturz von einem Dach meint, er hätte Kontakt zu Gott.

Des Weiteren liegt das Mädchen Arie im Koma, seitdem es beim Spielen von ihren Freunden in einen Brunnen geworfen wurde. Doch bevor dieser tragische Unfall passiert, lebt das Kind mit seinem Vater getrennt von der Mutter und führt ein bescheidenes Leben. Eines Tages findet die Polizei in den Tunneln der Stadt eine Frauenleiche. Aries Vater wird zum Fundort gebeten und soll diese identifizieren. Nach der Befragung der Ermittler stellt sich heraus, dass es sich tatsächlich um seine Ex-Frau handelt, von der er schon über sechs Jahre getrennt lebt. Auffällig ist aber der Zustand der Verstorbenen, denn jener zeigt auf, dass die Leiche schon einige Monate in diesen Tunneln gelegen haben muss. Außerdem weist einer der Wachmänner Herrn Kimura daraufhin, dass angeblich eine Person in diesen unterirdischen Gängen lebte. Aber der ehemalige Ehemann der Toten will das nicht wahrhaben.

Obendrauf berichtet der Gesetzeshüter über ein Gerücht, welches Kinder der nahegelegenen Schule in der Stadt als Legende verbreiten. Diese handelt von einem Gespenst, welches für das Ende der Welt verantwortlich sein wird und in diesen Tunneln haust. Auf dem Schulhof verbreitet sich diese Spukgeschichte teilweise zur Belustigung mancher Mitschüler. Andere wiederum nehmen diese Story ziemlich ernst. Eines dieser Kinder belächelt Arie Kimura, die Schöpferin des Märchens. Es ist kein Geringerer als Komatsuzaki, der deshalb von einem anderen Klassenkameraden in die Mangel genommen wird.

Selbst in Aries Umkreis erfährt das Mädchen aufgrund seiner Fantasien von vielen Seiten Ablehnung, was die Jugendliche ihrem Vater trocken mitteilt, als er von der Identifizierung zurück nach Hause kommt. Auch vom Tod ihrer Mutter weiß sie inzwischen von der Nachbarin Bescheid, was Herrn Kimura verblüfft. Doch er versucht, seine Tochter damit zu trösten, dass die Seele der Verstorbenen als Schmetterling weiterlebt. Seine Worte scheinen keine große Wirkung zu haben, worauf Arie zum Spielen nach draußen geht, und das Unglück passiert.

Innerhalb der Kapitel geht es um einen Zeitraum von über elf Jahren. Ich habe dagegen einen kurzen Einblick in die Anfänge eines der drei Schicksale gegeben, um allen die Möglichkeit zu lassen, dieses Meisterwerk für sich zu betrachten und seine eigenen Interpretationen daraus zu ziehen. Diese umfangreiche Zeitspanne lässt viel Entfaltungsraum für Inio Asano. Von Beginn an bringt der Künstler eine derart komplexe und verwobene Handlung zu Papier, dass man schwerlich von einem Lesehappen für zwischendurch reden kann. Durch eine Bildsprache, die größtenteils, wie bereits von ihm bekannt ist, sehr detailreich und metaphorisch dargestellt wird, erreicht er nach den ersten Seiten bereits, dass man sein Werk nicht weglegen möchte. Trotz der sehr morbiden und düsteren Erzählung, welche die Protagonisten umfasst, stehen einige Zeichnungen für das Schöne auf der Welt, was sich generell in der kompletten Geschichte durchzieht. Auch wenn der Leser diese Lichtblicke, wie zum Beispiel ein Schwarm von Schmetterlingen oder einen malerischen Sonnenaufgang, zu Gesicht bekommt, soll jener nicht meinen, dass es sich hierbei um einen Manga mit Helden handelt, welche die Welt retten, oder sich alles zum Guten wendet. Denn die Verstrickungen und Gedankengänge um die einzelnen Personen sind derart dunkel, wenn nicht sogar bildlich pechschwarz.

Die Kindheit der Protagonisten ist von schwermütigen, traurigen und schlichtweg negativen Ereignissen geprägt, welche bis hin zum Erwachsenenalter ihre Spuren hinterlassen als auch deren Alltag sowie ihre Mitmenschen derart beeinflussen, sodass der Betrachter des Öfteren anderes erwartet, als ihm während der knapp 300 Seiten begegnet. Das Feld des Regenbogens zeigt sowohl persönliche als auch gesellschaftliche Probleme, die dem einen oder anderen durchaus bekannt vorkommen können. Deshalb ist diese kritische Auseinandersetzung mit einem selbst und der Umwelt ein herausragendes Meisterwerk, was mit keinem anderen vergleichbar ist. TOKYOPOP vollzog die Gestaltung des Oneshots passend zur Geschichte in Schwarz mit einem magenta-farbenen Titel. Auf dem Einband selbst befindet sich auf der oberen Hälfte Inio Asanos Name mehrfach als folienkaschierter Schriftzug über mehrere Zeilen hinweg, um auch einen haptischen Effekt in den Händen zu halten. Das Softcover besitzt zudem zwei Einklappseiten, die als Lesezeichen verwendet werden können und jeweils weitere Informationen zum Mangaka sowie seine Werke beinhalten.

Für dieses Coming-of-Age-Drama sollten Interessierte genug Zeit mitbringen, um die Bilder auf sich wirken zu lassen, über das ein oder andere Zitat zu philosophieren und allgemein das Geschehen zu verdauen. Manch einem wird es anfangs auch schwer fallen, der Handlung zu folgen, da sie in mehreren Strängen verläuft und nicht immer eindeutig einem Protagonisten zugeordnet werden kann. Deshalb ist es ratsam, Inio Asanos Werk mit wachem Geist zu lesen. Zartbesaitete machen mit Das Feld des Regenbogens keinen guten Fang. Anhand der sehr direkten und teilweise zwielichtigen Zeichnungen werden Themen angesprochen, die nicht jedem zusagen oder einfach zu heftig beziehungsweise verstörend sein könnten. Aus diesem Grund richtet sich Das Feld des Regenbogens an eine erwachsene Zielgruppe. Ebenfalls lohnt es sich, das Drama mehrmals zu Gemüte zu führen. So fallen einem eventuell plötzlich Zusammenhänge auf, die vorher nicht ersichtlich waren, da der Fokus möglicherweise erst einmal darin stand, sich durch die morbide und abgrundtiefe Geschichte zu schlagen, um das Elementare zu verstehen. Das Feld des Regenbogens ist einmalig, schockierend und einfach schonungslos.

Wir bedanken uns herzlich bei TOKYOPOP für das Rezensionsexemplar zu Das Feld des Regenbogens.

Details

Titel: Das Feld des Regenbogens
Originaltitel: 虹ヶ原ホログラフ (Nijigahara Holograph)
Mangaka: Inio Asano
Erscheinungsdatum: 26.07.2006 (JP), 8.10.2013 (DE)
Verlag: Ohta Publishing Co. (JP), TOKYOPOP GmbH (DE)
Genre: Coming-of-Age, Drama, Slice of Life
Altersempfehlung: 16 Jahre
Preis: 14 €
Bestellen: ISBN-10: 384200849X

Nijigahara Holograph © 2006 Inio Asano, Ohta Publishing Co., Tokyo
Das Feld des Regenbogens © TOKYOPOP GmbH, Hamburg 2013