Interview mit Kai-Steffen Schwarz (CARLSEN MANGA!) – Nachtrag zum Live-Chat

In einem Live-Chat durftet ihr Kai-Steffen Schwarz am 17. Juni etwas mehr als eine Stunde mit Fragen löchern. Im Nachhinein führte AnimeY ein Interview mit dem Programmleiter von CARLSEN MANGA!. Was dabei herauskam, lest selbst: 

ANIMEY: Ohne auf die aktuelle Manga-Indizierung in Japan anspielen zu wollen, sondern rein allgemein: Sind indizierte Titel in Japan lizenztechnisch trotzdem noch interessant oder lasst ihr von so etwas lieber die Finger?

KAI: Ich muss gestehen, ich weiß nicht, auf welchen “Fall” in Japan du anspielst. Da wir hier in Deutschland veröffentlichen, spielt für uns eigentlich nur die “deutsche Situation” eine Rolle. Wir haben in der Vergangenheit z.B. einige GOLDEN BOY-Bände “unzensierter als in Japan” veröffentlicht, zumindest so weit es die Originalseiten und der Lizenzgeber damals ermöglicht haben (das war aber ein Sonderfall). Generell gucken wir uns die Originalveröffentlichungen (japanische Buchausgaben) an und beurteilen anhand dessen, ob wir einen Stoff bei uns herausbringen wollen und können oder nicht.

ANIMEY: Habt ihr momentan Manga-Titel im Sortiment, die abbruchgefährdet sind?

KAI: Theoretisch hat wohl jeder Verlag einige Titel im Sortiment, die das wären – aus rein wirtschaftlichen Gründen gesehen. Praktisch versuchen wir so etwas zu vermeiden, um die Fans nicht zu enttäuschen. Wir haben unlängst einige wenige Titel “auf Eis gelegt”, faktisch also abgebrochen, wo wir leider keine andere Möglichkeit mehr gesehen haben (KEKKAISHI und ALICE ACADEMY). Nach Möglichkeit wollen wir so etwas in Zukunft vermeiden.

ANIMEY: Wo wäre es euch am liebsten, dass die Fans ihre Mangas kaufen?

KAI: Die Fans sollten unserer Meinung nach dort kaufen, wo sie sich selbst als Kunde am besten aufgehoben fühlen – egal ob in Comicshops, im Buch- oder Bahnhofsbuchhandel oder bei einem Online-Versender.

ANIMEY: Müsst ihr bei der Lizenzierung von Titeln darauf achten, dass euer Sortiment dem allgemeinen Auftreten des Carlsen Verlags entspricht, oder habt ihr da freie Hand?

KAI: Ich nehme an, die Frage zielt in Richtung “Lesealter 18+”? Wir veröffentlichen in verschiedenen Labels viele Bücher für ganz unterschiedliche Leserinnen und Leser, vom Kleinkind bis hin zum Erwachsenen. Auch in Jugendbüchern können “explizitere” Thematiken auftauchen. Comics für Erwachsene veröffentlicht Carlsen bereits seit Anfang der 80er-Jahre. Es gibt allerdings Manga, die inhaltlich und grafisch auf der Grenze (oder jenseits dieser) tanzen, die uns für unser Programm zu hart erscheinen. Wir haben ziemlich freie Hand, als Programmleiter muss ich am Ende die Titel aber inhaltlich und ökonomisch verantworten können. Es gibt einige Titel, die mir “zu hart” für Carlsen wären und für die wir deshalb kein Angebot abgegeben haben – das gilt aber auch für weitere Titel, die wir aus anderen Gründen nicht bei uns sehen (etwa: weil sie m.E. nicht ins Programmprofil passen, zu kitschig, zu schlecht erzählt / gezeichnet sind etc.). Es gibt also verschiedene “inhaltliche Limits”, die wir bei der Programmauswahl selbst beachten, nicht nur, ob wir etwas als zu explizit betrachten. Man kann das aber schwer verallgemeinern, bis wohin wir “ja” und ab wann wir “nein” sagen. Ich denke, ein Blick auf unser Seinen-Manga-Programm der letzten Jahre zeigt, dass wir uns heute inhaltlich mehr trauen als noch vor einigen Jahren.

