Interview mit Inga Steinmetz zu »Alpha Girl«

Im Juni publizierte Inga Steinmetz den zweiten Band ihres Alpha Girl-Mangas über TOKYOPOP. Wir fühlten der deutschen Manga-Zeichnerin in einem Interview auf dem Zahn.

Wie entstand wohl die Story zu Alpha Girl, und welche persönlichen Rituale hat sie beim Zeichnen? Antworten darauf und vieles mehr verrät euch dieser Artikel.

Was hat dich zu Alpha Girl inspiriert?

Inga: Alpha Girl war eine Geschichte, die ich zur Entspannung nach einem beendeten Verlagsprojekt gezeichnet habe. Ich habe einfach das gezeichnet, was mir in den Sinn kam und die ersten Manga-Seiten auf einer Onlineplattform hochgeladen. Dadurch wurde TOKYOPOP auf das Projekt aufmerksam und bat mir an, es zu veröffentlichen.

Warum hast du Alpha Girl als Titel ausgewählt?

Inga: Ich bin immer sehr sorgfältig in meiner Titelwahl. Titel müssen einprägsam, knackig und leicht verständlich sein. Alpha Girl hat einen guten Rhythmus und Klang. Vom Inhaltlichen her gäbe es verschiedene Interpretationsmöglichkeiten: »Ein Mädchen, das die Zügel in der Hand hält« oder vielleicht »ein Mädchen, das meine Nummer eins ist«. Das überlasse ich den Lesern.

Was war dir beim Charakter-Design wichtig?

Inga: Da es ein Fun-Projekt war, habe ich mir darüber anfangs überhaupt keine Gedanken gemacht. Nur, dass sich Anna und Jean optisch sehr unterscheiden sollten. Ich wollte mal einen Manga zeichnen, in dem sich die Figuren weniger durch ihr außergewöhnliches Äußere definieren, als eher durch ihre Handlungen.

Wie ist Anna zur Organisation »Bordeaux« gekommen?

Inga: Anna ist eine Kriegswaise und zog bis zu ihrem 6. Lebensjahr halb verwildert mit anderen Kindern durch die Stadt. Irgendwann lief sie Alexandre hinterher, der damals nur ein kleiner Straßengauner von 16 Jahren war. Später hat er widerwillig ihre Erziehung übernommen und sie seitdem beschützt. Anna empfindet tiefe Dankbarkeit dafür. Da sie klein und gewitzt ist, machte er sie irgendwann zur Botin seiner Organisation. Er ist also nicht wirklich ein »verantwortungsvoller Vater« ;-).

Was waren ihre Aufgaben, bevor sie den Auftrag angenommen hat?

Inga: Sie übernahm Botengänge und überbrachte (manchmal auch unbequeme) Nachrichten. Ein hübsches Mädchen als Überbringer schlechter Nachrichten wurde weniger geschlagen. Was nicht heißt, das sie nie geschlagen wurde.

© 2014 Inga Steinmetz/Tokyopop

In was für einer Beziehung stehen Anna und der Anführer der Bordeaux zueinander?

Inga: Alexandre teilt sich zusammen mit der Nonne Louise die Rolle als »Elternteil« für Anna. Es ist eine etwas ambivalente Beziehung zwischen Beschützerinstinkt und Zuneigung.

Warum gibt es nur eine Frau in der Organisation?

Inga: Anna hat eine Sonderstellung durch ihre Bindung zu Alexandre. Allgemein würde er ungerne Frauen zu Spionen machen, da ihm der Gedanke an verletzte oder verkrüppelte Frauen wenig behagt.

Der Graf Lambert ist nicht gerade ein sympathischer Mann. Warum hat die Gräfin ihn dennoch geheiratet?

Inga: Es war eine Zweckehe. Er hatte die Ländereien und sie das Geld. Ob sie sich gegenseitig mochten, spielte damals keine Rolle. Trotzdem hegen die beiden Gefühle füreinander (sonst würde sie sein Betrug auch nicht so fuchsteufelswild machen). Hass-Liebe würde ich sagen.

Wie stehen Jean und sein Vater zueinander?

Inga: Jean hat eine schwierige Beziehung zu seinem Vater. Dieser hat hohe Ansprüche an ihn bzw. an Menschen an sich. Jean ist nicht perfekt und hat Schwierigkeiten allen Ansprüchen zu genügen. Aber er bemüht sich.

Wenn du über Wielands weiteres Leben zeichnen würdest, wie würde es mit ihm weitergehen?

Inga: Wielands Geschichte ist abgeschlossen und ich habe mir keine weiteren Gedanken über ihn gemacht. Sorry an die Fans :-P.

Was ist der Nutzen von der Mond-Tür im Astronomie-Turm am Anfang?

Inga: Die Legende sagt, dass der Turm früher tatsächlich zum Sternebeobachten benutzt wurde. Irgendwann zog eine junge Gräfin in die Burg ein, die viel Zeit dort oben verbrachte. Ihr Mann hatte ihr die Burganlage zur Hochzeit geschenkt. Als sie erfuhr, dass er sie mit ihrer Cousine betrog, ließ sie von einem Steinmetz diese Tür ins Nichts in die Mauern meißeln. Ob sie ihre Cousine durch diese Tür gestoßen hat oder selbst hindurch sprang, ist nicht überliefert.

