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Im Eisland, Band 2 – Manga-Test

Zur Leipziger Buchmesse/Manga-Comic-Convention im März 2015 fiel der Startschuss für Kristina Gehrmanns historische Manga-Trilogie Im Eisland, welche vom Hinstorff Verlag als Graphic Novel herausgegeben wird. Band 1, mit dem erklärenden Untertitel Die Franklin-Expedition, wurde von uns damals bereits in einer Rezension sowie auch einem Interview mit der Zeichnerin unter die Lupe genommen. Passend zum angekündigten Zeitplan, der den zweiten Teil, Gefangen, für Herbst 2015 vorsah, erschien Ende September die Fortführung der fatalen Forschungsreise, die zum Ruhme Englands unter dem Kommando von Sir John Franklin 1845 die Segel setzte (wir berichteten). Im ersten Band verloren wir den Heizer John Torrington, welcher der Schwindsucht erlag. Der Tod ist auf dieser Expedition ein Gast, welcher sich noch lange nicht anschickt zu gehen.

Im Januar 1846, während die HMS Erebus und HMS Terror vor der Beechey-Insel überwintern, erleidet der Matrose John Hartnell des Nachts schreckliche Magenkrämpfe, die letztendlich trotz medizinischer Überwachung von den ratlosen Ärzten Stanley und Goodsir zu seinem frühen Ableben führen. Kurz darauf fällt der Gefreite William Braine auf einem Erkundungstrip tot um. Erster Unmut macht sich unter der Besatzung breit. Zu allem Übel stellt sich zudem heraus, dass manche der mitgeführten Lebensmittel Spuren von Kupfer, Blei und Gips aufweisen.

Im Sommer beginnt das Eis aufzubrechen. Endlich kann die Reise weitergehen. Verschiedene Ereignisse und eine Fehlentscheidung führen dazu, dass die Schiffe, ohne einen sicheren Ort zum Überwintern erreicht zu haben, im Eis stecken bleiben. Schiffsjunge Tommy ertappt zwei Matrosen bei etwas Verbotenem. Kapitän Crozier muss hart durchgreifen, während kaum jemand etwas von seinen Depressionen weiß. Die Stimmung unter der Besatzung wird durch unvorhergesehene Ereignisse, Rationierungen, gehäufte Krankheitsfälle und die eingepferchte Lage immer angespannter.

Ein halbes Jahr liegt es nun schon zurück, dass der erste Teil beim Hinstorff Verlag herauskam. Zur Erinnerung hilft eine einseitige Zusammenfassung des bisher Geschehenen weiter. Hier erhalten Leser eine schnelle Auffrischung, die es ermöglicht, sofort an die vorliegende Handlung anzuknüpfen. Eine weitere Seite gibt einen kurzen Überblick über einen Teil der Besatzung mit Namen, Rang und Porträt. Mir hat diese Auflistung während der Lektüre gute Dienste geleistet. Mehr als einmal habe ich dorthin zurückgeblättert, denn immer mehr Charaktere tauchen in den Szenen und Dialogen auf, mal länger mal kürzer. Bei einer mit über hundert Mann bestückten Expedition, deren Alltag sich hauptsächlich auf zwei Schiffen abspielt, ist die Fülle an Personen in den Zeichnungen zu erwarten und liefert dem Betrachter, so zynisch es auch klingen mag, ein lebhaftes Bild der damaligen Ereignisse, zumindest wie sie vonstattengegangen sein könnten.

Ich verlor mich beim Lesen allzu leicht in der Handlung und ließ mich von den verschiedenen Persönlichkeiten, ihrem Wesen als auch Handeln, tiefer ins Geschehen ziehen. Da vergisst man zu gerne, dass der Schluss von der Realität schon längst geschrieben wurde und alle ihrem vermeintlichen Untergang entgegensegeln, wobei die HMS Terror beziehungsweise HMS Erebus tatsächlich meist nur im Eis feststecken. Umso erdrückender sind die vielen kleinen von Kristina Gehrmann eingebauten Omen, dass diese Reise kein gutes Ende nehmen wird. Ungeklärte Tode und merkwürdige Krankheitssymptome bilden für die Ärzte ein Mysterium. Selbst die hohen Offiziere an Bord unterschätzen das Polareis und dessen Gefahren. Zu sehr verlassen sich Franklin, Commander Fitzjames und Co. auf die zur damaligen Zeit moderne Ausstattung, während Kapitän Croziers warnende Worte meist auf taube Ohren stoßen. Letzterer klingt wie die Stimme der Vernunft auf dieser Expedition, Depressionen und Melancholie zehren aber auch an seinen Kräften. Fast möchte man sarkastisch auflachen, wenn es eben diese Wunder an Fortschritt in Technik und Lebensmittelkonservierung sind, die sich mehr als einmal als Fluch statt des angenommenen Segens entpuppen.

Kristina Gehrmann baut im Band eine Vielzahl von Details ein, die dem Leser das Leben und die notwendigen Arbeiten auf einer Expeditionsfahrt in eisige Gefilde näherbringen. So fallen medizinische Begriffe wie Schneeblindheit und arktische Schwäche, welche man beide nicht unterschätzen sollte. Ersterem wird versucht, mit schwarzem Tüll um die Augen oder neu entwickelten Brillen vorzubeugen, was jedoch beides noch umständlich wirkt. Abgefrorene Zehen sind auch keine Seltenheit. Ärzte lassen gerne den Begriff Laudanum fallen, was man heutzutage eher unter dem Wort Opium kennt. Man darf nicht vergessen, dass diese Reise Ende des 19. Jahrhunderts spielt, dementsprechend »rückständig« mag der medizinische Stand aus der heutigen Sicht wirken, wo selbst eine Autopsie im Geheimen geschehen muss, um keine Aufruhr unter den gottesgläubigen Besatzungsmitgliedern auszulösen.

