Kristina Gehrmann, Im Eisland Band 1 Cover
© 2015 Kristina Gehrmann/Hinstorff

Die Leipziger Buchmesse und die darin integrierte Manga-Comic-Convention (12. bis 15. März 2015) sind heute zu Ende gegangen. Auf der Veranstaltung standen viele neue deutsche Manga-Eigenproduktionen zum Verkauf. Eine Übersicht auf AnimeY verschafft euch einen groben Einblick in die Angebote. Dazu gehört auch Kristina Gehrmanns (persönliche Webseite) Werk Im Eisland, Band 1: Die Franklin-Expedition, das als Graphic Novel vom Verlag Hinstorff veröffentlicht wird. Die Zeichnerin taucht darin tief in ein katastrophales, bis heute ungeklärtes Ereignis in der Geschichte der englischen Seefahrt ein, welches jüngst im September 2014 durch einen Fund in den nördlichen Gewässern Kanadas erneut Aktualität erlangte.

Zwei Schiffe, die HMS Erebus und die HMS Terror, setzen im Frühjahr 1845 Segel, um in einer auf drei Jahre angesetzten Expedition unter dem Kommando vom erfahrenen aber mit knapp 60 ältlichen Sir John Franklin als Erste die Nordwestpassage vom Atlantik in den Pazifik zu durchfahren. Der Jubel unter der Bevölkerung ist bei der Abfahrt groß. Auch bei der Besatzung schlagen die Herzen aufgrund des bevorstehenden Abenteuers höher, schließlich glauben alle, in den arktischen Gefilden Ruhm und Ehre zu erlangen. Die Schiffe sind mit den neuesten Errungenschaften des angebrochenen Viktorianischen Zeitalters und der Industrialisierung Englands ausgestattet. Der Erfolg dieser Mission scheint der einzig logische Schluss.

Unter den Besatzungsmitgliedern der HMS Terror befindet sich auch der 20-jährige John Torrington, welcher in England seine Verlobte zurücklässt, um auf dem Schiff als Oberheizer zu dienen. Dort lernt er Thomas Evans kennen, dessen Aufgabe es ist, auf das Äffchen Jacko von Kapitän Francis Crozier aufzupassen. Die beiden freunden sich schnell an, doch John verbirgt einen sehr kränklichen Zustand, während die Expedition Probleme bekommt, im Packeis weiter vorzudringen.

Kristina Gehrmann stellt in Im Eisland den Verlauf der sogenannten Franklin-Expedition nach. Dabei hält die Künstlerin das tragische Ende nicht zurück, sondern setzt Charles Francis Halls Bemühungen, 20 Jahre später Spuren der verschwundenen Schiffe und der Mannschaft zu entdecken, als kurzen Prolog an den Anfang. Wer etwas in die Thematik um die Franklin-Expedition hineingeschnuppert hat, wird wissen, dass die spätere Suche nach den Verschollenen selbst genug Stoff für eine eigene Ausarbeitung hergeben würde. Kristina Gehrmann greift mit einer hohen Ernsthaftigkeit zum Stift, um mit jedem Strich Vergangenes mit leidenschaftlicher Detailverliebtheit auferstehen zu lassen. Ein Literaturverzeichnis mit insgesamt 27 Titeln, welche zwischen 1820 und 2014 erschienen, beweist den Aufwand, welchen die Künstlerin für dieses Projekt auf sich genommen hat.

Man mag gar nicht glauben, dass die Geschichte im Wesentlichen so vonstattenging. Vielmehr fühlt sich der Ablauf wie ein Roman an, der von Moby Dick-Autor Herman Melville hätte stammen können (kleiner Fun-Fakt am Rande: Moby Dick erschien 1851 in London und New York – somit zeitlich nahe auf die Franklin-Expedition folgend). Statt des ruhelosen Kapitäns Ahab, der wie ein Besessener den weißen Wal Moby Dick jagt, liegt das Kommando bei Sir John Franklin, ein komplettes Gegenteil. Trotz seiner hohen Aufgabe sowie der unbekannten Gebiete, die es zu erkunden gilt, legt er eine erstaunliche Gelassenheit an den Tag und ist mehr um die christliche Moral unter seinen Männern besorgt, als um das, was vor ihnen liegt. Ein ähnlich unbekümmertes Gedankengut macht sich unter den anderen Offizieren breit. Einziges Gegengewicht in dieser Hinsicht stellt Kapitän Francis Crozier dar, der den Blick für die Wirklichkeit behält, jedoch seine Meinung meist unausgesprochen lässt. Ein ins Deutsche übersetzter Originalbrief, den er 1845 an den Polarforscher James Clark Ross schrieb, gibt dem Leser ein noch besseres Gefühl für seinen Charakter.

