Interview mit Mikiko Ponczeck zu “Crash’N’Burn”

AnimeY hatte die Gelegenheit Mikiko Ponczeck auf der gamescom 2014 zu interviewen und unterhielt sich mit ihr über ihre Tätigkeit als Künstlerin sowie ihr neustes Werk Crash’n’Burn. TOKYOPOP publizierte den ersten Band Mitte Juli 2014 hierzulande und der zweite erscheint am 15. September. Wie entstand wohl die Geschichte zu Crash’n’Burn  und was inspiriert Mikiko beim Zeichnen? Antworten darauf und vieles mehr lest ihr in diesem Artikel.

AnimeY: Wie entstand die Geschichte von Crash’n’Burn?

Mikiko: Auf die Story von Crash’n’Burn bin ich eigentlich durch Zufall gekommen. Ich habe irgendwann mal sechs Seiten einfach so für mich selber aus Spaß gezeichnet, in denen zwei Kerle aneinandergeraten, und auch mehr oder weniger die Figuren spontan entwickelt. In diesen Seiten hatte ich dann alles drin, was ich gerne sehen wollte. Die Geschichte war rockig und irgendwie wild. Irgendwann dachte ich mir, das gefällt mir ganz gut und habe angefangen, um die Figuren herum eine Story zu bauen. TOKYOPOP war dann schließlich an der Geschichte interessiert. Die meinten, das klingt gut, schreib mal weiter. Heute ist es das geworden, was es jetzt ist.

AnimeY: Tyler und Kyle sind sehr unterschiedlich aufgewachsen – der eine in einem guten Familienumfeld, der andere in einem komplizierten. Ist es lediglich die Musik, die die zwei verbindet oder spielen noch andere Faktoren eine Rolle und falls ja, welche?

Mikiko: *lacht* Also es ist schon mehr als die Musik. Man sagt ja auch, Gegensätze ziehen sich an, das ist hier wirklich dieser Fall. Du sagtest schon richtig, der Kyle hat ganz viel Auswahl in seinem Leben und kann theoretisch machen was er will, während Tyler so rein gar keine Auswahl hat, nur seine Musik und deswegen zielstrebig voranschreitet. Der Grund für diesen Aufbau war eigentlich eine persönliche Sache bei mir, denn ich habe lange Zeit als freiberufliche Künstlerin sehr kämpfen müssen. Was mach ich? Einen echten Job? Man sagt immer: Zeichnen, das bringt nichts, brotlose Kunst. Das sind sozusagen die zwei Seiten meiner selbst, die in Konflikt geraten sind. Ich hätte auch studieren können, was ich dann nicht tat und zu 100% in Comics gegangen bin, daher quasi den Weg von Tyler gewählt habe. Das ist eigentlich die Grundlage dafür.

AnimeY: Die beiden Protagonisten Kyle und Tyler sind beide sehr dominante Charaktertypen. Warum hast du dich gegen die typische Seme-Uke-Beziehung entschieden?

Mikiko: *lacht* Diese Rollenverteilung fand ich immer ein bisschen blöd. Ich habe eine sehr gute Freundin in Australien, die ist lesbisch, und ganz viele schwule Freunde, höre dann immer wieder Storys und denke mir, das ist halt nicht so eindeutig. Es ist nie irgendwie schwarz auf weiß. So wie es das Gut und Böse eigentlich auch nicht gibt, erscheint das alles ein bisschen schwammig. Sexualität ist sehr beweglich und ich dachte mir, das möchte ich etwas realistischer darstellen, denn diese Formel hat mich schon ein wenig gelangweilt. Die beiden sind vom Stereotyp doch eher Seme und da kam mir der Gedanke: Das kann doch eigentlich nicht funktionieren, oder doch? Ich habe dann überlegt, wie echte Personen, die sehr dominant sind, miteinander umgehen und wie das ablaufen würde. Das war eigentlich sehr spannend und experimentell *lacht*.

AnimeY: Kimi und Tyler waren einst ein Paar. Welche Rolle spielt Kimi generell in Tylers kompliziertem Leben?

