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Interview mit David Füleki zum Thema Genrevielfalt in deutschen Manga

Am 20. Juni veranstaltet Sumikai eine Radio-Diskussion des NSW-LiVE mit Mikiko Ponczeck, Melanie Schober, Kami und Michel Decomain, welche sich mit dem Thema „Fehlt es deutschen Dojinshi bzw. Manga an Genrevielfalt?“ befasst. Passend dazu veröffentlichten wir gestern ein Nachgefragt-Special. Des Weiteren widmet sich dieser 2-seitige Artikel einem Interview mit David Füleki (78 Tage auf der Straße des Hasses), das dieses Thema näher ins Visier nimmt.

Sumikai: Deutsche Comiczeichner tendieren aktuell im Manga-Bereich dazu, oftmals Boys-Love-Geschichten zu kreieren. Wie siehst du diesen Trend: positiv oder negativ?

David: Prinzipiell wird bei mir erst mal kein Genre negativ oder positiv bewertet.

Selber lese und zeichne ich kein Boys Love, schließe aber beides für die Zukunft nicht aus, wenn denn am Ende die Qualität stimmt.

Und genau da kommen wir aber in die kritischen Gefilde: In den vergangenen fünfzehn Jahren hab ich aus – klingt jetzt natürlich komisch – Recherchegründen recht viel aus dem Bereich gelesen. Japanische und deutsche Sachen; Major-Label-Publikationen und Indie-Doujinshi. Und leider muss ich sagen, dass die Durchschnittsqualität innerhalb des Genres zu Wünschen übrig lässt. Inhaltlich, aber oft auch zeichnerisch, was im völligen Kontrast zu dem immensen wirtschaftlichen Erfolg steht.

Das lässt natürlich nur den logischen Schluss zu, dass es sich hierbei – leider – primär um ein Genre des geringsten Widerstands handelt. Eines, mit dem Verlage und Künstler durch wenig Innovation und wenig Aufwand einen möglichst großen Effekt erzielen können, weil sie bei der Leserschaft direkt auf banalere Lesemotivationen abzielen.

Das klingt jetzt erst mal recht hart, aber wie gesagt: Es geht hier um einen Durchschnittswert. Und selbstverständlich gibt es auch die andere Seite des großen komplexes der homoerotischen Liebes-Fiktion, die nur eben hierzulande noch unterrepräsentiert wird bzw. nicht im Manga-Sektor stattfindet.

Ein Problem ist dabei ja schon die bloße Tatsache, dass es im Manga überhaupt das Genre Boys Love gibt. In keiner anderen Mediengattung spricht man explizit von dieser Kategorie. Und wenn ich mir anschaue, was die handwerklich und narrativ besten Auseinandersetzungen mit Homosexualität in den Medien sind, stell ich fest, dass das kein „Boys Love“ ist, sondern in Genres wie Drama, Thriller oder gar Komödie stattfindet.

Der bloße Faktor, dass sich zwei Jungs lieben, sollte kein ganzes Genre tragen, sondern sich eher natürlich in bestehende Genres einfügen.

Erst, wenn man das glaubhaft hinbekommt, ist das Thema in der Mangaszene wirklich emanzipiert.

Sumikai: Fördern deutsche Comiczeichner mit diesem BL-Trend eventuell gewisse Vorurteile gegenüber der deutschen Manga-Zeichnerszene?

David: Ja, sicherlich. Die vorurteilsbelastete Wahrnehmung von außen ist auf alle Fälle vorhanden, was man vor allem auf Veranstaltungen wie einem Comic-Salon Erlangen oder einem Comicfestival München merkt, wo sich die Strömung vermischen. Zwar denke ich nicht, dass der Schwerpunkt der Mangaszene auf dem Thema BL verurteilt wird, doch man ist sich von außen schon bewusst, dass es sich hierbei um eine Weg-des-geringsten-Widerstands-Bewegung handelt, wie ich’s oben bereits angesprochen hab. Künstlerisch geht da halt einiges an Credibility verloren.

Und was das anbelangt, ist die Nicht-Manga-Szene tatsächlich deutlich weiter, weil da – wie ich es auch oben bereits andeutete – Homosexualität ein häufiges Thema in Comics ist, sich aber natürlicher in die Geschichten einfügt. Zudem gibt es da den begrüßenswerten Faktor, dass Boys Love nicht primär zu einem Unterhaltungseffekt runtergedampft wird, sondern der große Komplex der Homosexualität sensibilisierend mit all seinen Facetten erörtert wird. Das geschieht, indem z.B. Homosexuelle selbst als Autoren agieren oder anderweitig in den Entstehungsprozess eingebunden werden (an der Stelle verweis ich auf das Projekt Ach, so ist das).

