»My Honey Express« – Manga-Test

Jedes Manga-Programm bringt neue Zeichner mit sich. So debütierte etwa erst vor einem Monat am 3. Juli Mariko Nekono im deutschen Raum mit ihrem Boys-Love-Manga My Honey Express bei EMA. Die Frage, welche sich den meisten langjährigen Liebhabern des Genres sofort aufdrängt, ist, ob es sich hierbei um eine durchgehende Story oder doch um eine Kurzgeschichtensammlung handelt. Um es vorwegzunehmen: My Honey Express gehört zu Letzterem, wobei der titelgebende Hauptbeitrag weit über die Hälfte der Seiten einnimmt. Was dann noch folgt, sind zwei unabhängige Kapitel, die aus dem Leben anderer Paare erzählen.

Für den 27-jährigen Angestellten Aikawa geht ein lang gehegter Traum in Erfüllung, als das Objekt seiner Begierde, der Lieferant Yoji, auf ein Liebesgeständnis hin die dargebotenen Gefühle erwidert. Aikawa glaubt sich im siebten Himmel, doch das junge Glück wird je zerstört, als er von der Filiale in Kyoto in die Tokyoter Hauptzentrale wechseln soll. Damit stürzt der Blondschopf unvermittelt von seiner flauschigen Wolke des Glücks. Wie soll er das nur dem fünf Jahre jüngeren Yoji erklären? Aikawa sieht in einer Fernbeziehung keine Zukunft und quält sich daher mit dem Gedanken, so kurz nach dem Start schon wieder mit seinem Angebeteten Schluss zu machen.

Vier Kapitel widmen sich der My Honey-Serie um Aikawa und Yoji, die es zudem nicht nur aufs Cover schaffen, sondern auch die enthaltene Farbseite beanspruchen. Die Story erschien im Magazin Cheri, welches nur drei Ausgaben im Jahr zählt. Dementsprechend ist die Handlung über einen längeren Zeitraum entstanden. Wer die Panels der verschiedenen Abschnitte untersucht, findet sicherlich Veränderungen im Stil. Dabei startet Mariko Nekono von vornherein auf einem sehr hohen Niveau. My Honey Express mag zwar erst ihr zweiter Boys-Love-Titel sein, doch bereits davor verbrachte die Mangaka viel Zeit mit dem Zeichnen von Shojo-Werken.

Nach eigenen Angaben im Nachwort dauerte es zwei Jahre, bis Mariko Nekono das Okay von ihrem Redakteur bekam, das Boys-Love-Genre in Angriff zu nehmen. Was als Erstes herauskam, war die 32-seitige Kurzgeschichte Ein ertrinkender Fisch liebt das Meer, welche ebenfalls in diesem Manga zusammen mit dem genau halb so langen Flying Love enthalten ist. Im Vorgänger der My Honey-Serie geht es um zwei Büroangestellte, Fujita und Toyoshima. In der Arbeit eine gewissenhafte Brillenschlange legt Ersterer abends seine Gläser ab, um in den Schwulenbars nicht erkannt zu werden. Hier stößt er überraschend auf Toyoshima, der in der Firma dem jungen Mann eher negativ ins Auge sticht. Unter seiner falschen Identität als »Keigo« kommen sich die beiden jedoch näher. In Flying Love ist es für die Flugzeug begeisterte Reinigungskraft Aiba Liebe auf den ersten Blick, als er dem Piloten Yuki begegnet. Dieser erklärt sich auch schnell dazu bereit, bei Aiba einzuziehen, doch schon bald muss jener lernen, dass sein Angebeteter vollkommen anders ist, als er dachte.

Von 130 über 32 bis schließlich 16 Seiten erstrecken sich die drei enthaltenen Geschichten. Mariko Nekono wirtschaftet effizient mit dem vorhandenen Platz und zeichnet gut pointierte Ereignisse. Die einzelnen Storys werden schnell vorangetrieben. Sexszenen sind zwar eingebaut und zeigen explizite Details, bekommen aber nur sehr wenig Platz zugesprochen. Obwohl jeder Beitrag individuelle Züge trägt, tun sich unverhohlen starke Parallelen auf. So ist es unter anderem durchaus überraschend, wie schnell alle drei präsentierten Paare zueinanderfinden. Eine weitere Gemeinsamkeit stellt das Arbeitsfeld der Protagonisten dar. Bis auf Pilot Yuki gehen die Männer alltäglichen Berufen wie niedriger Firmenangestellter, Lieferant oder Reinigungskraft nach. Das ist untypisch für einen Boys-Love-Manga, auch wenn die Charaktere voller Leidenschaft und Enthusiasmus ihrer jeweiligen Arbeit nachgehen.

Trotz anscheinend langweiliger Jobs ist der Manga bei Weitem nicht zum Gähnen, dafür sorgt Mariko Nekono schon. Die Künstlerin verwöhnt ihre Leser mit einer gigantischen Ladung an Comedy. Während Ein ertrinkender Fisch liebt das Meer noch auf einer ernsteren Schiene fährt, ist Humor ein ständiger Wegbegleiter bei My Honey und nimmt Flying Love ausgreifend für sich ein. Die lustigen Einlagen entstehen hauptsächlich durch die dominanten Partner in den Kurzgeschichten, welche Feuer und Flamme für ihren Geliebten sind. Bestes Paradebeispiel dafür ist Aikawa. Seine Gedanken schwirren fast unentwegt und überschwänglich um Yoji. Er tut alles, um bei seinem Geliebten sein zu können und neigt dabei vor Übertreibungen nicht zurück. Man möchte sein Verhalten schon geradezu als liebenswerte Besessenheit bezeichnen. Mehr als einmal entspringt diesem unbändigen Eifer Situationskomik vom Feinsten.

Das Cover und die Farbseite sind von einer freundlichen, kräftigen Farbauswahl geprägt, was schon zusammen mit der dargebotenen Mimik auf die fröhliche, humorvolle Grundstimmung des Mangas hinweist. Die vielen Herzchen auf dem Titelbild sind ein weiteres Indiz. Während es den Schwarz-Weiß-Zeichnungen an Farbe fehlt, imponiert Mariko Nekono durch andere Aspekte. Bei der Emotionspalette spart die Künstlerin nicht. Die Gefühle der Charaktere werden punktgenau von der Figur auf den Leser übertragen. Das Charakterdesign bleibt weitestgehend individuell, auch wenn hier und dort doch noch Ähnlichkeiten durchdringen. Mariko Nekono greift bei ihren Protagonisten auf einen Bishonen-Stil zurück, sodass sich Käufer auf schöne, schlanke Kerle freuen dürfen, welche je nach Position mal niedlicher mal männlicher rüberkommen. Die Proportionen bleiben in einem angemessenen Rahmen. Bei den Hintergründen findet die Künstlerin eine gesunde Balance, sodass man trotz Einsatz von Rasterfolie oder Weißflächen immer weiß, wo man sich gerade aufhält. Ein paar Sexszenen finden ebenfalls ihren Weg ins Werk, sind aber immer sehr kurz angeschnitten, womit der Handlung mehr Raum bleibt, sich zu entfalten. Zeichnerisch kann sich My Honey Express mehr als sehen lassen.

Man mag meinen, dass es Boys-Love-Einzelbände in Deutschland schon wie Sand am Meer gibt, besonders wenn es sich dabei um eine Kurzgeschichtensammlung handelt. Hier noch hervorzustechen, fällt mehr als schwer. Auch Mariko Nekonos My Honey Express gelingt das nicht vollkommen. Die Berufe der Protagonisten sind zum Teil ungewöhnlich, aber die Hürden, womit diese in ihren Beziehungen zu kämpfen haben, sind im Großen und Ganzen alte Gäule, auf denen schon andere Zeichner geritten sind. Womit My Honey Express dennoch glänzt, ist der unbändige Eifer der Lover, die Beziehung voranzutreiben und die daraus resultierenden Comedy-Einlagen. Boys-Love-Fans, welche etwas Leichtes und Humorvolles für zwischendurch suchen, sind daher mit diesem Werk gut bedient.

Wir bedanken uns bei EMA für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu My Honey Express.

Details

Titel: My Honey Express
Originaltitel: マイハニーエクスプレス (My Honey Express)
Mangaka: Mariko Nekono
Erscheinungsjahr: 2012 (JP), 2014 (DE)
Verlag: Shinshokan (JP), EMA (DE)
Genre: Boys Love, Comedy, Romance
Altersempfehlung: –
Preis: 7,50 Euro
Bestellen: [amazon text=ISBN-10: 3770482581&chan=animey&asin=3770482581]

My Honey Express © 2013 Mariko Nekono/SHINSHOKAN
©2014 Egmont Verlagsgesellschaften mbH