Mikiko: Ich weiß jetzt nicht, wie viel ich davon schon erzählen darf, da die zweite Ausgabe bald kommt. In den zwei Bänden ist das nicht sehr detailliert beschrieben, aber da besteht ja die Möglichkeit auf einen dritten und in dem würde ich gerne etwas ins Detail gehen, was die beiden angeht. Oberflächlich kann ich sagen, Kimi und Tyler sind Jahre lang beste Freunde gewesen, sie haben beide ihre eigenen Probleme und waren füreinander da, um durch diese problematischen Zeiten gemeinsam zu kommen. Die zwei verbindet natürlich auch die Musik und ihre rebellische Natur, welche Kimi ebenso in sich trägt, obwohl sie oft sehr leise, ruhig und still erscheint. Da hat es halt richtig geklickt zwischen den beiden. Mal gucken, wie ich das in der Zukunft weiter erzählen kann.

AnimeY: Crash’n’Burn handelt von Musik, bist du selber ein musikalischer Typ beziehungsweise spielst du ein Instrument?

Mikiko: Eher weniger, ich habe ursprünglich mit gar nichts Musikalisches zu tun gehabt. Als ich mir allerdings vornahm, eine Story über eine Band zu schreiben, habe ich ganz viel recherchiert und mir etwa Mitte oder Ende der Fertigstellung von Band 1 eine Bassgitarre gekauft, in dem Zuge auch Bassspielen gelernt. Ich kann es zwar nicht sehr gut *lacht*, aber es macht einen Unterschied. Man sieht es denke ich in Band 2, dass ich einen besseren Einblick darin bekommen habe, wie diese ganzen Instrumente funktionieren. Ich fand es sehr wichtig und wünschte dies schon vor Band 1 getan zu haben. *lacht* Aber es gefällt mir sehr gut. Ich würde mich jetzt nicht als musikalisch bezeichnen, noch nicht, aber zumindest wage ich mich allmählich in diese Richtung. Die Musik, die sie als Band spielen, ist auch genau mein Ding. Ich mag Rock, Punk, Metal und Ähnliches.

AnimeY: In Crash’n’Burn treten an einigen Stellen Gewaltszenen auf. Was musstest du bei solchen Szenen beachten bzw. gab es gewisse Grenzen?

Mikiko: Ich habe sehr großes Glück, dass TOKYOPOP, was Zensur angeht, bei mir überhaupt nicht eingreift. Dann war es für sie zumindest nicht zu hart *lacht*. Ich selber habe eine Vorliebe für ein bisschen Drama sowie Gefährliches und wollte die Härte schon darstellen, weil es sich um eine gefährliche Welt handelt, in der Tyler ist und sich bewegt. Ich hatte leider nicht genug Platz, um seine Umgebung genauer zu zeigen, da musste es in diesen Szenen deutlicher werden. Zugegeben, ich mag es auch, Gewalt darzustellen, was jetzt furchtbar klingen mag *lacht*. Aber was das Zeichnerische angeht, es ist eine sehr spannende Sache. Mit gefallen einfach rohe Emotionen, das berührt mich bei anderen Sachen auch sehr. Da fällt alles drumherum weg und es bleibt nur die rohe Gewalt. Tyler ist eigentlich ein nicht so guter Mensch und ich möchte, dass das deutlich wird. Ich weiß, dass viele Fans den ganz toll finden, aber gäbe es ihn als echten Menschen, dann wäre er sehr unangenehm und das soll schon sichtbar sein.

AnimeY: Wie entsteht bei dir ein Konzept für eine neue Erzählung?

Mikiko: Meistens habe ich viele kleine Ideen, die bei mir im Hinterkopf so daherköcheln. Diese entwickeln sich nach und nach, jedes Mal wenn ich mich hinsetze und mehr darüber nachdenke, sammle oder recherchiere. Da kristallisieren sich hin und wieder einzelne Geschichten raus, die einfach schöner sind als andere. Dann picke ich mir diese raus, setze mich seriös hin und arbeite sie systematisch aus. Zunächst schreibe ich die ganze Geschichte auf und lasse schließlich meine Beta-Leser drüberlesen. Danach überarbeite ich es meisten noch mal neu und bessere alles um, bis es so weit ist, dass es mir gefällt. Dann erst verarbeite ich das Ganze in einen Manga. Das Drüberlesen und Verbessern kann durchaus zwei bis drei Mal passieren, bei Crash’n’Burn war es etwa drei Mal, dass ich Teile neu schreiben, weglassen oder dazutun musste. Und wie gesagt, ich habe die Hoffnung, dass ich all die aus Platzgründen weggeschnittenen Dinge irgendwann auch mal nacherzählen kann.

