CD-Review Mitsune – Shamisen-Klänge aus Berlin

Mit „Mitsune“ liegt nun das Debüt-Album des gleichnamigen Shamisen-Trios aus Berlin vor. Wer die Gruppe zuvor live erlebt hat, war bereits in freudiger Erwartung. Allen anderen Japan-Fans sei schon jetzt verraten: J-Pop und Geisha-Sound klingen anders.

Nach dem Interview des Shamisen-Trios Ende Juli liegt es nun vor – das Debüt-Album der drei Damen, die mit ihren gemeinsamen Auftritten bereits erste Bekanntheit erlangten.

Verarbeitung

Unter weitgehendem Verzicht auf das Umweltgift Plastik kommt die CD im funktionalen und stabilen Pappkuvert. Lediglich bei der Halterung der CD greift man auf das Material zurück. Ein angenehmer Nebeneffekt des ansprechenden Designs ist das günstige Packmaß, sodass die hörenswerte CD auch auf Reisen ihren Weg ins Gepäck finden kann.

Cover

Bereits das Covermotiv verrät, dass hier weder süßlicher Japan-Pop noch streng traditionelle Klänge zu erwarten sind – die drei Shamisen-Hasen im Kimono und der schwungvoll gezogene Pinselkreis (Ensô) lassen die Vielseitigkeit und musikalische Dynamik erahnen.

Neben dem Logo des Shamisen-Trios auf der Rückseite könnten sie sich zum Markenzeichen des deutsch-australisch-japanischen Trios entwickeln – der Wiedererkennungswert ist ganz sicher gegeben.

Musik

Das Repertoire auf „Mitsune 蜜音“ reicht von traditionellen Volksliedern, über die Adaption westlicher Stücke, bis hin zu Kompositionen der Shamisen-Koryphäe Akihiro Ichikawa und äußerst hörenswerten Eigenkompositionen der drei Damen.

„Flying Dutchman“

Bereits das erste Stück beginnt anders als man vermutet: nicht mit einem Shamisen-Schnarren, sondern mit einem unerwarteten Laut, der den Hörer an eine Laubsäge erinnert. Man hört genauer hin und wird dann vom perfekt abgepassten Klang der Instrumente erwischt.

Die Eigenkomposition erinnert in der Tat an die Erkundung ferner Meere auf einem abenteuerlichen Wellenritt, kommt dabei aber erfreulicherweise ohne die Düsternis und Wuchtigkeit von Wagners Klassiker daher. Ideal, um die Erzählung einer spannenden Geschichte zu untermalen.

„Senboku Nikata Bushi/Akita Nikata Bushi“

Für den absoluten Shamisen-Neuhörer sind manche Volkslieder eine gewisse Herausforderung – gerade Stücke aus dem Norden und Nordosten Japans, wie den Präfekturen Niigata und Akita machen da keine Ausnahme.

Doch auch wenn man kein Shamisen-Experte ist: Die schnelle Modulation und die Fähigkeit, drei Saiten eine solche Vielfalt zu entlocken, dürfte auch beim Laien zu anerkennendem Kopfnicken führen.

Man sollte das temporeiche Werk trotz der ungewohnten Klänge keineswegs ausklammern, denn der Übergang zum folgenden Stück ist einfach perfekt gelungen.

„Soran Bushi“

Das Fischerlied aus Hokkaido soll den Seeleuten einst beim Einholen der schweren Fangnetze den gemeinsamen Rhythmus vorgegeben haben und der damit verbundene Tanz ahmt die Bewegungen von Wellen und die schwere Arbeit der Fischer nach.

Hier liegt vielleicht auch der einzige kleine Abstrich, den man der CD geben könnte – selbst wenn man die Dynamik der Seeleute in Erwägung zieht, scheint es kaum vorstellbar, dass die Netze derart schnell eingezogen wurden. Trotzdem wäre auch dies nur ein kleiner (und zudem subjektiver) Schönheitsfehler – die Stimmung ist jedenfalls perfekt getroffen.

„Yasaburo Bushi“

Grundlage des Stücks ist ein neun Strophen umfassendes Volkslied aus der Präfektur Aomori und das Thema ist: Schwiegereltern. In seiner Ganzheit schildert das Lied, wie die Braut von Yasaburo so lange von ihren Schwiegereltern terrorisiert wird, bis sie davonläuft.

Mitsune 蜜音 greift hier die ersten drei Strophen mit mehrstimmigem Gesang auf und lässt – sicher zur Überraschung vieler Hörer – das Schicksal der Braut mit der Violine, einem westlichen Streichinstrument, begleiten. Insgesamt ein klanglich sehr dichtes Stück.

„Gymnopedie No. 1“

Als perfekter Kontrast zur vorangegangenen dichten Klangwolke, erweist sich dieses reine Instrumentalstück, mit dem die drei Shamisen-Damen eines der bekanntesten Werke des französischen Komponisten Erik Satie aufgreifen.

Es ist bemerkenswert, wie es den Musikerinnen gelingt, mit dem Instrument eines gänzlich anderen Kulturkreises das Stück zu adaptieren. Allerdings sorgt die Direktheit des Shamisen-Klangs dafür, dass das Stück weniger schwermütig-träumerisch wirkt als auf dem Klavier – ein erfrischender Effekt.

„Hanabi“

„Hanabi“ ist das japanische Feuerwerk und Mitsune 蜜音 greift in dieser Eigenkomposition das Bild eines Feuerwerks als Thema auf. So kulminiert das Stück weder in einem absoluten Höhepunkt, noch gibt es einen eingängigen Refrain. Kaskaden sind hier das Thema.