ANIMEY: Wirkt sich das Auftreten beim Gratis Comic Tag wirklich positiv auf die Verkaufszahlen der verwendeten Mangas auf?

KAI: Ein direkter Zusammenhang lässt sich nur schwer nachweisen – der Gratis-Comic-Tag ist auch in erster Linie eine Marketingaktion, um den Comic-Fachhandel zu unterstützen. Die MANGA PREVIEW z.B. hat eine viel höhere Auflage und Verbreitung als die GCT-Hefte. Trotzdem machen wir beim GCT gerne mit, wenn wir die richtigen Titel anbieten können. Dieses Jahr waren es mit KLEINE KATZE CHI, ATTACK ON TITAN und TEMPEST CURSE gleich drei sehr unterschiedliche Manga, die u.E. alle drei das Potenzial haben, auch Nicht-Manga-Leser begeistern zu können. 2013 waren es SKULL PARTY und SOULLESS, die u.E. für das GCT-Publikum gut gepasst haben. Wir gucken also nicht nur nach den direkt nachweisbaren Zahlen, sondern schauen gezielt nach solchen Titeln, die das Potenzial haben, über den GCT ein anderes Publikum erreichen zu können.

ANIMEY: Im nächsten Programm gibt es gleich drei deutsche Eigenproduktionen. Ist das ein Bereich, den CARLSEN MANGA! gerne ausweiten möchte?

KAI: Uns liegt sehr viel an Eigenproduktionen, am liebsten würden wir das Volumen tatsächlich ausweiten. Allerdings soll das nicht auf Kosten der Bearbeitungs-Qualität in der Redaktion gehen, weshalb wir das nicht endlos ausweiten können – toll wäre es schon, wenn wir dauerhaft in jedem Halbjahresprogramm einige Titel bringen können. Eigenproduktionen brauchen einfach mehr Zeit in der Autorenbetreuung als Lizenztitel. Wichtig ist aber, die Qualität muss absolut stimmen und die Termine müssen sowohl die Mangaka und auch wir einhalten können. Zusätzliche Ressourcen in Sachen Marketing und PR sind für Eigenproduktionen ebenso sinnvoll. Wir werden uns deshalb fokussieren und neue Eigenproduktionen erst dann ankündigen, wenn wir die Bände schon fast fertig bearbeitet im Kasten haben.

ANIMEY: Im letzten Chat hieß es noch, dass Mangas sich als E-Book nur marginal verkaufen. Hat sich dazu im letzten halben Jahr etwas verändert?

KAI: Ich spreche hier natürlich nur für den deutschsprachigen Markt – aber hier ist es nach wie vor so, dass E-Manga eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Wichtige Gründe hierfür ist einerseits die bislang noch sehr begrenzte Titelauswahl, die mit der Lizenzlage in Japan zu tun hat, zum anderen die nur wenigen Plattformen und Geräte, die E-Manga auf dem deutschen Markt ordentlich darstellen können – anders als bei textbasierten E-Books und E-Readern, wo es deutlich mehr Bandbreite und Auswahl für die Leser gibt. Die E-Manga-Titelauswahl wird sich im Laufe der nächsten 12 Monate bei uns deutlich erweitern, weil weitere Verlage in Japan grünes Licht gegeben haben. Wir werden sehen, ob sich dadurch an den Marktanteilen von E-Manga etwas verändern wird. Ich gehe davon aus, dass es deutlich mehr Geräte und Plattformen braucht, um den E-Manga-Markt wirklich zu erweitern.

ANIMEY: In Japan gibt es inzwischen einen Halbjahrüberblick über die besten Manga-Titel. Wie schaut es denn bei CARLSEN MANGA! aus – welche Titel sind bei euch in den letzten 5 Monaten ganz weit oben zu finden?

KAI: Wir posten monatlich unsere Bestseller (wobei jeweils nur der beste Band pro Serie gezählt wird) – zu finden im CARLSEN-MANGA!-Forum

ANIMEY: Es hieß bisher Frühjahr 2015: Gibt es schon einen festen Releasetermin für die Attack on Titan-Spin-offs?