AnimeY: Wie entsteht eine Manga-Seite bei dir, und welche Utensilien verwendest du dabei?

Mikiko: Das ist unterschiedlich, je nachdem wie viel Zeit ich habe und wie es am Ende aussehen soll. Generell gibt es mehrere Methoden. Für Crash’n’Burn speziell habe ich die Seiten vom kompletten Buch erst einmal natürlich gestoryboarded. Danach sauber skizziert, schließlich komplett getuscht sowie digital getuscht und gerastert. Bei Crash’n’Burn zeichnete ich die Reinzeichnungen mit Bleistift, anstatt sie zu tuschen, und zwar so sauber, dass es wie Tusche aussah. Ich habe dann nur Dinge verbessert und es dann in Photoshop geschwärzt. Der Grund dafür war, dass Bleistiftlinien ein bisschen organischer und gröber aussehen als digitale Tusche. Crash’n’Burn ist halt eine grobe Geschichte und das passt halt visuell dazu.

AnimeY: Was inspiriert dich beim Zeichnen?

Mikiko: In erster Linie würde ich sagen Musik, das ist immer sehr inspirierend. Und an zweiter Stelle stehen für mich eigentlich Menschen und das Leben allgemein. Manchmal sehe ich einfach Leute auf der Straße und es entsteht eine Situation. Ich beobachte einfach Passanten, die irgendwas machen, z. B. eine Unterhaltung oder irgendein Austausch geschieht. Etwas davon finde ich interessant, nehme es mit nach Hause und denke mir: Ah, so ähnlich könnte ich mir vorstellen, dass meine Figuren reagieren würden. Es klingt langweilig oder banal, aber ich finde Menschen werden nie langweilig. Jeder ist anders und lebte jahrelang ein anderes Leben als ich. Ich möchte Leute kennenlernen und mehr über sie erfahren. Ich denke mal, deshalb sind wir Mangaka auch so sehr mit den Figuren, Persönlichkeiten beziehungsweise Charakteren beschäftigt. Da kann ich alles sein. Mich inspirieren auch andere Zeichner sehr oder clevere Idee. Es müssen noch nicht mal Zeichner sein, es kann alles sein. *lacht*

AnimeY: Welche Aspekte sind dir beim Gestalten von Farbseiten besonders wichtig?

Mikiko: Farbe ist immer schwierig. Bei einer Illustration fertige ich immer eine Art Farb-Scribble an auf der ich ein bisschen mit Farben kleckse und schaue, wo was ganz gut aussieht. Farbe fällt mir immer noch etwas schwerer als Schwarz-Weiß, weil ich mit Bleistift sozusagen aufgewachsen bin. Ich muss also viel nachdenken, mein Gehirn einschalten und sagen: Okay, Farbtheorie, wie war das noch mal? Und dies und jenes ist ein Kontrast sowie die Platzierung ist wichtig. Also es wird viel geplant und verbessert. Ich arbeite für offizielle Sachen immer noch meist digital, weil ich viel abändern, anpassen und tweaken muss. Dafür ist Photoshop ganz toll, weil man halt spontan Dinge komplett ändern kann.

AnimeY: Hast du bestimmte Rituale beim Zeichnen (Tageszeit, Süßigkeiten, Musik, etc.)?

Mikiko: Ja, ich habe meist zwei Bildschirme, auf den einen arbeite ich und auf den anderen laufen meistens Dokumentationen. Ich weiß, andere Leute schauen Filme oder Serien. Das Problem ist allerdings, mich lenkt das total ab, weil ich dann zugucken muss. Bei Dokumentationen wird ja geredet oder besser gesagt erklärt. Manchmal gucke ich dann rüber und sehe eine Landschaft oder was auch immer. Das heißt, ich muss meine Aufmerksamkeit nicht komplett dort hinrichten. Da lerne ich was bei aber es ist nicht zu anstrengend und es lenkt nicht zu sehr ab. Dokumentationen kann ich jedem nur empfehlen *lacht*. Oder Audiobooks, die höre ich auch ganz gerne. Ansonsten versuche ich ein Ritual einzuführen, bei dem ich tatsächlich auch alle paar Stunden mal aufstehe und mich strecke. Aber das vergesse ich des Öfteren. Das gleiche trifft auf Essen zu, aber da muss ich mir wohl einen Wecker stellen *lacht*.

