»Nachtläufer« Band 1 & 2 – Manga-Test

Seit spätestens Twilight in die Kinos kam, brach der Vampir-Hype über die Welt herein. Auch der Manga-Bereich profitierte mit Titeln à la Vampire Knight oder Cheeky Vampire vom Kuchen. Aber was die japanischen Zeichner können, stellt für hiesige Künstler ebenso wenig eine Hürde dar. Katharina Kirsch schafft es mit ihrer zweibändigen Kurzserie Nachtläufer, welche in Deutschlands Hauptstadt Berlin spielt, frischen Wind in die ausgelutschte Blutsauger-Thematik zu bringen und damit nicht nur eingesessene Knoblauch-Verächter für sich einzunehmen, sondern auch Manga-Leser, welche durch die plötzliche Flutwelle an Langzähnen eine schnelle Abneigung für solche Geschichten entwickelt haben.

Band 1

Es ist Allys größter Wunsch, auf einen Vampir zu treffen und selbst einer zu werden. Dafür zieht die Jugendliche abends um die Häuser. Bisher war ihr das Glück jedoch nicht hold. Viel schlimmer noch: Der Emo-Klub lauert Ally auf, um sie zu einem Mitglied zu machen. Da bleibt dem Mädchen nur eins übrig, nämlich hurtig die Flucht zu ergreifen. Die Verfolgerinnen sind hartnäckig und können Ally letztendlich auf einem Friedhof stellen. In einem unachtsamen Moment befreit sich die Schülerin und wird Zeugin, wie ein Fremder vor ihren Augen zum Boden schwebt. Werden ihre Träume endlich war?

Ally glaubt felsenfest, dass Hendrik ein Vampir ist, auch wenn dieser die Behauptung vehement von sich weist. Der junge Mann muss schnell lernen, wie hartnäckig Ally sein kann – ungebetene Besuche an seinem Arbeitsplatz, dem mysteriösen Butterfly Café, sind nur der Anfang. Doch auch Ally findet sich in der Position der Gejagten wieder, als dunkle Ereignisse aus der Vergangenheit hervorbrechen und drohen, die Jugendliche zu verschlingen.

Band 2

Anne ist zurück – und das als Vampir. Allys Freundin von früher sinnt auf Rache. Gleichzeitig gilt es, das Rätsel zu lösen, warum sich Hendrik und Lenas Vater so ähnlich sehen. Könnten die zwei miteinander verwandt sein? Beide Männer hüllen sich in Schweigen. Für Vampir-Fan Ally ist das noch lange kein Hindernis. Voll Enthusiasmus rückt sie ihrem selbst ernannten Meister Hendrik auf die Pelle, der noch immer abstreitet, ein Blutsauger zu sein.

So spannend diese mysteriöse Verbindung auch sein mag, sollte Ally nicht vergessen, dass von Anne immer noch eine große Gefahr ausgeht. Dass sie die Bedrohung zu sehr auf die leichte Schulter nimmt, muss die Schülerin auf die harte Tour lernen, als plötzlich ihre Mutter spurlos verwunden ist. Was hat Anne vor? Zudem sieht sich Ally mit der Frage konfrontiert, ob es vielleicht doch nicht so toll ist, ein Vampir zu sein.

Nachtläufer startete 2008 im ersten Band der Anthologie Baito Oh! der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Berlin (DJGB). Bis zur vierten Ausgabe war Katharina Kirsch jeweils mit einem neuen Kapitel dabei. Zuletzt schaffte es Nachtläufer sogar mit dem männlichen Hauptcharakter Hendrik aufs Cover. Danach wechselte die Geschichte jedoch zum Comic-Culture-Verlag, der diese 2012 mit einem eigenen Band würdigte. Heuer folgte zur Leipziger Buchmesse das zweite und abschließende Volume.