KAI: Ja, einen haben wir inzwischen angekündigt: ATTACK ON TITAN – BEFORE THE FALL wird Ende Februar (als “März-Neuheit”) starten. NO REGRETS launchen wir dann zwei Monate später, jeweils im Wechsel mit der Hauptserie wird es also ab Februar jeden Monat neuen Titanen-Lesestoff geben. Weitere Spin-Offs wir JUNIOR HIGH haben wir natürlich auf dem Radar, aber um Konkretes zu verkünden ist es noch zu früh. Wir sortieren uns hier auch noch etwas, weil sowohl von BEFORE THE FALL wie auch NO REGRETS bisher erst ein Taschenbuch in Japan vorliegt. Ich kann aber schon mal ankündigen, dass bei uns alle AOT-Serien im selben Format kommen werden.

ANIMEY: Im Anime-Bereich werden immer mehr Simulcasts hierzulande angeboten, wäre ein ähnliches Angebot für Manga-Kapitel denkbar?

KAI: Theoretisch denkbar wäre das – in den USA wird das ja bereits praktiziert (bei VIZ mit dem Digitalmagazin SHONEN JUMP ALPHA, bei Yen Press mit den Simultan-E-manga zu SOUL EATER NOT!). Allerdings liegt ein enormer zusätzlicher Zeit- und Arbeitsaufwand bei allen Partnern – in Japan wie in Europa – dahinter, zu dem die Originalverlage strategisch erst einmal bereits sein müssen. Das fängt schon mal damit an, dass man das Material viel früher zum Übersetzen und Bearbeiten bekommen müsste, und man dies dann auch nur “auf Sicht” kapitelweise bearbeiten und publizieren kann. Für die Buchversionen müssen die Übersetzungen dann oft nochmal durchgesehen und ggf. korrigiert werden, so verfährt Kodansha in den USA offenbar mit Crunchyroll-Übersetzungen. Punktuell wird bei einigen Projekten auch schon so gearbeitet – in der Breite der Programme wird dies aber m.E. so schnell nicht möglich sein.

ANIMEY: Mit den Toriyama Short Stories kommen viele Werke des bekannten Mangakas zu uns. Wäre es denkbar Dragon Ball X One Piece dieser Reihe zu veröffentlichen?

KAI: Von uns aus würden wir das sehr, sehr gerne machen – vermutlich wird das aber erst dann möglich sein, wenn diese Geschichte auch in Japan in Buchform erscheint, und als solche ist sie bislang m.W. noch nicht angekündigt. Wir sind aber über die Zusammenarbeit mit Viz, Shueisha und Toriyama-sensei an den TORIYAMA SHORT STORIES bisher schon sehr glücklich, denn diese Reihe gibt es so bisher nur im deutschen Markt. Uns wurde erlaubt, die Nummerierung umzustellen (also mit GO! GO! ACKMAN zu starten), das Design den schwarzen DRAGON BALL-Bänden anzupassen, und wir dürfen im Winter als weltweit erster Verlag NEKO MAJIN als Taschenbuch veröffentlichen. Im Frühjahr/Sommer 2015 kommen neue Bände hinzu – mal schauen, was wir in Zukunft noch bringen dürfen.

ANIMEY: Verkaufen sich Mangas zu denen es hierzulande auch den Anime gibt besser als andere ohne diese „Werbung“?

KAI: Klares “Jein” als Antwort – bei den großen, bekannten Blockbustern wie DRAGON BALL, NARUTO und ONE PIECE (oder z.B. auch DETEKTIV CONAN und SAILOR MOON, um mal Titel anderer Verlage zu nennen), hat dies über die Jahre sicher geholfen. Teilweise gilt dies inzwischen auch für Online-Anime, wie wir z.B. bei SOUL EATER gemerkt haben. Allerdings gibt es auch Gegenbeispiele, z. B. hat sich damals für die Original-Manga zu DOREMI und DIGIMON trotz Top-Quoten im TV kaum jemand interessiert, und die FreeTV-Erstausstrahlung von BLACK LAGOON auf Tele 5 letztes Jahr hatte quasi keine Auswirkungen auf die Manga-Verkäufe. Zudem gibt es diverse Manga-Serien, die auch ohne jede mediale Begleitung im deutsche Markt super funktionieren. Es kommt also immer auf den jeweiligen Titel und die Zielgruppe an.

AnimeY bedankt sich für das Interview.