Nachgefragt: Zeichnerisches Talent – Real oder eine Frage der Übung?

Wir haben verschiedene deutsche Manga-Zeichner in unserer Nachgefragt-Kategorie zum Thema Talent befragt.

Ausgelöst hat dieses Thema dabei ein Facebook-Beitrag der Zeichnerin Urares, der hier nachzulesen ist und auf der Plattform schon über 400-mal geteilt wurde. Darin geht es um die Frage nach dem zeichnerischen Talent, was Urares mit einem kleinen Diagramm selbst damit beantwortet, dass zeichnerische Arbeit nur zu ca. 10 Prozent aus Talent besteht, der Rest – und mit 90 Prozent damit der Großteil – setzt sich aus Geduld, harter Arbeit, niemals aufgeben, Fehler akzeptieren, üben, üben, üben und Referenzen zusammen.

Da wir das Thema selbst sehr interessant finden, mussten wir sogleich bei anderen Zeichnern nachhaken, ob es so etwas wie Talent beim Zeichnen überhaupt gibt oder ob letztendlich alles nur eine Sache der Übung ist.

Das sind ihre Antworten.

Hion K.

Shitbucks © 2015 Hion K.

Ich denke schon, dass es etwas wie Talent gibt. Talent definiere ich aber vielleicht etwas anders als andere … z. B. dass jemand eine schnellere Auffassungsgabe hat oder eher ein Gefühl für Farben entwickelt und es einem leichter fällt. Der Großteil an zeichnerischem “Talent” ist aber stetiges Üben, Analysieren und Optimieren (demotiviert sein gehört auch dazu xD)

Eine gewisse Toleranzgrenze sollte man auch haben, denn was nützt all das Talent, wenn man es dennoch nach dem x-ten Mal nicht hinbekommt. Ich kenne welche, die können super gut zeichnen, schmeißen aber nach dem zweiten Versuch gleich das ganze Papier weg ^^”

Niloo

Illustration © Niloo

Ich denke ja, dass “Talent” so etwas ist, wie eine gute Auffassungsgabe. Empathie für Optik und Ästhetik von dem, was man darstellen möchte. Und Empathie für den Leser, warum er an welcher Stelle in einer Geschichte was empfindet und welche Bedürfnisse dadurch erzeugt und befriedigt werden (Nur aufs Mangazeichnen bezogen) 🙂

Aber “Talent” bringt einem natürlich gar nichts, wenn man sich nicht damit beschäftigt. Es ist eine Wechselwirkung aus beidem, Übung und Talent. Gleichzeitig kann massig Übung genauso wirkungslos sein, wenn dazu die nötige Auffassungsgabe fehlt. Das wäre, wie nach einem Schatz zu graben, ohne eine dazugehörige Karte zu haben. Um den Schatz dann zu finden, müsste man die gesamte Insel umgraben …

Ich denke eher, es ist ein Verhältnis aus 50% zu 50% 🙂

Miriam Esdohr

Iakes © Miriam Esdohr/Comic-Culture-Verlag, Berlin 2014

Ich glaube an Talent als eine Basis. Dass man zumindest fast alles lernen kann, bei manchen Dingen bin ich mir nicht so sicher, und ich denke, dass es davon abhängt, ob man analytisch oder eher intuitiv denkt. Bei Dingen wie Anatomie, Perspektive, Farbenlehre und so weiter bin ich sicher, dass jeder eine gute Chance hat, es zu meistern. Aber ob man zum Beispiel das Einfangen einer Stimmung oder (Gesichts)Ausdrücke auch richtig lernen kann, ist mir nicht so ganz klar. Im Manga oder Comic ist das was anderes, da so etwas darin übertrieben und teilweise nach einem Schema dargestellt wird. Ich denke aber auch an Illustration, Malerei, Realismus …

Zurück zum Talent als Basis: ich stelle mir vor, dass einige Menschen durch alle erdenklichen Einflüsse mit anderen Fähigkeiten ausgestattet sind als andere. Das betrifft die Denkweise und die Auffassungsgabe sowie Beobachtungsgabe (Beispiel: wie man als Kind schon seine Umgebung wahrnimmt, auf was man achtet und auf was nicht). In dem Fall hat die Person vielleicht einen Hang dazu, sich visuell auszudrücken und Feinheiten schnell zu erkennen. Aber damit kann man nicht gleich Meisterwerke vollbringen und sich gemütlich zurücklehnen. Und es heißt auch nicht, dass derjenige, der dieses “Talent” nicht hat oder der es einfach nicht genutzt hat, nicht technisch genauso gut werden kann. Vielleicht gehört zum Talent auch, es unbedingt immer besser machen zu wollen und niemals aufzugeben, weil es einem trotz aller Hürden viel gibt.

maRlicious von Pushcart

Remembering Gale © 2016 Pushcart

Ich vermeide grundsätzlich, von Talent zu sprechen. Denn Talent wird von der Allgemeinheit als etwas Gottgegebenes gesehen, mit dem man ohne viel Arbeit zum Erfolg kommt. Man selbst als Zeichner weiß natürlich, dass hinter den Zeichnungen der anderen harte Arbeit steckt. Doch das sieht man als Außenstehender kaum. Jemandem also Talent “zu unterstellen”, auch wenn es als Lob gemeint ist, wertet eher die jahrelange Arbeit des Zeichners herab.

“Talent” in diesem Sinne ist für mich eine frühe Prägung im Leben, die einem vielleicht fürs Erste einen gewissen Vorteil anderen gegenüber verschafft, aber ab einem gewissen Level nicht mehr ausschlaggebend ist.

Interessant finde ich auch den Gedanken von “Talentvergabe von außerhalb.” Wenn beispielsweise einem jungen Menschen gesagt wird, dass dieser Talent für etwas besitzt, was er vielleicht gerne tut, um ihn zu ermutigen, dranzubleiben. Würde man diesem Menschen nicht gut zureden und ermutigen, kann es passieren, dass er aufgibt, bevor er an einem Punkt kommt, von selbst weiter nach Perfektion zu streben. Indem man sagt “das sieht toll aus, bleib dran, du hast Talent” gibt man diesem Menschen einen Antrieb, den es gerade zu Beginn braucht, um weiter am Ball zu bleiben. Somit wäre Talent nur ein künstliches Konstrukt, das nichts mit persönlichen/genetischen Vorteilen zu tun hat.

Phie Kaldinski von Tentakelgottheit

Strayer Bd. 2 © 2016 Tentakelgottheit

Ich denke, Talent ist vielmehr eine Zusammensetzung mehrerer günstiger Ausgangslagen. Ich glaube, niemand ist mit mehr künstlerischem Können geboren als andere, doch vieles wird durch Erziehung und Interessen eher gefördert. Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, und jeder hat sein ganz eigenes Lerntempo, das wiederum durch Umstände stimuliert werden kann. Ich finde das Wort “Talent” hat immer einen etwas bitteren Beigeschmack, weil es die eigenen Errungenschaften und die Anstrengungen, zu lernen und sich zu verbessern, herabwürdigt. Dann heißt es nicht “du kannst das, weil du viel Zeit, Energie und Geld in deine Fähigkeiten investiert hast”, sondern “du kannst das, weil du talentiert bist”. Außerdem verstecken sich viele hinter ihren Rückschlägen mit der Aussage, sie hätten kein Talent. Der Ausdruck schadet in meinen Augen mehr, als dass er hilft.

Wie fünf weitere Zeichnerinnen zum Thema Talent stehen, erfahrt ihr auf der nächsten Seite.