»Mädchen am Strand« – Manga-Test

Inio Asano hebt sich durch tiefgründige Erzählungen und seinen realistischen Zeichnungen, die glatt ein Ausschnitt aus der Wirklichkeit sein könnten, von anderen Künstlern ab. Der Mangaka beschäftigt sich oft auf unterschiedliche Weise mit Problemen einer Generation, die orientierungslos vor der Schwelle zum Erwachsenwerden steht. Meist enthalten seine Geschichten eine gesellschaftskritische Botschaft, welche den Leser nachdenklich stimmt und nicht so einfach loslässt. Nach Solanin, Gute Nacht, Punpun und zuletzt Das Feld des Regenbogens erscheint mit Mädchen am Strand das nächste Werk in der großformatigen Reihe bei TOKYOPOP. Unter dem Originaltitel Umibe no Onnanoko lief der Manga in einem Erotik-Magazin und wurde im letzten Jahr mit zwei Bänden abgeschlossen. Asano setzt sich in diesem Werk mit den Problemen eines heranreifenden Mädchens auseinander, das vor ihren Gefühlen davon läuft und sich in einer unglückseligen Beziehung verliert.


Koume Sato führte bislang ein gewöhnliches Mittelschulleben. Wegen ihrer Oberflächlichkeit hatte sie sich wie viele andere in den Mädchenschwarm Misaki verliebt. Im Sommer vor Beginn des dritten Schuljahrs traute Koume sich endlich, den Jungen anzusprechen. Misaki erwiderte zwar keine ihrer Gefühle, ließ sich dennoch auf eine Beziehung ein. Blind vor Liebe merkte Koume nicht, dass der Schönling sie nur ausnutzen wollte und folglich ihr das Herz brach. In ihrem Kummer sucht das Mädchen Trost bei dem Mitschüler Keisuke Isobe. Dieser hatte ihr früher ein Liebesgeständnis gemacht und einen Korb bekommen. Koume beginnt schließlich mit dem introvertierten Außenseiter eine körperliche Beziehung. Auch wenn sich Keisuke Hoffnungen macht, gehört ihr Herz noch immer einem anderen. Koume hält den Jungen stets auf Abstand und geht ihm auch weitestgehend in der Schule aus dem Weg. Keisuke glaubt, sie lässt sich nur auf die Affäre ein, um sich letztendlich an ihrer verschmähten Liebe zu rächen. Koume kann selbst darauf nur schwer erklären, wie das Verhältnis zwischen ihnen steht.

Hin und wieder möchte das Mädchen ihm näher kommen, nicht aus Liebe, sondern aus einem Schuldgefühl heraus. Da Keisukes Eltern sich selten um ihn kümmern, trifft sich das Pärchen immer häufiger bei ihm zu Hause. Vornehmlich geht es der Schülerin um das sexuelle Vergnügen und das gibt sie ihm ständig zu verstehen. Obwohl dem Jungen bewusst war, auf was er sich da eingelassen hat, wirkt sich das Spiel mit seiner Gefühlswelt langsam auf seine Laune aus. Eines Tages, als sie bei ihm die Zeit Tod schlägt, findet Koume Strandfotos von einem anderen Mädchen. Keisuke möchte nicht, dass sie sich in seine Vergangenheit einmischt. Wiederkehrende Albträume lassen erkennen, dass ihn bestimmte Erlebnisse bis heute quälen. Und auch wenn Koume nachdrücklich meint, dass sich nichts zwischen ihnen entwickeln wird, löscht sie die Bilder des Mädchens am Strand von seinem Computer, während er schläft. Hat Koume das Recht eifersüchtig zu sein? Auf ihre Aktion reagiert der Junge sehr kalt und wütend. So läuft die heimliche Beziehung allmählich aus dem Ruder und bringt die Gefühle beider vollkommen durcheinander.

