Namie Amuro - Fashionista
© Namie Amuro / Avex

Mit großer Freude stellt AnimeY euch hiermit eine neue Sparte vor, die im Rahmen unseres vor ein paar Wochen gestarteten und noch im Aufbau befindlichen Künstler-Portals entstand: In Nachgefragt bittet die Redaktion nicht wie sonst nur eine Person aus der deutschen Manga-Szene zum Interview, sondern gleich mehrere. Dabei dürfen sowohl Verlagszeichner als auch verlagslose Mangakas zu Wort kommen. Im Mittelpunkt steht stets ein bestimmtes Thema, zu dem wir Erfahrungen und Meinungen sammeln.  Dieses Mal heißt es:

deutscher Manga vs. japanischer Manga
Wie werden Eigenproduktionen auf dem deutschen Markt aufgenommen?

Als besonderes Highlight begrüßen wir dieses Mal auch Joachim Kaps (Verlagsleiter von TOKYOPOP) und Kai-Steffen Schwarz (Programmleiter von CARLSEN MANGA!), die als Verleger noch einmal einen komplett anderen Blickwinkel auf das Thema kredenzen. Ihre Sichtweisen bilden den Abschluss unserer ersten Runde Nachgefragt.

Olga Rogalski (u.a. Falling Snow)

Ich beobachte die Debatte schon, seit es die deutschen Mangas überhaupt gibt. Ich selber wurde um die Jahrtausendwende im zeichnerischen Bereich aktiv und habe in Foren sowohl die Ankündigung des ersten deutschen Mangas Dragic Master von Robert Labs sowie die Reaktionen dazu verfolgt. Im Vergleich zum damaligen empörten Aufschrei, Deutsche dürfen ja gar keine Mangas zeichnen, weil sie nicht Japaner sind, haben wir es doch sehr weit gebracht. Eigenproduktionen werden heute wesentlich besser akzeptiert. Und wenn ich mir ansehe, wie es manche Projekte schaffen, binnen kurzer Zeit nach ihrer Veröffentlichung ausverkauft zu sein und sich in Top-10-Listen gegen japanische Produkte zu behaupten, so spricht es für die Qualität der Bücher. 

Allerdings fand ich den direkten Vergleich zwischen deutschen und japanischen Werken selten fair. Denn was ist der Gegenstand des Vergleiches? Auf der deutschen Seite haben wir teils Erstlingswerke, beziehungsweise eher kurze Serien von einem bis fünf Bänden, meist komplett eigenständig hergestellt. Auf der japanischen Seite haben wir (bei den hierzulande erhältlichen Büchern) Bestseller, die sich in Japan gut verkauft haben und teils schon vor ihrer deutschen Veröffentlichung über eine Fanbase verfügen, die selten ein Erstlingswerk sind (kann getrost das fünfte oder zehnte Projekt des Zeichners sein), die dutzende von Bänden haben können (was massig Möglichkeiten an Charakter- und Storyentwicklung bietet) und die meist mit Hilfe von einem Heer an Assistenten erstellt wurden. Unter diesen Umständen ist ein direkter Vergleich nicht wirklich möglich, wird aber sehr gerne gezogen. 

Ich habe bei der Rezeption unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Es gibt die Puristen, die nur japanische Sachen akzeptieren. Sie würden sich keinen deutschen Manga kaufen und bewerten die Sachen eines Zeichners oft anhand seines Erstlingswerks, welches sie vor Jahren durchgeblättert und wieder auf den Bücherstapel zurückgelegt haben. Und es gibt Aufgeschlossene, die den Eigenproduktionen wenigstens eine Chance geben. Mittlerweile erlebe ich aber auch verstärkt Leser, die Eigenproduktionen explizit bevorzugen. Auf jeden Fall hat sich der Bereich der Eigenproduktionen über die Jahre stark entwickelt, sowohl was die Qualität wie auch die Quantität angeht. Und das stimmt mich persönlich sehr positiv.

Salamandra (u.a. He´s half-baked)

Ich sehe das ähnlich wie Olga. Bei den ersten deutschen Veröffentlichungen las man oft, man würde es nicht kaufen oder lesen, weil es deutsch sei, ohne sich das Buch angesehen zu haben, oder andere lasen es, fanden es nicht gut und haben dann alle deutschen Werke als »schlecht« abgestempelt. Aber wie Olga schon sagte, ist ein direkter, fairer Vergleich sowieso kaum möglich. Allerdings gab es natürlich auch von Anfang an »die Unterstützer«, die die deutschen Mangas gekauft und gelesen haben (vielleicht auch weil sie deutsch waren?) und»hinter ihnen standen«.

