Manga oder Comic – Besteht in der Definition ein Unterschied?

»Manga« oder »Comic« – wo liegt der Unterschied in der Definition der Begriffe oder existiert vielleicht gar keiner?

Klären wir doch zunächst, was ein Comic eigentlich ist. Der Begriff beschreibt umgangssprachlich die Darstellung eines Ereignisses oder einer Story in einer Reihe von Bildern. Üblicherweise kombiniert man die Grafiken mit Text. Typische Merkmale und Techniken des Comics sind Sprech- und Gedankenblasen, Panels, spezielle Formsprache (z. B. Speedlines, Tropfen, Tränen) und Lautwörter (z. B. Boom! Bang! etc.). Teilweise werden auch die Figuren und die Szenerie vereinfacht, cartoonhaft oder überzeichnet dargestellt. Die Zeichnungen arbeiten Künstler häufig mit Bleistift und Tusche aus. Auch ist die Verwendung von Rasterfolie oder gar das Integrieren von Fotos für Hintergründe nicht unüblich. Zudem wird in Comics mit verschiedenen Panelgrößen und -formen gearbeitet.

Bestimmte Länder verwenden anstelle des Comics andere Begriffe, wie z. B. Manga (Japan) oder Manhwa (Korea).

Prinzipiell ist weder der westliche Comic noch der Manga an ein spezielles Genre gebunden. Dennoch dominieren im amerikanischen und europäischen Raum Comedy-, Science-Fiction-, Superhelden- und Abenteuergeschichten. Im Gegensatz dazu ist der japanische Manga viel breiter gefächert. Hier bildeten sich mehrere Zielgruppen (beispielsweise Shojo, Shonen, Seinen etc.) heraus, die unabhängig vom Geschlecht und der Altersgruppe gelesen werden. Darüber hinaus teilt sich die Story nach den klassischen Genres wie z. B. Romance, Action oder Horror ein.

Einen großen Unterschied zu anderen Comickulturen machen dabei solche, die für Japan spezifisch sind – beispielsweise Sport-Geschichten, Kalligrafie, Magical Girl, Mecha oder Erzählungen über die Teezeremonie. Zudem finden (homo)erotische Geschichten und der freizügige Umgang mit Sexualität großen Anklang. Unterteilt wird beispielsweise in Boys Love, Girls Love oder Shonen Ai.

NTR: Netsuzou Trap
Girls Love (NTR: Netsuzou Trap)

Erzählmittel, Formsprache und Gestaltung

Lange, detaillierte und umfangreiche Geschichten prägen das Gesamtbild eines Manga im Ausland. Ein wiederkehrendes Erzählmittel ist das Darstellen von Ereignissen in kleinen Schritten, gespickt mit dem häufigen Gebrauch von Geräuschwörtern und Formsprache. All dies erleichtert den Lesefluss. Der Leser taucht dadurch zügig in die Geschichte ab. Die langen Storys bieten zudem genug Raum für Tiefe und die Entfaltung der Charaktere. Eher selten finden übrigens 4-Panel-Manga in den Westen. Doch auch diese sind auf dem japanischen Markt stark vertreten.

Der Manga entwickelte im Laufe der Zeit eine einzigartige Symbolik, die für westliche Leser auf dem ersten Blick unverständlich sein mag. Neben allen Stilmitteln des Comics – übertriebene oder vereinfachte Darstellung von Figuren, Posen oder Bewegungen – sind beispielsweise Super-Deformed-Ansichten keine Seltenheit. So werden die Figuren als „Chibi“ beziehungsweise in kindlicher Form dargestellt, was witzige Situationen unterstützen soll. Emotionen vermitteln die Charaktere übrigens meist über die Augen – humorvoll auch gerne mal verzerrt.

Manga, Comic
SD-Figuren (Sailor Moon)

Im westlichen Raum identifizieren Leser die Zeichnungen eines Manga mit Merkmalen wie großen Augen, Verniedlichung und auffälliger Bildsprache. Der Grund dafür ist relativ einfach: Schaut man sich an, welche Titel hauptsächlich lizenziert werden, dann fällt auf, dass es eben genau diese stereotypische „Sorte“ ist, was natürlich schnell zum Schubladendenken verleitet. Denn diese Merkmale treffen nur auf einen Teil der eigentlichen japanischen Comickultur zu. Der Zeichenstil von Mangaka entpuppt sich nämlich als weitaus vielfältiger. So gesehen ist es eher eine subjektive Wahrnehmung, dass ein „Manga“ eben genau diese Kriterien haben muss. In Japan nutzen Verleger den Begriff »Manga« (sowie Comic) für alle Arten von Comics, dies sogar unabhängig von ihrer Herkunft. In der öffentlichen Wahrnehmung sieht man »Manga« allerdings als Gesamtheit aller in Japan entstandenen Comics und Bildgeschichten an.

Weitere Unterschiede zwischen westlichen und japanischen Comics bestehen zu guter Letzt darin, dass der Manga meist traditionell in japanischer Leserichtung kommt und in Schwarz-Weiß gehalten ist.

Was schlussfolgern wir im Endeffekt aus dem Ganzen? Der Begriff »Manga« wird sowohl im westlichen Raum, als auch in der japanischen Öffentlichkeit als Comic, beziehungsweise als Bildgeschichte aus Japan wahrgenommen. Ein Manga besitzt gewisse Unterschiede zu einem westlichen Comic. Man kann dem Medium z. B. eine besondere Genrevielfalt, Bildsprache und Erzähltechnik nachsagen. Japan differenziert allerdings nicht zwischen den Begriffen »Manga« und »Comic« an sich. Von daher besteht der Unterschied weniger bei der Bezeichnung, vielmehr bei der Comickultur.

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