Bei einem historisch so stark angelehnten Werk kam ich nicht darum umhin, hin und wieder die Internet-Suchmaschinen zu bemühen, um nachzuforschen, was auf den dargebotenen Seiten Realität oder doch nur Fiktion entspricht. Die Überraschung war groß, dass viele Komponenten auf wahren Begebenheiten beruhen. So befand sich an Bord der Expedition tatsächlich eine Affendame namens Jacko. Auch der junge Mann John Torrington, der im ersten Band eine tragende Rolle spielt und fast schon wie ein fiktiv hinzugefügter Charakter wirkt, um das Leben der rangniederen Besatzungsmitglieder zu beleuchten, existierte. Sein Schicksal ist sogar eines der wenigen, das enträtselt vorliegt. Wohl gerade deswegen nimmt er so viel Platz in der Handlung ein.

Kristina Gehrmann fängt in ihren Zeichnungen die Atmosphäre Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Dazu trägt der damalige Kleidungsstil, die neuesten technischen Errungenschaften, aber auch das Beibehalten der englischen Liedtexte bei, welche gesungen werden. Drei Seiten mit Anmerkungen am Ende des Bandes geben zusätzliche historische Erklärungen ab. Sie übt insgeheim in den Darstellungen die heutige Kritik an den damals begangenen Fehleinschätzungen der Franklin-Expedition aus. Vorboten des nahenden Unheils springen dem Leser unmissverständlich ins Auge. Der großartige Jubel der Menge und die Euphorie der Crew, die sich »Ruhm und Ehre« erhofft, wirken aus diesem Betrachtungswinkel wie eine lückenlose Massenblindheit.

Da fast alle vorkommenden Charaktere reale Personen waren, orientiert sich Kristina Gehrmann beim Aussehen an Bildern beziehungsweise Fotos der Betroffenen, sofern solche existieren. Dadurch taucht bei vielen, speziell älteren Kalibern, Figuren ein hoher Grad an Realismus im Design auf. Bei jüngeren Besatzungsmitgliedern schwingt mit größeren Augen und weniger definierten Gesichtspartien der Einfluss der Mangaszene mit. Die Schiffe sind detailliert gezeichnet. Leider seltene Komplettansichten ziehen die Blicke auf sich. Kristina Gehrmann beschert uns auch Einsicht in die Inneneinrichtung, von der Kapitänskajüte bis hin zum Heizungsraum. Eine doppelseitige Skizzierung des Aufbaus der HMS Terror verschafft dem Interessierten weitere Einblicke.

Dem Käufer erwarten im ersten Band 224 Seiten im Format 14,8 x 21,0 cm, was weitaus größer ausfällt als die typischen Mangas der großen deutschen Verlage. Eine Klappenbroschur veredelt die Ausgabe. Unter den Klappentexten befindet sich einerseits eine kurze Autorenbeschreibung, andererseits ein Kommentar von Russell A. Potter, Professor für Geschichte der Arktis-Expeditionen am Rhode Island College, der lobende Worte zu Im Eisland ausspricht. Auf den Innenseiten der Klappenbroschur liegen zwei Landkarten vor, welche die Reise der Franklin-Expedition niederhalten. Der Preis von 16,99 Euro ist durchaus im Rahmen und angebracht. Insgesamt soll Im Eisland eine Trilogie werden. Band zwei, Gefangen, und drei, Verschollen, sind für Herbst 2015 beziehungsweise Frühjahr 2016 angekündigt.

Kristina Gehrmann stellt sich mit Im Eisland der Herausforderung, ein Stück Geschichte grafisch vom Staub der vergangenen Jahre zu befreien – und das gelingt ihr auch mit einer überwältigend ansteckenden Leidenschaft. Gekonnt dreht sie das Rad der Zeit rückwärts und ruft die Darsteller der tragischen Franklin-Expedition noch einmal authentisch ins Leben zurück. Die Mühen und den Zeitaufwand, um alle nötigen Informationen für so ein Projekt zu sammeln, lassen sich nur erahnen. Kristina Gehrmann beweist mit Im Eisland, dass sich all die Arbeit gelohnt hat. Geschichtsfans, besonders jene mit einer Faszination für die Seefahrt, müssen unbedingt einen Blick in das Werk riskieren.

Wir bedanken uns bei Hinstorff für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Im Eisland, Band 1.

Details

Titel: Im Eisland, Band 1: Die Franklin-Expedition
Mangaka: Kristina Gehrmann
Erscheinungsjahr: 2015
Verlag: Hinstorff
Genre: Historie, Drama
Altersempfehlung: kA
Preis: 16,99 Euro
Bestellen: Bestellen: ISBN-10: 3356019015

Im Eisland. Band 1: Die Franklin-Expedition © 2015 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag GmbH