Stats

Anzeige
Home Popkultur Manga Interview mit David Füleki zum Thema Genrevielfalt in deutschen Manga

Interview mit David Füleki zum Thema Genrevielfalt in deutschen Manga

Sumikai: Wer bestimmt, wie groß die Genrevielfalt ist: Zeichner oder Leser?

David: Da sind wir bei dem oben angesprochenen zirkulären Prozess. Aber an dem haben noch viel mehr Parteien als Zeichner und Leser Anteil. Ein bisschen zynisch würde ich sogar behaupten, dass ausgerechnet diese beiden Parteien nur untergeordnete Rollen haben, da Märkte auch von Experten in gewünschte Richtungen gelenkt werden können.

In Deutschland würde ich momentan gewisse Meinungsführer-Organe in der zentralen Rolle sehen. Weder Verlage, noch Händler, noch Autoren, sondern eher Rezensenten. Wenn ich bedenke, wie viel Macht z.B. ein bekannter YouTuber hat, der nur einmal eine Leseempfehlung in seinem Channel aussprechen muss, dann würde ich soweit gehen, zu sagen, dass ein verhältnismäßig kleiner, überschaubarer Markt wie der deutsche durchaus von derartigen Internetgrößen gelenkt werden kann.

Sumikai: Was können Verlage zur Genre-Vielfalt beitragen?

David: Die primäre Pflicht eines Verlags sehe ich darin, trotz all der Wirtschaftlichkeit, die selbstverständlich eine Unternehmensführung antreibt, eine gewisse Agenda zu verfolgen. Man darf die eigenen Ideale nie aus dem Blick verlieren und sollte mit seinem Angebot auch die LeserInnen formen.

Bestenfalls besteht ja ein Verlag aus Comic-Enthusiasten, die ihren eigenen teils recht abwegigen Experten-Geschmack im Verlagsprogramm repräsentieren wollen.

So gesehen sollten wirtschaftliche Zugpferde wie eben BL den Verlagen dazu dienen, die Ressourcen aufzubringen, Titel und Genre zu etablieren, die am Mainstream vorbeigehen.

Sumikai: Die meisten deutschen Comiczeichner sind weiblich (ausgehend von z. B. Kreativecken bei Cons). Würdest du sagen, dass das erheblichen Einfluss auf die Genre-Häufigkeit hat? Wo sind all die männlichen Manga-Zeichner in Deutschland?

David: Das alte Thema, zirkulärer Prozess, aber man muss auch leider sagen, dass deutsche Jungs generell sehr lesefaul sind. Empirisch erwiesen. Über alle Gattungen der Literatur, alle Genre, alle Altersgruppen beherrschen Leserinnen den Markt. Und das äußert sich in den verschiedensten Ecken eines Buchhandels.

Dennoch sollte man hier festhalten, dass das recht wenig mit dem Geschlecht der Medienproduzenten bzw. Autoren und Zeichner zu tun hat. Ferner sollte der Umkehrschluss auch nicht sein, dass dadurch klassische „Männergenre“ zwangsläufig unterrepräsentiert sind, weil selbst Shounen-Manga seit jeher eine deutliche Frauen-Mehrheit unter den Konsumenten haben.

Da Manga-Zeichner natürlich aus Manga-Lesern heraus entstehen, liegt es ja auf der Hand, dass es nicht so viele Jungs gibt. Viele Leserinnen bringen verhältnismäßig viele Zeichnerinnen hervor. Die wenigen Leser bringen entsprechend wenig Zeichner hervor.
Und dennoch ist festzustellen, dass es unter den wenigen Buben in der Zeichnerszene eine erstaunliche Durchschnittsqualität gibt. Mich selbst möchte ich aus der Gleichung rausnehmen, darüber sollen andere urteilen. Wenn ich meine Top Fünf der besten deutschen Mangakas zusammenstelle, wären da MINDESTENS drei Jungs dabei – und das obwohl es insgesamt vielleicht nur ein gutes Dutzend gibt.

Doch leider ist auch festzustellen, dass die Szene noch nicht so recht kapiert hat, wen sie da hat. Denn eine traurige Gemeinsamkeit dieser international absolut wettbewerbsfähigen Typen ist es, dass sie leider unter dem Radar verschwinden. Richtig gute und innovative Geschichten, formidable zeichnerische und konzeptionelle Skills – aber eben nur Geheimtipps.