AnimeY: Wie viel Potential siehst du in der deutschen Manga-Zeichner-Szene?

Mikiko: Ich finde, die deutsche Manga-Szene ist unglaublich interessant. In anderen Ländern gibt es so etwas in der Form überhaupt nicht, was ich wirklich schade finde. Ich weiß, dass die deutschen Fans sehr kritisch sind, was das deutsche Material angeht. Aber im Vergleich zu allen anderen Ländern, die aufgegeben haben, weil genau das gleiche passiert ist, haben wir hier einfach stursinnig weitergemacht und Leute immer noch gefördert. Das Ganze hat sich gebessert, also die Einstellung gegen Zeichner, und ich hoffe, das verbessert sich weiterhin. Ich finde, zeichnerisch sind wir alle längst mit den Japanern auf dem gleichen Stand. Es wird halt oft nur auf den Namen geguckt und gesagt: Ach, die ist deutsch. Ach ist Mist. Ich finde, das ist unfair und so können wir auch nicht wachsen. Wenn zum Beispiel jemand meint, die Storys sind scheiße, dann muss man sich hinsetzen und diskutieren: Hör mal, ich finde deine Geschichten zwar nicht so toll, aber was wäre denn wenn … So arbeitet es sich viel besser, als wenn man sagt: Nö, mag ich nicht, weg damit. Ich versuche solchen Leuten auch freundlich gegenüberzutreten und erzähle ihnen, hört mal, wir versuchen es und tun auch nur unser Bestes aber sei doch nicht so negativ oder lass uns auch mal ein bisschen darüber reden. Ich denke aber allgemein, das Potenzial ist riesig und glaube, das wird in der Zukunft noch einiges werden.

AnimeY: Hast du bereits Ideen für neue Geschichten nach Crash’n’Burn?

Mikiko: Ich habe sehr viele Geschichten, die bei mir sozusagen im Hinterkopf im Regal verstauben. Ich kann mich bloß nicht entscheiden, welche als nächstes kommt. Eine Sache, die ich schon einigermaßen regelmäßig mache, ist schon online: diese Web- beziehungsweise Minicomics. Die möchte ich ganz gerne regelmäßiger zeichnen und auch weiterhin gratis online setzen. Im Moment ist Crash’n’Burn an erster Stelle und da gibt es für mich allerhand zu tun. Deswegen habe ich mir noch nicht überlegt, was danach kommt. Es gibt aber eine Kleinigkeit von Amazing Japan, die bald erscheint. Und zwar habe ich einen kleinen Manga über Ramen gezeichnet, der nur 20 Seiten lang ist. Ich bin mir nicht sicher, wann der rauskommt, aber das kündige ich noch alles an.

AnimeY: Das Veranstaltungsjahr neigt sich zwar doch allmählich dem Ende zu aber auf welchen Events trifft man dich in diesem Jahr noch an?

Mikiko: Ich werde noch auf der Connichi sein in Kassel und ich habe vielleicht noch die Möglichkeit nach London auf die MCM zu gehen – das ist dann aber nicht für die deutschen Fans. Da überlege ich aber noch und muss gucken, wie viel mich das kosten wird *lacht*. Ich war ja schon mal dort nur ohne Tisch, dieses Mal hätte ich sogar die Möglichkeit auf einen. Ich versuche gerade was zu organisieren. Wenn also jemand zufällt im Oktober in London auf der MCM ist, dann könnten wir uns vielleicht über den Weg laufen.

AnimeY bedankt sich bei Mikiko Ponczeck für das Interview.

Foto © AnimeY Online Magazin
Crash’n’Burn © Mikiko Ponczeck, TOKYOPOP GmbH Hamburg 2014