Bereits in Baito Oh! war Katharina Kirschs Zeichenstil auf einem hohen Niveau, vergleicht man aber einmal die ersten Kapitel miteinander, merkt der Betrachter schnell, dass für die Sammelband-Veröffentlichung die komplette Geschichte noch einmal neu zu Papier gebracht wurde, ohne den Handlungsablauf an sich zu ändern. Fans bekommen durch diese Extraarbeit noch ansprechendere Seiten geboten. Die Bilder sind geprägt durch eine zarte Linienführung und sanften Verläufen bei den Graustufen. Detailliertere Umgebungen treten zu einem ausgewogenen Grade auf, sodass sich der Leser stets zurechtfindet und leer gelassene oder einfach gestaltete Hintergründe nicht negativ ins Gewicht fallen. Die Charaktere strahlen in ihren dynamischen, aber natürlichen Posen Leben und eine starke Präsenz aus. In der Mimik ist stets viel Emotion eingearbeitet, was der Geschichte Tiefe verleiht und gleichzeitig die Nähe zum Leser schafft. Katharina Kirsch hat keine Probleme mit Proportionen und beherrscht es mühelos, Menschen verschiedener Altersstufen widerzuspiegeln.

Bei einer Länge von zwei Bänden bleibt die Anzahl an Charakteren überschaubar. Dank des individuellen Designs versprüht jede Figur ihren eigenen Charme, allen voran natürlich Protagonistin Ally. Ihre Vampir-Leidenschaft nimmt exzessive Ausmaße an – was der männliche Hauptcharakter Hendrik stets zu dessen Bedauern zu spüren bekommt. Das unbeirrte, zielstrebige Verhalten der Schülerin gewinnt auf Anhieb die Sympathien des Lesers und gibt der Handlung einen lockeren, humorvollen Grundton. Darauf baut Katharina Kirsch ein spannendes Story-Gerüst mit ernsten und dramatischen Akzenten auf. Antagonistin Anne bringt als rachsüchtige Vampirin nicht nur eine düstere und gefährliche Atmosphäre mit ein, sondern bietet mit ihren sexy Kurven auch einen ansehnlichen Anblick.

Der erste Band kommt mit vier Farbseiten daher, während Käufer im zweiten Teil zum Schluss ein paar Entwürfe und Illustrationen in Schwarz-Weiß finden. In beiden Volumes gibt es eine kleine Fanart-Galerie, wo sich unter anderem namhafte deutsche Zeichnerinnen wie Marika »demoniacalchild« Herzog (Grimoire, Demon Lord Camio) oder Nana »Yaa« Kyere (high angle, Hockey Homo) verewigt haben. Bei einer Anzahl von 204 beziehungsweise 220 Seiten beinhaltet Nachtläufer so einiges zum Schmökern. Zusammen mit den eben genannten Extras sind ein Preis von 6,90 Euro für Band eins und 7,90 Euro für das dickere Nachfolgevolume durchaus im Rahmen.

Katharina Kirsch macht in Nachtläufer alles richtig. In einer angenehmen Länge erzählt sie eine spannende, dramatische und gleichzeitig humorvolle Geschichte. Eine Prise Romantik darf auch nicht fehlen. Die wunderschönen, ausdrucksstarken Zeichnungen unterstreichen das Geschehen fantastisch, und das Charakter-Design spricht für sich. Protagonistin Ally besticht durch ihr selbstbewusstes, etwas abseits der Realität lebendes Wesen. Die Vampir-Thematik gibt zwar den roten Faden an, tritt in vielen Szenen aber nur unterschwellig auf, sodass sich auch Leser für das Werk begeistern können, welche um Blutsauger-Geschichten sonst einen großen Bogen machen. Bei so einem grandiosen Werk darf man nur hoffen, dass es eine Fortsetzung erhält, genug Anknüpfstellen gäbe es zumindest.

Wir bedanken uns beim Comic-Culture-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Nachtläufer, Band 2.

Details

Titel: Nachtläufer, Band 1 & 2
Mangaka: Katharina Kirsch
Erscheinungsjahr: 2012/2014
Verlag: Comic-Culture-Verlag
Genre: Shojo, Comedy, Mystery, Fantasy
Preis: 6,90 Euro/7,90 Euro
Bestellen: Band 1: [amazon text=ISBN-10: 3941886126&chan=animey&asin=3941886126]
Band 2: [amazon text=ISBN-10: 3941886177&chan=animey&asin=3941886177]

Nachtläufer #1© by Comic-Culture-Verlag/Katharina Kirsch/Berlin 2012
Nachtläufer #2© by Comic-Culture-Verlag/Katharina Kirsch/Berlin 2014