Interview mit Evelyne Park zu »Lost Ctrl«

AnimeY fühlte Evelyne Park in einem Interview ein wenig auf dem Zahn: Wie entstand wohl ihr neustes Werk Lost Ctrl. Des Weiteren befragten wir sie zu ihrem Alltag also Mangaka. Dies und mehr erfahrt ihr in diesem Interview.

AnimeY: Ist Lost Ctrl politisch? Haben dich beispielsweise die NSA-Affaire oder andere historische Ereignisse inspiriert?

Evelyne: Das Konzept besteht schon seit Jahren, und während ich in der Zwischenzeit natürlich viel über Datenüberwachung, Gefühlsmanipulation durch Technik, aber auch über die faszinierenden Möglichkeiten von mit Nerven verbundenen Prothesen recherchiert habe, war die Basis für Lost Ctrl viel simpler.

Mich fasziniert, wie sehr wir uns von unserem eigenen Gehirn Streiche spielen lassen. Ich kann mich oft partout nicht auf eine Sache konzentrieren, verliere mich in sinnlosen Gedankenspiralen und Erinnerungen, und merke oft, dass meine Gedanken gerade etwas ganz anderes machen, als das, was ich eigentlich will. Scheinbar geht es fast allen so, die ich kenne – das war meine Hauptinspiration.

Das Netz in Lost Ctrl ist zwar eine technische Spielerei, aber es soll vor allem das Innere der Figuren zeigen.

AnimeY: Gibt es Geschichten (Filme/Animes, Bücher/Mangas), die als Vorlage für Lost Ctrl dienen?

Evelyne: Ich verschlinge im Moment Science-Fiction in allerlei Formen, aber ich habe damit absichtlich gewartet, bis ich die Story schon geplant hatte, um mich nicht zu sehr beeinflussen zu lassen. Aber Filme wie Blade Runner oder 2046, die sich mit menschlichen Maschinen (und ihrem Gegenteil) beschäftigen, fand ich schon immer faszinierend.

Die Namen der Figuren sind natürlich aus anderen Werken übernommen, und ich habe versucht, gewisse Parallelen zu den Namensgebern zu basteln.

AnimeY: Welche Vorstellungen hast du von der Zukunft?

Evelyne: Wenn ich mir die Zukunft vorstelle, dann ist es sicher nicht die von Lost Ctrl. Ich glaube, die Menschheit wird ganz andere Probleme haben als das »Luxusproblem« einer zu guten Vernetzung.

Die Dystopie in Lost Ctrl soll etwas surrealistisch wirken. Es ist eine in sich geschlossene Welt, die in ihrer Problemblase schwebt – und scheinbar nicht beeinflusst wurde von Wassermangel, Ressourcenmangel, Krieg, Erderwärmung und was wir uns gerade sonst noch einbrocken. Wir machen faszinierende, hilfreiche Erfindungen, aber wir können nicht erwarten, dass wir immer die Kontrolle über all ihre Folgen haben.

AnimeY: Woher nahmst du die Ideen für die Hauptfiguren der Erzählung?

Evelyne: Scarlett und Nium erfand ich für einen Manga-Wettbewerb vor sechs oder sieben Jahren. Ein Mensch, der lieber eine Maschine wäre, und viel Drama drum herum.

Die anderen Figuren kamen dazu, als ich die Story weiterspann, was ich mit fast all meinen Kurzgeschichten mache. Ich liebe Ensemblecasts, Geschichten mit vielen Figuren aller Art, und wollte in Lost Ctrl unterschiedliche Charaktere zu einem Team vereinen.

AnimeY: Wie viel »Scarlet« steckt in dir?

Evelyne: Vor einigen Jahren hätte ich diese Frage leicht beantworten können. Scarlett ist jemand, der viel vor sich hin brütet und nicht wirklich vom Fleck kommt, wenn sie über Probleme nachdenkt. Das mache ich definitiv auch! Aber ihren Drang zum Perfektionismus und ihr Gefühl, dass sie die Erwartungen von anderen erfüllen muss, das habe ich glaube ich hinter mir gelassen. (Sag ich, und korrigiere zum x-ten Mal dieselbe Szene in meinem Skript, haha …)

© Evelyne Bösch, Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2012

AnimeY: Wie entsteht bei dir generell ein Konzept für eine neue Erzählung?