Die Künstlerin ließ es sich ebenso wenig nehmen, ein anderes Thema anzuschneiden, das unter einer Gruppe von Männern, welche auf längere Zeit ohne weiblichen Gegenpart auf engsten Raum verweilen, schon einmal passieren kann: Sex zwischen zwei Kameraden, was damals nicht nur unzüchtiges Verhalten, sondern gar eine sodomitische Straftat war und zudem im Verdacht stand, allerlei Krankheiten wie Skorbut zu verursachen. Weniger dramatisch, aber trotzdem genauso interessant erscheinen die Arbeiten der Matrosen, wenn sie Eis von den Schiffwänden abschlagen, mit großen Sägen Fahrrinnen freilegen oder unter Einsatz all ihrer Kräfte die gekippte Terror aus einer Sandbank ziehen (In dem Kontext findet sich übrigens mein Lieblingspanel im gesamten Band. Stelle dir nur mal vor, das Schiff kippt zur Seite, während du gerade dein Geschäft auf der Toilette verrichtest. Kristina Gehrmann hat das schwarz auf weiß für euch festgehalten.) Luftspiegelungen und Eisbeben erschweren die Expedition. Zwischendurch baut die Zeichnerin Kommentare zu früheren Arktisforschungen ein, die dazu anregen, selbst etwas Recherche zu tätigen. Allein die Bewandtnis hinter John Ross und die »Croker Mountains« sind die Arbeit wert.

Wie schon Band 1 kommt ebenfalls der zweite Teil im Format 14,8 x 21,0 cm und mit Klappenbroschur daher. Die Aufmachung liegt schwer in der Hand, lässt den 224 Seiten dicken Manga aber auch edler erscheinen. Auf den Innenseiten liegen zwei Karten vor, einmal »Die bekannte Arktis um 1846« und dann noch »Franklins Reise 1846«. Am Ende des Mangas fügt Kristina Gehrmann auf einer Doppelseite ein paar Anmerkungen zu manchen Handlungspunkten an. In den Zeichnungen selbst verfolgt sie einen dynamischen Panelaufbau und weiß eine große Menschenmasse eindrucksvoll in Szene zu setzen, um das Gefühl zu vermitteln, wie gigantisch dieses tragische Abenteuer entlang der Nordwestpassage ist. Vom Küchenjungen über die Heizer und Eislotsen bis hin zu den hohen Rängen durchläuft sie alle Positionen, zeigt die Männer bei ihren Tätigkeiten als auch in ihrer Privatzeit, wenn Unmut aufkommt oder freudig gelacht wird. Jeder sieht dabei anders aus mit persönlichen Merkmalen. Verwechslungsgefahr ist ausgeschlossen. Ebenso zeichnet Gehrmann in Gestik sowie Mimik die Emotionen der Seemänner, verewigt die majestätisch gebauten Schiffe auf Papier und bringt die Schrecken der Arktis zur Geltung. Einziger Kritikpunkt von mir so weit sind, wie schon im Band zuvor erwähnt, die einfachen, rundlichen Gesichtszüge mancher Nebenfiguren, welche einen Hauch markanter ausfallen könnten, um im Einklang mit den realistisch dargestellten Hauptpersonen zu bleiben. Der 19-jährige Schiffsjunge Tommy Evans sieht gar wie ein kleines Kind aus. An den Dreitagebärten sollte Gehrmann ebenso noch etwas feilen.

Die Franklin-Expedition geht weiter – oder eben auch nicht. Erst langsam und dann immer schneller müssen sich die Besatzungsmitglieder eingestehen, dass sie die Forschungsreise zum Ruhme Englands unterschätzt haben. Kristina Gehrmann knallt ein böses Omen nach dem anderen auf den Tisch. Die Stimmung beginnt, trotz eingestreuter ausgelassener Momente, merklich zu kippen wie die Terror auf der Sandbank – und wir wissen alle, dass sich die Mannschaft aus dieser Situation nicht mehr heraushieven kann. Gehrmann kredenzt dem Leser ein in sich stimmiges, lebhaftes Bild auf spannendem Niveau, bei dem man gerne wunschvoll die reale Grundlage für die Handlung verdrängt. Zumindest ich habe mich dabei ertappt, wie ich Crozier und Co. die Daumen drücke, doch noch irgendwie aus dieser tödlichen Falle herauszukommen. Die Aussichten sind aber leider eisig. Das mindert meine Vorfreude auf den finalen Teil aber nicht im Geringsten. Im Eisland ist nämlich kein Werk, das man wegen des Endes liest, sondern um des tragischen Weges bis dorthin willen. Band drei, Verschollen, ist für das Frühjahr 2016 angekündigt und fordert die Künstlerin noch einmal dazu auf, ihre Kreativität bis zum letzten Tropfen auszuschöpfen, um aus unvollständigen Fakten mit Fiktion als Bindeglied die tragischen Geschehnisse von damals bannend spannungsvoll zu rekonstruieren.

Wir bedanken uns beim Hinstorff Verlag für eine Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Im Eisland, Band 2: Gefangen.

Im Eisland, Band 2: Gefangen

Mangaka: Kristina Gehrmann
Erschienen: 1. August 2015
Verlag: Hinstorff
Genre: Historie, Drama
Altersempfehlung: –
Seitenanzahl: 224
Format
14,8 x 21,0 cm
Einband: Klappenbroschur

Preis: 16,99 Euro

Im Eisland, Band 2 © Kristina Gehrmann/Hinstorff Verlag GmbH, Rostock 2015

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