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Legal, illegal, scheißegal? – Die Dôjinshi-Szene in Japan

Unter Dôjinshi versteht man von Laien geschaffene, im Selbstverlag veröffentlichte Werke, die vor allem in den letzten Jahrzehnten verstärkt Charaktere und Storys schon bestehender Manga und Anime aufgreifen, weitererzählen oder neu interpretieren. Doch wie entstand die Dôjinshi-Szene in Japan? Wie ist sie organisiert? Und wie steht es rechtlich gesehen um die Dôjinshi, die sich aus urheberrechtlich geschützten Vorlagen bedienen?

Der Begriff Dôjinshi selbst ist ein Portemanteau aus den japanischen Begriffen dôjin „Gleichgesinnter“ und zasshi „Zeitschrift“. In Japan werden damit grundsätzlich alle im Selbstverlag veröffentlichten Werke wie Magazine, Manga oder Romane zusammengefasst, die sich speziell an eine Gruppe von Menschen mit gleichem Interesse richtet. Dabei handelt es sich bei dem Urheber meist um Laien, doch auch professionelle Künstler veröffentlichen hin und wieder in diesem Bereich.

Die Dôjinshi-Szene Japans nahm bereits im 19. Jahrhundert ihren Anfang. Das erste Magazin, das Dôjinshi-Romane veröffentlichte, wurde 1885 gegründet. Während der frühen Shôwa-Zeit (1927-1989) erreichten Dôjinshi-Publikationen einen Höhepunkt und wurden zum kreativen Sprachrohr der Jugend dieser Ära. In der Nachkriegszeit verlor das Medium jedoch wieder an Bedeutung. Seine Funktion wurde von professionellen Fachzeitschriften übernommen.

Die Szene bekam neuen Aufwind, als sich in den 1970er Jahren die Technik der Fotokopie verbreitete. Zeitgleich ermutigten die Verleger die Mangaka, massenmarkttauglichere Inhalte zu zeichnen, was ebenfalls zu einer zunehmenden Beliebtheit des Selbstverlags führte. In den 1980er Jahren verschob sich der Inhalt der Dôjinshi dann zu der parodierenden Behandlung bereits existierender Manga-Serien, wie sie auch heute noch verbreitet ist.

Von Massen-Conventions und Ein-Mann-Zirkeln

Dôjinshi-Künstler sind oft in Zirkeln, jap. sâkuru /サークル zusammengeschlossen. Allerdings gibt es auch Zirkel, die nur aus einer Person bestehen, die kojin sâkuru.

Seit den 1980er-Jahren wird der Hauptanteil des Dôjinshi-Verkaufs über Conventions organisiert, von denen es Schätzungen zufolge an die 1.000 Stück gibt. Die größte dieser Conventions ist die Comiket (Abkürzung für Comic Market), die das erste Mal im Dezember 1975 veranstaltet wurde, damals noch mit nur 32 teilnehmenden Zirkeln und geschätzten 600 Besuchern.

Heute findet die Convention zweimal im Jahr, jeweils im Sommer und Winter im Big Sight im tokyoter Stadtteil Odaiba statt, auf einer Veranstaltungsfläche, die 81.000m² umfasst. Auf der Sommer-Comiket 2009 waren 35.000 Zirkel vertreten, 51.000 Zirkel bewarben sich für die Teilnahme. Die gesamte Besucherzahl aller drei Tage zusammengenommen betrug über 560.000 Menschen, die geschätzte Gesamtzahl der verkauften Werke belief sich auf über 9,4 Millionen Stück.

Wo kein Kläger, da kein Richter

Auch in Japan gibt es ein Urheberrechtsgesetz, das die kommerzielle Verwendung von urheberrechtlich geschütztem Material ohne die ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers untersagt.

Trotzdem findet zweimal im Jahr die Comiket statt und Dôjinshi-Künstler können ihre Werke ungeahndet on- und offline vertreiben. Die Szene wird also von den professionellen Verlagen und Mangaka geduldet, obwohl sie oft ganz klar gegen das Urheberrechtsgesetz verstößt.

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Verstöße gegen das Urheberrecht können nur verfolgt werden, wenn der Rechteinhaber eine Beschwerde einlegt. Doch japanische Mangaka beschweren sich in der Regel nicht. Das liegt vor allem daran, dass sie oft aus demselben Hintergrund stammen. So hat z. B. Yana Toboso (Black Butler) ebenso als Dôjinshi-Zeichnerin angefangen wie der Mangaka von Hunter x Hunter, Yoshihiro Togashi, oder die Schöpferin von Inuyasha und Ranma ½ , Rumiko Takahashi. Die Veröffentlichung von Dôjinshi ist für viele Mangaka der erste Schritt in die Professionalität, das wird allgemein respektiert.

Ein weiterer nicht unerheblicher Punkt ist, dass man die Fans nicht verärgern und verschrecken möchte, denn viele Hobby-Zeichner stellen nur Werke in sehr geringer Stückzahl her und sind nicht auf Profit aus. Die Verleger fürchten daher, dass es ein schlechtes Licht auf sie werfen könnte, wenn sie kleine Hobby-Zeichner auf rechtlichem Wege verfolgten. Außerdem bietet der Dôjinshi-Markt eine zusätzliche kostenlose Werbefläche für die großen Verlage, da erfolgreiche Fan-Manga neue Leser für das jeweilige Ursprungswerk anwerben.

Vom rechtlichen Standpunkt gesehen nimmt Japan Dôjinshi eher als Parodie wahr und nicht als Nachahmung. Selbst Japans Premierminister Shinzo Abe bemerkte hierzu, dass Dôjinshi rechtlich gesehen eher wie Parodien zu behandeln seien und nicht wie piratisierte Werke wie illegale Anime-Streams oder widerrechtlich verbreitete Manga. Er argumentierte, dass durch Dôjinshi kein Profit gemacht würde und sie auch nicht das geistige Eigentum schädigen würden.

Schluss mit Lustig

Manchmal ziehen die Dôjinshi-Zeichner aber doch den Unwillen der Urheberrechtsinhaber auf sich und rufen den Gesetzgeber auf den Plan. So geschehen z. B. 2006, als ein Zeichner ein fiktives letztes Kapitel von Doraemon verkaufte. Der Manga rund um die Abenteuer des blauen Roboters Doraemon, der große Ähnlichkeit mit einer Katze hat, wurde von der Zeichnerin Fujiko F. Fujio selbst nie abgeschlossen, daher erfreute sich das erfundene Kapitel großer Beliebtheit. Nachdem der Zeichner jedoch eine Verwarnung erhalten hatte, stellte er den Verkauf des Dôjinshi ein und leistete dem Publisher freiwillig Kompensation.

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