Evelyne: Manche entstehen wie Lost Ctrl, indem ich eine alte Kurzgeschichte einfach nicht vergessen kann und die Erlebnisse der Figuren weiterspinne. Feed Me Poison (mein Einzelband, der vor Lost Ctrl erschien) entstand nur durch die simple Frage: »Was wäre wenn…?«. In dem Fall, was wäre, wenn ein Vorkoster gleichzeitig derjenige wäre, der das Gift in die Nahrung mischt.

Ich arbeite meistens an zwei bis drei Geschichten gleichzeitig und notiere alle meine Ideen in Notizbüchern. Die Planungsphase kann alles Mögliche beinhalten, von Dialogfetzen über Zeitstrahlen bis zu riesigen Brainstormings. Ich streiche und ändere auch laufend noch einzelne Sachen, was meiner Redakteurin glaube ich ziemlich starke Kopfschmerzen bereitet.

AnimeY: Hast du bestimmte Rituale beim Zeichnen (Tageszeit, Süßigkeiten, Musik, etc.)?

Evelyne: Möglichst wenig Ablenkung – was in erster Linie bedeutet, dass der Laptop zu bleibt.

Meistens steh ich so um 8 oder 9 Uhr auf und Tusche Manga-Seiten, während ich mich mit Hörbüchern an den Schreibtisch fessle (wortwörtlich, denn oft bleib ich einfach sitzen, weil ich zu faul bin, meine Kopfhörerkabel zu entwirren). So vergeht der Tag … nachmittags mach ich manchmal ne Pause, in der ich an Storyboards oder Konzepten arbeite, das entspannt.

Wenn ich dann mal »warm gezeichnet« bin, stelle ich um auf Bleistift und zeichne neue Seiten vor. Das zieht sich bis nach Mitternacht. Recht öde, aber es funktioniert!

Mein bester Tipp: Zwischendurch mal ein bisschen die Gelenke lockern!

AnimeY: Wie entsteht eine Manga-Seite bei dir, und welche Utensilien verwendest du dabei?

Evelyne: Wie erwähnt im Tagesablauf: Ich zeichne mit Bleistift vor, auf Papier im B4-Format. Druckbleistift ist mein Lieblingsmedium, da ich zu faul bin, um die Hand bis zum Spitzer auszustrecken.

Getuscht wird bei mir mit G-Pen und Marupen, wobei ich versuche, den Mammutanteil mit dem G-Pen zu erledigen. Ich finde die etwas dickeren Linien, die dadurch entstehen, schöner!

Radieren ist dann mein Armmuskeltraining, und nach dem Scannen rastere ich in Photoshop.

AnimeY: Welche Aspekte sind dir beim Gestalten von Farbseiten besonders wichtig?

Evelyne: Ich finde es schwierig, die Farbseiten so zu gestalten, dass sie zum Rest des Mangas passen. In Band 1 von Lost Ctrl habe ich deshalb das Gegenteil versucht, und sie in einem anderen Stil gehalten als den Rest.

AnimeY: Wie viel Potential siehst du in der deutschen Manga-Zeichner-Szene?

Evelyne: Da ich in Korea wohne, sehe ich im Moment nur Fotos von Messen und den ganzen neuen Manga, die erscheinen. Und es juckt mich in den Fingern, die alle selbst noch zu kaufen und zu lesen! Da ich lieber Mangas lese als einzelne Illustrationen zu betrachten, freu ich mich, dass es in den letzten Jahren mehr und mehr Lesefutter gibt, egal ob bei Verlagen oder in Eigenproduktion.

AnimeY: Das Jahr ist zwar fast worüber, aber können dich Fans in diesem Jahr noch auf Events antreffen?

Evelyne: Leider nicht. Aber hoffentlich schaffe ich es, für Band 2 zumindest für eine Messe im Sommer nach Deutschland zu fliegen.

AnimeY bedankt sich für das Interview.