Shungo Takasaki als Reiji Sakamaki

Am 6. November 2014 erschien bei EMA der erste Band von Michi Urushiharas Yorukumo. Dabei wäre – um es gleich vorwegzunehmen – das Werk ein idealer Halloween-Titel gewesen, auch wenn darin keine Monster oder übernatürlichen Wesen im klassischen Sinne vorkommen. Vielmehr dürfen sich Leser darauf einstellen, in die dunklen Tiefen des menschlichen Seins zu blicken und dort dem großen Grauen zu begegnen. Insgesamt zählt die Reihe fünf Bände und ist in Japan schon abgeschlossen. Voraussichtlich sind alle Volumes hierzulande ab September 2015 erhältlich.

Die junge Kiyoko führt zusammen mit ihrer Mutter das Restaurant, welches ihr verstorbener Vater ihnen hinterlassen hat. Mit Elan geht sie der täglichen Arbeit nach, um den Kunden das beste Billigessen überhaupt zu servieren. Kiyoko lebt in einer Welt, die in drei Schichten unterteilt ist. Ganz oben befindet sich die »Stadt«, wo die Reichen residieren – für die Jugendliche aus dem mittleren Bereich, den »Feldern«, ein unerreichbarer Ort. Unten liegt dagegen der dunkle »Wald«, in dem der Abschaum der Gesellschaft haust. Achtsamkeit ist geboten. Wer hier verloren geht, findet vielleicht nicht mehr lebend heraus.

Yorukumo kennt nur den Wald. Von klein auf lebt er bei dem Metzgerei-Besitzer Nakata, der selbst dem »König« dient. Auf die Hand bekommt Yorukumo in jungen Jahren ein Spinnenmotiv tätowiert. Er wächst zu einem emotionslosen Killer heran, bewahrt sich im Herzen aber eine kindliche Neugier, die ihn dazu antreibt, Wörter und das Einmaleins zu lernen. Nach seiner ersten erfolgreichen Tötung bringt Nakata ihn in den Feldern unter. Yorukumo zieht ins Mietshaus ein, wo auch Kiyoko mit ihrer Mutter wohnt. Gleichzeitig beauftragt Nakata ihr Restaurant mit der täglichen Verköstigung seines Schützlings. So lernen sich Yorukumo und Kiyoko näher kennen.

Die Welt, welche Michi Urushihara einem kredenzt, ist düster und grausam. Schnell übermannt einen beim Betrachten der Szenen ein mulmiges Gefühl. Die Panels sind vollgestopft mit langen Gassen, hohen Häusern und kargen Räumlichkeiten. Begriffe wie »Felder« oder »Wald« scheinen in diesem Reich aus grauem Beton eher wie Hohn, denn Grünflächen darf man sich in diesen Bereichen nicht erwarten. Gewaltig prangert die Metropole vor dem Angesicht der Bevölkerung und des Lesers. Schier endlos wirkt dieses schwere Konstrukt. Mit jedem Moment tönt die so unglaublich verrückt klingende Frage, ob es wohl ein Ende, einen Stadtrand, gibt, weniger einfach zu beantworten.

Viele der Charaktere erscheinen wie ihre Welt »kaputt«. Schlimme Erfahrungen aus der Vergangenheit zeichnen sich in ihren Gesichtern und ihrem Verhalten ab. Die stets so fröhliche und zuversichtliche Kiyoko leuchtet dagegen wie ein Sonnenstrahl durch einen bewölkten Himmel. Sie und Yorukumo besitzen zwei komplett entgegengesetzte Persönlichkeiten. Gerade deswegen weckt das Verhältnis zwischen den beiden schnell Interesse. Yorukumo für sich ist jedoch schon eine sehr auffällige Figur. Einen Auftragskiller stelle ich mir zumindest normalerweise anders vor.

