»NightS« – Manga-Test

Dezember 2011 erschien hierzulande bei TOKYOPOP von Kou Yoneda der Manga No touching at all. Danach wurde es recht still um die Zeichnerin, doch seit Juli 2014 gibt es mit der Kurzgeschichtensammlung NightS Neues beim Verlag. Boys-Love-Fans dürfen sich auf drei Paare aus verschiedenen Milieus und Altersgruppen freuen, deren Leben in einem sehr ansprechenden Erzählstil aufgezogen sind. Ob sie es auch schaffen, sich von der Überzahl an bereits auf Deutsch existierenden Boys-Love-Einzelbänden abzuheben, bringt ihr in diesem Artikel in Erfahrung.

Masato Karashima ist ein Schmuggler der Extraklasse und arbeitet eigentlich nur für die chinesische Mafia. Man sagt ihm sogar nach, Leichen am Auge des Gesetzes vorbei verschwinden lassen zu können. Das weckt das Interesse des Yakuzas Masaki Hozumi. Karashima reagiert misstrauisch, als Hozumi ihn darum bittet, für seinen Klan einen Auftrag zu erledigen. Doch Karashima kann Hozumis schönem Gesicht nicht widerstehen, dabei sollte er wissen, dass in der Welt der Untergrundorganisationen Lug und Trug an der Tagesordnung sind.

In Gefühlsspektrum ist Nakaya Kugos bester Freund, darum registriert Letzterer schnell, wie Usui aus der Parallelklasse seinem Kumpel immer wieder Blicke zuwirft. Die Zeichen sind eindeutig, sodass sich Kugo bereit erklärt, Usui dabei zu unterstützen, Nakayas Herz zu erobern. Mit der Zeit muss sich Kugo jedoch eingestehen, eifersüchtig auf Nakaya zu sein. Probleme mit seinen Gefühlen hat auch der Mechaniker Seki in Reply gegenüber dem Verkaufsberater Takami. Zuerst hält er ihn wie jeden anderen aus seiner Berufsschicht, doch schnell muss Seki lernen, dass Takami zwar meist ein ernstes Gesicht macht, sich dahinter jedoch ein mitfühlender Mensch verbirgt.

Gewaltige 260 Seiten zählt der Einzelband und kostet dabei die von TOKYOPOP gewohnten 6,95 Euro. Das Preis-Leistungs-Verhältnis wird noch weiter aufgebessert: Satte acht Farbseiten sind in der Kurzgeschichtenkollektion enthalten, wobei fünf zu NightS gehören und drei zu Gefühlsspektrum. Da es sich dabei um die Einleitungen zu den Storys handelt, wurden die Illustrationen zu Letzterem mitten im Band am richtigen Fleck angebracht, anstatt sie nur lieblos ganz an den Anfang zu setzen. Schade ist nur, dass es zu Reply keine Farbbeilagen gibt, was jedoch nicht an TOKYOPOP liegt. Tatsächlich sieht es so aus, als existierten keine kolorierten Seiten zu diesen Abschnitten.

Reply tritt mit insgesamt 136 Seiten, auf vier Kapitel verteilt, als längster Beitrag hervor. Kou Yoneda macht sich dabei sogar die Mühe, sowohl aus der Sicht von Seki als auch Takami zu erzählen, was insbesondere sehr zur Aufklärung beiträgt, da man es mit sehr unterschiedlichen Gemütern zu tun hat. Die Beziehung des Mechanikers und Beraters ist mein persönlicher Favorit in der Sammlung. Der Zeichnerin gelingt es, auf einer simplen Basis mit langsamem, aber einfühlsamem Vorantasten die beiden Männer einander näher zu führen. Kleine Überraschungen – humorvoller oder dramatischer Natur – versüßen das Lesevergnügen. Das Verhalten der Figuren erscheint bodenständig und nachvollziehbar, gerade diese Realitätsnähe heimst Reply zusätzliche Sympathiepunkte ein.

Im Vergleich steht Gefühlsspektrum am kürzesten da. Gerade einmal 42 umfasst das Kapitel. Dementsprechend kompakt reihen sich die Ereignisse aneinander, ohne jedoch überstürzt oder unglaubwürdig zu wirken. In Wahrheit findet Kou Yoneda das richtige Maß, um dem Betrachter Kugos Empfindungen klarzumachen. Einbußen muss Gefühlsspektrum dennoch hinnehmen, da sich schnell zu Beginn herauskristallisiert, wohin die Geschehnisse führen. Kleine Zweifel, ob die Handlung wie gedacht voranschreitet, bleiben trotzdem, denn eines kann diese Mangaka besonders gut: eine dichte Atmosphäre erzeugen. Wie bei Reply setzt Yoneda auch hier auf innere Monologe, welche das Erzähltempo drosseln und dem betroffenen Charakter mehr Tiefe verleihen. Die Einsicht in dessen Gedanken ist jedoch auf die eigenen Emotionen und Einschätzung des Gegenübers konzentriert. Umso intensiver nimmt man als Leser die dargebotenen Szenen wahr.