Wenn ich der deutschen Szene etwas vorwerfen darf, dann dass sie es irgendwie hingekriegt hat, diese Zeichen-Monster zu umgehen. Und ewig schaffen die es unter den gegebenen desolaten Umständen auch nicht, ihre Motivation aufrecht zu erhalten, weshalb es einige von ihnen auch schon ganz aufgegeben haben. So was darf einfach nicht passieren.

Sumikai: Wie sieht die Qualität der hierzulande erscheinenden Boys-Love-Manga aus?

Hockey Homo Band 1 © 2014 Nana Yaa Kyere

David: Wenn ich es auf den Punkt haben möchte, hol ich mit einen Hockey Homo-Band von der Nana Yaa Kyere. Das Ding ist in seiner Boyslovigkeit genial, weil selbst ich als heterosexueller Mann vollkommen verstehe, warum das so gut funktioniert. Nur schade, dass da so wenig Hockey gespielt wird.

Es gibt vor allem in den professionellen Veröffentlichungen schon einige echt gute Ansätze, die auch dem entgegen kommen, was ich weiter oben angemerkt hatte: Da rückt der Boys Love-Aspekt in angemessener Weise in den Hintergrund, um dem eigentlichen Genre Platz zu machen. Es kommen also immer deutlicher die Ambitionen durch, Charaktere zu erörtern und Geschichten zu erzählen. Da bewegt die Autoren mehr als auszudrücken: „Guck mal die sind schwuuuuhuuuuul, aber auch sooooo süüüüühüüüüüß!“

Daneben gibt es – gerad im Amateur-Sektor – selbstredend auch viel Schrott, aber das ist kein Phänomen dieses spezifischen Genres. Ist aber alles erlaubt, solange man eine generelle positive Tendenz rauslesen kann. Und ja, ich behaupte, die ist vorhanden. Auch, wenn ich vielleicht nicht den besten Überblick über das Genre habe.

Sumikai: Wie gut beherrschen deutsche Zeichner stilistische Elemente (narrativ und visuell) bestimmter Genres? Wo besteht Verbesserungsbedarf?

David: Ein Riesenfass wird da aufgemacht.

Oje, also in der Manga-Ecke ist die Tendenz sowohl narrativ als auch inhaltlich okay, aber ganz ehrlich: Dafür, dass es nun schon so lange deutsche Manga gibt, könnte es auch ein gutes Stück weiter sein.

Zeichnerisch gibt es mittlerweile einige, die international gut mithalten können. Das derbste Manko ist die allgemeine Faulheit, Hintergründe zu zeichnen, über die ich mich doch sehr ärgere. Generell hab ich bei zu vielen deutschen Veröffentlichungen das unschöne Gefühl, dass es den Autoren primär um Geschwindigkeit ging. Hauptsache schnell viele Seiten rausrotzen. Dabei würde ich mich echt mal freuen, (zumindest neben den angesprochenen Scribble-Comics) zu sehen, was die Leute theoretisch so auf dem Kasten hätten.

Inhaltlich ist mir noch zu wenig Anspruch da, eine besondere Idee zu transportieren. Da durchzieht zu viel Schema F die Geschichten. Zu wenig Mut zu verqueren Ansätzen und herausragenden Konzepten.

Wenn ich da schaue, wie sich synchron die Nicht-Manga-Szene entwickelt hat, muss ich einfach feststellen, dass die ihre fernöstlich inspirierten Kollegen überrundet haben. Da kristallisieren sich eine stilistische Genialität und ein erzählerisches Feingefühl heraus, wie man es in der Manga-Szene leider nur sehr, sehr selten zu sehen bekommt. In der Hinsicht sollten sich die beiden Wege der deutschen Comiclandschaft noch mehr überschneiden, damit der Austausch gefördert werden kann. Denn einige der genialeren jungen deutschen Comicschaffenden entstammten sogar der Mangaszene und bringen nun ihr damals gelerntes Handwerk in eine Graphic Novel-Umgebung ein, was auch wiederum fantastisch funktioniert.

Anzeige
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren