»Box of Spirits« Band 2 – Manga-Test

Seit Mitte November 2013 können Kenner des ersten Bands von Box of Spirits auch in den zweiten von fünf Teilen hineinschnuppern. Das Cover präsentiert wie zuvor den Charakter Kyogokudo, der im Anfangsvolume gerade einmal auf der letzten Seite der Handlung sein Gesicht zeigte. So viel sei bereits jetzt verraten: Dieses Mal weist der düstere Mann definitiv eine stärkere Präsenz auf – und das ist auch gut so. Am Ende vom ersten Band verschwand die komatöse Kanako trotz einer strengen Bewachung spurlos von der Bildfläche. Wurde die Jugendliche wirklich, wie in einem Schreiben angedroht, von Fremden entführt, um Lösegeld zu fordern? Auf der anderen Seite tobt ein Serienmörder um sich, der überall Körperteile seiner Opfer zerstreut, während eine ruhelose Person immer noch auf der Suche nach dem passenden Mädchen für ihre Kiste ist.

Sekiguchis Kollege Toriguchi ist einer Sekte namens »Schmutz versiegelnde  Kiste« auf der Spur. Die beiden holen sich Rat bei Akihiko Chuzenji, ein alter Schulkamerad Sekiguchis, der von seinen Freunden auch Kyogokudo genannt wird. Eine Verbindung tut sich zwischen dieser Gruppierung und den anherrschenden Morden auf, bei denen die Polizei immer wieder abgehackte Arme oder Beine der Opfer findet.

In der Zwischenzeit ist Kommissar Kiba für einen Monat suspendiert worden. Von der entführten Kanako fehlt jede Spur. Wie gelang es dem Täter, das schwer verletzte Mädchen in so kurzer Zeit trotz dieser immensen Bewachung unbemerkt fortzuschaffen? Auch Yorikos Mutter gehört der »Schmutz versiegelnde Kiste«-Gemeinschaft an. Um die losen Fäden zusammenzufügen, begibt sich der Mann auf den Weg zu seinen alten Freunden Sekiguchi, Kyogokudo und Enokizu. Letzterer führt als Leiter der »Rosenkreuz«-Detektei ein interessantes Gespräch mit Herrn Masuoka und erhält so nähere Informationen zur Vergangenheit von Kanako sowie ihrer vermeintlichen Schwester Yoko.

Kyogokudo war sicherlich einer der Hauptpunkte, auf die man sich im zweiten Band gesehnt hat, nachdem er im ersten Teil gerade einmal eine mickrige Seite zugesprochen bekam. Umso fulminanter schlägt der ältere Bruder von der bereits bekannten Redakteurin Atsuko bei seinem Auftritt zu. Nach Sekiguchis Aussage ist Kyogokudo ein Shinto-Priester, Kiba bezeichnet ihn als Exorzist, doch der Leser erkennt schnell, dass hinter dieser leichenblassen Stirn graue Zellen ohne Müßiggang vor sich hinarbeiten. Mit einer guten Beobachtungs- und Kombinationsgabe könnte man fast meinen, einem Detektiv der etwas anderen Art gegenüberzustehen. Tatsächlich finden Interessierte den guten Mann auch in Gosho Aoyamas Detektiv Conan, wo er am Ende vom 53. Band im Verzeichnis Gosho Aoyamas kleines Lexikon der Meisterdetektive erwähnt wird. Mit dabei ist auch eine Illustration aus der Feder des Mangakas, wie er sich Kyogokudo vorstellt. Wer den Shinto-Priester lieber animiert sehen will, könnte zur dreizehn Episoden langen Anime-Adaption von Box of Spirits (im Original Mouryou no Hako) greifen. Das ursprüngliche Charakter-Design stammt dabei von niemand Geringeren als dem Zeichnerinnen-Quartett CLAMP. Im Dezember 2007 lief zudem eine Live-Action-Version in den japanischen Kinos, bei welcher Masato Harada Regie führte. Als Kyogokudo ist Shinichi Tsutsumi zu sehen. Wie auch beim zugrunde liegenden Roman von Natsuhiko Kyogoku gibt es bisher weder für den Anime noch von der Realverfilmung eine deutsche Lizenzierung.

Das Aussehen der Charaktere in Aki Shimizus Manga-Version weicht stark vom Anime ab, wie Kenner von beiden Adaptionen bestimmt bereits im ersten Band festgestellt haben. Aber auch Neulinge könnten über Kyogokudos Darstellung in der Story überrascht sein. Während sich der Priester auf den Covern zwar mit einer ungesunden Gesichtsfarbe präsentiert, kann man dennoch nicht abstreiten, dass er ein paar gut aussehende Züge besitzt. Auf den Schwarz-Weiß-Seiten geht dieser Aspekt vollkommen verloren. Hier wirkt Kyogokudo älter, das Gesicht sieht dünner aus und die Wangen sind eingefallen. Seine Mimik ist von einem grimmigen bis unfreundlichen Ausdruck geprägt, der nur selten ein schwaches Lächeln hervorbringt. Geht man nach Gosho Aoyamas Beschreibung passt diese Präsentierung wie die Faust aufs Auge, trotzdem bleibt die Unstimmigkeit mit den Coverbildern.

Verglichen zum ersten Band, in dem der Leser schnell ins Geschehen geworfen wurde und gleich aus allerhand Perspektiven in die Welt von Box of Spirits eintauchte, drosselt der zweite Teil das Tempo. Gleich nach den ersten paar Seiten sieht sich der Leser in einem langen Monolog Kyogokudos über Religiöse, Spiritisten, Wahrsager und Esper verwickelt, bei dem ich selbst mit dem etwas überforderten Sekiguchi mitfühle. Der zweite Band wird aus der Sicht des Schriftstellers und Kommissar Kiba erzählt, welcher aufgrund seiner Suspendierung aktuell keine Verbindung zur Entführung oder den Verstümmelungsmorden hat. Statt in spannende, mysteriöse Abgründe zu gleiten, verwendet die Handlung den Platz, um ein paar Fäden lose zu verknüpfen. Infolgedessen tritt der Spiritist mit der Kiste aus Band eins, der das Haus von Yorikos Mutter von bösen Geistern befreit hat, mit seiner okkulten Gruppierung überraschend als Verbindungsstück der beiden Fälle auf. Wer auch wieder seinen Weg in das Geschehen findet, ohne dabei selbst wirklich aufzutreten, ist der Fantasy-Autor Shunko Kubo, der bereits im früheren Volume mit seinen weißen Handschuhen Aufmerksamkeit erregte. Mit seinem neuen Roman Das Mädchen in der Kiste – Erster Teil macht sich der schlanke Mann nicht weniger verdächtig.

Wenn auch die Handlung nicht so schnell voranprescht, bleibt dem Leser doch genug Raum, um wieder herumzurätseln, wer der Täter ist – oder vielleicht sind es auch mehrere. Während Shunko Kubo besonders ins Auge sticht, sollte man auch den komischen Drohbrief im Gedächtnis behalten, den Yoko erhalten hat. Nicht nur fehlende Satzteile sind verdächtig, sondern auch die französische Phrase »Il a le diable au corps«, was wortwörtlich übersetzt so viel bedeutet wie »Er hat den Teufel im Leibe«. Die Frage ist nun, warum da »Er« steht, wenn das Schreiben doch auf die Entführung Kanakos abzielt. Kreativen Lesern fallen sicherlich so einige Theorien ein, um den einen oder anderen Charakter suspekt erscheinen zu lassen.

Acht Farbillustrationen hält der zweite Band bei einer Dicke von 240 Seiten und einem Preis von 6,95 Euro bereit. Unter diesen befindet sich auch das Titelbild von Kapitel vier, welches Kommissar Kiba in einem sehr dunklen Raum zeigt. Während der Betrachter in der Schwarz-Weiß-Version von der Umgebung kaum etwas erkennt, wird man auf der doppelseitigen Illustration so einiges an Unrat gewahr, beginnend bei einem vollkommen mit Zigaretten überfüllten Aschenbecher. Dieser Unordnung begegnet der Leser auch in der Handlung selbst. Aki Shimizu kümmert sich nicht nur um ein individuelles Charakter-Design, sondern baut auch die Hintergründe aus, sodass sich der Betrachter besser in die Situation einfinden kann. Kleine Details wie ein Bild aus Vom Winde verweht verleiten den Leser dazu, die Szenen genauer zu untersuchen. Die mystische Atmosphäre gerät jedoch ins Abseits. Mehr Krimi-like gibt es im Entführungsfall einen ersten Toten. In einem aufschlussreichen Gespräch zwischen Kiba und dem Gerichtsmediziner Satomura wird man ein paar Fotos von abgetrennten Körperteilen gewahr, ohne dass diese aber zu sehr ausschweifen. An dieser Stelle sei noch mal daran erinnert, dass der Manga eine Altersempfehlung ab 15 Jahren hat.

Der zweite Band von Box of Spirits nimmt zwar etwas die Luft aus den Segeln, stellt aber mit Kyogokudo und Enokizu zwei wichtige Charaktere vor. Das Design des Ersteren könnte für so manchen Käufer etwas enttäuschend sein, da es von den Coverbildern abweicht. Ansonsten beweist der grimmige Shinto-Priester ein gutes Gespür und eine ziemliche Redseligkeit, welche dem Leser viel Konzentration abverlangt. Die Spannung fehlt in diesen Kapiteln meist, da der Informationsaustausch in den Vordergrund gestellt wird. Es geht auch die mulmige, übernatürliche Atmosphäre teilweise zu Bruch, da Kyogokudo schnell die Tricks des Spiritisten mit der Kiste entlarvt. Dennoch weiß die Story, den Leser in den Bann zu ziehen und miträtseln zu lassen, was hinter allem steckt. Trotz kleiner Mankos sollten Besitzer des ersten Teils definitiv auch zu diesem hier greifen, um noch tiefer in die Welt von Box of Spirits einzutauchen.

Wir bedanken uns bei TOKYOPOP für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars zu Box of Spirits, Band 2.

Details

Titel: Box of Spirits, Band 2
Originaltitel: 魍魎の匣(Mouryo no Hako), Vol. 2
Mangaka: Aki Shimizu
Autor: Natsuhiko Kyogoku
Erschienen am: 18.8.2008 (JP), 18.11.2013 (DE)
Verlag: Kadokawa Shoten (JP), TOKYOPOP (DE)
Genre: Horror, Mystery, Shonen
Altersempfehlung: ab 15
Preis: 6,95 Euro
Bestellen: [amazon text=ISBN-10: 3842008988&chan=animey&asin=3842008988]

MOURYO NO HAKO, Vol. 1 © 2007 Natsuhiko KYOGOKU, Aki SHIMIZU/KADOKAWA SHOTEN
BOX OF SPIRITS © TOKYOPOP GmbH, Hamburg 2013