Mit den Jahren und der Hartnäckigkeit der deutschen Zeichner und Verlage sind aber die Produktionen immer besser geworden (wir Deutschen haben nun mal noch nicht so viel Erfahrung wie unsere japanischen »Vorbilder« und müssen immer noch viel lernen) und haben sich auch von den japanischen Mangas und Traditionen gelöst. Es wird nicht mehr versucht, alles zu »japanerisieren«, und unsere Geschichten spielen nicht mehr überwiegend in Japan, sondern in Deutschland (oder einem anderen Land) und wirken dadurch auch authentischer. Zum Glück nahm (dadurch?) auch die Akzeptanz zu deutschen Mangas zu.

Natürlich gibt es immer noch die »Gegner«, die gerne bei neuen deutschen Ankündigungen sofort mit »kein Kauf« kommentieren (einfach weil deutsch?), aber ich finde, man konnte trotzdem eine große positive Entwicklung sehen, und man liest wesentlich mehr Zustimmung zu deutschen Eigenproduktionen, als das noch vor einigen Jahren der Fall war.

Außerdem sieht man es auch an den DJ-Märkten auf Messen, wo immer mehr eigene Mangas gedruckt und verkauft werden, das Interesse an deutschen Sachen ist eindeutig da und kommt an!

Safaia (u.a. i•seki)

Ich denke mal, das ist von Zeichner zu Zeichner sehr unterschiedlich. Es hängt davon ab, ob das Thema den Lesern gefällt, ob sie Stil oder Story mögen und ob es genug beworben wurde. Zwar ist es leichter geworden, ein eigenes Werk herauszubringen, doch irgendwie verändert sich der Markt gerade. Ich für meine Person finde, es ist komplizierter geworden, sein eigenes Werk auch wirklich an den Leser zu bringen.

Yaya-chan (u.a. Spooky Ice)

Ich bin erst seit knapp zwei bis drei Jahren dabei und muss zugeben, ich hatte selbst ziemlich große Angst, einen eigenen Manga (Doujinshi, etc.) drucken zu lassen. Deutsche Eigenproduktionen werden gehasst!

Das dachte ich zumindest. Mittlerweile sehe ich das ganz anders! Deutsche Eigenproduktionen gewinnen immer mehr Fans dazu! Früher wurden ja deutsche Mangas eher negativ aufgenommen, was aber auch daran lag, dass es einfach zu wenig Möglichkeiten gab, sich selbst als Zeichner zu verbessern.

Heute geht das alles einfacher. Durch viel Auswahl an How to draw-Manga-Büchern, das Internet, verschiedene Medien, die man nutzen kann, wie Grafik-Tablets und der Community an sich verbessert man sich immer mehr als Zeichner und hat die Möglichkeit, immer mehr Erfahrungen zu sammeln.
Durch die Erfahrungen werden die deutschen Zeichner immer besser, genauso wie ihre Werke, und das sehen die Käufer.

Ich denke, ein großer Teil, der dazu beiträgt, dass Eigenproduktionen sich auf Cons oder Messen so gut verkaufen, ist auch der direkte Kontakt zum Zeichner.
Sowas kennt man nicht! Im Thalia sitzt schließlich nicht Tite Kubo und verkauft mir Bleach und quatscht dann noch eine Runde mit mir. Ich finde es einfach äußerst interessant, mich dann auch gleich mit dem Zeichner direkt über das Werk zu unterhalten.

Fakt ist aber, dass viele deutsche Zeichner wirklich gute Storys auf die Beine stellen und diese auch immer besser werden. :> Also, aus eigenen Erfahrungen kann ich nur sagen, ja, ich finde deutsche Eigenproduktionen kommen gut an und verkaufen sich auch von Zeit zu Zeit immer besser.

Ich wünschte nur, die Verlage würden in der Lage sein, solche Talente unter ihre Fittiche zu nehmen!

Wenn man als Zeichner monatlich vom Manga-Zeichnen leben kann, werden deutsche Mangas sich vielleicht irgendwann hier vor Ort genauso gut verkaufen wie die japanischen. Natürlich nicht so wie One Piece, aber ich bin mir sicher, dass einige Zeichner wirklich so manche Verkaufszahlen sprengen könnten.

Yunuyei (u.a. Black Frost – Beast of Night)

Ich finde auch, dass Eigenproduktionen relativ gut aufgenommen werden. Aus Erfahrung kann ich aber sagen, dass Mangas, die bei Verlagen sind, immer noch etwas besser angenommen werden, als wenn sie selbst produziert werden. Ich selbst war mal bei einem Mini-Verlag, und meine Mangas haben sich doch einfacher verkauft als in Eigenproduktion (ich habe selbst die Fortsetzung und die Neuauflage gedruckt). Eigenproduktionen werden zwar gern gesehen, aber es gibt immer noch genügend Leute, die zweifeln, ob die Qualität und der Inhalt gut sind. Zudem sind Eigenproduktionen teurer. Es kommt zwar selten vor, dass sich jemand wegen des Preises beschwert, aber es gibt immer Leute, die erwarten, dass man den günstigen Preis von großen Verlagen hat.