Obwohl die Grundstimmung mit einem dramatischen Unterton, der den Betrachter zur Vorsicht mahnt, in NightS dieselbe ist wie in den anderen zwei Geschichten, fallen dieses Mal zumindest die Monologe weg und werden durch gehäufte Gespräche ersetzt. Der Nervenkitzel entwickelt sich in NightS am stärksten aus, was nicht nur an der Yakuza-Thematik liegt. Vielmehr lebt das Werk von den lange unausgesprochenen Geheimnissen der Protagonisten, die für den Leser schwer vorzeitig zu durchschauen sind, sich aber dennoch logisch ins Gesamtbild einfügen und der Handlung Fülle sowie die entscheidende Pointe verleihen. Passend zum Titel beinhaltet NightS sehr viele Nachtszenen. Dementsprechend groß ist der Rasterfolienverbrauch, um das Gefühl von Dunkelheit oder Zwielicht zu erzeugen. Nach den 58 Seiten wünscht man sich eine Fortsetzung von Karashima und Hozumi. Diese erhält der Käufer ganz am Ende des Einzelbandes mit einem humorvollen, kurzen Bonus.

Wie in der Einleitung bereits erwähnt, schwankt das Alter der Figuren. Es reicht von Schülern bis in die späten Dreißiger. Dabei bewahren sich die Männer jedoch allesamt ein schönes, anziehendes Auftreten. Im Äußeren tun sich Parallelen auf. Kou Yoneda bevorzugt groß gewachsene Kerle mit breiten Schultern und einem schlanken, trainierten Körper. Die Gesichter sind von kantigen Zügen geprägt. Diese werden nur hier und dort grob abgerundet, um die maskuline Note zu bewahren. Während die Gesichtsform im Wesentlichen immer dieselbe bleibt, gibt es dennoch keine Probleme, die Charaktere zu unterscheiden. Der Zeichenstil besitzt zudem einen hohen Wiedererkennungswert.

Weniger Aufwand fließt in die Hintergründe. Jene liegen zwar ausreichend vor, halten jedoch keine Details bereit. Sexszenen sind explizit in NightS und Reply vorhanden. Negativ fällt die Sprechblasenverteilung auf, da man oft auf den ersten Blick nicht zuordnen kann, wer was sagt. Aus dem Kontext lässt sich das aber ableiten. Konzentration ist bei diesem Manga besonders gefragt, da der Leser stets mitten ins Geschehen geworfen wird und erst einmal zuordnen muss, welche Figuren im Werk vorkommen.

NightS hat mich in mehreren Aspekten positiv überrascht. Die drei präsentierten Manga-Kurzgeschichten spielen in verschiedenen Umfeldern und versprechen durch das Charakter-Design Abwechslung. Viele Monologe und Gespräche verursachen ein langsames Erzähltempo, regen aber auch dazu an, sich Zeit zu nehmen, die Storys zu genießen. Kou Yoneda verfolgt eine realitätsnahe Linie, welche durchaus ihre dramatischen Augenblicke bereithält. Die Atmosphäre wiegt schwer auf dem Betrachter und beschwört Unbehagen sowie böse Vorahnungen hervor. Ob sich diese bestätigen, kann jeder gerne selbst nachlesen. NightS ist ein anspruchsvoller Titel mit wenig humorvollen Einlagen und ernsten, erwachsenen Zügen. Bei so hochwertigen Beiträgen, den vielen Farbseiten und einem ausgesprochen überzeugenden Preis-Leistungs-Verhältnis dürfen Boys-Love-Fans gerne zuschlagen.

Wir bedanken uns bei TOKYOPOP für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu NightS.

Details

Titel: NightS
Originaltitel: NightS
Mangaka: Kou Yoneda
Erscheinungsjahr: 2013 (JP), 2014 (DE)
Verlag: Libre (JP), TOKYOPOP (DE)
Genre: Boys Love, Drama, Slice of Life, Romance
Altersempfehlung: ab 15
Preis: 6,95 Euro
Bestellen: [amazon text=ISBN-10: 384201029X&asin=384201029X]

NightS © 2013 Kou Yoneda, Libre Publishing Co., Ltd.
© TOKYOPOP GmbH, Hamburg 2014