Die Taten der Protagonistin mögen zwar negativ klingen, aber dem ist nicht so. Koume ist sich zurrecht unsicher, wie ihre Gefühle stehen. Das Mädchen will nicht den Schritt wagen, den sie vielleicht später bereut. Die Emotionen, welche sich durch eine Beziehung auf körperlicher Basis auslösen, werden porträtiert. Der Mangaka schafft es dabei unheimlich gut, die Stimmung durch die melancholische Szenerie einzufangen. Stille wird durch die Leseführung bemerkenswert erreicht und diese Momente drücken alleine schon Unmenge aus. In dem Zusammenhang verzichtet Asano hierbei vollkommen auf die für ihn typischen schwarzen Panels mit Monologen, um die Bilder sprechen zu lassen, wie sich die Charaktere fühlen. Vielleicht will der Autor dem Leser so selbst die Entscheidung überlassen, ob man zu den Protagonisten hält.

Keisuke steckt schon vor dieser Beziehung in einem Stimmungstief. Bei dem Jungen ist es schon schwieriger seine Innenwelt zu begreifen, da er sich zum einen sehr launisch verhält und sich traumatische Erlebnisse, die im ersten Band nur am Rande angedeutet werden, auf seine Gemütslage auswirken. Es hängt mit seinem verstorbenen Bruder und dem titelgebenden Mädchen am Strand zusammen. Schließlich wird Koume in diese Dinge, die sie eigentlich nichts angehen, emotional hineingezogen. Es gibt dabei vereinzelt Szenen, wo Keisuke fast schon lethargisch in seinen Gedanken verloren ist. Seine Stimmungsschwankungen lässt er an Koume aus, wobei der Junge manchmal beleidigend wird. Die Lösung für den Frust heißt dabei Sex und das tut der Beziehung nicht gerade gut. Anders als in seinen anderen Werken zeigt Asano wegen der Thematik mehr nackte Tatsachen, was etwas heikel ist bei den Heranwachsenden. Dabei stehen aber mehr die Emotionen als der eigentliche Akt im Vordergrund.

Mitte Januar ist der erste Band bei TOKYOPOP im Großformat erschienen, was vor allem die detailreich ausgearbeiteten Hintergründe schön zur Geltung bringt. Der Künstler besticht wieder mit seinem markanten Zeichenstil. Zusammen gelingt es ihm, den Ausdruck der Figuren und die Atmosphäre hervorragend miteinander zu vereinen. So wie bei anderen Ausgaben aus der Reihe lassen sich die Ränder von Front- und Rückseite umklappen. Das Motiv und die Texte kommen im Prägedruck, der schwarze Hintergrund ist dabei matt gehalten. Selbst das TOKYOPOP-Logo auf dem Spin wurde untypisch dunkel gelassen, um diese schicke, erwachsene Aufmachung zu erreichen.

Mädchen am Strand gehört zu der kleinen Zahl an Werken, die den Leser auch noch länger beschäftigen. Asanos ausgesprochen melancholischer Anstrich auf das Leben wird durch die Szenerien und den Gefühlslagen der Charaktere getragen. Das stimmungsvolle Werk gibt einen Einblick in das Innenleben einer normalen Schülerin, die allmählich ihre Unschuld verliert und in dem anschließenden Gefühlschaos zu ertrinken droht. So wie bei Solanin nehme ich an, dass sich die Wirkung erst mit dem zweiten Band voll entfaltet. Falls ihr anspruchsvolle Kost mögt und der Thematik nicht abgeneigt seid, solltet ihr deswegen unbedingt beide Teile lesen.

Wir bedanken uns herzlich bei TOKYOPOP für das Rezensionsexemplar zu Mädchen am Strand.

Details

Titel: Mädchen am Strand, Band 1
Originaltitel: Umibe no Onnanoko (うみべの女の子)
Mangaka: Inio Asano
Erscheinungsdatum: 17.03.2011 (JP), 13.01.2014 (DE)
Verlag: Ohta Publishing (JP), TOKYOPOP (DE)
Genre: Drama, Romantik, Slice of Life
Altersempfehlung: 16 Jahre
Preis: 12,00 €
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UMIBE NO ONNANOKO © Inio Asano 2011 / Ohta Publishing Co.
© TOKYOPOP GmbH, Hamburg 2014