Mobbing in Manga

Anfang Juli 2016 veröffentlichte Egmont Manga das Slice-of-Life-Drama A Silent Voice. Die Serie von Yoshitoki Oima widmet sich einem ernsten Thema: dem Mobbing, und zwar unter Schülern. Wir nehmen die Publikation zum Anlass, um uns einmal mit dem Thema Mobbing in Manga zu befassen.

In A Silent Voice beginnt ein Schüler damit, seine neue Mitschülerin zu mobben, und nutzt dabei ihre Behinderung (Taubheit) aus. Was mit anfänglicher Intoleranz beginnt, führt zu wahren Grausamkeiten. Der Schüler produziert sich dabei vor der Klasse, die wiederum nichts unternimmt. Nachdem das Mädchen schließlich die Schule verlässt und großer Schaden entstanden ist (ihre Hörgeräte wurden geklaut und zerstört), schieben alle die Schuld auf den Haupttäter. Von da an wird ausgerechnet er zum Mobbing-Opfer.

Wo hört der Spaß auf?

“Kinder können manchmal wirklich grausam sein.” Den Spruch hat man schon öfter mal irgendwo gelesen oder selbst gedacht. Oft beginnt es aus Langeweile oder Missgunst, dass Schüler einander foppen, stenkern, verarschen etc. Dass daraus für die Opfer schnell Ernst und systematisches Terrorisieren werden kann, ist den Tätern manchmal nicht klar. Denn wo beginnt Mobbing? Es ist nicht möglich, klar zu definieren, wo Spaß aufhört und psychische sowie physische Gewalt anfangen.

Wer sind die Beteiligten?

Im Mittelpunkt stehen die Opfer. Häufig trauen sie sich nicht, sich zu wehren, weil sie in der Unterzahl sind, noch mehr Mobbing fürchten, keine Hilfe und kein Verständnis in Sicht sind oder – was mit am schlimmsten ist – weil sie sich selbst die Schuld an ihrer Opferrolle geben. I. d. R. werden Personen gemobbt, weil sie entweder nicht dem Vorzeigebild der Mehrheit entsprechen (z. B. Fettleibige, Personen mit Beeinträchtigung, “Freaks”) oder weil sie ihre Täter in den Schatten stellen (Streber, Liebesrivalen). Die Hilflosigkeit und Angst können langfristig zu Depressionen oder noch Schlimmerem führen.

Und die Täter? Sie fühlen sich stark/dominant/selbstbewusst und werden von ihrer Gruppe sozial anerkannt, bei der sie Bestätigung suchen. Für sie ist es ein Spiel. Konsequenzen bzw. Folgen werden nicht gesehen. Manch einer versucht damit, seine eigenen Komplexe, Schwächen oder schlimme Erfahrungen zu verbergen. In erster Linie geht es immer darum, Dazugehörigkeit oder Macht zu demonstrieren. Mobber in Manga werden jedoch hin und wieder – ohne sie in Schutz nehmen zu wollen – nur unzureichend dem Leser vorgestellt, um ein simples Bild von Gut und Böse zu konstruieren. Menschen werden nicht einfach so zu Mobbern.

Und dann sind da noch die Mitläufer und jene, die das Problem nicht wahrnehmen wollen (Eltern, Schulpersonal). Erstere befinden sich in einer komfortablen Position, aus der heraus sie je nach Situation zu ihren Gunsten entscheiden. Letztere wiederum unterschätzen die Situation oder versagen in ihrer Rolle als potentieller Beistand.

Mobbing als Randthema

Koi toka, kiss toka, karada toka Vol. 1 © 2013 Kozue Chiba, SHOGAKUKAN Ltd.
Liebe, Küsse, Körper Band 1 © TOKYOPOP GmbH, Hamburg 2014

Die Thematik Mobbing klingt in manchen Schul-Manga (oder Harem) mehr oder weniger an. Denkt man z. B. an Romanzen, gibt es häufig die Fangirls des Schulschwarms. Sie sind Neider, die der Protagonistin das Leben schwer machen, weil der gutaussehende Senpai für sie unerreichbar ist (z. B. Liebe, Küsse, Körper oder Kreidetage). So werden Schulsachen versteckt, Wassereimer über ihren Köpfen ausgeleert oder ihre Arbeiten sabotiert. Auch Gerüchte sind ein beliebtes Mittel, um die Konkurrenz madig zu machen. Diese Täter werden übrigens leider häufig nur einseitig gezeigt und dienen der Handlung als Mittel zum Zweck (z. B. springt der Junge seiner Herzensdame zur Seite und scheißt die Zicken zusammen). Das erkennt man dann besonders gut, wenn sie absichtlich hässlich gezeichnet werden.