So kommt es immer wieder zu Explosionen, an denen die musikalischen Motive am Himmel ausbreiten, bevor sie wieder herab regnen. Es folgt ein kurzes Zwischenspiel, bis die nächsten Raketen ihre leuchtenden Bilder zeichnen, die ebenfalls vergehen.

Der Ausklang besteht dann auch im finalen Herabfallen der verschiedenen Motive, die letzten Lichtkaskaden fallen herab – eine tolle Verarbeitung des Themas.

„First Snow“

Bei der Kombination „Japan und Schnee“ fällt einem womöglich der Schnee auf dem majestätischen Fuji ein, oder die weiße Last des Schnees, der auf ehrwürdige Zedern fällt. Doch die Musikerinnen gehen den Titel mit ihrem dreisaitigen Instrument gänzlich anders an.

Das selbst komponierte Stück zeigt sich als eine Art Kindheitserinnerung, als man im behaglich warmen Zimmer sitzt und begeistert durch das Fenster zusieht, wie die ersten Schneeflocken fallen. Mit roten Wangen verfolgt man das Spiel der weißen Flocken im Wind und presst das Gesicht an die Scheibe.

Schließlich hält es einen nicht mehr und man läuft hinaus, lässt sich musikalisch mit faszinierenden Flocken bedecken…Doch dann deuten andere Klänge auch die kurzen, aber schneidenden Windstöße an, die den grimmen Winter erahnen lassen.

Doch bis es so weit ist, dauert es noch ein Weilchen und so kann man sich bis zum Ende des Stücks mit kindlicher Freude am ersten Schnee erfreuen. Die Klänge sind dabei so sprechend, dass sie wie ein Hörspiel wirken, das ohne Sprecher auskommt.

„Kuroda Bushi“

Dieses Volkslied (min’yo) erzählt die Geschichte von Mori Tahei, einem Samurai des Kuroda-Clans, der eine Wette mit dem Fürsten Masanori einging und eine riesige Schale voller Sake (Alkohol) austrank, wodurch er einen Speer gewann, den dieser zuvor vom Shogun erhalten hatte.

Der Klang der Shamisen gleitet dabei sehr geschickt zwischen dem selbstbewussten Schreiten des altjapanischen Kriegeradels und dem Bemühen, sich nach dem kräftigen Schluck weiter auf den Beinen zu halten.

Dabei bleibt der Klang immer deutlich definiert, ohne auf das musikalische Verwischen als Stilelement der Trunkenheit zurückgreifen zu müssen, wie man dies vielleicht erwartet hätte.

„Hisho no Hibiki / Jonkara Solo Tsugaru Jonkara Shin Bushi“

Diese Kombination aus „Hisho no Hibiki“ von Akihiro Ishikawa und den traditionellen Elementen ist für einen Shamisen-Neuling aus meiner Sicht neben Akita Nikata Bushi vielleicht das Forderndste der zehn Stücke. Andererseits könnte es auch gerade die Dynamik des Tsugaru-Stils sein, die ihn fesselt.

„Heat“

Das Album schließt mit „Heat“ – einer Eigenkomposition, die bereits rhythmisch beginnt und dann von der einsetzenden Percussion vorangetrieben wird. Nun hat man eher den Eindruck, an einem archaischen Ritual teilzunehmen.

Trotz der ruhigeren Zwischenpassagen bleibt der treibende Charakter zunächst erhalten, bevor er in eine hypnotische Phase eintritt, die schließlich von einer niemals aufdringlich werdenden Percussion im Abschluss mündet.

Tatsächlich ist das Stück auch perfekt als Abschluss des Albums geeignet. Anders als bei manchen musikalischen Produktionen, bei denen der Hörer ob eines abrupten Endes unbefriedigt zurückbleibt, oder sich einen sanfteren Ausklang erhofft hätte, endet dieses Album wie ein gutes Konzert – auf den Punkt.

Fazit:

Ein musikalisch sauberes Album, dessen Stücke und Reihenfolge intelligent ausgewählt und arrangiert wurden. Dass das Coverbild ebenfalls von einer der Musikerinnen designed wurde, zeugt von der Kreativität, die in die Schaffung des Gesamtwerks gesteckt wurde.

Auch wer noch keinen Kontakt mit dem dreisaitigen Instrument aus Japan hatte und fürchtet, mit dem Stereotyp der berüchtigten asiatischen „Katzenmusik“ konfrontiert zu werden, braucht sich nicht vor dem Kauf des Albums zu scheuen.

Es ist musikalisch vielseitig genug, um sowohl dem Puristen, als auch dem Freund kulturübergreifender Werke zu gefallen. Sollte es ein Folgealbum geben, wäre der Bon-Odori-Klassiker „Tanko Bushi“ aus meiner Sicht ein echtes Muss.

Anspieltipp: Aufgrund der guten Struktur des Albums empfiehlt es sich, das Album in ganzer Länge zu hören.

3 Kommentare

  1. Ich habe ehrlich gesagt bis jetzt nur wenig mit traditioneller Musik aus Japan am Hut. Sie klingt einfach irgendwie seltsam für mich. Aber diese CD-Besprechung liest sich so spannend, dass ich mir die CD wohl holen werde. Wo kann man sie bestellen? Bei Amazon ist sie nicht im Shop.

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