Sumikai: Worin siehst du die Ursachen dafür, dass sich deutsche Mangaka vermehrt im BL-Genre austoben und weniger an beispielsweise Shonen- oder Shojo-Projekte wagen? Warum kommt Boys Love so gut an?

David: Nun hab ich ja schon mehrfach das Prinzip des Wegs des geringsten Widerstands angesprochen und ich hoffe, die LeserInnen legen mir das nicht zu negativ aus. Aus Sicht des Medienwissenschaftlers ist das nämlich nichts, was ich verurteile. Damit meine ich vielmehr, dass sich das Genre Boys Love hierzulande verstärkt in einem Sektor bewegt, der einem eher anspruchslosen Unterhaltungsfaktor folgt. Und gut gemachte, von mir aus auch profane Unterhaltung ist eine Kunst für sich, die genau so interessant sein kann wie ein High Concept-Werk mit den tiefschürfendsten künstlerischen Ambitionen und zig Deutungsebenen.

Aktuell folgt das Genre ja noch sehr einfachen Gesetzgebungen. Man kann als Neuling wunderbar eine Geschichte zu Papier bringen, indem man eine Strichliste abhandelt. Typen hassen sich, Typen nähern sich an, Typen sind kurz davor, sich endlich zu vernaschen, ein Missverständnis treibt die beiden auseinander, bevor sie sich am Ende endlich kriegen und ordentlich … küssen.

Inhaltlich kann man’s da also zunächst ruhiger angehen und sich somit smooth in die Materie einfügen.

78 Tage auf der Straße des Hasses © David Füleki/TOKYOPOP GmbH, Hamburg 2014

Und ganz ehrlich: Für Shounen-Zeichner wie mich ist das nicht viel anders. Wir fangen doch auch alle damit an, Dragon Ball abzukupfern. Auch da gibt’s banale Strichlisten, die man als Anfänger abarbeiten kann. Held zieht los ins Land der Abenteuer, Prügeleien, dumme Gags, irgendwas muss gesammelt werden, wieder ein paar Prügeleien, dann gibt’s irgendein Turnier. Da erfindet auch erst mal niemand das Rad neu.

Wichtig ist nur, dass in jedem Künstler – egal, mit welchen Stoffen er oder sie in die Materie reinstartet – irgendwann die Ambition entwickeln sollte, über den Tellerrand der einfachen Unterhaltung hinaus zu blicken und nach etwas Größerem und Eigenem zu streben.

Und warum es ausgerechnet diesen Schwerpunkt auf Boys Love und nicht Shounen oder Shoujo gibt: Da hat sich der Markt einfach in eine zirkuläre Falle reinmanövriert. Als klar wurde, dass BL das heiße Ding ist, wurde eine Schwemme an Titeln nachgespült, die heute noch die Mangaabteilungen der Händler überflutet. Dadurch wiederum bekommt das Genre einen Marktanteil eingeräumt, der sich in den Leserzahlen widerspiegelt. Viele junge LeserInnen kennen auch gar kein anderes Genre mehr. Man kommt ja bei der gigantischen Anzahl an laufenden Serien wunderbar mit dem einen Genre zurecht. Ist ja immer was Neues verfügbar. Ähnlich läuft’s ja gerade im Kino mit Superhelden-Filmen.

Bei derartigen Marktentwicklungen gibt es zwei mögliche Folgen: Entweder platzt die Blase und der Hype ebbt ab, sodass wieder andere Stoffe den frei gewordenen Raum füllen können. Vampire weichen Zombies, Herr der Ringe-artige Fantasy-Spektakel weichen den angesprochenen Superhelden-Filmen usw.

Oder es läuft ab wie beim Porno und das Genre stirbt nie aus, weil’s immer Bedarf gibt. Und den Bedarf gibt es immer, weil das Medium so banale, einfach gestrickte Bedürfnisse abdeckt.

Egal, welche Rolle BL einnehmen wird: Ich schätze, sobald sich der Markt wieder in eine neue Richtung entwickelt, werden auch wieder andere Genre stärker repräsentiert. Manchmal braucht es dafür nur ein einschlagendes Projekt, das von der bisherigen Norm abweicht und jahrelang andere in seinem Kielwasser mitschwimmen lässt.

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