Ein Manga, der sich Gruppenzugehörigkeit, Akzeptanz und Oberflächlichkeiten widmet, ist Switch Girl!!. Die Protagonistin wechselt hier je nach Umgebung zwischen einem Off- und einem On-Modus. Wann immer sie mit ihren Mitschülern zusammen ist, gibt sie sich als das perfekte Idol eines jeden Mädchens. Unbeobachtet lässt sie dann gerne Mal Ferkel, Nerd, Tant-chen oder sonstiges raus. Sie verbirgt ihre wahre Persönlichkeit, da viele ihrer Vorlieben und Eigenarten gesellschaftlich weniger akzeptiert sind und um sich das Schulleben nicht zur Hölle zu machen. Die Serie handelt zwar nicht direkt von Mobbing, zeigt aber häufig genug, wie gegensätzlich ein und dieselbe Person aufgrund ihres Äußeren behandelt werden kann.

Eine vorsichtige Frage, die ich mir stelle: Wird Mobbing in Manga eigentlich auch manchmal für den Leser ins Lächerliche gezogen? Damit meine ich: Gibt es Nebencharaktere, die rein aus Running-Gag-Gründen bspw. öfter geschlagen, ausgegrenzt etc. werden? Mir fällt gerade kein repräsentatives Beispiel ein, außer vielleicht “Ekel” (der Name sagt schon einiges) in Switch Girl!!.

Der folgende Inhalt befasst sich mit dem groben Handlungsverlauf der Manga Akuma to  Lovesong und Vitamin. Entsprechend sind Spoiler enthalten.

Mobbing als Hauptthema

Manga, die sich direkt dem Thema Mobbing verschrieben haben, sind bspw. Akuma to Lovesong und Vitamin.

Akuma to Love Song 1 © 2006 Miyoshi Tomori, Shueisha Inc.
© 2012 VIZ Media Switzerland SA

Die neue, schöne Schülerin in Akuma to Lovesong hat aufgrund ihres Rausschmisses aus der vorherigen Schule gleich zu Beginn schlechte Karten. Im Laufe der Handlung wird sie sowohl von Schülern als auch Lehrern immer wieder gemobbt (zerschredderte Schulkleidung, Attacken mit Tinte). Jedoch bricht das Mädchen unter dem Druck nicht zusammen und reagiert überraschenderweise nie, wie man es erwarten würde. Sie ist immer sehr direkt und durchschaut jeden sofort. Von oberflächlichen Freundschaften hält sie außerdem nichts. Ihr Klassenkamerad rät ihr zu Beginn sogar, zu ihrem eigenen Wohl “etwas liebenswürdiger aufzutreten, denn ob sie lüge oder die Wahrheit sage, sei letztendlich egal”. Doch die Schülerin bleibt sich treu und die Freunde, die sie schließlich gewinnt, sind wahre Freunde.

Vitamin Manga Mobbing
Vitamin © 2001 Keiko Suenobu / Kodansha © 2004 Planet Manga

Der Oneshot Vitamin beschreibt das Mobbing einer Schülerin vom Auslöser bis hin zum Befreiungsschlag kurz und mit einer positiven Wende. Die Protagonistin wird zum Flittchen abgestempelt, nachdem man sie in der Schule beim Sex mit ihrem Freund erwischt hat. Ihr Freund, der bei dem Vorfall anonym bleiben konnte, steht nicht hinter ihr und verlässt sie. Die Jungen ziehen sie auf und die Mädchen, einst ihre vermeintlichen Freunde, demütigen sie in der Umkleide mit Nacktfotos und Misshandlung auf der Toilette. Schließlich traut sich die Schülerin aus Angst vor dem nächsten Tag nicht mehr in die Schule. Dabei stößt sie auf Unverständnis ihrer ahnungslosen Mutter. Entschuldigungen ihrer Mitschüler entpuppen sich als bösartige List. Das Mädchen entdeckt sein altes Hobby Mangazeichnen wieder und beginnt, seine eigene Geschichte in den Comics zu verarbeiten. Am Tag des Schulabschluss gibt es ein letztes Wiedersehen, bei dem die Schülerin mit allen abrechnet.

Fazit

Das waren nur die Manga, die ich bisher gelesen habe. Sicherlich ist gerade die letzte Geschichte mit ihrem positiven Ende ein wenig unrealistisch. Aber Manga sollen mit ihren Protagonisten ja auch ermutigen, nicht aufzugeben. Sie können außerdem pädagogisch wertvoll sein, wie A Silent Voice. Welche Titel kennt ihr, in denen es um Mobbing geht, und wie schätzt ihr die Publikationen ein?

1 KOMMENTAR

  1. Der Manga “Noragami” beginnt direkt mit einer Schülerin, die gemobbt wird und deshalb sehr verzweifelt ist. Das Thema Mobbing wird zwar nicht direkt thematisiert, aber zumindestens so dargestellt, daß es für manche Schülerinnen und Schüler so schlimm ist, daß sie sich das Leben nehmen wollen und dies auch oft tun.

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