Joachim Kaps (TOKYOPOP)

Der Markt nimmt vor allem gute Mangas auf, ganz gleich wo der jeweilige Mangaka lebt.

Die Zeiten nationaler Abgrenzung sind in einer globalen Welt einfach vorbei. Mangakas wie Anna Hollmann oder Khaos haben längst bewiesen, dass man mit globalen Ideen auch mit Manga Made in Germany international Erfolg haben kann. Und ich bin sicher, dass viele andere folgen werden. Gleichzeitig gibt es japanische Mangas, die nur in Asien  funktionieren und nicht in den westlichen Märkten. Es wird Zeit, dass wir alle auf die Konzepte und nicht auf den Pass der Mangakas schauen. 🙂

Kai-Steffen Schwarz (CARLSEN MANGA!)

Manga-Eigenproduktionen werden meines Erachtens recht gut vom Markt aufgenommen. Es ist natürlich schon so, dass japanische Titel den gewissen Vorteil haben, dass sie bei den Fans bereits vom Original her (oder z.B. als Anime-Adaption) vorab einen Bekanntheitsgrad haben, den Eigenproduktionen sich erst erarbeiten müssen. Und es hängt immer auch ein bisschen  vom jeweiligen Titel beziehungsweise der/dem Mangaka ab. Was die Verkaufszahlen angeht, können sich viele Eigenproduktionen durchaus mit vergleichbaren Titeln aus Japan messen, liegen manchmal sogar darüber (wenn man mal von Megasellern wie One Piece oder Attack on Titan absieht, aber mit denen darf man Eigenproduktionen natürlich nicht vergleichen).

Ungeachtet haben Eigenproduktionen den »Nachteil«, dass selten in rascher Folge viele Bände produziert werden können, weil der Entstehungsprozess ein ganz anderer ist als in Japan: Die meisten heimischen Mangakas haben keine Assistenten (und auch kein Magazin) im Hintergrund, die zuarbeiten und über längere Zeiträume die Arbeit vorfinanzieren können. Fast keine einheimische Mangaka kann alleine vom Bücherverkauf leben, da die Taschenbücher ja vergleichsweise günstig sind und man ja nicht wie zum Beispiel bei Romanen eine erste, teurere Verwertungsstufe im Hardcover hat, der eine Taschenbuch-Zweitverwertung folgt. Auch in Sachen Auslandslizenzen ist es heute deutlich schwieriger als noch vor zehn Jahren, weil es in allen relevanten Manga-Märkten eine riesige Auswahl an japanischen Lizenzen gibt, der Konkurrenzkampf hat sich über die Jahre also alleine schon qua Titelmenge verschärft.

Für uns als Verlag bedeutet das auch, dass wir bei Eigenproduktionen gewissen Vorbehalten seitens des Handels zu begegnen haben, weil in den vergangenen Jahren (auch von uns) Fehler gemacht wurden, d.h. angekündigte Termine nicht eingehalten wurden, Folgebände sehr spät oder nicht erschienen sind usw.. Das entmutigt uns aber nicht, im Gegenteil versuchen wir deshalb, Eigenproduktionen mehr PR- und Marketing-Maßnahmen mitzugeben: etwa Gratis-Comic-Tag-Hefte (wie bei Skull Party oder Tempest Curse), Coverfeatures in der Manga Preview (wie aktuell bei Schattenarie), Messegrafiken (wie bei Lost Ctrl), Veranstaltungen auf Messen und im Handel usw.. Gerne würden wir mehr Eigenproduktionen ins Programm nehmen, aber auch in dieser Hinsicht müssen wir immer ehrlich darauf schauen, wie viele Mangakas wir gut betreuen und promoten können.

Einheimische Mangakas sollten in jedem Fall davon ausgehen, dass sie – wie viele andere Autoren, Illustratoren und Comiczeichner – neben den Büchern zusätzliche Brotjobs benötigen, um finanziell gut über die Runden zu kommen. Wie man stellenweise hört, gibt es auch immer noch das »Imageproblem«, dass manche potenziellen Auftraggeber Manga-Zeichnern qualitativ weniger zutrauen als anderen Illustratoren und Grafikern. Und natürlich gibt es in Foren und Social Media immer noch Leserinnen und Leser, die keine »deutschen« Mangas möchten oder diese für minderwertig gegenüber den japanischen halten. Das ist aus Verlagsbrille gesehen totaler Unfug, von solchen Stimmen sollte man sich als Mangaka nicht irritieren lassen. 😉

AnimeY bedankt sich herzlich bei allen Teilnehmern. Gerne lesen wir auch eure Meinung zum aktuellen Thema »deutscher Manga vs. japanischer Manga« in den Kommentaren. Solltet ihr selbst Themen-Vorschläge für kommende Beiträge in dieser Sparte haben, könnt ihr uns diese gerne mitteilen.

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