In Alpha Girl gibt es sehr viel nackte Haut und sexuelle Vorspiele. Was war dir beim Zeichnen solcher Szenen wichtig, und was wolltest du eventuell vermeiden?

Inga: Von der Verlagsseite her musste ich alles vermeiden, was uns eine »Ab 18«-Empfehlung eingebracht hatte; also deutlich zu sehende, erigierte Gliedmaßen, allzu gespreizte Beine. Was auch nicht geht, sind Vergewaltigungen, bei der das Opfer höchste Lust empfindet. Sowas kann ein Buch sehr schnell auf die Liste der indizierten Bücher schießen und dann darf man es nicht mehr offen verkaufen.

Ich musste manchmal Bilder abändern, wenn ich zu offenherzig wurde. Teilweise hab ich es gar nicht gemerkt, da ich an sich kein Probleme damit habe, gewisse Sexualorgane zu zeichnen.

Mein künstlerischer Anspruch war es, immer ästhetisch zu bleiben, was ziemlich schwer ist, da leidenschaftlicher Sex ja eher eine rohe, wenig elegante Sache ist. Aber mit den richtigen »Kameraeinstellungen« klappt das.

Warum hören die Charaktere vor dem »spannenden Teil« immer auf?

Inga: Annas und Jeans Techtelmechtel bilden ja quasi den Rahmen der Geschichten. Sie schlafen am Anfang und am Ende miteinander, allerdings mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Aber immer sitzt ihnen die Zeit im Nacken und die komplette Geschichte ist eine Prüfung, quasi: »Könnt ihr trotz allem zueinander finden?« Dazu gehört auch, dass sie nie komplett miteinander »verschmelzen«.

Ist Alpha Girl mit dem zweiten Band abgeschlossen?

Inga: Definitiv ja. Die Geschichte wurde für zwei Bände geschrieben. Es existiert zwar ein Word-Dokument für drei weitere Bände aber ich bezweifle, dass das jemals an die Öffentlichkeit gelangt.

Wie bist du zu TOKYOPOP gekommen?

Inga: Ich habe mich mit einer Geschichte für Manga Fieber Band 2 beworben. Diese wurde angenommen und so landete ich im Zeichnerpool. Ich glaube, dass der Verlag oft seine liebe Not mit meinen Bewerbungen hat, da meine Geschichten oft inhaltlich wenig Massen-konform sind, haha. Das zeichnete sich schon an meinem seltsamen Humor in der Manga Fieber Geschichte ab ;-). Ich glaube, meine Geschichten muss man oft sehr aufmerksam lesen, da vieles etwas subtil verläuft. Ich nehme mir auch immer vor, so verständlich wie möglich zu schreiben, schließlich sollen die Geschichten ja unterhalten und nicht verwirren.

Gibt es schon Projekte, die du gerne nach Alpha Girl in Angriff nehmen möchtest?

Inga: Ja, ich sitze bereits an neuen Projekten, die mir einiges abverlangen, besonders emotional. Ich freue mich auf deren Veröffentlichung aber bis dahin wird es noch eine ganze Weile dauern. Ansonsten gebe ich jede Woche Manga-Workshops in Berlin und verkaufe kleine Merchandise-Pakete meiner Figur »Schneeballen«.

Hast du bestimmte Rituale beim Zeichnen (Tageszeit, Süßigkeiten, Musik, etc.)?

Inga: Während ich das Storyboard bzw. die Geschichte und Dialoge allgemein zeichne, muss absolute Ruhe herrschen, da ich mich dafür stark konzentrieren muss. Während der Skizzen und des Tuschens lasse ich oft nebenbei Dokus oder Polit-Talkshows laufen. Dadurch höre ich ein paar menschliche Stimmen während der »Gefängniszeit«, haha. Und ich kann mich in Ruhe auf meine Bilder konzentrieren, ohne ständig aufschauen zu müssen.

Nach Beendigung eines Projekts, räume ich meistens auf, besonders meinen Schreibtisch. Der sieht nach einem Monat konzentriertem Arbeiten aus, wie ein Schlachtfeld. Ich belohne mich auch gerne mit einen Restaurant-Besuch nach einem abgeschlossenen Kapitel.

Wie viel Potential siehst du in der deutschen Manga-Zeichner-Szene?

Inga: Das Potential ist endlos, denn solange Kinder heranwachsen, die gerne Geschichten erzählen, werden uns diese nicht ausgehen. In welcher Form das geschehen wird, ist schwer vorherzusagen. Die, die aus dem Wunsch heraus zeichnen, reich oder populär zu werden oder mal »was Gedrucktes von sich« in den Händen zu halten, werden eh verglühen. Der Rest wird weiter zeichnen MÜSSEN, aus einem inneren Drang heraus, ohne zu fragen, was er dafür zurückbekommt. Geschichten und Manga schreibt man, weil man muss und nicht, weil man möchte oder von außen Antrieb bekommt.

Auf welchen Veranstaltungen trifft man dich dieses Jahr noch an?

Inga: Ich bin vom 1. bis 2. August auf der AnimagiC anzutreffen. Da es meine letzte große Con für eine längere Zeit wird, würde ich mir wünschen, das mich viele Fans besuchen kommen :-). Ich freue mich auf euch!

Herzlichen Dank an Inga Steinmetz für das Interview.

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