Eine Begründung, warum die Bewohner diesen Ort in »Stadt«, »Felder« und »Wald« einordnen, muss wenig überraschend einem übertragenen Sinn unterliegen. Was will uns Michi Urushihara damit sagen? Bisher wissen wir, dass eine gesellschaftliche Hierarchie vorherrscht. In der Stadt führen die Reichen ein Dasein in Luxus, während auf den Feldern die Mittelschicht hart schuftet und im Wald das Gesindel dahinvegetiert. Vielleicht ist das schon des Rätsels Lösung. Der frühere Blick aufs Landleben und die Sehnsucht nach der Stadt in der weiten Ferne, wo einem ein vermeintlich besseres Leben erwartet, wird auf ein Ballungszentrum komprimiert. Das Große spiegelt sich im Kleinen wieder. Möglicherweise liegt man mit dem Vorschlag aber auch komplett daneben. Momentan fischen wir in trübem Wasser – und das ist gut so, denn es bewahrt die Spannung.

Die Augen offenhalten sollten Leser auch in anderer Hinsicht. Michi Urushihara liebt nämlich Sinnbilder und versteckte Botschaften in den Dialogen. Für die beteiligten Personen müssen sie nicht immer von Wichtigkeit sein. Im Verlauf der Handlung gewinnen diese vermehrten kleinen Beiträge aber an Bedeutung. Dazu zählen ebenfalls Wortspiele. Da der Manga aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt wurde, können sich manche nun schon denken, dass hier ein Problem auftreten könnte. Was es auch tut. So schlägt Yorukumo etwa »Insekten« nach. Das japanische Wort dafür ist – unter anderen – »mushi«. Das Lexikon im Manga gibt drei Bedeutungen an, wovon zwei im Deutschen leider null Sinn machen. Eine erklärende Fußnote wäre an dieser Stelle angebracht gewesen.

Der Zeichenstil von Michi Urushihara besitzt Wiedererkennungswert und liefert ein individuelles Charakterdesign ab. Es werden realistische Merkmale angestrebt, bei denen »Schönheitsfehler« wie Brandnarben, Falten oder abgemagerte Körper dazugehören. Die Figuren fügen sich dadurch nahtlos in die genauso trostlose Welt ein. Der Stil bleibt stark comichaft. Auf den ersten Blick wirkt die Linienführung sehr simpel. Erst das nähere Betrachten offenbart die Detailliebe wie die kleinen Krähenfüße an den Augen oder der Faltenwurf der zu großen Kleidung. Michi Urushihara haucht den Personen Leben ein. Mimik und Gestik sind klar verständlich. Mühelos kann man als Leser unterscheiden, welches Lächeln echt oder nur zum falschen Spiel aufgesetzt ist. Genauso eine strenge Genauigkeit schlägt bei den Hintergründen zu Buche. Es vergeht keine Seite, auf der uns Michi Urushihara nicht daran erinnert, wo wir uns befinden. Das Cover vom ersten Band bleibt schlicht und grau. In den Regalen der Buchhandlungen könnte es daher sehr leicht übersehen werden – was bei solch einem Titel schade wäre.

Yorukumo ist ein ungewöhnlicher, vielversprechender Titel, der von Beginn an mit komplexen Zügen aufwartet. Die Charaktere sind gut durchdacht und jeder für sich einzigartig. Das Geschehen spielt am unteren Ende der Gesellschaft, wo Mord und andere Grausamkeiten auf der Tagesordnung stehen. Eine düstere, mulmige Atmosphäre umhüllt die Handlung, sodass man nicht weiß, was als Nächstes passieren wird. So wie sich die gigantische Welt einem Käfig gleich über ihre Bewohner stülpt, hält sie bald auch den Leser gefangen. Vom langweiligen Cover sollten sich interessierte Käufer nicht unterkriegen lassen, sondern tapfer voranschreiten und Michi Urushiharas Stadt, Felder sowie insbesondere Wald näher in Augenschein nehmen.

Wir bedanken uns bei Egmont Manga für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Yorukumo, Band 1.

Details

Titel: Yorukumo, Band 1
Originaltitel: よるくも (Yorukumo), Vol. 1
Mangaka:Michi Urushihara
Erscheinungsjahr: 2011 (JP), 2014 (DE)
Verlag: Shogakukan (JP), EMA (DE)
Genre: Seinen, Drama, Psycho
Altersempfehlung: kA
Preis: 7,50 Euro
Bestellen: [amazon text=ISBN-10: 3770483561&asin=3770483561]

Yorukumo, Band 1 © 2011 Michi Urushihara/SHOGAKUKAN
© 2014 Egmont Verlagsgesellschaften mbH