Crimson-Shell © 2006 Jun Mochizuki / SQUARE ENIX CO., Ltd. © Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2014

So erfolgreich, wie Pandora Hearts hierzulande ist, war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis CARLSEN MANGA! auch Crimson-Shell hinterherschieben würde.

Jun Mochizukis Debüt um die Rosenhexe Claudia erschien mit sechs Kapiteln von 2005 bis 2006 in Square Enix‘ GFantasy und schaffte es dieses Jahr auch zu uns. Dem Oneshot sieht man ziemlich schnell an, dass er seinen Nachfolger maßgeblich beeinflusst haben muss beziehungsweise noch als experimentelle Grundlage dafür gedient hat. Dennoch erzählt Crimson-Shell seine ganz eigene Geschichte.

Vor einiger Zeit, so heißt es, hat ein verrückter Wissenschaftler eine Blume, die sogenannte Premier Rose, erschaffen, deren Samen in eine Reihe von menschlichen Versuchsobjekten verpflanzt wurde und dort magische Kräfte entfaltete. Aus jenen Trägern entstanden allerdings die gefährlichen Black Roses, welche mittels eines Gifts im eigenen Blut andere Personen in den Wahnsinn treiben und töten konnten. Eine Ausnahme davon bildete das Mädchen Claudia, die Crimson Rose. Aufgrund einer Mutation ist ihr Blut lediglich giftg für die Black Roses, deren mörderische Sippe von da an mit ihrer Hilfe vernichtet werden sollte.

Der junge Shion Lidell ist gerade erst zur Einheit Crimson Shell dazugestoßen, welche sich Claudias Schutz widmet. Er wird Zeuge, wie Claudia mit ihrer Fähigkeit der Dornenbeschwörung den Angriff der Victims − Opfer der Black Roses, die durch deren Gift zu schrecklichen Monstern mutieren − abwehrt. Wieder in Sicherheit führt der gutherzige Kamerad Ruskin den Neuankömmling in die Sondereinheit der übergeordneten Organisation Red Rose ein, wobei der Junge unter anderem Claudias engsten Vertrauten Xeno kennenlernt, welcher sich gerade auf einer geheimen Mission befindet. Die zwei verbindet eine unausgesprochene Liebe und ein Versprechen, das im Zusammenhang mit Claudias früherer Isolation sowie ihrer Angst vor der eigenen zerstörerischen Kraft steht. William, der Thorn der Rose, hält derweil nicht viel von der Freundschaft der beiden.

Nach dem letzten Kampf mit den Victims kommt auf einmal der Verdacht auf, dass sich ein Spion in den eigenen Reihen befindet. Was keiner ahnt, ist, dass die Black Roses die Organisation längst unterwandert haben. Ein schwerwiegender Verrat erschüttert die nicht alternde Claudia und lässt ihre Dornenranken Amok laufen. Doch jeder Schein trügt, so wie man es von Jun Mochizuki kennt. Wer tatsächlich Freund und wer Feind ist, dieses Rätsel wird erst am Ende gelüftet.

Leser von Crimson-Shell werden automatisch Vergleiche zu Pandora Hearts anstellen. In den beiden Mangas finden sich etliche Parallelen zwischen den Charakteren wieder. Diese gleichen sich nicht nur im Aussehen, sondern teilweise auch in Verhaltensweisen, Persönlichkeit oder ihrer Rolle innerhalb der Geschichte sehr stark. So erinnert zum Beispiel das naive Bübchen Shion an Oz, die aufbrausende, niedliche Claudia an Alice, der geheimnisvolle Einzelgänger William ähnelt Xerxes und der väterliche, witzige Ruskin Oz‘ Onkel Oscar. Der unverwechselbare feine Zeichenstil, welcher schon bei Crimson-Shell nahezu ausgereift ist, tut sein Übriges.

Jun Mochizuki spinnt mal wieder ein Netz aus Irrungen und Wirrungen um ihre Figuren. Von Anfang an lockt sie den Leser auf eine falsche Fährte und streut täuschende Hinweise genau wie in Pandora Hearts. Die kurze Story weist viele Überraschungsmomente auf, und die Ereignisse wie auch die Enthüllungen folgen einander Schlag auf Schlag. Eigentlich umfasst die Geschichte nur einen sehr kurzen Zeitraum, aber in diesem finden enorm viele Geschehnisse statt. Dazu gibt es häufige Szenenwechsel, die das Tempo erhöhen. Im Grunde liegt der Fokus aber allein auf der Beziehung zwischen Claudia und Xeno sowie der Enttarnung des Spions in der Crimson-Einheit. Leider völlig auf der Strecke blieb das Rätsel um die Entstehung der Premier Rose und deren eigentlicher Zweck, das heißt, welche Kraft sie ursprünglich innehatte als auch verleihen sollte. Ebenfalls der Wissenschaftler, der eines Tages einfach verschwand und seine »Kinder« im Stich ließ, hätte noch näher beleuchtet werden können.

Der Oneshot widmet sich in seiner kurzen Story Themen wie Vertrauen, Betrogen-werden und Einsamkeit. Um dies zu verdeutlichen, hier ein genauerer Einblick in die Handlung, der aus Spoiler-Gründen markiert werden muss, um ihn zu lesen.  Xeno scheint ganz offensichtlich der gesuchte Spion zu sein, und so hadert die Rosenhexe mit sich, ob sie weiter an ihren geliebten Freund glauben soll. Zwar offenbart er sich vor ihren Augen als Verräter, doch will ihr Herz ihn nicht aufgeben. Dem gegenüber steht das Drama der Black Roses. Für Forschungszwecke wurden diese zu Ausgestoßenen. Nachdem es zu Claudias Mutation kam und der Wissenschaftler-Vater urplötzlich verschwand, gab es jedoch keine Verwendung mehr für die gefährlichen Versuchskaninchen. Die Verbitterung und Missgunst gegenüber Claudia sind also nachvollziehbar.

Ich selbst war skeptisch, wie eine Geschichte aus der Feder der Pandora Hearts-Schöpferin in einen Einzelband passen sollte, bin aber vom Ergebnis positiv überrascht. Für Fans der aktuellen Serie ist Crimson-Shell ein kleines, aber feines Must-have. Neulinge im Jun-Mochizuki-Universum dagegen hätten einen unvoreingenommenen Blick auf ihr Debüt. Alles in allem überzeugt der Oneshot durch Spannung, Tiefgang und ausdrucksstarke Zeichnungen. Aufgrund der komplexen Story um die diversen Roses ist es außerdem ratsam, den Band gleich noch einmal zu lesen.

Wir bedanken uns herzlich bei CARLSEN MANGA! für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Crimson-Shell.

Crimson-Shell © 2006 Jun Mochizuki / SQUARE ENIX CO., Ltd.
© Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2014

2 KOMMENTARE

  1. Da ich den Band schon auf Englisch im Regal stehen habe, überlege ich noch, ob ich mir auch die deutsche Ausgabe hole. Dass Begriffe wie „Crimson Rose“ und so weiter eins zu eins übertragen wurden, bereitet mir ein wenig Bauchschmerzen, aber was soll’s. Ich selbst finde, dass solche direkten Übertragungen eher krampfig wirken. Na gut, man könnte jetzt argumentieren, dass das ganze ja in London spielt (wenn ich mich recht erinnere?).
    Ansonsten ist der Band empfehlenswert. Mochizukis Stil ist noch etwas kantiger als alles was sie aktuell so zeichnet, aber ich mag’s trotzdem. Die Story ist stimmig und verworren, da kommt jeder wohl auf den Geschmack.

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