Naoko Takeuchis Inspirationen beim „Sailor Moon“-Manga

Pretty Guardian Sailor Moon ist weltweit die wohl mit Abstand bekannteste sowie erfolgreichste Magical-Girl-Reihe. Doch das Werk inkludiert noch weit aus mehr als Schülerinnen, die sich in Sailor-Kriegerinnen verwandeln, um gegen das Böse zu kämpfen. Wovon sich Naoko Takeuchi in der Story, Charakterdarstellung und Namensgebung inspirieren lies, dies schildert euch AnimeY in diesem Artikel. Damit sich keiner wundert, ich verwende in diesem Beitrag absichtlich die Originalnamen aus dem Manga, da ich mich auf diesen beziehe. Der bekannte Anime aus den 90er Jahren weist zwar ein paar Parallelen auf, aber nicht alle erwähnten Dinge treffen auf diesen zu. Des Weiteren mag sich der eine oder andere Spoiler in dem Text befinden.

Fangen wir doch mit dem Grundlegenden an. Pretty Guardian Sailor Moon stellt zunächst einmal nach und nach die Heldin Usagi Tsukino (Prinzessin Serenity/Sailor Moon), ihren Schwarm Mamoru Chiba (Prinz Endymion/Tuxedo Mask) und deren Freundinnen Ami Mizuno (Sailor Merkury), Rei Hino (Sailor Mars), Makoto Kino (Sailor Jupiter) sowie  Minako Aino (Sailor Venus) vor, hinter denen sich die in den Klammern erwähnten Reinkarnationen verbergen. Des Weiteren lernen wir mit Luna sowie Artemis zwei Mondkatzen kennen und erfahren, dass der Silberkristall den Mondmenschen ewiges Leben beschert. Nehmen wir diese allgemeinen Fakten auseinander, so stechen zwei religiöse Gegebenheiten ins Auge, die in vielen Fantasy-Reihen gerne mal eingebaut werden. Zum einen das Thema »Reinkarnation« und im Bezug auf Prinzessin Serenity die »Ewige Jugend«. Was diese beiden Dinge betrifft, da gehen die Vorstellungen in zahlreichen Religionen (ob nun Buddhismus oder Christentum) sowie Mythen auseinander. Hier könnte man gegebenenfalls Bände drüber schreiben.

Weitere Relationen lassen sich anhand der Namen der genannten Charaktere zum »Mond« herstellen. Die Romanze zwischen Mamoru alias Prinz Endymion und Usagi als Prinzessin Serenity kommt beispielsweise aus der griechischen Mythologie, in welcher Endymion der Liebhaber der Mondgöttin Selene war. Diese ist ebenfalls unter dem Namen Artemis bekannt. In römischen Sagen lautet sie Diana, in anderen wiederum auch Luna. Nun kann sich sicherlich auch jeder denken, wovon die Namen der Mondkatzen abgeleitet wurden.

Des Weiteren fließt in der Nebengeschichte um Luna und die Legende der Prinzessin Kaguya eine bekannte japanische Volkserzählung mit ein: nämlich Kaguya-hime no Monogatari oder Taketori Monogatari. Die märchenhafte Geschichte handelt von der Mondprinzessin Kaguya, die eines Tages von einem Bambussammler gefunden wird und zu einer Schönheit heranwächst. Fünf adlige Männer kämpfen um ihr Herz, scheitern jedoch kläglich an einer von Kaguya gestellten Aufgabe. Am Ende kehrt die Prinzessin in den Palast des Mondes zurück. Das Märchen gehört sicherlich zu einer der beliebtesten Inspirationen. Beispielsweise basieren Arina Tanemuras Prinzessin Sakura-Manga oder Studio Ghiblis Anime-Film Die Legende der Prinzessin Kaguya ebenso darauf.

Als nächstes möchte ich auf die Darstellung der Sailor-Kriegerinnen des inneren und äußeren Planetensystems eingehen. Hier verfügen die jeweiligen Protagonistinnen teilweise eine bestimmte Charakteristik, die dem römischen beziehungsweise griechischen namensgebenden Gott des jeweiligen Planeten ähnelt. Takeuchi-sensei machte sich ebenfalls die tatsächlich existierenden astronomischen Symbole zunutze (siehe Abbildung rechts). So ist beispielsweise Makoto Kino/Sailor Jupiter körperlich sehr stark und verfügt über Blitz/Donner-Kräfte, was in etwa mit der »obersten Gottheit« Zeus beziehungsweise Jupiter in Verbindung gebracht werden kann. Bei den Kriegerinnen des äußeren Planetensystems manipulieren Michiru Kaio/Sailor Neptune und Haruka Tenno/Sailor Uranus beispielsweise Wasser sowie Wind, was Neptun (Meeresgott) und Uranos (Himmelsgott) nachempfunden ist. Übrigens, für die jungen Leute unter euch, die sich wundern, weshalb es im Geschehen eine Sailor Pluto gibt: Der Pluto galt vor August 2006 noch als Planet. Dank einer Neuregelung dieser Definition wurde dem jetzigen Zwergplaneten jedoch der Status aberkannt. Nichtsdestotrotz passt dieser Charakter lückenfrei ins Geschehen, denn wie wir ab dem fünften Storyabschnitt wissen, gibt es für alle kleinen und großen Himmelskörper im Universum eine Sailor-Kriegerin.

Wiederum leitete Takeuchi-sensei zahlreiche Namen der Gegenspieler von Kristallen ab. Königin Beryl, Nephrite, Zoisite, Kunzite und Jadeite stammen von den Mineralen BeryllNephrid, Kunzit, Zoisit sowie Jade/Jadeit. Im zweiten Storyabschnitt um den Black Moon inspirierten Takeuchi-sensei weitere Kristalle wie Kermesit, Calaverit, Smaragd (englisch: Emerald) und Diamand bei der Namenswahl. Das gleiche durchstreckt sich ebenfalls bei den Gegnern aus dem Death Buster-Arc. Übrigens erhielten einige Figuren sogar die Haarfarbe des jeweiligen Minerals. Ab dem vierten Storyabschnitt kommt ein bisschen Abwechslung rein. So benannte Takeuchi-sensei das Amazonen Quartett Palla Palla, Ves Ves, Juno Juno und Cere Cere nach den Asteroiden Pallas, Besta sowie Juno beziehungsweise dem Zwergplanet Ceres.

Was im Manga auch seinen Grund hat, denn die vier werden später Chibiusas Beschützerinnen in Form von Sailor-Kriegerinnen. Des Weiteren benannte die Mangaka Helios (siehe Abbildung links), Priester von Elysion und Hüter des Goldkristalls, nach dem gleichnamigen Sonnengott in der griechischen Mythologie. Aus selbiger stammt dessen zweite Gestalt, das geflügeltes Einhorn Pegasus. Zu guter Letzt vielleicht auch noch erwähnenswert: Prinz Endymions Mutter Gaia entspricht dem Namen der personifizierten Erde in griechischen Erzählungen.

Aber kommen wir nun zu einigen Elementen, die einen direkten Einfluss auf die Geschichte von Sailor Moon haben. Im »Black Moon«-Arc finden wir einen Planeten namens Nemesis wieder. In der griechischen Mythologie versteht man darunter die Göttin des »gerechten Zorns« beziehungsweise die Rachegottheit. Im heutigen Sprachgebrauch wird der Begriff Nemesis oft mit einer vergeltenden Gerechtigkeit oder einem ewigen Gegenspieler (Erzrivale) in Verbindung gebracht. Reflektiert man diese Fakten auf Sailor Moon, so befinden sich auf diesen Planeten einstige Menschen, die Rachegedanken gegenüber dem Silberkristall beziehungsweise Neo Queen Serenity verspüren.

Wiederum findet der Manga-Leser im Geschehen ebenfalls ein Begriff aus der Artussage wieder: nämlich den Heilige Gral. Dabei handelt es sich laut Legenden um ein mächtiges Gefäß, das ewige Lebenskraft spendet. Im Sailor Moon-Anime verleiht dieser der namensgebenden Heldin mehr Macht, wiederum findet er in Naoko Takeuchis Manga lediglich eine Erwähnung.

In der vierten Saga um den Death Moon Circus lernt der Leser das Königreich von Prinz Endymion kennen: Elysion. Dabei handelt es um einen griechischen Mythos um die sogenannte »Insel der Seligen« im Erdkreis. Man definiert diesen Ort als auch als paradiesisch, mit Wiesen, auf denen Rosen wachsen, geprägt von ewigem Frühling. In Naoko Takeuchi Geschichte ist Elysion das Zentrum des Erdreichs (Goldene Königreich), in dem Prinz Endymions Palast steht, welchen der Priester Helios bewacht.

Zu guter Letzt noch eine Parallele, die ebenfalls aus dem Griechischen stammt und in Takeuchi-sensei Manga quasi den Schöpfer des Bösen darstellt: Sailor Moons letzter Feind »Das Chaos«, welches in der Story bereits mehrere Reinkarnationen besaß (erst Metalia, dann Wiseman) beziehungsweise Gegner wie Nehelenia und Pharao 90 manipulierte. Mit dem Ziel, die Galaxie zu beherrschen, nahm dieser mächtige Feind das sogenannten Cauldron ein, der Ort an dem alle Sterne, Planeten und somit auch Sailor-Kriegerinnen sowie deren Star Seed geboren werden. Schließlich suchte Sailor Galaxia aus Neugier gerade diese Gegend auf und das Chaos zog sie in ihren Bann. In der griechischen Mythologie gilt »Das Chaos« als der Gegenbegriff zum Kosmos (Universum). Mag der Grund dafür sein, dass Takeuchis-sensei mit Sailor Kosmos (Chibi Chibi) einen Gegenspieler ins Geschehen implantierte. Das Chaos gilt in Legenden als der Urzustand der Welt: bevor Sterne, Planeten etc. entstanden, herrschte eine Leere oder das Nichts beziehungsweise Dunkelheit.

Letztendlich noch ein paar abschließende Worte: Der Sailor Moon-Manga hat sicherlich seine storytechnischen Schwächen. Manchmal wirkt die Szenenabfolge etwas konfus, und gewisse Ereignisse beziehungsweise Charaktere erscheinen mir überflüssig. Dennoch mag ich die märchenhaften Werte, die von Pretty Guardian Sailor Moon ausgehen, und die »Usagi x Mamoru«-Romanze. Takeuchi-sensei hat sich hier meiner Meinung nach bei der Recherche sehr ins Zeug gelegt, damit dieses Meisterwerk entsteht.

Bildmaterial: © 1992 Toei Animation Co.Ltd © Naoko Takeuchi/PNP